Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Das Problem der Sexualerregung.
Erreichung des normalen Sexualziels offenbar eine Gefahr, die dann eintritt,
wenn an irgend einer Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge die Vorlust zu
groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. Dann entfällt die Triebkraft,
um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen, der ganze Weg verkürzt sich, die
betreffende vorbereitende Aktion tritt an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser
schädliche Fall hat erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene
Zone oder der entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in
ungewöhnlichem Maße zur Lustgewinnung beigetragen hat. Kommen noch
Momente hinzu, welche auf die Fixierung hinwirken, so entsteht leicht fürs
spätere Leben ein Zwang, welcher sich der Einordnung dieser einen Vorlust in
einen neuen Zusammenhang widersetzt. Solcher Art ist in der Tat der
Mechanismus vieler Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten
des Sexualvorganges darstellen.
Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch die Schuld
der Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das Primat der Genitalzonen
gleichfalls bereits im infantilen Leben vorgezeichnet ist. Dazu scheinen die
Anstalten wirklich in der zweiten Hälfte der Kinderzeit (von 8 Jahren bis zur
Pubertät) getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in diesen Jahren
bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie werden der Sitz von
Erregungssensationen und Bereitschaftsveränderungen, wenn irgendwelche Lust
durch Befriedigung anderer erogener Zonen empfunden wird, obwohl dieser
Effekt noch zwecklos bleibt, d. h. nichts dazu beiträgt, den Sexualvorgang
fortzusetzen. Es entsteht also bereits in den Kinderjahren neben der
Befriedigungslust ein gewisser Betrag von Sexualspannung, obwohl minder
konstant und weniger ausgiebig, und nun können wir verstehen, warum wir bei
der Erörterung der Quellen der Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen
konnten, der betreffende Vorgang wirke sexuell befriedigend, wie er wirke
sexuell erregend. Wir merken, daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die
Unterschiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zunächst übertrieben
groß vorgestellt haben, und tragen nun die Korrektur nach. Nicht nur die
Abweichungen vom normalen Sexualleben, sondern auch die normale
Gestaltung desselben wird durch die infantilen Äußerungen der Sexualität
bestimmt.
Das Problem der Sexualerregung.
Es ist uns durchaus unaufgeklärt geblieben, woher die Sexualspannung rührt,
die bei der Befriedigung erogener Zonen gleichzeitig mit der Lust entsteht, und
welches das Wesen derselben ist(62). Die nächste Vermutung, diese Spannung
ergebe sich irgendwie aus der Lust selbst, ist nicht nur an sich sehr
unwahrscheinlich, sie wird auch hinfällig, da bei der größten Lust, die an die
Entleerung der Geschlechtsprodukte geknüpft ist, keine Spannung erzeugt,
sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust und Sexualspannung können also
nur in indirekter Weise zusammenhängen.
Rolle der Sexualstoffe.
Außer der Tatsache, daß normalerweise allein die Entlastung von den
Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat man noch andere
Anhaltspunkte, die Sexualspannung in Beziehung zu den Sexualprodukten zu
bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt der Geschlechtsapparat in wechselnden,
aber nicht regellosen Perioden nächtlicherweise sich unter Lustempfindung und
während der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes der Sexualstoffe zu
entledigen, und für diesen Vorgang – die nächtliche Pollution – ist die
Auffassung schwer abzuweisen, daß die Sexualspannung, die den kurzen
halluzinatorischen Weg zum Ersatz des Aktes zu finden weiß, eine Funktion der
Samenanhäufung in den Reservoirs für die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen
Sinne sprechen die Erfahrungen, die man über die Erschöpfbarkeit des sexuellen
Mechanismus macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur die Ausführung
des Sexualaktes unmöglich, es versagt auch die Reizbarkeit der erogenen Zonen,
deren geeignete Erregung dann keine Lust hervorrufen kann. Wir erfahren so
nebenbei, daß ein gewisses Maß sexueller Spannung selbst für die Erregbarkeit
der erogenen Zonen erforderlich ist.
Man würde so zur Annahme gedrängt, die, wenn ich nicht irre, ziemlich
allgemein verbreitet ist, daß die Anhäufung der Sexualstoffe die Sexualspannung
schafft und unterhält, etwa indem der Druck dieser Produkte auf die Wandung
ihrer Behälter als Reiz auf ein spinales Zentrum wirkt, dessen Zustand von
höheren Zentren wahrgenommen wird und dann für das Bewußtsein die
bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn die Erregung erogener Zonen die
Sexualspannung steigert, so könnte dies nur so zugehen, daß die erogenen Zonen
in vorgebildeter anatomischer Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus
der Erregung daselbst erhöhen, bei genügender Sexualspannung den sexuellen Akt in Gang bringen und bei ungenügender die Produktion der Geschlechtsstoffe
anregen.
Die Schwäche dieser Lehre, die man z. B. in v. Krafft-Ebings Darstellung der
Sexualvorgänge angenommen findet, liegt darin, daß sie, für die
Geschlechtstätigkeit des reifen Mannes geschaffen, auf dreierlei Verhältnisse
wenig Rücksicht nimmt, deren Aufklärung sie gleichfalls liefern sollte. Es sind
dies die Verhältnisse beim Kinde, beim Weibe und beim männlichen Kastraten.
In allen drei Fällen ist von einer Anhäufung von Geschlechtsprodukten im
gleichen Sinne wie beim Manne nicht die Rede, was die glatte Anwendung des
Schemas erschwert; doch ist ohneweiters zuzugeben, daß sich Auskünfte finden
ließen, welche die Unterordnung auch dieser Fälle ermöglichen würden. Auf
jeden Fall bleibt die Warnung bestehen, dem Faktor der Anhäufung der
Geschlechtsprodukte nicht Leistungen aufzubürden, deren er unfähig scheint.
Einschätzung der inneren Geschlechtsteile.
Daß die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhängig von der
Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die Beobachtungen an
männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen gelegentlich die Libido der
Beeinträchtigung durch die Operation entgeht, wenngleich das entgegengesetzte
Verhalten, das ja die Operation motiviert, die Regel ist. Überdies weiß man ja
längst, daß Krankheiten, welche die Produktion der männlichen
Geschlechtszellen vernichtet haben, die Libido und Potenz des nun sterilen
Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs so verwunderlich, wie
C. Rieger es hinstellt, daß der Verlust der männlichen Keimdrüsen im reiferen
Alter ohne weiteren Einfluß auf das seelische Verhalten des Individuums bleiben
kann. Die im zarten Alter vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert sich
zwar in ihrer Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der Geschlechtscharaktere,
allein auch dabei könnte außer dem Verlust der Geschlechtsdrüsen an sich eine
mit deren Wegfall verknüpfte Entwicklungshemmung anderer Faktoren in
Betracht kommen.
Chemische Theorie.
Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und Ovarien) und entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher Organe bei Wirbeltieren (s.
das zitierte Werk von Lipschütz, S. 13) haben endlich ein partielles Licht auf die
Herkunft der Sexualerregung geworfen und dabei die Bedeutung einer etwaigen
Anhäufung der zelligen Geschlechtsprodukte noch weiter zurückgedrängt. Es ist
dem Experiment möglich geworden (E. Steinach), ein Männchen in ein
Weibchen und umgekehrt ein Weibchen in ein Männchen zu verwandeln, wobei
sich das psychosexuelle Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen
Geschlechtscharakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser
geschlechtsbestimmende Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse
zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfäden und Ei)
erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben, welches darum von den
Autoren als »Pubertätsdrüse« hervorgehoben wird. Es ist sehr wohl möglich, daß
weitere Untersuchungen ergeben, die Pubertätsdrüse sei normalerweise zwittrig
angelegt, wodurch die Lehre von der Bisexualität der höheren Tiere anatomisch
begründet würde, und es ist schon jetzt wahrscheinlich, daß sie nicht das einzige
Organ ist, welches mit der Produktion der Sexualerregung und der
Geschlechtscharaktere zu tun hat. Jedenfalls schließt dieser neue biologische
Fund an das an, was wir schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für die
Sexualität erfahren haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen Anteil
der Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, die vom Blutstrom
aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile des Zentralnervensystems mit
sexueller Spannung zustande kommen lassen, wie wir ja solche Umsetzung eines
toxischen Reizes in einen besonderen Organreiz von anderen dem Körper als
fremd eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung durch Reizung
erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen Apparate entsteht, und
welche Verwicklungen von rein toxischen und physiologischen Reizwirkungen
sich bei diesen Sexualvorgängen ergeben, das auch nur hypothetisch zu
behandeln, kann keine zeitgemäße Aufgabe sein. Es genüge uns als wesentlich
an dieser Auffassung der Sexualvorgänge, die Annahme besonderer, dem
Sexualstoffwechsel entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese anscheinend
willkürliche Aufstellung wird durch eine wenig beachtete, aber höchst
beachtenswerte Einsicht unterstützt. Die Neurosen, welche sich nur auf
Störungen des Sexuallebens zurückführen lassen, zeigen die größte klinische
Ähnlichkeit mit den Phänomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche sich
durch die habituelle Einführung Lust erzeugender Giftstoffe (Alkaloide)
ergeben.