Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 24 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Das Problem der Sexualerregung.

Erreichung des normalen Sexualziels offenbar eine Gefahr, die dann eintritt,

wenn an irgend einer Stelle der vorbereitenden Sexualvorgänge die Vorlust zu

groß, ihr Spannungsanteil zu gering ausfallen sollte. Dann entfällt die Triebkraft,

um den Sexualvorgang weiter fortzusetzen, der ganze Weg verkürzt sich, die

betreffende vorbereitende Aktion tritt an Stelle des normalen Sexualziels. Dieser

schädliche Fall hat erfahrungsgemäß zur Bedingung, daß die betreffende erogene

Zone oder der entsprechende Partialtrieb schon im infantilen Leben in

ungewöhnlichem Maße zur Lustgewinnung beigetragen hat. Kommen noch

Momente hinzu, welche auf die Fixierung hinwirken, so entsteht leicht fürs

spätere Leben ein Zwang, welcher sich der Einordnung dieser einen Vorlust in

einen neuen Zusammenhang widersetzt. Solcher Art ist in der Tat der

Mechanismus vieler Perversionen, die ein Verweilen bei vorbereitenden Akten

des Sexualvorganges darstellen.

Das Fehlschlagen der Funktion des Sexualmechanismus durch die Schuld

der Vorlust wird am ehesten vermieden, wenn das Primat der Genitalzonen

gleichfalls bereits im infantilen Leben vorgezeichnet ist. Dazu scheinen die

Anstalten wirklich in der zweiten Hälfte der Kinderzeit (von 8 Jahren bis zur

Pubertät) getroffen zu sein. Die Genitalzonen benehmen sich in diesen Jahren

bereits in ähnlicher Weise wie zur Zeit der Reife, sie werden der Sitz von

Erregungssensationen und Bereitschaftsveränderungen, wenn irgendwelche Lust

durch Befriedigung anderer erogener Zonen empfunden wird, obwohl dieser

Effekt noch zwecklos bleibt, d. h. nichts dazu beiträgt, den Sexualvorgang

fortzusetzen. Es entsteht also bereits in den Kinderjahren neben der

Befriedigungslust ein gewisser Betrag von Sexualspannung, obwohl minder

konstant und weniger ausgiebig, und nun können wir verstehen, warum wir bei

der Erörterung der Quellen der Sexualität mit ebenso gutem Recht sagen

konnten, der betreffende Vorgang wirke sexuell befriedigend, wie er wirke

sexuell erregend. Wir merken, daß wir auf dem Wege zur Erkenntnis uns die

Unterschiede des infantilen und des reifen Sexuallebens zunächst übertrieben

groß vorgestellt haben, und tragen nun die Korrektur nach. Nicht nur die

Abweichungen vom normalen Sexualleben, sondern auch die normale

Gestaltung desselben wird durch die infantilen Äußerungen der Sexualität

bestimmt.

 

Das Problem der Sexualerregung.

Es ist uns durchaus unaufgeklärt geblieben, woher die Sexualspannung rührt,

die bei der Befriedigung erogener Zonen gleichzeitig mit der Lust entsteht, und

welches das Wesen derselben ist(62). Die nächste Vermutung, diese Spannung

ergebe sich irgendwie aus der Lust selbst, ist nicht nur an sich sehr

unwahrscheinlich, sie wird auch hinfällig, da bei der größten Lust, die an die

Entleerung der Geschlechtsprodukte geknüpft ist, keine Spannung erzeugt,

sondern alle Spannung aufgehoben wird. Lust und Sexualspannung können also

nur in indirekter Weise zusammenhängen.

 

Rolle der Sexualstoffe.

 

Außer der Tatsache, daß normalerweise allein die Entlastung von den

Sexualstoffen der Sexualerregung ein Ende macht, hat man noch andere

Anhaltspunkte, die Sexualspannung in Beziehung zu den Sexualprodukten zu

bringen. Bei enthaltsamem Leben pflegt der Geschlechtsapparat in wechselnden,

aber nicht regellosen Perioden nächtlicherweise sich unter Lustempfindung und

während der Traumhalluzination eines sexuellen Aktes der Sexualstoffe zu

entledigen, und für diesen Vorgang – die nächtliche Pollution – ist die

Auffassung schwer abzuweisen, daß die Sexualspannung, die den kurzen

halluzinatorischen Weg zum Ersatz des Aktes zu finden weiß, eine Funktion der

Samenanhäufung in den Reservoirs für die Geschlechtsprodukte sei. Im gleichen

Sinne sprechen die Erfahrungen, die man über die Erschöpfbarkeit des sexuellen

Mechanismus macht. Bei entleertem Samenvorrat ist nicht nur die Ausführung

des Sexualaktes unmöglich, es versagt auch die Reizbarkeit der erogenen Zonen,

deren geeignete Erregung dann keine Lust hervorrufen kann. Wir erfahren so

nebenbei, daß ein gewisses Maß sexueller Spannung selbst für die Erregbarkeit

der erogenen Zonen erforderlich ist.

Man würde so zur Annahme gedrängt, die, wenn ich nicht irre, ziemlich

allgemein verbreitet ist, daß die Anhäufung der Sexualstoffe die Sexualspannung

schafft und unterhält, etwa indem der Druck dieser Produkte auf die Wandung

ihrer Behälter als Reiz auf ein spinales Zentrum wirkt, dessen Zustand von

höheren Zentren wahrgenommen wird und dann für das Bewußtsein die

bekannte Spannungsempfindung ergibt. Wenn die Erregung erogener Zonen die

Sexualspannung steigert, so könnte dies nur so zugehen, daß die erogenen Zonen

in vorgebildeter anatomischer Verbindung mit diesen Zentren stehen, den Tonus

der Erregung daselbst erhöhen, bei genügender Sexualspannung den sexuellen Akt in Gang bringen und bei ungenügender die Produktion der Geschlechtsstoffe

anregen.

Die Schwäche dieser Lehre, die man z. B. in v. Krafft-Ebings Darstellung der

Sexualvorgänge angenommen findet, liegt darin, daß sie, für die

Geschlechtstätigkeit des reifen Mannes geschaffen, auf dreierlei Verhältnisse

wenig Rücksicht nimmt, deren Aufklärung sie gleichfalls liefern sollte. Es sind

dies die Verhältnisse beim Kinde, beim Weibe und beim männlichen Kastraten.

In allen drei Fällen ist von einer Anhäufung von Geschlechtsprodukten im

gleichen Sinne wie beim Manne nicht die Rede, was die glatte Anwendung des

Schemas erschwert; doch ist ohneweiters zuzugeben, daß sich Auskünfte finden

ließen, welche die Unterordnung auch dieser Fälle ermöglichen würden. Auf

jeden Fall bleibt die Warnung bestehen, dem Faktor der Anhäufung der

Geschlechtsprodukte nicht Leistungen aufzubürden, deren er unfähig scheint.

 

Einschätzung der inneren Geschlechtsteile.

 

Daß die Sexualerregung in beachtenswertem Grade unabhängig von der

Produktion der Geschlechtsstoffe sein kann, scheinen die Beobachtungen an

männlichen Kastraten zu ergeben, bei denen gelegentlich die Libido der

Beeinträchtigung durch die Operation entgeht, wenngleich das entgegengesetzte

Verhalten, das ja die Operation motiviert, die Regel ist. Überdies weiß man ja

längst, daß Krankheiten, welche die Produktion der männlichen

Geschlechtszellen vernichtet haben, die Libido und Potenz des nun sterilen

Individuums ungeschädigt lassen. Es ist dann keineswegs so verwunderlich, wie

C. Rieger es hinstellt, daß der Verlust der männlichen Keimdrüsen im reiferen

Alter ohne weiteren Einfluß auf das seelische Verhalten des Individuums bleiben

kann. Die im zarten Alter vor der Pubertät vorgenommene Kastration nähert sich

zwar in ihrer Wirkung dem Ziel einer Aufhebung der Geschlechtscharaktere,

allein auch dabei könnte außer dem Verlust der Geschlechtsdrüsen an sich eine

mit deren Wegfall verknüpfte Entwicklungshemmung anderer Faktoren in

Betracht kommen.

 

Chemische Theorie.

 

Tierversuche mit Entfernung der Keimdrüsen (Hoden und Ovarien) und entsprechend variierter Einpflanzung neuer solcher Organe bei Wirbeltieren (s.

das zitierte Werk von Lipschütz, S. 13) haben endlich ein partielles Licht auf die

Herkunft der Sexualerregung geworfen und dabei die Bedeutung einer etwaigen

Anhäufung der zelligen Geschlechtsprodukte noch weiter zurückgedrängt. Es ist

dem Experiment möglich geworden (E. Steinach), ein Männchen in ein

Weibchen und umgekehrt ein Weibchen in ein Männchen zu verwandeln, wobei

sich das psychosexuelle Verhalten des Tieres entsprechend den somatischen

Geschlechtscharakteren und gleichzeitig mit ihnen änderte. Dieser

geschlechtsbestimmende Einfluß soll aber nicht dem Anteil der Keimdrüse

zukommen, welcher die spezifischen Geschlechtszellen (Samenfäden und Ei)

erzeugt, sondern dem interstitiellen Gewebe derselben, welches darum von den

Autoren als »Pubertätsdrüse« hervorgehoben wird. Es ist sehr wohl möglich, daß

weitere Untersuchungen ergeben, die Pubertätsdrüse sei normalerweise zwittrig

angelegt, wodurch die Lehre von der Bisexualität der höheren Tiere anatomisch

begründet würde, und es ist schon jetzt wahrscheinlich, daß sie nicht das einzige

Organ ist, welches mit der Produktion der Sexualerregung und der

Geschlechtscharaktere zu tun hat. Jedenfalls schließt dieser neue biologische

Fund an das an, was wir schon vorher über die Rolle der Schilddrüse für die

Sexualität erfahren haben. Wir dürfen nun glauben, daß im interstitiellen Anteil

der Keimdrüsen besondere chemische Stoffe erzeugt werden, die vom Blutstrom

aufgenommen die Ladung bestimmter Anteile des Zentralnervensystems mit

sexueller Spannung zustande kommen lassen, wie wir ja solche Umsetzung eines

toxischen Reizes in einen besonderen Organreiz von anderen dem Körper als

fremd eingeführten Giftstoffen kennen. Wie die Sexualerregung durch Reizung

erogener Zonen bei vorheriger Ladung der zentralen Apparate entsteht, und

welche Verwicklungen von rein toxischen und physiologischen Reizwirkungen

sich bei diesen Sexualvorgängen ergeben, das auch nur hypothetisch zu

behandeln, kann keine zeitgemäße Aufgabe sein. Es genüge uns als wesentlich

an dieser Auffassung der Sexualvorgänge, die Annahme besonderer, dem

Sexualstoffwechsel entstammender Stoffe festzuhalten. Denn diese anscheinend

willkürliche Aufstellung wird durch eine wenig beachtete, aber höchst

beachtenswerte Einsicht unterstützt. Die Neurosen, welche sich nur auf

Störungen des Sexuallebens zurückführen lassen, zeigen die größte klinische

Ähnlichkeit mit den Phänomenen der Intoxikation und Abstinenz, welche sich

durch die habituelle Einführung Lust erzeugender Giftstoffe (Alkaloide)

ergeben.