Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
II. Die infantile Sexualität.
II.
Die infantile Sexualität.
Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechtstrieb, daß er der
Kindheit fehle und erst in der als Pubertät bezeichneten Lebensperiode erwache.
Allein dies ist nicht nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum,
da er hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden
Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet. Ein gründliches Studium der
Sexualäußerungen in der Kindheit würde uns wahrscheinlich die wesentlichen
Züge des Geschlechtstriebes aufdecken, seine Entwicklung verraten und seine
Zusammensetzung aus verschiedenen Quellen zeigen.
Vernachlässigung der Infantilen.
Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der Erklärung der
Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen Individuums beschäftigen, jener
Vorzeit, welche durch die Lebensdauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr
Aufmerksamkeit geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr Einfluß
zugesprochen haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in die individuelle
Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man sollte doch meinen, der
Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu verstehen und hätte ein Anrecht,
vor dem der Erblichkeit berücksichtigt zu werden(34). Man findet zwar in der
Literatur gelegentliche Notizen über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen
Kindern, über Erektionen, Masturbation und selbst koitusähnliche Vornahmen,
aber immer nur als ausnahmsweise Vorgänge, als Kuriosa oder als
abschreckende Beispiele voreiliger Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat
meines Wissens die Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar
erkannt und in den zahlreich gewordenen Schriften über die Entwicklung des
Kindes wird das Kapitel »Sexuelle Entwicklung« meist übergangen(35).
Infantile Amnesie.
Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich zum Teil in
den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren infolge ihrer eigenen
Erziehung Rechnung tragen, zum anderen Teil in einem psychischen Phänomen,
welches sich bis jetzt selbst der Erklärung entzogen hat. Ich meine hiemit die
eigentümliche Amnesie, welche den meisten Menschen (nicht allen!) die ersten
Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahre verhüllt. Es ist uns bisher
noch nicht eingefallen, uns über die Tatsache dieser Amnesie zu verwundern;
aber wir hätten guten Grund dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen
Jahren, von denen wir später nichts im Gedächtnis behalten haben als einige
unverständliche Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke reagiert hätten, daß
wir Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu äußern verstanden, Liebe,
Eifersucht und andere Leidenschaften gezeigt, die uns damals heftig bewegten,
ja daß wir Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute Beweise für
Einsicht und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. Und von alledem
wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. Warum bleibt unser Gedächtnis
so sehr hinter unseren anderen seelischen Tätigkeiten zurück? Wir haben doch
Grund zu glauben, daß es zu keiner anderen Lebenszeit aufnahms- und
reproduktionsfähiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit(36).
Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können uns durch
psychologische Untersuchung an anderen davon überzeugen, daß die nämlichen
Eindrücke, die wir vergessen haben, nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in
unserem Seelenleben hinterlassen haben und bestimmend für unsere ganze
spätere Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar keinen wirklichen
Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern um eine Amnesie, ähnlich
jener, die wir bei den Neurotikern für spätere Erlebnisse beobachten, und deren
Wesen in einer bloßen Abhaltung von Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber
welche Kräfte bringen diese Verdrängung der Kindheitseindrücke zustande? Wer
dieses Rätsel löste, hätte wohl auch die hysterische Amnesie aufgeklärt.
Immerhin wollen wir nicht versäumen hervorzuheben, daß die Existenz der
infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt zwischen dem Seelenzustand
des Kindes und dem des Psychoneurotikers schafft. Einem anderen sind wir
schon früher begegnet, als sich uns die Formel aufdrängte, daß die Sexualität der Psychoneurotiker den kindlichen Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn