Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 14 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

II. Die infantile Sexualität.

II.

 

Die infantile Sexualität.

 

Es ist ein Stück der populären Meinung über den Geschlechtstrieb, daß er der

Kindheit fehle und erst in der als Pubertät bezeichneten Lebensperiode erwache.

Allein dies ist nicht nur ein einfacher, sondern sogar ein folgenschwerer Irrtum,

da er hauptsächlich unsere gegenwärtige Unkenntnis der grundlegenden

Verhältnisse des Sexuallebens verschuldet. Ein gründliches Studium der

Sexualäußerungen in der Kindheit würde uns wahrscheinlich die wesentlichen

Züge des Geschlechtstriebes aufdecken, seine Entwicklung verraten und seine

Zusammensetzung aus verschiedenen Quellen zeigen.

 

Vernachlässigung der Infantilen.

 

Es ist bemerkenswert, daß die Autoren, welche sich mit der Erklärung der

Eigenschaften und Reaktionen des erwachsenen Individuums beschäftigen, jener

Vorzeit, welche durch die Lebensdauer der Ahnen gegeben ist, so viel mehr

Aufmerksamkeit geschenkt, also der Erblichkeit so viel mehr Einfluß

zugesprochen haben, als der anderen Vorzeit, welche bereits in die individuelle

Existenz der Person fällt, der Kindheit nämlich. Man sollte doch meinen, der

Einfluß dieser Lebensperiode wäre leichter zu verstehen und hätte ein Anrecht,

vor dem der Erblichkeit berücksichtigt zu werden(34). Man findet zwar in der

Literatur gelegentliche Notizen über frühzeitige Sexualbetätigung bei kleinen

Kindern, über Erektionen, Masturbation und selbst koitusähnliche Vornahmen,

aber immer nur als ausnahmsweise Vorgänge, als Kuriosa oder als

abschreckende Beispiele voreiliger Verderbtheit angeführt. Kein Autor hat

meines Wissens die Gesetzmäßigkeit eines Sexualtriebes in der Kindheit klar

erkannt und in den zahlreich gewordenen Schriften über die Entwicklung des

Kindes wird das Kapitel »Sexuelle Entwicklung« meist übergangen(35).

 

Infantile Amnesie.

 

Den Grund für diese merkwürdige Vernachlässigung suche ich zum Teil in

den konventionellen Rücksichten, denen die Autoren infolge ihrer eigenen

Erziehung Rechnung tragen, zum anderen Teil in einem psychischen Phänomen,

welches sich bis jetzt selbst der Erklärung entzogen hat. Ich meine hiemit die

eigentümliche Amnesie, welche den meisten Menschen (nicht allen!) die ersten

Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahre verhüllt. Es ist uns bisher

noch nicht eingefallen, uns über die Tatsache dieser Amnesie zu verwundern;

aber wir hätten guten Grund dazu. Denn man berichtet uns, daß wir in diesen

Jahren, von denen wir später nichts im Gedächtnis behalten haben als einige

unverständliche Erinnerungsbrocken, lebhaft auf Eindrücke reagiert hätten, daß

wir Schmerz und Freude in menschlicher Weise zu äußern verstanden, Liebe,

Eifersucht und andere Leidenschaften gezeigt, die uns damals heftig bewegten,

ja daß wir Aussprüche getan, die von den Erwachsenen als gute Beweise für

Einsicht und beginnende Urteilsfähigkeit gemerkt wurden. Und von alledem

wissen wir als Erwachsene aus eigenem nichts. Warum bleibt unser Gedächtnis

so sehr hinter unseren anderen seelischen Tätigkeiten zurück? Wir haben doch

Grund zu glauben, daß es zu keiner anderen Lebenszeit aufnahms- und

reproduktionsfähiger ist als gerade in den Jahren der Kindheit(36).

Auf der anderen Seite müssen wir annehmen oder können uns durch

psychologische Untersuchung an anderen davon überzeugen, daß die nämlichen

Eindrücke, die wir vergessen haben, nichtsdestoweniger die tiefsten Spuren in

unserem Seelenleben hinterlassen haben und bestimmend für unsere ganze

spätere Entwicklung geworden sind. Es kann sich also um gar keinen wirklichen

Untergang der Kindheitseindrücke handeln, sondern um eine Amnesie, ähnlich

jener, die wir bei den Neurotikern für spätere Erlebnisse beobachten, und deren

Wesen in einer bloßen Abhaltung von Bewußtsein (Verdrängung) besteht. Aber

welche Kräfte bringen diese Verdrängung der Kindheitseindrücke zustande? Wer

dieses Rätsel löste, hätte wohl auch die hysterische Amnesie aufgeklärt.

Immerhin wollen wir nicht versäumen hervorzuheben, daß die Existenz der

infantilen Amnesie einen neuen Vergleichspunkt zwischen dem Seelenzustand

des Kindes und dem des Psychoneurotikers schafft. Einem anderen sind wir

schon früher begegnet, als sich uns die Formel aufdrängte, daß die Sexualität der Psychoneurotiker den kindlichen Standpunkt bewahrt hat oder auf ihn