Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 28 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Zusammenfassung.

 

Es ist an der Zeit, eine Zusammenfassung zu versuchen. Wir sind von den

Abirrungen des Geschlechtstriebes in bezug auf sein Objekt und sein Ziel

ausgegangen, haben die Fragestellung vorgefunden, ob diese aus angeborener

Anlage entspringen oder infolge der Einflüsse des Lebens erworben werden. Die

Beantwortung dieser Frage ergab sich uns aus der Einsicht in die Verhältnisse

des Geschlechtstriebes bei den Psychoneurotikern, einer zahlreichen und den

Gesunden nicht ferne stehenden Menschengruppe, welche Einsicht wir durch

psychoanalytische Untersuchung gewonnen hatten. Wir fanden so, daß bei

diesen Personen die Neigungen zu allen Perversionen als unbewußte Mächte

nachweisbar sind und sich als Symptombildner verraten, und konnten sagen, die

Neurose sei gleichsam ein Negativ der Perversion. Angesichts der nun erkannten

großen Verbreitung der Perversionsneigungen drängte sich uns der

Gesichtspunkt auf, daß die Anlage zu den Perversionen die ursprüngliche

allgemeine Anlage des menschlichen Geschlechtstriebes sei, aus welcher das

normale Sexualverhalten infolge organischer Veränderungen und psychischer

Hemmungen im Laufe der Reifung entwickelt werde. Die ursprüngliche Anlage

hofften wir im Kindesalter aufzeigen zu können; unter den die Richtung des

Sexualtriebes einschränkenden Mächten hoben wir Scham, Ekel, Mitleid und die

sozialen Konstruktionen der Moral und Autorität hervor. So mußten wir in jeder

fixierten Abirrung vom normalen Geschlechtsleben ein Stück

Entwicklungshemmung und Infantilismus erblicken. Die Bedeutung der

Variationen der ursprünglichen Anlage mußten wir in den Vordergrund stellen,

zwischen ihnen und den Einflüssen des Lebens aber ein Verhältnis von

Kooperation und nicht von Gegensätzlichkeit annehmen. Anderseits erschien

uns, da die ursprüngliche Anlage eine komplexe sein mußte, der

Geschlechtstrieb selbst als etwas aus vielen Faktoren Zusammengesetztes, das in

den Perversionen gleichsam in seine Komponenten zerfällt. Somit erwiesen sich

die Perversionen einerseits als Hemmungen, andererseits als Dissoziationen der

normalen Entwicklung. Beide Auffassungen vereinigten sich in der Annahme,

daß der Geschlechtstrieb des Erwachsenen durch die Zusammenfassung

vielfacher Regungen des Kinderlebens zu einer Einheit, einer Strebung mit

einem einzigen Ziel entstehe.

Wir fügten noch die Aufklärung für das Überwiegen der perversen

Neigungen bei den Psychoneurotikern bei, indem wir dieses als kollaterale

Füllung von Nebenbahnen bei Verlegung des Hauptstrombettes durch die

»Verdrängung« erkannten, und wandten uns dann der Betrachtung des

Sexuallebens im Kindesalter zu(74). Wir fanden es bedauerlich, daß man dem

Kindesalter den Sexualtrieb abgesprochen und die nicht selten zu beobachtenden

Sexualäußerungen des Kindes als regelwidrige Vorkommnisse beschrieben hat.

Es schien uns vielmehr, daß das Kind Keime von Sexualtätigkeit mit zur Welt

bringt und schon bei der Nahrungsaufnahme sexuelle Befriedigung mitgenießt,

die es sich dann in der gut gekannten Tätigkeit des »Ludelns« immer wieder zu

verschaffen sucht. Die Sexualbetätigung des Kindes entwickle sich aber nicht im

gleichen Schritt wie seine sonstigen Funktionen, sondern trete nach einer kurzen

Blüteperiode vom 2. bis zum 5. Jahre in die sogenannte Latenzperiode ein. In

derselben würde die Produktion sexueller Erregung keineswegs eingestellt,

sondern halte an und liefere einen Vorrat von Energie, der großenteils zu anderen

als sexuellen Zwecken verwendet werde, nämlich einerseits zur Abgabe der

sexuellen Komponenten für soziale Gefühle, andererseits (vermittels

Verdrängung und Reaktionsbildung) zum Aufbau der späteren Sexualschranken.

Demnach würden die Mächte, die dazu bestimmt sind, den Sexualtrieb in

gewissen Bahnen zu erhalten, im Kindesalter auf Kosten der großenteils

perversen Sexualregungen und unter Mithilfe der Erziehung aufgebaut. Ein

anderer Teil der infantilen Sexualregungen entgehe diesen Verwendungen und

könne sich als Sexualbetätigung äußern. Man könne dann erfahren, daß die

Sexualerregung des Kindes aus vielerlei Quellen fließe. Vor allem entstehe

Befriedigung durch die geeignete sensible Erregung sogenannter erogener Zonen

als welche wahrscheinlich jede Hautstelle und jedes Sinnesorgan, wahrscheinlich

jedes Organ, fungieren könne, während gewisse ausgezeichnete erogene Zonen

existieren, deren Erregung durch gewisse organische Vorrichtungen von Anfang

an gesichert sei. Ferner entstehe sexuelle Erregung gleichsam als Nebenprodukt

bei einer großen Reihe von Vorgängen im Organismus, sobald dieselben nur eine

gewisse Intensität erreichen, ganz besonders bei allen stärkeren

Gemütsbewegungen, seien sie auch peinlicher Natur. Die Erregungen aus all

diesen Quellen setzten sich noch nicht zusammen, sondern verfolgten jede

vereinzelt ihr Ziel, welches bloß der Gewinn einer gewissen Lust ist. Der

Geschlechtstrieb sei also im Kindesalter nicht zentriert und zunächst objektlos,

autoerotisch.

Noch während der Kinderjahre beginne die erogene Zone der Genitalien sich bemerkbar zu machen, entweder in der Art, daß sie wie jede andere erogene

Zone auf geeignete sensible Reizung Befriedigung ergebe, oder indem auf nicht

ganz verständliche Weise mit der Befriedigung von anderen Quellen her

gleichzeitig eine Sexualerregung erzeugt werde, die zu der Genitalzone eine

besondere Beziehung erhalte. Wir haben es bedauern müssen, daß eine

genügende Aufklärung des Verhältnisses zwischen Sexualbefriedigung und

Sexualerregung sowie zwischen der Tätigkeit der Genitalzone und der übrigen

Quellen der Sexualität nicht zu erreichen war.

Durch das Studium der neurotischen Störungen haben wir gemerkt, daß sich

im kindlichen Sexualleben von allem Anfang an Ansätze zu einer Organisation

der sexuellen Triebkomponenten erkennen lassen. In einer ersten sehr frühen

Phase steht die Oralerotik im Vordergrunde; eine zweite dieser »prägenitalen«

Organisationen wird durch die Vorherrschaft des Sadismus und der Analerotik

charakterisiert, erst in einer dritten Phase wird das Sexualleben durch den Anteil

der eigentlichen Genitalzonen mitbestimmt.

Wir haben dann als eine der überraschendsten Ermittlungen feststellen

müssen, daß diese Frühblüte des infantilen Sexuallebens (2–5 Jahre) auch eine

Objektwahl mit all den reichen, seelischen Leistungen zeitigt, so daß die daran

geknüpfte, ihr entsprechende Phase trotz der mangelnden Zusammenfassung der

einzelnen Triebkomponenten und der Unsicherheit des Sexualzieles als

bedeutsamer Vorläufer der späteren endgültigen Sexualorganisation

einzuschätzen ist.

Die Tatsache des zweizeitigen Ansatzes der Sexualentwicklung beim

Menschen, also die Unterbrechung dieser Entwicklung durch die Latenzzeit,

erschien uns besonderer Beachtung würdig. Sie scheint eine der Bedingungen

für die Eignung des Menschen zur Entwicklung einer höheren Kultur, aber auch

für seine Neigung zur Neurose zu enthalten. Bei der tierischen Verwandtschaft

des Menschen ist unseres Wissens etwas Analoges nicht nachweisbar. Die

Ableitung der Herkunft dieser menschlichen Eigenschaft müßte man in der

Urgeschichte der Menschenart suchen.

Welches Maß von sexuellen Betätigungen im Kindesalter noch als normal,

der weiteren Entwicklung nicht abträglich, bezeichnet werden darf, konnten wir

nicht sagen. Der Charakter der Sexualäußerungen erwies sich als vorwiegend

masturbatorisch. Wir stellten ferner durch Erfahrungen fest, daß die äußeren

Einflüsse der Verführung vorzeitige Durchbrüche der Latenzzeit bis zur

Aufhebung derselben hervorrufen können, und daß sich dabei der

Geschlechtstrieb des Kindes in der Tat als polymorph pervers bewährt; ferner, daß jede solche frühzeitige Sexualtätigkeit die Erziehbarkeit des Kindes

beeinträchtigt.

Trotz der Lückenhaftigkeit unserer Einsichten in das infantile Sexualleben

mußten wir dann den Versuch machen, die durch das Auftreten der Pubertät

gesetzten Veränderungen desselben zu studieren. Wir griffen zwei derselben als

die maßgebenden heraus, die Unterordnung aller sonstigen Ursprünge der

Sexualerregung unter das Primat der Genitalzonen und den Prozeß der

Objektfindung. Beide sind im Kinderleben bereits vorgebildet. Die erstere

vollzieht sich durch den Mechanismus der Ausnützung der Vorlust, wobei die

sonst selbständigen sexuellen Akte, die mit Lust und Erregung verbunden sind,

zu vorbereitenden Akten für das neue Sexualziel, die Entleerung der

Geschlechtsprodukte werden, dessen Erreichung unter riesiger Lust der

Sexualerregung ein Ende macht. Wir hatten dabei die Differenzierung des

geschlechtlichen Wesens zu Mann und Weib zu berücksichtigen und fanden, daß

zum Weibwerden eine neuerliche Verdrängung erforderlich ist, welche ein Stück

infantiler Männlichkeit aufhebt und das Weib für den Wechsel der leitenden

Genitalzone vorbereitet. Die Objektwahl endlich fanden wir geleitet durch die

infantilen, zur Pubertät aufgefrischten Andeutungen sexueller Neigung des

Kindes zu seinen Eltern und Pflegepersonen und durch die mittlerweile

aufgerichtete Inzestschranke von diesen Personen weg auf ihnen ähnliche

gelenkt. Fügen wir endlich noch hinzu, daß während der Übergangszeit der

Pubertät die somatischen und die psychischen Entwicklungsvorgänge eine Weile

unverknüpft nebeneinander hergehen, bis mit dem Durchbruch einer intensiven

seelischen Liebesregung zur Innervation der Genitalien die normalerweise

erforderte Einheit der Liebesfunktion hergestellt wird.

 

Entwicklungsstörende Momente.

 

Jeder Schritt auf diesem langen Entwicklungswege kann zur

Fixierungsstelle, jede Fuge dieser verwickelten Zusammensetzung zum Anlaß

der Dissoziation des Geschlechtstriebes werden, wie wir bereits an

verschiedenen Beispielen erörtert haben. Es erübrigt uns noch, eine Übersicht

der verschiedenen, die Entwicklung störenden, inneren und äußeren Momente zu

geben und beizufügen, an welcher Stelle des Mechanismus die von ihnen

ausgehende Störung angreift. Was wir da in einer Reihe anführen, kann freilich

unter sich nicht gleichwertig sein, und wir müssen auf Schwierigkeiten rechnen, den einzelnen Momenten die ihnen gebührende Abschätzung zuzuteilen.

 

Konstitution und Heredität.

 

An erster Stelle ist hier die angeborene Verschiedenheit der sexuellen

Konstitution zu nennen, auf die wahrscheinlich das Hauptgewicht entfällt, die

aber, wie begreiflich, nur aus ihren späteren Äußerungen und dann nicht immer

mit großer Sicherheit zu erschließen ist. Wir stellen uns unter ihr ein Überwiegen

dieser oder jener der mannigfachen Quellen der Sexualerregung vor und

glauben, daß solche Verschiedenheit der Anlagen in dem Endergebnis jedenfalls

zum Ausdruck kommen muß, auch wenn dies sich innerhalb der Grenzen des

Normalen zu halten vermag. Gewiß sind auch solche Variationen der

ursprünglichen Anlage denkbar, welche notwendigerweise und ohne weitere

Mithilfe zur Ausbildung eines abnormen Sexuallebens führen müssen. Man kann

dieselben dann »degenerative« heißen und als Ausdruck ererbter

Verschlechterung betrachten. Ich habe in diesem Zusammenhange eine

merkwürdige Tatsache zu berichten. Bei mehr als der Hälfte meiner

psychotherapeutisch behandelten schweren Fälle von Hysterie, Zwangsneurose

usw. ist mir der Nachweis der vor der Ehe überstandenen Syphilis der Väter

sicher gelungen, sei es, daß diese an Tabes oder progressiver Paralyse gelitten

hatten, sei es, daß deren luetische Erkrankung sich anderswie anamnestisch

feststellen ließ. Ich bemerke ausdrücklich, daß die später neurotischen Kinder

keine körperlichen Zeichen von hereditärer Lues an sich trugen, so daß eben die

abnorme sexuelle Konstitution als der letzte Ausläufer der luetischen Erbschaft

zu betrachten war. So fern es mir nun liegt, die Abkunft von syphilitischen

Eltern als regelmäßige oder unentbehrliche ätiologische Bedingung der

neuropathischen Konstitution hinzustellen, so halte ich doch das von mir

beobachtete Zusammentreffen für nicht zufällig und nicht bedeutungslos.

Die hereditären Verhältnisse der positiv Perversen sind minder gut bekannt,

weil dieselben sich der Erkundung zu entziehen wissen. Doch hat man Grund

anzunehmen, daß bei den Perversionen ähnliches wie bei den Neurosen gilt.

Nicht selten findet man nämlich Perversion und Psychoneurose in denselben

Familien auf die verschiedenen Geschlechter so verteilt, daß die männlichen

Mitglieder oder eines derselben positiv pervers, die weiblichen aber der

Verdrängungsneigung ihres Geschlechts entsprechend negativ pervers,

hysterisch sind, ein guter Beleg für die von uns gefundenen Wesensbeziehungen zwischen den beiden Störungen.

 

Weitere Verarbeitung.

 

Man kann indes den Standpunkt nicht vertreten, als ob mit dem Ansatz der

verschiedenen Komponenten in der sexuellen Konstitution die Entscheidung

über die Gestaltung des Sexuallebens eindeutig bestimmt wäre. Die Bedingtheit

setzt sich vielmehr fort und weitere Möglichkeiten ergeben sich je nach dem

Schicksal, welches die aus den einzelnen Quellen stammenden

Sexualitätszuflüsse erfahren. Diese weitere Verarbeitung ist offenbar das

endgültig Entscheidende, während die der Beschreibung nach gleiche

Konstitution zu drei verschiedenen Endausgängen führen kann. Wenn sich alle

die Anlagen in ihrem, als abnorm angenommenen, relativen Verhältnis erhalten

und mit der Reifung verstärken, so kann nur ein perverses Sexualleben das

Endergebnis sein. Die Analyse solcher abnormer konstitutioneller Anlagen ist

noch nicht ordentlich in Angriff genommen worden, doch kennen wir bereits

Fälle, die in solchen Annahmen mit Leichtigkeit ihre Erklärung finden. Die

Autoren meinen z. B. von einer ganzen Reihe von Fixationsperversionen,

dieselben hätten eine angeborene Schwäche des Sexualtriebs zur notwendigen

Voraussetzung. In dieser Form scheint mir die Aufstellung unhaltbar; sie wird

aber sinnreich, wenn eine konstitutionelle Schwäche des einen Faktors des

Sexualtriebs, der genitalen Zone, gemeint ist, welche Zone späterhin die

Zusammenfassung der einzelnen Sexualbetätigungen zum Ziel der

Fortpflanzung als Funktion übernimmt. Diese in der Pubertät geforderte

Zusammenfassung muß dann mißlingen und die stärkste der anderen

Sexualitätskomponenten wird ihre Betätigung als Perversion durchsetzen(75).

 

Verdrängung.

 

Ein anderer Ausgang ergibt sich, wenn im Laufe der Entwicklung einzelne

der überstark angelegten Komponenten den Prozeß der Verdrängung erfahren,

von dem man festhalten muß, daß er einer Aufhebung nicht gleichkommt. Die

betreffenden Erregungen werden dabei wie sonst erzeugt, aber durch psychische

Verhinderung von der Erreichung ihres Zieles abgehalten und auf mannigfache

andere Wege gedrängt, bis sie sich als Symptome zum Ausdruck gebracht haben. Das Ergebnis kann ein annähernd normales Sexualleben sein, – meist ein

eingeschränktes –, aber ergänzt durch psychoneurotische Krankheit. Gerade

diese Fälle sind uns durch die psychoanalytische Erforschung Neurotischer gut

bekannt geworden. Das Sexualleben solcher Personen hat wie das der Perversen

begonnen, ein ganzes Stück ihrer Kindheit ist mit perverser Sexualtätigkeit

ausgefüllt, die sich gelegentlich weit über die Reifezeit erstreckt; dann erfolgt

aus inneren Ursachen – meist noch vor der Pubertät, aber hie und da sogar spät

nachher – ein Verdrängungsumschlag, und von nun an tritt, ohne daß die alten

Regungen erlöschen, Neurose an die Stelle der Perversion. Man wird an das

Sprichwort »Junge Hure, alte Betschwester« erinnert, nur daß die Jugend hier

allzu kurz ausgefallen ist. Diese Ablösung der Perversion durch die Neurose im

Leben derselben Person muß man ebenso wie die vorhin angeführte Verteilung

von Perversion und Neurose auf verschiedene Personen derselben Familie mit

der Einsicht, daß die Neurose das Negativ der Perversion ist, zusammenhalten.

 

Sublimierung.

 

Der dritte Ausgang bei abnormer konstitutioneller Anlage wird durch den

Prozeß der »Sublimierung« ermöglicht, bei welchem den überstarken

Erregungen aus einzelnen Sexualitätsquellen Abfluß und Verwendung auf andere

Gebiete eröffnet wird, so daß eine nicht unerhebliche Steigerung der psychischen

Leistungsfähigkeit aus der an sich gefährlichen Veranlagung resultiert. Eine der

Quellen der Kunstbetätigung ist hier zu finden und, je nachdem solche

Sublimierung eine vollständige oder unvollständige ist, wird die

Charakteranalyse hochbegabter, insbesondere künstlerisch veranlagter Personen

jedes Mengungsverhältnis zwischen Leistungsfähigkeit, Perversion und Neurose

ergeben. Eine Unterart der Sublimierung ist wohl die Unterdrückung durch

Reaktionsbildung, die, wie wir gefunden haben, bereits in der Latenzzeit des

Kindes beginnt, um sich im günstigen Falle durchs ganze Leben fortzusetzen.

Was wir den »Charakter« eines Menschen heißen, ist zum guten Teil mit dem

Material sexueller Erregungen aufgebaut und setzt sich aus seit der Kindheit

fixierten Trieben, aus durch Sublimierung gewonnenen und aus solchen

Konstruktionen zusammen, die zur wirksamen Niederhaltung perverser, als

unverwendbar erkannter Regungen bestimmt sind(76). Somit kann die allgemein

perverse Sexualanlage der Kindheit als die Quelle einer Reihe unserer Tugenden

geschätzt werden, insofern sie durch Reaktionsbildung zur Schaffung derselben

Anstoß gibt(77).

 

Akzidentell Erlebtes.

 

Gegenüber den Sexualentbindungen, Verdrängungsschüben und

Sublimierungen, letztere beide Vorgänge, deren innere Bedingungen uns völlig

unbekannt sind, treten alle anderen Einflüsse weit an Bedeutung zurück. Wer

Verdrängungen und Sublimierungen mit zur konstitutionellen Anlage rechnet,

als die Lebensäußerungen derselben betrachtet, der hat allerdings das Recht zu

behaupten, daß die Endgestaltung des Sexuallebens vor allem das Ergebnis der

angeborenen Konstitution ist. Indes wird kein Einsichtiger bestreiten, daß in

solchem Zusammenwirken von Faktoren auch Raum für die modifizierenden

Einflüsse des akzidentell in der Kindheit und späterhin Erlebten bleibt. Es ist

nicht leicht, die Wirksamkeit der konstitutionellen und der akzidentellen

Faktoren in ihrem Verhältnis zueinander abzuschätzen. In der Theorie neigt man

immer zur Überschätzung der ersteren; die therapeutische Praxis hebt die

Bedeutsamkeit der letzteren hervor. Man sollte auf keinen Fall vergessen, daß

zwischen den beiden ein Verhältnis von Kooperation und nicht von

Ausschließung besteht. Das konstitutionelle Moment muß auf Erlebnisse warten,

die es zur Geltung bringen, das akzidentelle bedarf einer Anlehnung an die

Konstitution, um zur Wirkung zu kommen. Man kann sich für die Mehrzahl der

Fälle eine sogenannte »Ergänzungsreihe« vorstellen, in welcher die fallenden

Intensitäten des einen Faktors durch die steigenden des anderen ausgeglichen

werden, hat aber keinen Grund, die Existenz extremer Fälle an den Enden der

Reihe zu leugnen.

Der psychoanalytischen Forschung entspricht es noch besser, wenn man den

Erlebnissen der frühen Kindheit unter den akzidentellen Momenten eine

Vorzugsstellung einräumt. Die eine ätiologische Reihe zerlegt sich dann in zwei,

die man die dispositionelle und die definitive heißen kann. In der ersteren wirken

Konstitution und akzidentelle Kindheitserlebnisse ebenso zusammen wie in der

zweiten Disposition und spätere traumatische Erlebnisse. Alle die

Sexualentwicklung schädigenden Momente äußern ihre Wirkung in der Weise,

daß sie eine Regression, eine Rückkehr zu einer früheren Entwicklungsphase

hervorrufen.

Wir setzen hier unsere Aufgabe fort, die uns als einflußreich für die

Sexualentwicklung bekannt gewordenen Momente aufzuzählen, sei es, daß diese wirksame Mächte oder bloß Äußerungen solcher darstellen.

 

Frühreife.

 

Ein solches Moment ist die spontane sexuelle Frühreife, die wenigstens in

der Ätiologie der Neurosen mit Sicherheit nachweisbar ist, wenngleich sie so

wenig wie andere Momente für sich allein zur Verursachung hinreicht. Sie äußert

sich in Durchbrechung, Verkürzung oder Aufhebung der infantilen Latenzzeit

und wird zur Ursache von Störungen, indem sie Sexualäußerungen veranlaßt, die

einerseits wegen des unfertigen Zustandes der Sexualhemmungen, andererseits

infolge des unentwickelten Genitalsystems nur den Charakter von Perversionen

an sich tragen können. Diese Perversionsneigungen mögen sich nun als solche

erhalten oder nach eingetretenen Verdrängungen zu Triebkräften neurotischer

Symptome werden; auf alle Fälle erschwert die sexuelle Frühreife die

wünschenswerte spätere Beherrschung des Sexualtriebs durch die höheren

seelischen Instanzen und steigert den zwangartigen Charakter, den die

psychischen Vertretungen des Triebes ohnedies in Anspruch nehmen. Die

sexuelle Frühreife geht häufig vorzeitiger intellektueller Entwicklung parallel;

als solche findet sie sich in der Kindheitsgeschichte der bedeutendsten und

leistungsfähigsten Individuen; sie scheint dann nicht ebenso pathogen zu wirken,

wie wenn sie isoliert auftritt.

 

Zeitliche Momente.

 

Ebenso wie die Frühreife fordern andere Momente Berücksichtigung, die

man als »zeitliche« mit der Frühreife zusammenfassen kann. Es scheint

phylogenetisch festgelegt, in welcher Reihenfolge die einzelnen Triebregungen

aktiviert werden, und wie lange sie sich äußern können, bis sie dem Einfluß

einer neu auftretenden Triebregung oder einer typischen Verdrängung

unterliegen. Allein sowohl in dieser zeitlichen Aufeinanderfolge wie in der

Zeitdauer derselben scheinen Variationen vorzukommen, die auf das

Endergebnis einen bestimmenden Einfluß üben müssen. Es kann nicht

gleichgültig sein, ob eine gewisse Strömung früher oder später auftritt als ihre

Gegenströmung, denn die Wirkung einer Verdrängung ist nicht rückgängig zu

machen; eine zeitliche Abweichung in der Zusammensetzung der Komponenten ergibt regelmäßig eine Änderung des Resultats. Andererseits nehmen besonders

intensiv auftretende Triebregungen oft einen überraschend schnellen Ablauf,

z. B. die heterosexuelle Bindung der später manifest Homosexuellen. Die am

heftigsten einsetzenden Strebungen der Kinderjahre rechtfertigen nicht die

Befürchtung, daß sie den Charakter des Erwachsenen dauernd beherrschen

werden; man darf ebensowohl erwarten, daß sie verschwinden werden, um ihrem

Gegenteile Platz zu machen. (Gestrenge Herren regieren nicht lange.) Worauf

solche zeitliche Verwirrungen der Entwicklungsvorgänge rückführbar sind,

vermögen wir auch nicht in Andeutungen anzugeben. Es eröffnet sich hier ein

Ausblick auf eine tiefere Phalanx von biologischen, vielleicht auch historischen

Problemen, denen wir uns noch nicht auf Kampfesweite angenähert haben.

 

Haftbarkeit.

 

Die Bedeutung aller frühzeitigen Sexualäußerungen wird durch einen

psychischen Faktor unbekannter Herkunft gesteigert, den man derzeit freilich

nur als eine psychologische Vorläufigkeit hinstellen kann. Ich meine die erhöhte

Haftbarkeit oder Fixierbarkeit dieser Eindrücke des Sexuallebens, die man bei

späteren Neurotikern wie bei Perversen zur Ergänzung des Tatbestands

hinzunehmen muß, da die gleichen vorzeitigen Sexualäußerungen bei anderen

Personen sich nicht so tief einprägen können, daß sie zwangartig auf

Wiederholung hinwirken und dem Sexualtrieb für alle Lebenszeit seine Wege

vorzuschreiben vermögen. Vielleicht liegt ein Stück der Aufklärung für diese

Haftbarkeit in einem anderen psychischen Moment, welches wir in der

Verursachung der Neurosen nicht missen können, nämlich in dem Übergewicht,

welches im Seelenleben den Erinnerungsspuren im Vergleich mit den rezenten

Eindrücken zufällt. Dieses Moment ist offenbar von der intellektuellen

Ausbildung abhängig und wächst mit der Höhe der persönlichen Kultur. Im

Gegensatz hiezu ist der Wilde als das »unglückselige Kind des Augenblickes«

charakterisiert worden(78). Wegen der gegensätzlichen Beziehung zwischen

Kultur und freier Sexualitätsentwicklung, deren Folgen weit in die Gestaltung

unseres Lebens verfolgt werden können, ist es auf niedriger Kultur- oder

Gesellschaftsstufe so wenig, auf höherer so sehr fürs spätere Leben bedeutsam,

wie das sexuelle Leben des Kindes verlaufen ist.

Fixierung.

 

Die Begünstigung durch die eben erwähnten psychischen Momente kommt

nun den akzidentell erlebten Anregungen der kindlichen Sexualität zugute. Die

letzteren (Verführung durch andere Kinder oder Erwachsene in erster Linie)

bringen das Material bei, welches mit Hilfe der ersteren zur dauernden Störung

fixiert werden kann. Ein guter Teil der später beobachteten Abweichungen vom

normalen Sexualleben ist so bei Neurotikern wie bei Perversen durch die

Eindrücke der angeblich sexualfreien Kindheitsperiode von Anfang an

festgelegt. In die Verursachung teilen sich das Entgegenkommen der

Konstitution, die Frühreife, die Eigenschaft der erhöhten Haftbarkeit und die

zufällige Anregung des Sexualtriebs durch fremden Einfluß.

Der unbefriedigende Schluß aber, der sich aus diesen Untersuchungen über

die Störungen des Sexuallebens ergibt, geht dahin, daß wir von den biologischen

Vorgängen, in denen das Wesen der Sexualität besteht, lange nicht genug wissen,

um aus unseren vereinzelten Einsichten eine zum Verständnis des Normalen wie

des Pathologischen genügende Theorie zu gestalten.

(1) Die in der ersten Abhandlung enthaltenen Angaben sind aus den

bekannten Publikationen von v. Krafft-Ebing, Moll, Moebius, Havelock Ellis, v.

Schrenck-Notzing, Löwenfeld, Eulenburg, J. Bloch, M. Hirschfeld und aus den

Arbeiten in dem vom letzteren herausgegebenen »Jahrbuch für sexuelle

Zwischenstufen« geschöpft. Da an diesen Stellen auch die übrige Literatur des

Themas aufgeführt ist, habe ich mir detaillierte Nachweise ersparen können.

Die durch psychoanalytische Untersuchung Invertierter gewonnenen

Einsichten ruhen auf Mitteilungen von J. Sadger und auf eigener Erfahrung.

(2) Das einzig angemessene Wort der deutschen Sprache »Lust« ist leider

vieldeutig und benennt ebensowohl die Empfindung des Bedürfnisses als die der

Befriedigung.

(3) Vergleiche über diese Schwierigkeiten sowie über Versuche, die

Verhältniszahl der Invertierten zu eruieren, die Arbeit von M. Hirschfeld im

Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1904.

(4) Ein solches Sträuben gegen den Zwang zur Inversion könnte die

Bedingung der Beeinflußbarkeit durch Suggestivbehandlung oder Psychoanalyse

abgeben.

(5) Es ist von mehreren Seiten mit Recht betont worden, daß die

autobiographischen Angaben der Invertierten über das zeitliche Auftreten der

Inversionsneigung unzuverlässig sind, da dieselben die Beweise für ihr

heterosexuelles Empfinden aus ihrem Gedächtnis verdrängt haben könnten.

Die Psychoanalyse hat diesen Verdacht für die ihr zugänglich gewordenen

Fälle von Inversion bestätigt und deren Anamnese durch die Ausfüllung der

Kindheitsamnesie in entscheidender Weise verändert.

(6) Mit welchen Vorbehalten die Diagnose auf Degeneration zu stellen ist

und welch geringe praktische Bedeutung ihr zukommt, kann man aus den

Ausführungen von Moebius [Über Entartung. (Grenzfragen des Nerven- und

Seelenlebens. Nr. III, 1900)] entnehmen: Ȇberblickt man nun das weite Gebiet

der Entartung, auf das hier einige Schlaglichter geworfen worden sind, so sieht

man ohneweiters ein, daß es sehr geringen Wert hat, Entartung überhaupt zu

diagnostizieren.«

(7) Es muß den Wortführern des »Uranismus« zugestanden werden, daß

einige der hervorragendsten Männer, von denen wir überhaupt Kunde haben,

Invertierte, vielleicht sogar absolut Invertierte waren.

(8) In der Auffassung der Inversion sind die pathologischen Gesichtspunkte

von anthropologischen abgelöst worden. Diese Wandlung bleibt das Verdienst

von J. Bloch (Beiträge zur Ätiologie der Psychopathia sexualis. 2 Teile,

1902/03), welcher Autor auch die Tatsache der Inversion bei den alten

Kulturvölkern nachdrücklich zur Geltung gebracht hat.

(9) Vergleiche die letzten ausführlichen Darstellungen des somatischen

Hermaphroditismus: Taruffi, Hermaphroditismus und Zeugungsunfähigkeit,

Deutsche Ausgabe von R. Teuscher, 1903, und die Arbeiten von Neugebauer in

mehreren Bänden des Jahrbuches für sexuelle Zwischenstufen.

(10) J. Halban, Die Entstehung der Geschlechtscharaktere. Archiv für

Gynäkologie. Bd. 70, 1903. Siehe dort auch die Literatur des Gegenstandes.

(11) Der erste, der zur Erklärung der Inversion die Bisexualität

herangezogen, soll (nach einem Literaturbericht im 6. Band des Jahrbuches für

sexuelle Zwischenstufen) E. Gley gewesen sein, der einen Aufsatz (Les

abérrations de l’instinct sexuel) schon im Jänner 1884 in der Revue

philosophique veröffentlichte. – Es ist übrigens bemerkenswert, daß die

Mehrzahl der Autoren, welche die Inversion auf Bisexualität zurückführen,

dieses Moment nicht allein für die Invertierten, sondern für alle

Normalgewordenen zur Geltung bringen und folgerichtig die Inversion als das

Ergebnis einer Entwicklungsstörung auffassen. So bereits Chevalier (Inversion

sexuelle, 1893). v. Krafft-Ebing (Zur Erklärung der konträren

Sexualempfindung, Jahrbücher für Psychiatrie und Neurologie, XIII. Bd.) spricht

davon, daß eine Fülle von Beobachtungen bestehen, »aus denen sich mindestens

die virtuelle Fortexistenz dieses zweiten Zentrums (des unterlegenen

Geschlechtes) ergibt.« Ein Dr. Arduin (Die Frauenfrage und die sexuellen

Zwischenstufen) stellt im zweiten Band des Jahrbuches für sexuelle

Zwischenstufen 1900 die Behauptung auf: »daß in jedem Menschen männliche

und weibliche Elemente vorhanden sind (vgl. dieses Jahrbuch, Bd. I, 1899: »Die

objektive Diagnose der Homosexualität« von Dr. M. Hirschfeld, S. 8–9 u. f.),

nur – der Geschlechtszugehörigkeit entsprechend – die einen unverhältnismäßig

stärker entwickelt als die anderen, soweit es sich um heterosexuelle Personen

handelt . . . .« – Für G. Herman (Genesis, das Gesetz der Zeugung, 9. Bd., Libido

und Mania, 1903) steht es fest, »daß in jedem Weibe männliche, in jedem Manne

weibliche Keime und Eigenschaften enthalten sind« usw.

1906 hat dann W. Fließ (»Der Ablauf des Lebens«) einen

Eigentumsanspruch auf die Idee der Bisexualität (im Sinne einer

Zweigeschlechtigkeit) erhoben.

(12) Die Psychoanalyse hat bisher zwar keine volle Aufklärung über die

Herkunft der Inversion gebracht, aber doch den psychischen Mechanismus ihrer

Entstehung aufgedeckt und die in Betracht kommenden Fragestellungen

wesentlich bereichert. Wir haben bei allen untersuchten Fällen festgestellt, daß

die später Invertierten in den ersten Jahren ihrer Kindheit eine Phase von sehr

intensiver, aber kurzlebiger Fixierung an das Weib (meist an die Mutter)

durchmachen, nach deren Überwindung sie sich mit dem Weib identifizieren und

sich selbst zum Sexualobjekt nehmen, d. h. vom Narzißmus ausgehend

jugendliche und der eigenen Person ähnliche Männer aufsuchen, die sie so lieben

wollen, wie die Mutter sie geliebt hat. Wir haben ferner sehr häufig gefunden,

daß angeblich Invertierte gegen den Reiz des Weibes keineswegs unempfindlich

waren, sondern die durch das Weib hervorgerufene Erregung fortlaufend auf ein

männliches Objekt transponierten. Sie wiederholten so während ihres ganzen

Lebens den Mechanismus, durch welchen ihre Inversion entstanden war. Ihr

zwanghaftes Streben nach dem Manne erwies sich als bedingt durch ihre

ruhelose Flucht vor dem Weibe.

Die psychoanalytische Forschung widersetzt sich mit aller Entschiedenheit

dem Versuche, die Homosexuellen als eine besonders geartete Gruppe von den

anderen Menschen abzutrennen. Indem sie auch andere als die manifest

kundgegebenen Sexualerregungen studiert, erfährt sie, daß alle Menschen der

gleichgeschlechtlichen Objektwahl fähig sind und dieselbe auch im Unbewußten

vollzogen haben. Ja die Bindungen libidinöser Gefühle an Personen des gleichen

Geschlechts spielen als Faktoren im normalen Seelenleben keine geringere, und

als Motoren der Erkrankung eine größere Rolle als die, welche dem

entgegengesetzten Geschlecht gelten. Der Psychoanalyse erscheint vielmehr die

Unabhängigkeit der Objektwahl vom Geschlecht des Objektes, die gleich freie

Verfügung über männliche und weibliche Objekte, wie sie im Kindesalter, in

primitiven Zuständen und frühhistorischen Zeiten zu beobachten ist, als das

Ursprüngliche, aus dem sich durch Einschränkung nach der einen oder der

anderen Seite der normale wie der Inversionstypus entwickeln. Im Sinne der

Psychoanalyse ist also auch das ausschließliche sexuelle Interesse des Mannes

für das Weib ein der Aufklärung bedürftiges Problem und keine

Selbstverständlichkeit, der eine im Grunde chemische Anziehung zu unterlegen

ist. Die Entscheidung über das endgültige Sexualverhalten fällt erst nach der Pubertät und ist das Ergebnis einer noch nicht übersehbaren Reihe von Faktoren,

die teils konstitutioneller, teils aber akzidenteller Natur sind. Gewiß können

einzelne dieser Faktoren so übergroß ausfallen, daß sie das Resultat in ihrem

Sinne beeinflussen. Im allgemeinen aber wird die Vielheit der bestimmenden

Momente durch die Mannigfaltigkeit der Ausgänge im manifesten

Sexualverhalten der Menschen gespiegelt. Bei den Inversionstypen ist durchweg

das Vorherrschen archaischer Konstitutionen und primitiver psychischer

Mechanismen zu bestätigen. Die Geltung der narzißtischen Objektwahl und die

Festhaltung der erotischen Bedeutung der Analzone erscheinen als deren

wesentlichste Charaktere. Man gewinnt aber nichts, wenn man auf Grund

solcher konstitutioneller Eigenheiten die extremsten Inversionstypen von den

anderen sondert. Was sich bei diesen als anscheinend zureichende Begründung

findet, läßt sich ebenso, nur in geringerer Stärke, in der Konstitution von

Übergangstypen und bei manifest Normalen nachweisen. Die Unterschiede in

den Ergebnissen mögen qualitativer Natur sein: die Analyse zeigt, daß die

Unterschiede in den Bedingungen nur quantitative sind. Unter den akzidentellen

Beeinflussungen der Objektwahl haben wir die Versagung (die frühzeitige

Sexualeinschüchterung) bemerkenswert gefunden und sind auch darauf

aufmerksam geworden, daß das Vorhandensein beider Elternteile eine wichtige

Rolle spielt. Der Wegfall eines starken Vaters in der Kindheit begünstigt nicht

selten die Inversion. Man darf endlich die Forderung aufstellen, daß die

Inversion des Sexualobjekts von der Mischung der Geschlechtscharaktere im

Subjekt begrifflich strenge zu sondern ist. Ein gewisses Maß von

Unabhängigkeit ist auch in dieser Relation unverkennbar.

Eine Reihe bedeutsamer Gesichtspunkte zur Frage der Inversion hat Ferenczi

in einem Aufsatz: Zur Nosologie der männlichen Homosexualität (Homoerotik)

(Int. Zeitschrift f. Psychoanalyse, II, 1914) vorgebracht. Ferenczi rügt mit Recht,

daß man unter dem Namen »Homosexualität«, den er durch den besseren

»Homoerotik« ersetzen will, eine Anzahl von sehr verschiedenen, in organischer

wie in psychischer Hinsicht ungleichwertigen, Zuständen zusammenwirft, weil

sie das Symptom der Inversion gemeinsam haben. Er fordert scharfe

Unterscheidung wenigstens zwischen den beiden Typen des

Subjekthomoerotikers, der sich als Weib fühlt und benimmt, und des

Objekthomoerotikers, der durchaus männlich ist und nur das weibliche Objekt

gegen ein gleichgeschlechtliches vertauscht hat. Den ersteren anerkannt er als

richtige »sexuelle Zwischenstufe« im Sinne von Magnus Hirschfeld, den zweiten

bezeichnet er – minder glücklich – als Zwangsneurotiker. Das Sträuben gegen die Inversionsneigung sowie die Möglichkeit psychischer Beeinflussung kämen

nur beim Objekthomoerotiker in Betracht. Auch nach Anerkennung dieser

beiden Typen darf man hinzufügen, daß bei vielen Personen ein Maß von

Subjekthomoerotik mit einem Anteil von Objekthomoerotik vermengt gefunden

wird.

In den letzten Jahren haben Arbeiten von Biologen, in erster Linie die von

Eugen Steinach, ein helles Licht auf die organischen Bedingungen der

Homoerotik sowie der Geschlechtscharaktere überhaupt geworfen.

Durch das experimentelle Verfahren der Kastration mit nachfolgender

Einpflanzung von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei

verschiedenen Säugetierarten Männchen in Weibchen zu verwandeln und

umgekehrt. Die Verwandlung betraf mehr oder minder vollständig die

somatischen Geschlechtscharaktere und das psychosexuelle Verhalten (also

Subjekt- und Objekterotik). Als Träger dieser geschlechtsbestimmenden Kraft

wird nicht der Anteil der Keimdrüse betrachtet, welcher die Geschlechtszellen

bildet, sondern das sogenannte interstitielle Gewebe des Organs (die

»Pubertätsdrüse«).

In einem Falle gelang die geschlechtliche Umstimmung auch bei einem

Manne, der seine Hoden durch tuberkulöse Erkrankung eingebüßt hatte. Er hatte

sich im Geschlechtsleben als passiver Homosexueller weiblich benommen und

zeigte sehr deutlich ausgeprägte weibliche Geschlechtscharaktere sekundärer Art

(Behaarung, Bartwuchs, Fettansatz an Mammae und Hüften). Nach der

Einpflanzung eines kryptorchen Menschenhodens begann dieser Mann sich in

männlicher Weise zu benehmen und seine Libido in normaler Weise aufs Weib

zu richten. Gleichzeitig schwanden die somatischen femininen Charaktere. (A.

Lipschütz, Die Pubertätsdrüse und ihre Wirkungen, Bern 1919.)

Es wäre ungerechtfertigt zu behaupten, daß durch diese schönen Versuche

die Lehre von der Inversion auf eine neue Basis gestellt wird und voreilig von

ihnen geradezu einen Weg zur allgemeinen »Heilung« der Homosexualität zu

erwarten. W. Fliess hat mit Recht betont, daß diese experimentellen Erfahrungen

die Lehre von der allgemeinen bisexuellen Anlage der höheren Tiere nicht

entwerten. Es erscheint mir vielmehr wahrscheinlich, daß sich aus weiteren

solchen Untersuchungen eine direkte Bestätigung der angenommenen

Bisexualität ergeben wird.

(13) Der eingreifendste Unterschied zwischen dem Liebesleben der Alten

Welt und dem unsrigen liegt wohl darin, daß die Antike den Akzent auf den

Trieb selbst, wir aber auf dessen Objekt verlegen. Die Alten feierten den Trieb und waren bereit, auch ein minderwertiges Objekt durch ihn zu adeln, während

wir die Triebbetätigung an sich geringschätzen und sie nur durch die Vorzüge

des Objekts entschuldigen lassen.

(14) Ich kann mir nicht versagen, hiebei an die gläubige Gefügigkeit der

Hypnotisierten gegen ihren Hypnotiseur zu erinnern, welche mich vermuten läßt,

daß das Wesen der Hypnose in die unbewußte Fixierung der Libido auf die

Person des Hypnotiseurs (vermittels der masochistischen Komponente des

Sexualtriebes) zu verlegen ist.

S. Ferenczi hat diesen Charakter der Suggerierbarkeit mit dem

»Elternkomplex« verknüpft. (Jahrbuch für psychoanalytische und

psychopathologische Forschungen. I. 1909.)

(15) Es ist indes zu bemerken, daß die Sexualüberschätzung nicht bei allen

Mechanismen der Objektwahl ausgebildet wird, und daß wir späterhin eine

andere und direktere Erklärung für die sexuelle Rolle der anderen Körperteile

kennen lernen werden. Das Moment des »Reizhungers«, das von Hoche und J.

Bloch zur Erklärung des Übergreifens von sexuellem Interesse auf andere

Körperteile als die Genitalien herangezogen wird, scheint mir diese Bedeutung

nicht zu verdienen. Die verschiedenen Wege, auf denen die Libido wandelt,

verhalten sich zueinander von Anfang an wie kommunizierende Röhren, und

man muß dem Phänomen der Kollateralströmung Rechnung tragen.

(16) Das Weib läßt in typischen Fällen eine »Sexualüberschätzung« des

Mannes vermissen, versäumt dieselbe aber fast niemals gegen das von ihr

geborene Kind.

(17) Diese Schwäche entspräche der konstitutionellen Voraussetzung. Die

Psychoanalyse hat als akzidentelle Bedingung die frühzeitige

Sexualeinschüchterung nachgewiesen, welche vom normalen Sexualziel

abdrängt und zum Ersatz desselben anregt.

(18) Tiefer eindringende psychoanalytische Untersuchung hat zu einer

berechtigten Kritik der Binetschen Behauptung geführt. Alle hieher gehörigen

Beobachtungen haben ein erstes Zusammentreffen mit dem Fetisch zum Inhalt,

in welchem sich dieser bereits im Besitz des sexuellen Interesses zeigt, ohne daß

man aus den Begleitumständen verstehen könnte, wie er zu diesem Besitz

gekommen ist. Auch fallen alle diese »frühzeitigen« Sexualeindrücke in die Zeit

nach dem fünften, sechsten Jahr, während die Psychoanalyse daran zweifeln läßt,

ob sich pathologische Fixierungen so spät neubilden können. Der wirkliche

Sachverhalt ist der, daß hinter der ersten Erinnerung an das Auftreten des Fetisch

eine untergegangene und vergessene Phase der Sexualentwicklung liegt, die durch den Fetisch wie durch eine »Deckerinnerung« vertreten wird, deren Rest

und Niederschlag der Fetisch also darstellt. Die Wendung dieser in die ersten

Kindheitsjahre fallenden Phase zum Fetischismus sowie die Auswahl des Fetisch

selbst sind konstitutionell determiniert.

(19) Dementsprechend der Schuh oder Pantoffel Symbol des weiblichen

Genitales.

(20) Die Psychoanalyse hat eine der noch vorhandenen Lücken im

Verständnis des Fetischismus ausgefüllt, indem sie auf die Bedeutung einer

durch Verdrängung verloren gegangenen koprophilen Riechlust für die Auswahl

des Fetisch hinwies. Fuß und Haar sind stark riechende Objekte, die nach dem

Verzicht auf die unlustig gewordene Geruchsempfindung zu Fetischen erhoben

werden. In der dem Fußfetischismus entsprechenden Perversion ist demgemäß

nur der schmutzige und übelriechende Fuß das Sexualobjekt. Ein anderer Beitrag

zur Aufklärung der fetischistischen Bevorzugung des Fußes ergibt sich aus den

infantilen Sexualtheorien. (S. u.) Der Fuß ersetzt den schwer vermißten Penis

des Weibes.

In manchen Fällen von Fußfetischismus ließ sich zeigen, daß der

ursprünglich auf das Genitale gerichtete Schautrieb, der seinem Objekt von

unten her nahe kommen wollte, durch Verbot und Verdrängung auf dem Wege

aufgehalten wurde, und darum Fuß oder Schuh als Fetisch festhielt. Das

weibliche Genitale wurde dabei, der infantilen Erwartung entsprechend, als ein

männliches vorgestellt.

(21) Es scheint mir unzweifelhaft, daß der Begriff des »Schönen« auf dem

Boden der Sexualerregung wurzelt und ursprünglich das sexuell Reizende (»Die

Reize«) bedeutet. Es steht im Zusammenhange damit, daß wir die Genitalien

selbst, deren Anblick die stärkste sexuelle Erregung hervorruft, eigentlich

niemals »schön« finden können.

(22) Der Analyse enthüllt diese Perversion – sowie die meisten anderen –

eine unerwartete Vielfältigkeit ihrer Motive und Bedeutungen. Der

Exhibitionszwang zum Beispiel ist auch stark abhängig vom

Kastrationskomplex; er betont immer wieder die Integrität des eigenen

(männlichen) Genitales und wiederholt die infantile Befriedigung über das

Fehlen des Gliedes im weiblichen.

(23) Vgl. hiezu die spätere Mitteilung über die prägenitalen Phasen der

Sexualentwicklung, in welcher diese Ansicht bestätigt wird.

(24) Anstatt vieler Belege für diese Behauptung zitiere ich nur die eine Stelle

aus Havelock Ellis (Das Geschlechtsgefühl, 1903). »Alle bekannten Fälle von Sadismus und Masochismus, selbst die von v. Krafft-Ebing zitierten, zeigen

beständig (wie schon Colin, Scott und Féré nachgewiesen) Spuren beider

Gruppen von Erscheinungen an ein und demselben Individuum.«

(25) Vgl. die spätere Erwähnung der »Ambivalenz«.

(26) Man muß diese die Sexualentwicklung eindämmenden Mächte – Ekel,

Scham und Moralität – anderseits auch als historische Niederschläge der äußeren

Hemmungen ansehen, welche der Sexualtrieb in der Psychogenese der

Menschheit erfahren hat. Man macht die Beobachtung, daß sie in der

Entwicklung des Einzelnen zu ihrer Zeit wie spontan auf die Winke der

Erziehung und Beeinflussung hin auftreten.

(27) Ich bemerke vorgreifend über die Entstehung der Perversionen, daß man

Grund hat anzunehmen, es sei vor der Fixierung derselben, ganz ähnlich wie

beim Fetischismus, ein Ansatz normaler Sexualentwicklung vorhanden gewesen.

Die analytische Untersuchung hat bisher in einzelnen Fällen zeigen können, daß

auch die Perversion der Rückstand einer Entwicklung zum Ödipuskomplex ist,

nach dessen Verdrängung die der Anlage nach stärkste Komponente des

Sexualtriebes wieder hervorgetreten ist.

(28) Es ist nur eine Vervollständigung und nicht eine Verringerung dieser

Aussage, wenn ich sie dahin abändere: Die nervösen Symptome beruhen

einerseits auf dem Anspruch der libidinösen Triebe, andererseits auf dem

Einspruch des Ichs, der Reaktion gegen dieselben.

(29) Studien über Hysterie. 1895. J. Breuer sagt von seiner Patientin, an der

er die kathartische Methode zuerst geübt hat: »Das sexuale Moment war

erstaunlich unentwickelt.«

(30) Die klar bewußten Phantasien der Perversen, die unter günstigen

Umständen in Veranstaltungen umgesetzt werden, die in feindlichem Sinne auf

andere projizierten Wahnbefürchtungen der Paranoiker und die unbewußten

Phantasien der Hysteriker, die man durch Psychoanalyse hinter ihren

Symptomen aufdeckt, fallen inhaltlich bis in einzelne Details zusammen.

(31) Psychoneurose vergesellschaftet sich auch sehr oft mit manifester

Inversion, wobei die heterosexuelle Strömung der vollen Unterdrückung zum

Opfer gefallen ist. – Ich lasse nur einer mir zu teil gewordenen Anregung Recht

widerfahren, wenn ich mitteile, daß erst private Äußerungen von W. Fließ in

Berlin mich auf die notwendige Allgemeinheit der Inversionsneigung bei den

Psychoneurotikern aufmerksam gemacht haben, nachdem ich diese in einzelnen

Fällen aufgedeckt hatte. – Diese nicht genug gewürdigte Tatsache müßte alle

Theorien der Homosexualität entscheidend beeinflussen.

(32) Es ist nicht leicht, diese Annahmen, die aus dem Studium einer

bestimmten Klasse von neurotischen Erkrankungen geschöpft sind, hier zu

rechtfertigen. Andererseits wird es aber unmöglich, etwas Stichhältiges über die

Triebe auszusagen, wenn man sich die Erwähnung dieser Voraussetzungen

erspart.

(33) Man muß hier der Aufstellung von Moll gedenken, welche den

Sexualtrieb in Kontrektations- und Detumeszenztrieb zerlegt. Kontrektation

bedeutet ein Bedürfnis nach Hautberührung.

(34) Es ist ja auch nicht möglich, den der Erblichkeit gebührenden Anteil

richtig zu erkennen, ehe man den der Kindheit zugehörigen gewürdigt hat.

(35) Die hier niedergeschriebene Behauptung erschien mir selbst

nachträglich als so gewagt, daß ich mir vorsetzte, sie durch nochmalige

Durchsicht der Literatur zu prüfen. Das Ergebnis dieser Überprüfung war, daß

ich sie unverändert stehen ließ. Die wissenschaftliche Bearbeitung der leiblichen

wie der seelischen Phänomene der Sexualität im Kindesalter befindet sich in den

ersten Anfängen. Ein Autor S. Bell (A preliminary study of the Emotion of love

between the sexes. American Journal of Psychology, XIII, 1902) äußert: I know

of no scientist, who has given a careful analysis of the emotion as it is seen in the

adolescent. – Somatische Sexualäußerungen aus der Zeit vor der Pubertät haben

nur im Zusammenhange mit Entartungserscheinungen und als Zeichen von

Entartung Aufmerksamkeit gewonnen. – Ein Kapitel über das Liebesleben der

Kinder fehlt in allen Darstellungen der Psychologie dieses Alters, die ich gelesen

habe, so in den bekannten Werken von Preyer, Baldwin (Die Entwicklung des

Geistes beim Kinde und bei der Rasse, 1898), Pérez (L’enfant de 3–7 ans, 1894),

Strümpell (Die pädagogische Pathologie, 1899), Karl Groos (Das Seelenleben

des Kindes, 1904), Th. Heller (Grundriß der Heilpädagogik, 1904), Sully

(Untersuchungen über die Kindheit, 1897) u. a. Den besten Eindruck von dem

heutigen Stande auf diesem Gebiet holt man sich aus der Zeitschrift »Die

Kinderfehler« (von 1896 an). – Doch gewinnt man die Überzeugung, daß die

Existenz der Liebe im Kindesalter nicht mehr entdeckt zu werden braucht. Pérez

(l. c.) tritt für sie ein; bei K. Groos (Die Spiele der Menschen, 1899) findet sich

als allgemein bekannt erwähnt, »daß manche Kinder schon sehr früh für sexuelle

Regungen zugänglich sind und dem anderen Geschlecht gegenüber einen Drang

nach Berührungen empfinden« (S. 336); der früheste Fall von Auftreten

geschlechtlicher Liebesregungen (sex-love) in der Beobachtungsreihe von S.

Bell betraf ein Kind in der Mitte des dritten Jahres. – Vergleiche hiezu noch

Havelock Ellis, Das Geschlechtsgefühl (übersetzt von Kurella), 1903, Appendix, II.

Das obenstehende Urteil über die Literatur der infantilen Sexualität braucht

seit dem Erscheinen des groß angelegten Werkes von Stanley Hall (Adolescence,

its psychology and its relations to physiology, anthropology, sociology, sex,

crime, religion and education. Two volumes, New York, 1908) nicht mehr

aufrecht erhalten zu werden. – Das rezente Buch von A. Moll, Das Sexualleben

des Kindes, Berlin 1909, bietet keinen Anlaß zu einer solchen Modifikation.

Siehe dagegen: Bleuler, Sexuelle Abnormitäten der Kinder. (Jahrbuch der

schweizerischen Gesellschaft für Schulgesundheitspflege, IX, 1908.)

Ein Buch von Frau Dr. H. v. Hug-Hellmuth, Aus dem Seelenleben des

Kindes, 1913, hat seither dem vernachlässigten sexuellen Faktor vollauf

Rechnung getragen.

(36) Eines der mit den frühesten Kindheitserinnerungen verknüpften

Probleme habe ich in einem Aufsatze »Über Deckerinnerungen« (Monatsschrift

für Psychiatrie und Neurologie, VI, 1899) zu lösen versucht.

(37) Man kann den Mechanismus der Verdrängung nicht verstehen, wenn

man nur einen dieser beiden zusammenwirkenden Vorgänge berücksichtigt. Zum

Vergleich möge die Art dienen, wie der Tourist auf die Spitze der großen

Pyramide von Gizeh befördert wird; er wird von der einen Seite gestoßen, von

der anderen Seite gezogen.

(38) Letzteres Material wird durch die berechtigte Erwartung verwertbar, daß

die Kinderjahre der späteren Neurotiker hierin nicht wesentlich, nur in Hinsicht

der Intensität und Deutlichkeit, von denen später Gesunder abweichen dürften.

(39) Eine mögliche anatomische Analogie zu dem von mir behaupteten

Verhalten der infantilen Sexualfunktion wäre durch den Fund von Bayer

(Deutsches Archiv für klinische Medizin, Bd. 73) gegeben, daß die inneren

Geschlechtsorgane (Uterus) Neugeborener in der Regel größer sind als die

älterer Kinder. Indes ist die Auffassung dieser durch Halban auch für andere

Teile des Genitalapparates festgestellten Involution nach der Geburt nicht

sichergestellt. Nach Halban (Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie, LIII,

1904) ist dieser Rückbildungsvorgang nach wenigen Wochen des

Extrauterinlebens abgelaufen.

Die Autoren, welche den interstitiellen Anteil der Keimdrüse als das

geschlechtsbestimmende Organ betrachten, sind durch anatomische

Untersuchungen dazu geführt worden, ihrerseits von infantiler Sexualität und

sexueller Latenzzeit zu reden. Ich zitiere aus dem S. 13 erwähnten Buche von

Lipschütz über die Pubertätsdrüse: ». . . . Man wird den Tatsachen viel eher gerecht, wenn man sagt, daß die Ausreifung der Geschlechtsmerkmale, wie sie

sich in der Pubertät vollzieht, nur auf einem um diese Zeit stark beschleunigten

Ablauf von Vorgängen beruht, die schon viel früher begonnen haben – unserer

Auffassung nach schon im embryonalen Leben.« (S. 169.) – »Was man bisher

als Pubertät schlechtweg bezeichnet hat, ist wahrscheinlich nur eine »zweite

große Phase der Pubertät«, die um die Mitte des zweiten Jahrzehntes

einsetzt. . . . . Das Kindesalter, von der Geburt bis zu Beginn der zweiten großen

Phase gerechnet, könnte man als die »intermediäre Phase der Pubertät«

bezeichnen.« (S. 170.)

Diese in einem Referat von Ferenczi (Int. Zeitschr. f. Psychoanalyse VI,

1920) hervorgehobene Übereinstimmung anatomischer Befunde mit der

psychologischen Beobachtung wird durch die eine Angabe gestört, daß der

»erste Gipfelpunkt« der Entwicklung des Sexualorgans in die frühe

Embryonalzeit fällt, während die kindliche Frühblüte des Sexuallebens in das

dritte und vierte Lebensjahr zu verlegen ist. Die volle Gleichzeitigkeit der

anatomischen Ausbildung mit der psychischen Entwicklung ist natürlich nicht

erforderlich. Die betreffenden Untersuchungen sind an der Keimdrüse des

Menschen gemacht worden. Da den Tieren eine Latenzzeit im psychologischen

Sinne nicht zukommt, läge viel daran zu wissen, ob die anatomischen Befunde,

auf deren Grund die Autoren zwei Gipfelpunkte der Sexualentwicklung

annehmen, auch an anderen höheren Tieren nachweisbar sind.

(40) Die Bezeichnung »sexuelle Latenzperiode« entlehne ich ebenfalls von

W. Fließ.

(41) In dem hier besprochenen Falle geht die Sublimierung sexueller

Triebkräfte auf dem Wege der Reaktionsbildung vor sich. Im allgemeinen darf

man aber Sublimierung und Reaktionsbildung als zwei verschiedene Prozesse

begrifflich voneinander scheiden. Es kann auch Sublimierungen durch andere

und einfachere Mechanismen geben.

(42) Im Jahrbuch für Kinderheilkunde, N. F., XIV. 1879.

(43) Hier erweist sich bereits, was fürs ganze Leben Gültigkeit hat, daß

sexuelle Befriedigung das beste Schlafmittel ist. Die meisten Fälle von nervöser

Schlaflosigkeit gehen auf sexuelle Unbefriedigung zurück. Es ist bekannt, daß

gewissenlose Kinderfrauen die schreienden Kinder durch Streichen an den

Genitalien einschläfern.

(44) Ein Dr. Galant hat 1919 im Neurol. Zentralbl. Nr. 20 unter dem Titel

»Das Lutscherli« das Bekenntnis eines erwachsenen Mädchens veröffentlicht,

welches diese kindliche Sexualbetätigung nicht aufgegeben hat und die Befriedigung durch das Lutschen als völlig analog einer sexuellen Befriedigung,

insbesondere durch den Kuß des Geliebten, schildert.

»Nicht alle Küsse gleichen einem Lutscherli: nein, nein, lange nicht alle!

Man kann nicht schreiben, wie wohlig es einem durch den ganzen Körper beim

Lutschen geht; man ist einfach weg von dieser Welt, man ist ganz zufrieden und

wunschlos glücklich. Es ist ein wunderbares Gefühl; man verlangt nichts als

Ruhe, Ruhe, die gar nicht unterbrochen werden soll. Es ist einfach unsagbar

schön: man spürt keinen Schmerz, kein Weh und, ach, man ist entrückt in eine

andere Welt.«

(45) H. Ellis hat den Terminus »autoerotisch« allerdings etwas anders

bestimmt, im Sinne einer Erregung, die nicht von außen hervorgerufen wird,

sondern im Innern selbst entspringt. Für die Psychoanalyse ist nicht die Genese,

sondern die Beziehung zu einem Objekt das Wesentliche.

(46) Weitere Überlegungen und die Verwertung anderer Beobachtungen

führen dazu, die Eigenschaft der Erogeneität allen Körperstellen und inneren

Organen zuzusprechen. Vgl. hiezu weiter unten über den Narzißmus.

(47) Man kann es in biologischen Erörterungen kaum vermeiden, sich der

teleologischen Denkweise zu bedienen, obwohl man weiß, daß man im einzelnen

Falle gegen den Irrtum nicht gesichert ist.

(48) Vgl. hiezu die sehr reichhaltige, aber meist in den Gesichtspunkten

unorientierte Literatur über Onanie, z. B. Rohleder, Die Masturbation, 1899,

ferner das II. Heft der Wiener Diskussionen »Die Onanie«, Wiesbaden 1912.

(49) Vgl. den Aufsatz »Charakter und Analerotik« in der »Sammlung kleiner

Schriften zur Neurosenlehre«, zweite Folge 1909. Ferner: »Über

Triebumsetzungen insbesondere der Analerotik«, Sammlung usw., vierte Folge

1918.

(50) In einer Arbeit, welche unser Verständnis für die Bedeutung der

Analerotik außerordentlich vertieft (»Anal« und »Sexual«, Imago IV., 1916), hat

Lou Andreas-Salomé ausgeführt, daß die Geschichte des ersten Verbots, welches

an das Kind herantritt, des Verbots aus der Analtätigkeit und ihren Produkten

Lust zu gewinnen, für seine ganze Entwicklung maßgebend wird. Das kleine

Wesen muß bei diesem Anlasse zuerst die seinen Triebregungen feindliche

Umwelt ahnen, sein eigenes Wesen von diesem Fremden sondern lernen, und

dann die erste »Verdrängung« an seinen Lustmöglichkeiten vollziehen. Das

»Anale« bleibt von da an das Symbol für alles zu Verwerfende, vom Leben

Abzuscheidende. Der später geforderten reinlichen Scheidung von Anal- und

Genitalvorgängen widersetzen sich die nahen anatomischen und funktionellen Analogien und Beziehungen zwischen beiden. Der Genitalapparat bleibt der

Kloake benachbart, »ist ihr beim Weibe sogar nur abgemietet«.

(51) Ungewöhnliche Techniken bei der Ausführung der Onanie in späteren

Jahren scheinen auf den Einfluß eines überwundenen Onanieverbots

hinzuweisen.

(52) Warum das Schuldbewußtsein der Neurotiker regelmäßig, wie noch

kürzlich Bleuler anerkannt hat, an die erinnerte onanistische Betätigung, meist

der Pubertätszeit, anknüpft, harrt noch einer erschöpfenden analytischen

Aufklärung. Der gröbste und wichtigste Faktor dieser Bedingtheit dürfte wohl

die Tatsache sein, daß die Onanie ja die Exekutive der ganzen infantilen

Sexualität darstellt und darum befähigt ist, das dieser anhaftende Schuldgefühl

zu übernehmen.

(53) Havelock Ellis bringt in einem Anhang zu seiner Studie über das

»Geschlechtsgefühl« (1903) eine Anzahl autobiographischer Berichte von später

vorwiegend normal gebliebenen Personen über ihre ersten geschlechtlichen

Regungen in der Kindheit und die Anlässe derselben. Diese Berichte leiden

natürlich an dem Mangel, daß sie die durch infantile Amnesie verdeckte,

prähistorische Vorzeit des Geschlechtslebens nicht enthalten, welche nur durch

Psychoanalyse bei einem neurotisch gewordenen Individuum ergänzt werden

kann. Dieselben sind aber trotzdem in mehr als einer Hinsicht wertvoll und

Erkundigungen der gleichen Art haben mich zu der im Text erwähnten

Modifikation meiner ätiologischen Annahmen bestimmt.

(54) Zu den obenstehenden Behauptungen über die infantile Sexualität war

ich im Jahre 1905 wesentlich durch die Resultate psychoanalytischer

Erforschung von Erwachsenen berechtigt. Die direkte Beobachtung am Kinde

konnte damals nicht im vollen Ausmaß benützt werden und hatte nur vereinzelte

Winke und wertvolle Bestätigungen ergeben. Seither ist es gelungen, durch die

Analyse einzelner Fälle von nervöser Erkrankung im zarten Kindesalter einen

direkten Einblick in die infantile Psychosexualität zu gewinnen (Jahrbuch für

psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, Bd. I, 1909 und

weitere). Ich kann mit Befriedigung darauf verweisen, daß die direkte

Beobachtung die Schlüsse aus der Psychoanalyse voll bekräftigt und somit ein

gutes Zeugnis für die Verläßlichkeit dieser letzteren Forschungsmethode

abgegeben hat.

Die »Analyse der Phobie eines 5jährigen Knaben« (Jahrbuch Bd. I) hat

überdies manches Neue gelehrt, worauf man von der Psychoanalyse her nicht

vorbereitet war, z. B. das Hinaufreichen einer sexuellen Symbolik, einer Darstellung des Sexuellen durch nicht sexuelle Objekte und Relationen bis in

diese ersten Jahre der Sprachbeherrschung. Ferner wurde ich auf einen Mangel

der obenstehenden Darstellung aufmerksam gemacht, welche im Interesse der

Übersichtlichkeit die begriffliche Scheidung der beiden Phasen von

Autoerotismus und Objektliebe auch als eine zeitliche Trennung beschreibt. Man

erfährt aber aus den zitierten Analysen (sowie aus den Mitteilungen von Bell

s. o.), daß Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren einer sehr deutlichen, von starken

Affekten begleiteten Objektwahl fähig sind.

(55) Man hat das Recht, auch von einem Kastrationskomplex bei Frauen zu

sprechen. Männliche wie weibliche Kinder bilden die Theorie, daß auch das

Weib ursprünglich einen Penis hatte, der durch Kastration verloren gegangen ist.

Die endlich gewonnene Überzeugung, daß das Weib keinen Penis besitzt,

hinterläßt beim männlichen Individuum oft eine dauernde Geringschätzung des

anderen Geschlechtes.

(56) Vgl. über Reste dieser Phase bei erwachsenen Neurotikern die Arbeit

von Abraham, Untersuchungen über die früheste prägenitale Entwicklungsstufe

der Libido (Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse IV, 1916).

(57) Manche Personen wissen sich zu erinnern, daß sie beim Schaukeln den

Anprall der bewegten Luft an den Genitalien direkt als sexuelle Lust verspürt

haben.

(58) Die Analyse der Fälle von neurotischer Gehstörung und Raumangst hebt

den Zweifel an der sexuellen Natur der Bewegungslust auf. Die moderne

Kulturerziehung bedient sich bekanntlich des Sports im großen Umfang, um die

Jugend von der Sexualbetätigung abzulenken; richtiger wäre es zu sagen, sie

ersetzt ihr den Sexualgenuß durch die Bewegungslust und drängt die

Sexualbetätigung auf eine ihrer autoerotischen Komponenten zurück.

(59) Als unabweisbare Folgerung aus den obigen Ausführungen ergibt sich,

daß jedem Individuum eine Oral-, Anal-, Harnerotik usw. zugesprochen werden

muß, und daß die Konstatierung der diesen entsprechenden seelischen Komplexe

kein Urteil auf Abnormität oder Neurose bedeutet. Die Unterschiede, die das

Normale vom Abnormen trennen, können nur in der relativen Stärke der

einzelnen Komponenten des Sexualtriebes und in der Verwendung liegen, die sie

im Laufe der Entwicklung erfahren.

(60) Die im Text gegebene schematische Darstellung will die Differenzen

hervorheben. Inwieweit sich die infantile Sexualität durch ihre Objektwahl der

definitiven Sexualorganisation annähert, ist vorhin S. 63 ausgeführt worden.

(61) Siehe meine 1905 erschienene Studie »Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten«. Die durch die Witztechnik gewonnene »Vorlust« wird dazu

verwendet, eine größere Lust durch die Aufhebung innerer Hemmungen frei zu

machen.

(62) Es ist überaus lehrreich, daß die deutsche Sprache der im Text

erwähnten Rolle der vorbereitenden sexuellen Erregungen, welche gleichzeitig

einen Anteil Befriedigung und einen Beitrag zur Sexualspannung liefern, im

Gebrauche des Wortes »Lust« Rechnung trägt. »Lust« ist doppelsinnig und

bezeichnet ebensowohl die Empfindung der Sexualspannung (Ich habe Lust =

ich möchte, ich verspüre den Drang) als auch die der Befriedigung.

(63) S. Zur Einführung des Narzißmus, Jahrbuch der Psychoanalyse VI,

1913. – Der Terminus »Narzißmus« ist nicht, wie dort irrtümlich angegeben, von

Naecke, sondern von H. Ellis geschaffen worden.

(64) Es ist unerläßlich, sich klar zu machen, daß die Begriffe »männlich«

und »weiblich«, deren Inhalt der gewöhnlichen Meinung so unzweideutig

erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten gehören und nach

mindestens drei Richtungen zu zerlegen sind. Man gebraucht männlich und

weiblich bald im Sinne von Aktivität und Passivität, bald im biologischen und

dann auch im soziologischen Sinne. Die erste dieser drei Bedeutungen ist die

wesentliche und die in der Psychoanalyse allein verwertbare. Ihr entspricht es,

wenn die Libido oben im Text als männlich bezeichnet wird, denn der Trieb ist

immer aktiv, auch wo er sich ein passives Ziel gesetzt hat. Die zweite,

biologische, Bedeutung von männlich und weiblich ist die, welche die klarste

Bestimmung zuläßt. Männlich und weiblich sind hier durch die Anwesenheit der

Samen- respektive Eizelle und durch die von ihnen ausgehenden Funktionen

charakterisiert. Die Aktivität und ihre Nebenäußerungen, stärkere

Muskelentwicklung, Aggression, größere Intensität der Libido, sind in der Regel

mit der biologischen Männlichkeit verlötet, aber nicht notwendigerweise

verknüpft, denn es gibt Tiergattungen, bei denen diese Eigenschaften vielmehr

dem Weibchen zugeteilt sind. Die dritte, soziologische, Bedeutung erhält ihren

Inhalt durch die Beobachtung der wirklich existierenden männlichen und

weiblichen Individuen. Diese ergibt für den Menschen, daß weder im

psychologischen noch im biologischen Sinne eine reine Männlichkeit oder

Weiblichkeit gefunden wird. Jede Einzelperson weist vielmehr eine Vermengung

ihres biologischen Geschlechtscharakters mit biologischen Zügen des anderen

Geschlechts und eine Vereinigung von Aktivität und Passivität auf, sowohl

insofern diese psychischen Charakterzüge von den biologischen abhängen als

auch insoweit sie unabhängig von ihnen sind.

(65) Die Psychoanalyse lehrt, daß es zwei Wege der Objektfindung gibt,

erstens die im Text besprochene, die in Anlehnung an die frühinfantilen

Vorbilder vor sich geht, und zweitens die narzißtische, die das eigene Ich sucht

und im anderen wiederfindet. Diese letztere hat eine besonders große Bedeutung

für die pathologischen Ausgänge, fügt sich aber nicht in den hier behandelten

Zusammenhang.

(66) Wem diese Auffassung »frevelhaft« dünkt, der lese die fast

gleichsinnige Behandlung des Verhältnisses zwischen Mutter und Kind bei

Havelock Ellis nach. (Das Geschlechtsgefühl, S. 16.)

(67) Die Aufklärung über die Herkunft der kindlichen Angst verdanke ich

einem dreijährigen Knaben, den ich einmal aus einem dunklen Zimmer bitten

hörte: »Tante, sprich mit mir; ich fürchte mich, weil es so dunkel ist.« Die Tante

rief ihn an: »Was hast du denn davon? Du siehst mich ja nicht.« »Das macht

nichts,« antwortete das Kind, »wenn jemand spricht, wird es hell.« – Er fürchtete

sich also nicht vor der Dunkelheit, sondern weil er eine geliebte Person

vermißte, und konnte versprechen sich zu beruhigen, sobald er einen Beweis von

deren Anwesenheit empfangen hatte. – Daß die neurotische Angst aus der Libido

entsteht, ein Umwandlungsprodukt derselben darstellt, sich also etwa so zu ihr

verhält, wie der Essig zum Wein, ist eines der bedeutsamsten Resultate der

psychoanalytischen Forschung. Eine weitere Diskussion dieses Problems siehe

in meinen »Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse« 1917, woselbst

wohl auch nicht die endgültige Aufklärung erreicht worden ist.

(68) Vgl. hiezu das auf S. 64 über die Objektwahl des Kindes Gesagte: die

»zärtliche Strömung«.

(69) Die Inzestschranke gehört wahrscheinlich zu den historischen

Erwerbungen der Menschheit und dürfte wie andere Moraltabu bereits bei vielen

Individuen durch organische Vererbung fixiert sein. (Vgl. meine Schrift: Totem

und Tabu 1913.) Doch zeigt die psychoanalytische Untersuchung, wie intensiv

noch der Einzelne in seinen Entwicklungszeiten mit der Inzestversuchung ringt,

und wie häufig er sie in Phantasien und selbst in der Realität übertritt.

(70) Die Phantasien der Pubertätszeit knüpfen an die in der Kindheit

verlassene infantile Sexualforschung an, reichen wohl auch ein Stück in die

Latenzzeit zurück. Sie können ganz oder zum großen Teil unbewußt gehalten

werden, entziehen sich darum häufig einer genauen Datierung. Sie haben große

Bedeutung für die Entstehung mannigfaltiger Symptome, indem sie geradezu die

Vorstufen derselben abgeben, also die Formen herstellen, in denen die

verdrängten Libidokomponenten ihre Befriedigung finden. Ebenso sind die Vorlagen der nächtlichen Phantasien, die als Träume bewußt werden. Träume

sind häufig nichts anderes als Wiederbelebungen solcher Phantasien unter dem

Einfluß und in Anlehnung an einen aus dem Wachleben erübrigten Tagesreiz.

(»Tagesreste«.) – Unter den sexuellen Phantasien der Pubertätszeit ragen einige

hervor, welche durch allgemeinstes Vorkommen und weitgehende

Unabhängigkeit vom Erleben des Einzelnen ausgezeichnet sind. So die

Phantasien von der Belauschung des elterlichen Geschlechtsverkehrs, von der

frühen Verführung durch geliebte Personen, von der Kastrationsdrohung, die

Mutterleibsphantasien, deren Inhalt Verweilen und selbst Erlebnisse im

Mutterleib sind, und der sogenannte »Familienroman«, in welchem der

Heranwachsende auf den Unterschied seiner Einstellung zu den Eltern jetzt und

in der Kindheit reagiert. Die nahen Beziehungen dieser Phantasien zum Mythus

hat für das letzte Beispiel O. Rank in seiner Schrift »Der Mythus von der Geburt

des Helden« 1909 aufgezeigt.

Man sagt mit Recht, daß der Ödipuskomplex der Kernkomplex der Neurosen

ist, das wesentliche Stück im Inhalt der Neurose darstellt. In ihm gipfelt die

infantile Sexualität, welche durch ihre Nachwirkungen die Sexualität des

Erwachsenen entscheidend beeinflußt. Jedem menschlichen Neuankömmling ist

die Aufgabe gestellt, den Ödipuskomplex zu bewältigen; wer es nicht zustande

bringt, ist der Neurose verfallen. Der Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit

hat diese Bedeutung des Ödipuskomplexes immer schärfer gezeichnet; seine

Anerkennung ist das Schiboleth geworden, welches die Anhänger der

Psychoanalyse von ihren Gegnern scheidet.

(71) Vergleiche die Ausführungen über das unvermeidliche Verhängnis in der

Ödipusfabel (»Traumdeutung«, 4. Auflage, S. 198).

(72) S. meinen Aufsatz Ȇber einen besonderen Typus der Objektwahl beim

Manne« 1910 in Sammlung klein. Schriften z. Neurosenlehre, IV. Folge.

(73) Ungezählte Eigentümlichkeiten des menschlichen Liebeslebens sowie

das Zwanghafte der Verliebtheit selbst sind überhaupt nur durch die

Rückbeziehung auf die Kindheit und als Wirkungsreste derselben zu verstehen.

(74) Dies gilt nicht nur für die in der Neurose »negativ« auftretenden

Perversionsneigungen, sondern ebenso für die positiven, eigentlich so benannten

Perversionen. Diese letzteren sind also nicht bloß auf die Fixierung der infantilen

Neigungen zurückzuführen, sondern auch auf die Regression zu denselben

infolge der Verlegung anderer Bahnen der Sexualströmung. Darum sind auch die

positiven Perversionen der psychoanalytischen Therapie zugänglich.

(75) Man sieht dabei häufig, daß in der Pubertätszeit zunächst eine normale Sexualströmung einsetzt, welche aber infolge ihrer inneren Schwäche vor den

ersten äußeren Hindernissen zusammenbricht und dann von der Regression auf

die perverse Fixierung abgelöst wird.

(76) Bei einigen Charakterzügen ist selbst ein Zusammenhang mit

bestimmten erogenen Komponenten erkannt worden. So leiten sich Trotz,

Sparsamkeit und Ordentlichkeit aus der Verwendung der Analerotik ab. Der

Ehrgeiz wird durch eine starke urethralerotische Anlage bestimmt.

(77) Ein Menschenkenner wie E. Zola schildert in »La Joie de vivre« ein

Mädchen, das in heiterer Selbstentäußerung alles, was es besitzt und

beanspruchen könnte, sein Vermögen und seine Lebenswünsche geliebten

Personen ohne Entlohnung zum Opfer bringt. Die Kindheit dieses Mädchens ist

von einem unersättlichen Zärtlichkeitsbedürfnis beherrscht, das sie bei einer

Gelegenheit von Zurücksetzung gegen eine andere in Grausamkeit verfallen läßt.

(78) Möglicherweise ist die Erhöhung der Haftbarkeit auch der Erfolg einer

besonders intensiven somatischen Sexualäußerung früherer Jahre.

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst

die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Seite 2:

Führen wir zwei Termine an: heißen wir die Person, von

Führen wir zwei Termini ein: heißen wir die Person, von

Seite 9:

Wortführer der männlichen Intervierten ausgesprochen worden:

Wortführer der männlichen Invertierten ausgesprochen worden:

Seite 22:

Auftreten neuer Absichten

Auftreten neuer Absichten.

Seite 29:

seelischen Vorgängen, Wünschen und Strebungen, sind, denen

seelischen Vorgängen, Wünschen und Strebungen sind, denen

Seite 30:

Tätigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande der Unbewußten

Tätigkeit versagt worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten

Seite 31:

als Äußerungen des krankhaften Sexuallebens studiert haben;

als Äußerungen des krankhaften Sexuallebens studiert haben.

Seite 34:

Aftereröffnung sexuelle Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die

Afteröffnung sexuelle Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die

Seite 48:

Charaktere erogener Zonen

Charaktere erogener Zonen.

Seite 51:

einen starken Reiz auf die Schleimheit ausüben können. Dabei

einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausüben können. Dabei

Seite 54:

Die zweite Phase der kindlichen Masturbation

Die zweite Phase der kindlichen Masturbation.

Seite 59:

Das Rätsel der Sphinx

Das Rätsel der Sphinx.

Seite 63:

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen,

Seite 64:

peripherische Reizung erogener Zone, c) als Ausdruck einiger

peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger

Seite 66:

Muskelantsrengung noch die ausgiebige Hautberührung

Muskelanstrengung noch die ausgiebige Hautberührung

Seite 69:

wz. B. der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der Lippenzone

z. B. der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der Lippenzone

Seite 71:

dessen Erreichtung alle Partialtriebe zusammenwirken, während

dessen Erreichung alle Partialtriebe zusammenwirken, während

Seite 78:

Individuums bleiben kann. Die im zarten Alter von der Pubertät

Individuums bleiben kann. Die im zarten Alter vor der Pubertät

Seite 82:

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von dem anderen

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen

Fußnote 1:

und aus den Arbeiten in den vom letzteren herausgegebenen »Jahrbuch für

und aus den Arbeiten in dem vom letzteren herausgegebenen »Jahrbuch für

Fußnote 12:

Einpfanzung von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei

verschiedenen

Einpflanzung von Keimdrüsen des anderen Geschlechtes gelang es, bei

verschiedenen

Fußnote 64:

erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrendsten gehören und nach

erscheint, in der Wissenschaft zu den verworrensten gehören und nach

Fußnote 70:

psychoanalitischen Arbeit hat diese Bedeutung des Ödipuskomplexes immer

psychoanalytischen Arbeit hat diese Bedeutung des Ödipuskomplexes immer

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation information page at www.gutenberg.org

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

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