Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
2. Abweichungen in bezug auf das Sexualziel.
abnorm im Sexualleben, die in allen anderen Punkten dem Durchschnitt
entsprechen, die menschliche Kulturentwicklung, deren schwacher Punkt die
Sexualität bleibt, in ihrer Person mitgemacht haben.
Als allgemeinstes Ergebnis dieser Erörterungen würden wir aber die Einsicht
herausgreifen, daß unter einer großen Anzahl von Bedingungen und bei
überraschend viel Individuen die Art und der Wert des Sexualobjektes in den
Hintergrund treten. Etwas anderes ist am Sexualtrieb das Wesentliche und
Konstante(13).
2. Abweichungen in bezug auf das Sexualziel.
Als normales Sexualziel gilt die Vereinigung der Genitalien in dem als
Begattung bezeichneten Akte, der zur Lösung der sexuellen Spannung und zum
zeitweiligen Erlöschen des Sexualtriebes führt (Befriedigung analog der
Sättigung beim Hunger). Doch sind bereits am normalsten Sexualvorgang jene
Ansätze kenntlich, deren Ausbildung zu den Abirrungen führt, die man als
Perversionen beschrieben hat. Es werden nämlich gewisse intermediäre (auf
dem Wege zur Begattung liegende) Beziehungen zum Sexualobjekt, wie das
Betasten und Beschauen desselben, als vorläufige Sexualziele anerkannt. Diese
Betätigungen sind einerseits selbst mit Lust verbunden, anderseits steigern sie
die Erregung, welche bis zur Erreichung des endgültigen Sexualzieles andauern
soll. Eine bestimmte dieser Berührungen, die der beiderseitigen
Lippenschleimhaut, hat ferner als Kuß bei vielen Völkern (die höchstzivilisierten
darunter) einen hohen sexuellen Wert erhalten, obwohl die dabei in Betracht
kommenden Körperteile nicht dem Geschlechtsapparat angehören, sondern den
Eingang zum Verdauungskanal bilden. Hiemit sind also Momente gegeben,
welche die Perversionen an das normale Sexualleben anknüpfen lassen und auch
zur Einteilung derselben verwendbar sind. Die Perversionen sind entweder a)
anatomische Überschreitungen der für die geschlechtliche Vereinigung
bestimmten Körpergebiete oder b) Verweilungen bei den intermediären
Relationen zum Sexualobjekt, die normalerweise auf dem Wege zum
endgültigen Sexualziel rasch durchschritten werden sollen.