Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen.
»Schaff’ mir ein Halstuch von ihrer Brust,
Ein Strumpfband meiner Liebeslust!«
(Faust.)
Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben nach dem Fetisch
über solche Bedingung hinaus fixiert und sich an die Stelle des normalen Zieles
setzt, ferner wenn sich der Fetisch von der bestimmten Person loslöst, zum
alleinigen Sexualobjekt wird. Es sind dies die allgemeinen Bedingungen für das
Übergehen bloßer Variationen des Geschlechtstriebes in pathologische
Verirrungen.
In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Binet zuerst behauptet hat und
dann später durch zahlreiche Belege erwiesen worden ist, der fortwirkende
Einfluß eines zumeist in früher Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes,
was man der sprichwörtlichen Haftfähigkeit einer ersten Liebe beim Normalen
(»On revient toujours à ses premiers amours«) an die Seite stellen darf. Eine
solche Ableitung ist besonders deutlich bei Fällen mit bloß fetischistischer
Bedingtheit des Sexualobjektes. Der Bedeutung frühzeitiger sexueller Eindrücke
werden wir noch an anderer Stelle begegnen(18).
In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht bewußte
symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz des Objektes durch den
Fetisch geführt hat. Die Wege dieser Verbindungen sind nicht immer mit
Sicherheit nachzuweisen (der Fuß ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon im
Mythus(19), »Pelz« verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation mit der
Behaarung des Mons veneris); doch scheint auch solche Symbolik nicht immer
unabhängig von sexuellen Erlebnissen der Kinderzeit(20).
b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen.
Auftreten neuer Absichten.
Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen des normalen
Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken (Impotenz, Kostbarkeit des
Sexualobjektes, Gefahren des Sexualaktes), unterstützen wie begreiflich die
Neigung, bei den vorbereitenden Akten zu verweilen und neue Sexualziele aus
ihnen zu gestalten, die an die Stelle des normalen treten können. Bei näherer
Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend fremdartigsten dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen Sexualvorgang angedeutet sind.
Betasten und Beschauen.
Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den Menschen zur
Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist es allgemein
bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß neuer Erregung anderseits
durch die Berührungsempfindungen von der Haut des Sexualobjektes gewonnen
wird. Somit kann das Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt überhaupt
nur weiter geht, kaum zu den Perversionen gezählt werden.
Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten Sehen. Der
optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die libidinöse Erregung am
häufigsten geweckt wird, und auf dessen Gangbarkeit – wenn diese teleologische
Betrachtungsweise zulässig ist – die Zuchtwahl rechnet, indem sie das
Sexualobjekt sich zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit der Kultur
fortschreitende Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach,
welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen
Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt (»sublimiert«) werden
kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die Körperbildung im
ganzen zu lenken vermag(21). Ein Verweilen bei diesem intermediären
Sexualziel des sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den
meisten Normalen zu, ja es gibt ihnen die Möglichkeit, einen gewissen Betrag
ihrer Libido auf höhere künstlerische Ziele zu richten. Zur Perversion wird die
Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie sich ausschließlich auf die Genitalien
einschränkt, b) wenn sie sich mit der Überwindung des Ekels verbindet
(Voyeurs: Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale
Sexualziel, anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter
Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich nach einer einzigen
Analyse schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um als Gegenleistung die
Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht zu bekommen(22).
Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschautwerden ist, tritt
ein sehr merkwürdiger Charakter hervor, der uns bei der nächstfolgenden
Abirrung noch intensiver beschäftigen wird. Das Sexualziel ist hiebei nämlich in
zweifacher Ausbildung vorhanden, in aktiver und in passiver Form.
Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und eventuell durch sie
aufgehoben wird, ist die Scham (wie vorhin der Ekel).
Sadismus und Masochismus.
Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen und ihr Gegenstück,
diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen, ist in ihren beiden
Gestaltungen, der aktiven und der passiven, von v. Krafft-Ebing als Sadismus
und Masochismus (passiv) benannt worden. Andere Autoren ziehen die engere
Bezeichnung Algolagnie vor, welche die Lust am Schmerz, die Grausamkeit,
betont, während bei den Namen, die v. Krafft-Ebing gewählt hat, die Lust an
jeder Art von Demütigung und Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird.
Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im Normalen
leicht nachzuweisen. Die Sexualität der meisten Männer zeigt eine Beimengung
von Aggression, von Neigung zur Überwältigung, deren biologische Bedeutung
in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Widerstand des Sexualobjekts noch
anders als durch die Akte der Werbung zu überwinden. Der Sadismus entspräche
dann einer selbständig gewordenen, übertriebenen, durch Verschiebung an die
Hauptstelle gerückten aggressiven Komponente des Sexualtriebes.
Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von einer bloß
aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das Sexualobjekt bis zur
ausschließlichen Bindung der Befriedigung an die Unterwerfung und
Mißhandlung desselben. Strenge genommen hat nur der letztere extreme Fall
Anspruch auf den Namen einer Perversion.
In ähnlicher Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven
Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als deren äußerste die
Bindung der Befriedigung an das Erleiden von physischem oder seelischem
Schmerz von Seiten des Sexualobjektes erscheint. Der Masochismus als
Perversion scheint sich vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein
Gegenstück; es darf bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder nicht
vielmehr regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus entsteht. Häufig läßt
sich erkennen, daß der Masochismus nichts anderes ist als eine Fortsetzung des
Sadismus in Wendung gegen die eigene Person, welche dabei zunächst die Stelle
des Sexualobjektes vertritt. Die klinische Analyse extremer Fälle von
masochistischer Perversion führt auf das Zusammenwirken einer großen Reihe
von Momenten, welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung übertreiben
und fixieren. (Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.)
Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem Ekel und der
Scham an, die sich der Libido als Widerstände entgegengestellt hatten.