Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 8 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen.

»Schaff’ mir ein Halstuch von ihrer Brust,

Ein Strumpfband meiner Liebeslust!«

(Faust.)

 

Der pathologische Fall tritt erst ein, wenn sich das Streben nach dem Fetisch

über solche Bedingung hinaus fixiert und sich an die Stelle des normalen Zieles

setzt, ferner wenn sich der Fetisch von der bestimmten Person loslöst, zum

alleinigen Sexualobjekt wird. Es sind dies die allgemeinen Bedingungen für das

Übergehen bloßer Variationen des Geschlechtstriebes in pathologische

Verirrungen.

In der Auswahl des Fetisch zeigt sich, wie Binet zuerst behauptet hat und

dann später durch zahlreiche Belege erwiesen worden ist, der fortwirkende

Einfluß eines zumeist in früher Kindheit empfangenen sexuellen Eindruckes,

was man der sprichwörtlichen Haftfähigkeit einer ersten Liebe beim Normalen

(»On revient toujours à ses premiers amours«) an die Seite stellen darf. Eine

solche Ableitung ist besonders deutlich bei Fällen mit bloß fetischistischer

Bedingtheit des Sexualobjektes. Der Bedeutung frühzeitiger sexueller Eindrücke

werden wir noch an anderer Stelle begegnen(18).

In anderen Fällen ist es eine dem Betroffenen meist nicht bewußte

symbolische Gedankenverbindung, welche zum Ersatz des Objektes durch den

Fetisch geführt hat. Die Wege dieser Verbindungen sind nicht immer mit

Sicherheit nachzuweisen (der Fuß ist ein uraltes sexuelles Symbol, schon im

Mythus(19), »Pelz« verdankt seine Fetischrolle wohl der Assoziation mit der

Behaarung des Mons veneris); doch scheint auch solche Symbolik nicht immer

unabhängig von sexuellen Erlebnissen der Kinderzeit(20).

 

b) Fixierungen von vorläufigen Sexualzielen.

 

Auftreten neuer Absichten.

 

Alle äußeren und inneren Bedingungen, welche das Erreichen des normalen

Sexualzieles erschweren oder in die Ferne rücken (Impotenz, Kostbarkeit des

Sexualobjektes, Gefahren des Sexualaktes), unterstützen wie begreiflich die

Neigung, bei den vorbereitenden Akten zu verweilen und neue Sexualziele aus

ihnen zu gestalten, die an die Stelle des normalen treten können. Bei näherer

Prüfung zeigt sich stets, daß die anscheinend fremdartigsten dieser neuen Absichten doch bereits beim normalen Sexualvorgang angedeutet sind.

 

Betasten und Beschauen.

 

Ein gewisses Maß von Tasten ist wenigstens für den Menschen zur

Erreichung des normalen Sexualzieles unerläßlich. Auch ist es allgemein

bekannt, welche Lustquelle einerseits, welcher Zufluß neuer Erregung anderseits

durch die Berührungsempfindungen von der Haut des Sexualobjektes gewonnen

wird. Somit kann das Verweilen beim Betasten, falls der Sexualakt überhaupt

nur weiter geht, kaum zu den Perversionen gezählt werden.

Ähnlich ist es mit dem in letzter Linie vom Tasten abgeleiteten Sehen. Der

optische Eindruck bleibt der Weg, auf dem die libidinöse Erregung am

häufigsten geweckt wird, und auf dessen Gangbarkeit – wenn diese teleologische

Betrachtungsweise zulässig ist – die Zuchtwahl rechnet, indem sie das

Sexualobjekt sich zur Schönheit entwickeln läßt. Die mit der Kultur

fortschreitende Verhüllung des Körpers hält die sexuelle Neugierde wach,

welche danach strebt, sich das Sexualobjekt durch Enthüllung der verborgenen

Teile zu ergänzen, die aber ins Künstlerische abgelenkt (»sublimiert«) werden

kann, wenn man ihr Interesse von den Genitalien weg auf die Körperbildung im

ganzen zu lenken vermag(21). Ein Verweilen bei diesem intermediären

Sexualziel des sexuell betonten Schauens kommt in gewissem Grade den

meisten Normalen zu, ja es gibt ihnen die Möglichkeit, einen gewissen Betrag

ihrer Libido auf höhere künstlerische Ziele zu richten. Zur Perversion wird die

Schaulust im Gegenteil, a) wenn sie sich ausschließlich auf die Genitalien

einschränkt, b) wenn sie sich mit der Überwindung des Ekels verbindet

(Voyeurs: Zuschauer bei den Exkretionsfunktionen), c) wenn sie das normale

Sexualziel, anstatt es vorzubereiten, verdrängt. Letzteres ist in ausgeprägter

Weise bei den Exhibitionisten der Fall, die, wenn ich nach einer einzigen

Analyse schließen darf, ihre Genitalien zeigen, um als Gegenleistung die

Genitalien des anderen Teiles zu Gesicht zu bekommen(22).

Bei der Perversion, deren Streben das Schauen und Beschautwerden ist, tritt

ein sehr merkwürdiger Charakter hervor, der uns bei der nächstfolgenden

Abirrung noch intensiver beschäftigen wird. Das Sexualziel ist hiebei nämlich in

zweifacher Ausbildung vorhanden, in aktiver und in passiver Form.

Die Macht, welche der Schaulust entgegensteht und eventuell durch sie

aufgehoben wird, ist die Scham (wie vorhin der Ekel).

Sadismus und Masochismus.

 

 

Die Neigung, dem Sexualobjekt Schmerz zuzufügen und ihr Gegenstück,

diese häufigste und bedeutsamste aller Perversionen, ist in ihren beiden

Gestaltungen, der aktiven und der passiven, von v. Krafft-Ebing als Sadismus

und Masochismus (passiv) benannt worden. Andere Autoren ziehen die engere

Bezeichnung Algolagnie vor, welche die Lust am Schmerz, die Grausamkeit,

betont, während bei den Namen, die v. Krafft-Ebing gewählt hat, die Lust an

jeder Art von Demütigung und Unterwerfung in den Vordergrund gestellt wird.

Für die aktive Algolagnie, den Sadismus, sind die Wurzeln im Normalen

leicht nachzuweisen. Die Sexualität der meisten Männer zeigt eine Beimengung

von Aggression, von Neigung zur Überwältigung, deren biologische Bedeutung

in der Notwendigkeit liegen dürfte, den Widerstand des Sexualobjekts noch

anders als durch die Akte der Werbung zu überwinden. Der Sadismus entspräche

dann einer selbständig gewordenen, übertriebenen, durch Verschiebung an die

Hauptstelle gerückten aggressiven Komponente des Sexualtriebes.

Der Begriff des Sadismus schwankt im Sprachgebrauch von einer bloß

aktiven, sodann gewalttätigen, Einstellung gegen das Sexualobjekt bis zur

ausschließlichen Bindung der Befriedigung an die Unterwerfung und

Mißhandlung desselben. Strenge genommen hat nur der letztere extreme Fall

Anspruch auf den Namen einer Perversion.

In ähnlicher Weise umfaßt die Bezeichnung Masochismus alle passiven

Einstellungen zum Sexualleben und Sexualobjekt, als deren äußerste die

Bindung der Befriedigung an das Erleiden von physischem oder seelischem

Schmerz von Seiten des Sexualobjektes erscheint. Der Masochismus als

Perversion scheint sich vom normalen Sexualziel weiter zu entfernen als sein

Gegenstück; es darf bezweifelt werden, ob er jemals primär auftritt oder nicht

vielmehr regelmäßig durch Umbildung aus dem Sadismus entsteht. Häufig läßt

sich erkennen, daß der Masochismus nichts anderes ist als eine Fortsetzung des

Sadismus in Wendung gegen die eigene Person, welche dabei zunächst die Stelle

des Sexualobjektes vertritt. Die klinische Analyse extremer Fälle von

masochistischer Perversion führt auf das Zusammenwirken einer großen Reihe

von Momenten, welche die ursprüngliche passive Sexualeinstellung übertreiben

und fixieren. (Kastrationskomplex, Schuldbewußtsein.)

Der Schmerz, der hiebei überwunden wird, reiht sich dem Ekel und der

Scham an, die sich der Libido als Widerstände entgegengestellt hatten.