Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 23 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust.

mit gutem Rechte als Entwicklungshemmungen zu betrachten.

 

Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust.

 

Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und Endziel klar

vor unseren Augen. Die vermittelnden Übergänge sind uns noch vielfach dunkel;

wir werden an ihnen mehr als ein Rätsel bestehen lassen müssen.

Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum Wesentlichen

derselben gewählt, das manifeste Wachstum der äußeren Genitalien, an denen

sich die Latenzperiode der Kindheit durch relative Wachstumshemmung

geäußert hatte. Gleichzeitig ist die Entwicklung der inneren Genitalien so weit

vorgeschritten, daß sie Geschlechtsprodukte zu liefern, respektive zur Gestaltung

eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermögen. Ein höchst komplizierter

Apparat ist so fertig geworden, der seiner Inanspruchnahme harrt.

Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden und nun läßt uns

die Beobachtung erkennen, daß Reize ihn auf dreierlei Wegen angreifen können,

von der Außenwelt her durch Erregung der uns schon bekannten erogenen

Zonen, von dem organischen Innern her auf noch zu erforschenden Wegen und

von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungsstätte äußerer

Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen darstellt. Auf allen drei

Wegen wird das nämliche hervorgerufen, ein Zustand, der als »sexuelle

Erregtheit« bezeichnet wird und sich durch zweierlei Zeichen kundgibt,

seelische und somatische. Das seelische Anzeichen besteht in einem

eigentümlichen Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den

mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von Veränderungen

an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn haben, den der Bereitschaft,

der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die Erektion des männlichen Gliedes, das

Feuchtwerden der Scheide.)

 

Die Sexualspannung.

 

An den Spannungscharakter der sexuellen Erregtheit knüpft ein Problem an,

dessen Lösung ebenso schwierig wie für die Auffassung der Sexualvorgänge bedeutsam wäre. Trotz aller in der Psychologie darüber herrschenden

Meinungsverschiedenheiten muß ich daran festhalten, daß ein Spannungsgefühl

den Unlustcharakter an sich tragen muß. Für mich ist entscheidend, daß ein

solches Gefühl den Drang nach Veränderung der psychischen Situation mit sich

bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der empfundenen Lust völlig fremd ist.

Rechnet man aber die Spannung der sexuellen Erregtheit zu den Unlustgefühlen,

so stößt man sich an der Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft lustvoll

empfunden wird. Überall ist bei der durch die Sexualvorgänge erzeugten

Spannung Lust dabei; selbst bei den Vorbereitungsveränderungen der Genitalien

ist eine Art von Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese

Unlustspannung und dieses Lustgefühl zusammen?

Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt, rührt an eine

der wundesten Stellen der heutigen Psychologie. Wir wollen versuchen,

möglichst aus den Bedingungen des uns vorliegenden Falles zu lernen und es

vermeiden, dem Problem in seiner Gänze näher zu treten. Werfen wir zunächst

einen Blick auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen Ordnung

einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der sexuellen

Erregung zu. Die dem Sexualobjekt entlegenste, das Auge, kommt unter den

Verhältnissen der Objektwerbung am häufigsten in die Lage, durch jene

besondere Qualität der Erregung, deren Anlaß wir am Sexualobjekt als

Schönheit bezeichnen, gereizt zu werden. Die Vorgänge des Sexualobjektes

werden darum auch »Reize« geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits

Lust verbunden, andererseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregtheit oder

ein Hervorrufen derselben, wo sie noch fehlt, ihre Folge. Kommt die Erregung

einer anderen erogenen Zone, z. B. der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt

der gleiche, Lustempfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den

Bereitschaftsveränderungen verstärkt, weitere Steigerung der Sexualspannung

andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht, wenn ihr nicht gestattet

wird, weitere Lust herbeizuführen. Durchsichtiger ist vielleicht noch ein anderer

Fall, wenn z. B. bei einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa

die Brusthaut eines Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese Berührung ruft

bereits ein Lustgefühl hervor, ist aber gleichzeitig wie nichts anderes geeignet,

die sexuelle Erregung zu wecken, die nach einem Mehr von Lust verlangt. Wie

es zugeht, daß die empfundene Lust das Bedürfnis nach größerer Lust

hervorruft, das ist eben das Problem.

Vorlustmechanismus.

 

Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufällt, ist klar. Was für eine

galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu verwendet, durch ihre geeignete

Reizung einen gewissen Betrag von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der

Spannung ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische Energie aufzubringen

hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das vorletzte Stück desselben ist

wiederum die geeignete Reizung einer erogenen Zone, der Genitalzone selbst an

der Glans Penis, durch das dazu geeignetste Objekt, die Schleimhaut der

Scheide, und unter der Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf

reflektorischem Wege die motorische Energie gewonnen, welche die

Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust ist ihrer

Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus von der früheren verschieden.

Sie wird ganz durch Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und

mit ihr erlischt zeitweilig die Spannung der Libido.

Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem Wesen der Lust

durch Erregung erogener Zonen und der anderen bei Entleerung der Sexualstoffe

durch eine Namengebung zu fixieren. Die erstere kann passend als Vorlust

bezeichnet werden im Gegensatz zur Endlust oder Befriedigungslust der

Sexualtätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der infantile

Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße, ergeben konnte; die Endlust ist

neu, also wahrscheinlich an Bedingungen geknüpft, die erst mit der Pubertät

eingetreten sind. Die Formel für die neue Funktion der erogenen Zonen lautete

nun: Sie werden dazu verwendet, um mittels der von ihnen wie im infantilen

Leben zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren

Befriedigungslust zu ermöglichen.

Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz verschiedenen

Gebiet des seelischen Geschehens erläutern können, in welchem gleichfalls ein

größerer Lusteffekt vermöge einer geringfügigeren Lustempfindung, die dabei

wie eine Verlockungsprämie wirkt, erzielt wird. Dort ergab sich auch die

Gelegenheit, auf das Wesen der Lust näher einzugehen(61).

 

Gefahren der Vorlust.

 

Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Sexualleben wird

durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen kann, bekräftigt. Aus dem Mechanismus, in den die Vorlust aufgenommen ist, ergibt sich für die