Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust.
mit gutem Rechte als Entwicklungshemmungen zu betrachten.
Das Primat der Genitalzonen und die Vorlust.
Von dem beschriebenen Entwicklungsgang liegen Ausgang und Endziel klar
vor unseren Augen. Die vermittelnden Übergänge sind uns noch vielfach dunkel;
wir werden an ihnen mehr als ein Rätsel bestehen lassen müssen.
Man hat das Auffälligste an den Pubertätsvorgängen zum Wesentlichen
derselben gewählt, das manifeste Wachstum der äußeren Genitalien, an denen
sich die Latenzperiode der Kindheit durch relative Wachstumshemmung
geäußert hatte. Gleichzeitig ist die Entwicklung der inneren Genitalien so weit
vorgeschritten, daß sie Geschlechtsprodukte zu liefern, respektive zur Gestaltung
eines neuen Lebewesens aufzunehmen vermögen. Ein höchst komplizierter
Apparat ist so fertig geworden, der seiner Inanspruchnahme harrt.
Dieser Apparat soll durch Reize in Gang gebracht werden und nun läßt uns
die Beobachtung erkennen, daß Reize ihn auf dreierlei Wegen angreifen können,
von der Außenwelt her durch Erregung der uns schon bekannten erogenen
Zonen, von dem organischen Innern her auf noch zu erforschenden Wegen und
von dem Seelenleben aus, welches selbst eine Aufbewahrungsstätte äußerer
Eindrücke und eine Aufnahmsstelle innerer Erregungen darstellt. Auf allen drei
Wegen wird das nämliche hervorgerufen, ein Zustand, der als »sexuelle
Erregtheit« bezeichnet wird und sich durch zweierlei Zeichen kundgibt,
seelische und somatische. Das seelische Anzeichen besteht in einem
eigentümlichen Spannungsgefühl von höchst drängendem Charakter; unter den
mannigfaltigen körperlichen steht an erster Stelle eine Reihe von Veränderungen
an den Genitalien, die einen unzweifelhaften Sinn haben, den der Bereitschaft,
der Vorbereitung zum Sexualakt. (Die Erektion des männlichen Gliedes, das
Feuchtwerden der Scheide.)
Die Sexualspannung.
An den Spannungscharakter der sexuellen Erregtheit knüpft ein Problem an,
dessen Lösung ebenso schwierig wie für die Auffassung der Sexualvorgänge bedeutsam wäre. Trotz aller in der Psychologie darüber herrschenden
Meinungsverschiedenheiten muß ich daran festhalten, daß ein Spannungsgefühl
den Unlustcharakter an sich tragen muß. Für mich ist entscheidend, daß ein
solches Gefühl den Drang nach Veränderung der psychischen Situation mit sich
bringt, treibend wirkt, was dem Wesen der empfundenen Lust völlig fremd ist.
Rechnet man aber die Spannung der sexuellen Erregtheit zu den Unlustgefühlen,
so stößt man sich an der Tatsache, daß dieselbe unzweifelhaft lustvoll
empfunden wird. Überall ist bei der durch die Sexualvorgänge erzeugten
Spannung Lust dabei; selbst bei den Vorbereitungsveränderungen der Genitalien
ist eine Art von Befriedigungsgefühl deutlich. Wie hängen nun diese
Unlustspannung und dieses Lustgefühl zusammen?
Alles, was mit dem Lust- und Unlustproblem zusammenhängt, rührt an eine
der wundesten Stellen der heutigen Psychologie. Wir wollen versuchen,
möglichst aus den Bedingungen des uns vorliegenden Falles zu lernen und es
vermeiden, dem Problem in seiner Gänze näher zu treten. Werfen wir zunächst
einen Blick auf die Art, wie die erogenen Zonen sich der neuen Ordnung
einfügen. Ihnen fällt eine wichtige Rolle bei der Einleitung der sexuellen
Erregung zu. Die dem Sexualobjekt entlegenste, das Auge, kommt unter den
Verhältnissen der Objektwerbung am häufigsten in die Lage, durch jene
besondere Qualität der Erregung, deren Anlaß wir am Sexualobjekt als
Schönheit bezeichnen, gereizt zu werden. Die Vorgänge des Sexualobjektes
werden darum auch »Reize« geheißen. Mit dieser Reizung ist einerseits bereits
Lust verbunden, andererseits ist eine Steigerung der sexuellen Erregtheit oder
ein Hervorrufen derselben, wo sie noch fehlt, ihre Folge. Kommt die Erregung
einer anderen erogenen Zone, z. B. der tastenden Hand, hinzu, so ist der Effekt
der gleiche, Lustempfindung einerseits, die sich bald durch die Lust aus den
Bereitschaftsveränderungen verstärkt, weitere Steigerung der Sexualspannung
andererseits, die bald in deutlichste Unlust übergeht, wenn ihr nicht gestattet
wird, weitere Lust herbeizuführen. Durchsichtiger ist vielleicht noch ein anderer
Fall, wenn z. B. bei einer sexuell nicht erregten Person eine erogene Zone, etwa
die Brusthaut eines Weibes, durch Berührung gereizt wird. Diese Berührung ruft
bereits ein Lustgefühl hervor, ist aber gleichzeitig wie nichts anderes geeignet,
die sexuelle Erregung zu wecken, die nach einem Mehr von Lust verlangt. Wie
es zugeht, daß die empfundene Lust das Bedürfnis nach größerer Lust
hervorruft, das ist eben das Problem.
Vorlustmechanismus.
Die Rolle aber, die dabei den erogenen Zonen zufällt, ist klar. Was für eine
galt, gilt für alle. Sie werden sämtlich dazu verwendet, durch ihre geeignete
Reizung einen gewissen Betrag von Lust zu liefern, von dem die Steigerung der
Spannung ausgeht, welche ihrerseits die nötige motorische Energie aufzubringen
hat, um den Sexualakt zu Ende zu führen. Das vorletzte Stück desselben ist
wiederum die geeignete Reizung einer erogenen Zone, der Genitalzone selbst an
der Glans Penis, durch das dazu geeignetste Objekt, die Schleimhaut der
Scheide, und unter der Lust, welche diese Erregung gewährt, wird diesmal auf
reflektorischem Wege die motorische Energie gewonnen, welche die
Herausbeförderung der Geschlechtsstoffe besorgt. Diese letzte Lust ist ihrer
Intensität nach die höchste, in ihrem Mechanismus von der früheren verschieden.
Sie wird ganz durch Entlastung hervorgerufen, ist ganz Befriedigungslust und
mit ihr erlischt zeitweilig die Spannung der Libido.
Es scheint mir nicht unberechtigt, diesen Unterschied in dem Wesen der Lust
durch Erregung erogener Zonen und der anderen bei Entleerung der Sexualstoffe
durch eine Namengebung zu fixieren. Die erstere kann passend als Vorlust
bezeichnet werden im Gegensatz zur Endlust oder Befriedigungslust der
Sexualtätigkeit. Die Vorlust ist dann dasselbe, was bereits der infantile
Sexualtrieb, wenngleich in verjüngtem Maße, ergeben konnte; die Endlust ist
neu, also wahrscheinlich an Bedingungen geknüpft, die erst mit der Pubertät
eingetreten sind. Die Formel für die neue Funktion der erogenen Zonen lautete
nun: Sie werden dazu verwendet, um mittels der von ihnen wie im infantilen
Leben zu gewinnenden Vorlust die Herbeiführung der größeren
Befriedigungslust zu ermöglichen.
Ich habe vor kurzem ein anderes Beispiel, aus einem ganz verschiedenen
Gebiet des seelischen Geschehens erläutern können, in welchem gleichfalls ein
größerer Lusteffekt vermöge einer geringfügigeren Lustempfindung, die dabei
wie eine Verlockungsprämie wirkt, erzielt wird. Dort ergab sich auch die
Gelegenheit, auf das Wesen der Lust näher einzugehen(61).
Gefahren der Vorlust.
Der Zusammenhang der Vorlust aber mit dem infantilen Sexualleben wird
durch die pathogene Rolle, die ihr zufallen kann, bekräftigt. Aus dem Mechanismus, in den die Vorlust aufgenommen ist, ergibt sich für die