Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 12 von 28

PDF-Seiten

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser Sexualität bei den Psychoneurosen.

deren Beziehung zu ihren somatischen Quellen und ihren Zielen. Die Quelle des

Triebes ist ein erregender Vorgang in einem Organ und das nächste Ziel des

Triebes liegt in der Aufhebung dieses Organreizes.

Eine weitere vorläufige Annahme in der Trieblehre, welcher wir uns nicht

entziehen können, besagt, daß von den Körperorganen Erregungen von zweierlei

Art geliefert werden, die in Differenzen chemischer Natur begründet sind. Die

eine dieser Arten von Erregung bezeichnen wir als die spezifisch sexuelle und

das betreffende Organ als die »erogene Zone« des von ihm ausgehenden

sexuellen Partialtriebes(32).

Bei den Perversionsneigungen, die für Mundhöhle und Afteröffnung sexuelle

Bedeutung in Anspruch nehmen, ist die Rolle der erogenen Zone ohneweiters

ersichtlich. Dieselbe benimmt sich in jeder Hinsicht wie ein Stück des

Geschlechtsapparates. Bei der Hysterie werden diese Körperstellen und die von

ihnen ausgehenden Schleimhauttrakte in ganz ähnlicher Weise der Sitz von

neuen Sensationen und Innervationsänderungen – ja von Vorgängen, die man der

Erektion vergleichen kann – wie die eigentlichen Genitalien unter den

Erregungen der normalen Geschlechtsvorgänge.

Die Bedeutung der erogenen Zonen als Nebenapparate und Surrogate der

Genitalien tritt unter den Psychoneurosen bei der Hysterie am deutlichsten

hervor, womit aber nicht behauptet werden soll, daß sie für die anderen

Erkrankungsformen geringer einzuschätzen ist. Sie ist hier nur unkenntlicher,

weil sich bei diesen (Zwangsneurose, Paranoia) die Symptombildung in

Regionen des seelischen Apparates vollzieht, die weiter ab von den

Zentralstellen für die Körperbeherrschung liegen. Bei der Zwangsneurose ist die

Bedeutung der Impulse, welche neue Sexualziele schaffen und von erogenen

Zonen unabhängig erscheinen, das Auffälligere. Doch entspricht bei der Schau-

und Exhibitionslust das Auge einer erogenen Zone, bei der Schmerz- und

Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes ist es die Haut, welche die gleiche

Rolle übernimmt, die Haut, die sich an besonderen Körperstellen zu

Sinnesorganen differenziert und zur Schleimhaut modifiziert hat, also die

erogene Zone κατ’ ἐξοχήν(33).

 

Erklärung des scheinbaren Überwiegens perverser Sexualität bei den

Psychoneurosen.

Durch die vorstehenden Erörterungen ist die Sexualität der Psychoneurotiker

in ein möglicherweise falsches Licht gerückt worden. Es hat den Anschein

bekommen, als näherten sich die Psychoneurotiker in ihrem sexuellen Verhalten

der Anlage nach sehr den Perversen und entfernten sich dafür um ebensoviel von

den Normalen. Nun ist sehr wohl möglich, daß die konstitutionelle Disposition

dieser Kranken außer einem übergroßen Maß von Sexualverdrängung und einer

übermächtigen Stärke des Sexualtriebes eine ungewöhnliche Neigung zur

Perversion im weitesten Sinne mitenthält, allein die Untersuchung leichterer

Fälle zeigt, daß letztere Annahme nicht unbedingt erforderlich ist, oder daß zum

mindesten bei der Beurteilung der krankhaften Effekte die Wirkung eines

Faktors in Abzug gebracht werden muß. Bei den meisten Psychoneurotikern tritt

die Erkrankung erst nach der Pubertätszeit auf unter der Anforderung des

normalen Sexuallebens. Gegen dieses richtet sich vor allem die Verdrängung.

Oder spätere Erkrankungen stellen sich her, indem der Libido auf normalem

Wege die Befriedigung versagt wird. In beiden Fällen verhält sich die Libido wie

ein Strom, dessen Hauptbett verlegt wird; sie füllt die kollateralen Wege aus, die

bisher vielleicht leer geblieben waren. Somit kann auch die scheinbar so große

(allerdings negative) Perversionsneigung der Psychoneurotiker eine kollateral

bedingte, muß jedenfalls eine kollateral erhöhte sein. Die Tatsache ist eben, daß

man die Sexualverdrängung als inneres Moment jenen äußeren anreihen muß,

welche wie Freiheitseinschränkung, Unzugänglichkeit des normalen

Sexualobjekts, Gefahren des normalen Sexualaktes usw. Perversionen bei

Individuen entstehen lassen, welche sonst vielleicht normal geblieben wären.

In den einzelnen Fällen von Neurose mag es sich hierin verschieden

verhalten, das einemal die angeborene Höhe der Perversionsneigung, das

anderemal die kollaterale Hebung derselben durch die Abdrängung der Libido

vom normalen Sexualziel und Sexualobjekt das Maßgebendere sein. Es wäre

unrecht, eine Gegensätzlichkeit zu konstruieren, wo ein Kooperationsverhältnis

vorliegt. Ihre größten Leistungen wird die Neurose jedesmal zustande bringen,

wenn Konstitution und Erleben in demselben Sinne zusammenwirken. Eine

ausgesprochene Konstitution wird etwa der Unterstützung durch die

Lebenseindrücke entbehren können, eine ausgiebige Erschütterung im Leben

etwa die Neurose auch bei durchschnittlicher Konstitution zustande bringen.

Diese Gesichtspunkte gelten übrigens in gleicher Weise für die ätiologische

Bedeutung von Angeborenem und akzidentell Erlebtem auch auf anderen

Gebieten.

Bevorzugt man die Annahme, daß eine besonders ausgebildete Neigung zu Perversionen doch zu den Eigentümlichkeiten der psychoneurotischen