Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 15 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen.

zurückgeführt worden ist. Wenn nicht am Ende die infantile Amnesie selbst

wieder mit den sexuellen Regungen der Kindheit in Beziehung zu bringen ist!

Es ist übrigens mehr als ein bloßes Spiel des Witzes, die infantile Amnesie

mit der hysterischen zu verknüpfen. Die hysterische Amnesie, die der

Verdrängung dient, wird nur durch den Umstand erklärlich, daß das Individuum

bereits einen Schatz von Erinnerungsspuren besitzt, welche der bewußten

Verfügung entzogen sind, und die nun mit assoziativer Bindung das an sich

reißen, worauf vom Bewußten her die abstoßenden Kräfte der Verdrängung

wirken(37). Ohne infantile Amnesie, kann man sagen, gäbe es keine hysterische

Amnesie.

Ich meine nun, daß die infantile Amnesie, die für jeden einzelnen seine

Kindheit zu einer gleichsam prähistorischen Vorzeit macht und ihm die Anfänge

seines eigenen Geschlechtslebens verdeckt, die Schuld daran trägt, wenn man

der kindlichen Lebensperiode einen Wert für die Entwicklung des Sexuallebens

im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner Beobachter kann die so entstandene

Lücke in unserem Wissen nicht ausfüllen. Ich habe bereits 1896 die Bedeutung

der Kinderjahre für die Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben

abhängiger Phänomene betont und seither nicht aufgehört, das infantile Moment

für die Sexualität in den Vordergrund zu rücken.

 

Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen.

 

Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regelwidrigen und

ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit sowie die Aufdeckung der

bis dahin unbewußten Kindheitserinnerungen der Neurotiker gestatten etwa

folgendes Bild von dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen(38):

Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen Regungen

mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln, dann aber einer

fortschreitenden Unterdrückung unterliegen, welche selbst wieder durch

regelrechte Vorstöße der Sexualentwicklung durchbrochen und durch

individuelle Eigenheiten aufgehalten werden kann. Über die Gesetzmäßigkeit

und die Periodizität dieses oszillierenden Entwicklungsganges ist nichts

Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß das Sexualleben der Kinder sich

zumeist um das dritte oder vierte Lebensjahr in einer der Beobachtung

zugänglichen Form zum Ausdruck bringt(39).

 

Die Sexualhemmungen.

 

Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz werden die

seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den

Weg treten und gleich wie Dämme seine Richtung beengen werden (der Ekel,

das Schamgefühl, die ästhetischen und moralischen Idealanforderungen). Man

gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme ein

Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In

Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch bedingte, hereditär fixierte

und kann sich gelegentlich ganz ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die

Erziehung verbleibt durchaus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie

sich darauf einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es

etwas sauberer und tiefer auszuprägen.

 

Reaktionsbildung und Sublimierung.

 

Mit welchen Mitteln werden diese, für die spätere persönliche Kultur und

Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt? Wahrscheinlich auf

Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, deren Zufluß also auch in dieser

Latenzperiode nicht aufgehört hat, deren Energie aber – ganz oder zum größten

Teil – von der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zugeführt

wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, daß durch solche

Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue

Ziele, ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige

Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden. Wir würden

also hinzufügen, daß der nämliche Prozeß in der Entwicklung des einzelnen

Individuums spielt und seinen Beginn in die sexuelle Latenzperiode der Kindheit

verlegen(40).

Auch über den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann man eine

Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser Kinderjahre wären einerseits

unverwendbar, da die Fortpflanzungsfunktionen aufgeschoben sind, was den

Hauptcharakter der Latenzperiode ausmacht, anderseits wären sie an sich

pervers, d. h. von erogenen Zonen ausgehend und von Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung des Individuums nur Unlustempfindungen