Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen.
zurückgeführt worden ist. Wenn nicht am Ende die infantile Amnesie selbst
wieder mit den sexuellen Regungen der Kindheit in Beziehung zu bringen ist!
Es ist übrigens mehr als ein bloßes Spiel des Witzes, die infantile Amnesie
mit der hysterischen zu verknüpfen. Die hysterische Amnesie, die der
Verdrängung dient, wird nur durch den Umstand erklärlich, daß das Individuum
bereits einen Schatz von Erinnerungsspuren besitzt, welche der bewußten
Verfügung entzogen sind, und die nun mit assoziativer Bindung das an sich
reißen, worauf vom Bewußten her die abstoßenden Kräfte der Verdrängung
wirken(37). Ohne infantile Amnesie, kann man sagen, gäbe es keine hysterische
Amnesie.
Ich meine nun, daß die infantile Amnesie, die für jeden einzelnen seine
Kindheit zu einer gleichsam prähistorischen Vorzeit macht und ihm die Anfänge
seines eigenen Geschlechtslebens verdeckt, die Schuld daran trägt, wenn man
der kindlichen Lebensperiode einen Wert für die Entwicklung des Sexuallebens
im allgemeinen nicht zutraut. Ein einzelner Beobachter kann die so entstandene
Lücke in unserem Wissen nicht ausfüllen. Ich habe bereits 1896 die Bedeutung
der Kinderjahre für die Entstehung gewisser wichtiger, vom Geschlechtsleben
abhängiger Phänomene betont und seither nicht aufgehört, das infantile Moment
für die Sexualität in den Vordergrund zu rücken.
Die sexuelle Latenzperiode der Kindheit und ihre Durchbrechungen.
Die außerordentlich häufigen Befunde von angeblich regelwidrigen und
ausnahmsartigen sexuellen Regungen in der Kindheit sowie die Aufdeckung der
bis dahin unbewußten Kindheitserinnerungen der Neurotiker gestatten etwa
folgendes Bild von dem sexuellen Verhalten der Kinderzeit zu entwerfen(38):
Es scheint gewiß, daß das Neugeborene Keime von sexuellen Regungen
mitbringt, die sich eine Zeitlang weiter entwickeln, dann aber einer
fortschreitenden Unterdrückung unterliegen, welche selbst wieder durch
regelrechte Vorstöße der Sexualentwicklung durchbrochen und durch
individuelle Eigenheiten aufgehalten werden kann. Über die Gesetzmäßigkeit
und die Periodizität dieses oszillierenden Entwicklungsganges ist nichts
Gesichertes bekannt. Es scheint aber, daß das Sexualleben der Kinder sich
zumeist um das dritte oder vierte Lebensjahr in einer der Beobachtung
zugänglichen Form zum Ausdruck bringt(39).
Die Sexualhemmungen.
Während dieser Periode totaler oder bloß partieller Latenz werden die
seelischen Mächte aufgebaut, die später dem Sexualtrieb als Hemmnisse in den
Weg treten und gleich wie Dämme seine Richtung beengen werden (der Ekel,
das Schamgefühl, die ästhetischen und moralischen Idealanforderungen). Man
gewinnt beim Kulturkinde den Eindruck, daß der Aufbau dieser Dämme ein
Werk der Erziehung ist, und sicherlich tut die Erziehung viel dazu. In
Wirklichkeit ist diese Entwicklung eine organisch bedingte, hereditär fixierte
und kann sich gelegentlich ganz ohne Mithilfe der Erziehung herstellen. Die
Erziehung verbleibt durchaus in dem ihr angewiesenen Machtbereich, wenn sie
sich darauf einschränkt, das organisch Vorgezeichnete nachzuziehen und es
etwas sauberer und tiefer auszuprägen.
Reaktionsbildung und Sublimierung.
Mit welchen Mitteln werden diese, für die spätere persönliche Kultur und
Normalität so bedeutsamen Konstruktionen aufgeführt? Wahrscheinlich auf
Kosten der infantilen Sexualregungen selbst, deren Zufluß also auch in dieser
Latenzperiode nicht aufgehört hat, deren Energie aber – ganz oder zum größten
Teil – von der sexuellen Verwendung abgeleitet und anderen Zwecken zugeführt
wird. Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, daß durch solche
Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue
Ziele, ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige
Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden. Wir würden
also hinzufügen, daß der nämliche Prozeß in der Entwicklung des einzelnen
Individuums spielt und seinen Beginn in die sexuelle Latenzperiode der Kindheit
verlegen(40).
Auch über den Mechanismus einer solchen Sublimierung kann man eine
Vermutung wagen. Die sexuellen Regungen dieser Kinderjahre wären einerseits
unverwendbar, da die Fortpflanzungsfunktionen aufgeschoben sind, was den
Hauptcharakter der Latenzperiode ausmacht, anderseits wären sie an sich
pervers, d. h. von erogenen Zonen ausgehend und von Trieben getragen, welche bei der Entwicklungsrichtung des Individuums nur Unlustempfindungen