Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Differenzierung von Mann und Weib.
einbezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als der in der
ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die späteren Aussendungen
der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist.
Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psychotischen
Störungen müßte sein, alle beobachteten Phänomene und erschlossenen
Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie auszudrücken. Es ist leicht zu
erraten, daß den Schicksalen der Ichlibido dabei die größere Bedeutung zufallen
wird, besonders wo es sich um die Erklärung der tieferen psychotischen
Störungen handelt. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß das Mittel unserer
Untersuchung, die Psychoanalyse, uns vorläufig nur über die Wandlungen an der
Objektlibido sichere Auskunft bringt, die Ichlibido aber von den anderen im Ich
wirkenden Energien nicht ohneweiters zu scheiden vermag(63). Eine
Fortführung der Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege der
Spekulation möglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus der bisherigen
psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach dem Vorgang von C. G. Jung
den Begriff der Libido selbst verflüchtigt, indem man sie mit der psychischen
Triebkraft überhaupt zusammenfallen läßt.
Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen und somit die
Einschränkung des Begriffes Libido auf diese ersteren findet eine starke
Unterstützung in der vorhin erörterten Annahme eines besonderen Chemismus
der Sexualfunktion.
Differenzierung von Mann und Weib.
Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe Sonderung des
männlichen und weiblichen Charakters herstellt, ein Gegensatz, der dann wie
kein anderer die Lebensgestaltung der Menschen entscheidend beeinflußt.
Männliche und weibliche Anlage sind allerdings schon im Kindesalter gut
kenntlich; die Entwicklung der Sexualitätshemmungen (Scham, Ekel, Mitleid
usw.) erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger und gegen geringeren
Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur Sexualverdrängung erscheint
überhaupt größer; wo sich Partialtriebe der Sexualität bemerkbar machen,
bevorzugen sie die passive Form. Die autoerotische Betätigung der erogenen
Zonen ist aber bei beiden Geschlechtern die nämliche und durch diese Übereinstimmung ist die Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er
sich nach der Pubertät herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit Rücksicht auf
die autoerotischen und masturbatorischen Sexualäußerungen könnte man den
Satz aufstellen, die Sexualität der kleinen Mädchen habe durchaus männlichen
Charakter. Ja, wüßte man den Begriffen »männlich und weiblich« einen
bestimmteren Inhalt zu geben, so ließe sich auch die Behauptung vertreten, die
Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur, ob sie nun beim
Manne oder beim Weibe vorkomme und, abgesehen von ihrem Objekt, mag dies
der Mann oder das Weib sein(64).
Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualität bekannt geworden bin,
halte ich dieses Moment für das hier maßgebende und meine, ohne der
Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man kaum zum Verständnis der
tatsächlich zu beobachtenden Sexualäußerungen von Mann und Weib gelangen
können.
Leitzonen bei Mann und Weib.
Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen: Die
leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an der Klitoris gelegen,
der männlichen Genitalzone an der Eichel also homolog. Alles, was ich über
Masturbation bei kleinen Mädchen in Erfahrung bringen konnte, betraf die
Klitoris und nicht die für die späteren Geschlechtsfunktionen bedeutsamen
Partien des äußeren Genitales. Ich zweifle selbst daran, daß das weibliche Kind
unter dem Einflusse der Verführung zu etwas anderem als zur
Klitorismasturbation gelangen kann, es sei denn ganz ausnahmsweise. Die
gerade bei kleinen Mädchen so häufigen Spontanentladungen der sexuellen
Erregtheit äußern sich in Zuckungen der Klitoris, und die häufigen Erektionen
derselben ermöglichen es den Mädchen, die Sexualäußerungen des anderen
Geschlechtes richtig auch ohne Unterweisung zu beurteilen, indem sie einfach
die Empfindungen der eigenen Sexualvorgänge auf die Knaben übertragen.
Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen, so muß man die
weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit verfolgen. Die Pubertät, welche
dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet sich für das
Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungswelle, von der gerade die
Klitorissexualität betroffen wird. Es ist ein Stück männlichen Sexuallebens, was
dabei der Verdrängung verfällt. Die bei dieser Pubertätsverdrängung des Weibes geschaffene Verstärkung der Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz für die