Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 26 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Differenzierung von Mann und Weib.

einbezogen werden, die narzißtische Libidobesetzung des Ichs als der in der

ersten Kindheit realisierte Urzustand, welcher durch die späteren Aussendungen

der Libido nur verdeckt wird, im Grunde hinter denselben erhalten geblieben ist.

Die Aufgabe einer Libidotheorie der neurotischen und psychotischen

Störungen müßte sein, alle beobachteten Phänomene und erschlossenen

Vorgänge in den Terminis der Libidoökonomie auszudrücken. Es ist leicht zu

erraten, daß den Schicksalen der Ichlibido dabei die größere Bedeutung zufallen

wird, besonders wo es sich um die Erklärung der tieferen psychotischen

Störungen handelt. Die Schwierigkeit liegt dann darin, daß das Mittel unserer

Untersuchung, die Psychoanalyse, uns vorläufig nur über die Wandlungen an der

Objektlibido sichere Auskunft bringt, die Ichlibido aber von den anderen im Ich

wirkenden Energien nicht ohneweiters zu scheiden vermag(63). Eine

Fortführung der Libidotheorie ist deshalb vorläufig nur auf dem Wege der

Spekulation möglich. Man verzichtet aber auf allen Gewinn aus der bisherigen

psychoanalytischen Beobachtung, wenn man nach dem Vorgang von C. G. Jung

den Begriff der Libido selbst verflüchtigt, indem man sie mit der psychischen

Triebkraft überhaupt zusammenfallen läßt.

Die Sonderung der sexuellen Triebregungen von den anderen und somit die

Einschränkung des Begriffes Libido auf diese ersteren findet eine starke

Unterstützung in der vorhin erörterten Annahme eines besonderen Chemismus

der Sexualfunktion.

 

Differenzierung von Mann und Weib.

 

Es ist bekannt, daß erst mit der Pubertät sich die scharfe Sonderung des

männlichen und weiblichen Charakters herstellt, ein Gegensatz, der dann wie

kein anderer die Lebensgestaltung der Menschen entscheidend beeinflußt.

Männliche und weibliche Anlage sind allerdings schon im Kindesalter gut

kenntlich; die Entwicklung der Sexualitätshemmungen (Scham, Ekel, Mitleid

usw.) erfolgt beim kleinen Mädchen frühzeitiger und gegen geringeren

Widerstand als beim Knaben; die Neigung zur Sexualverdrängung erscheint

überhaupt größer; wo sich Partialtriebe der Sexualität bemerkbar machen,

bevorzugen sie die passive Form. Die autoerotische Betätigung der erogenen

Zonen ist aber bei beiden Geschlechtern die nämliche und durch diese Übereinstimmung ist die Möglichkeit eines Geschlechtsunterschiedes, wie er

sich nach der Pubertät herstellt, für die Kindheit aufgehoben. Mit Rücksicht auf

die autoerotischen und masturbatorischen Sexualäußerungen könnte man den

Satz aufstellen, die Sexualität der kleinen Mädchen habe durchaus männlichen

Charakter. Ja, wüßte man den Begriffen »männlich und weiblich« einen

bestimmteren Inhalt zu geben, so ließe sich auch die Behauptung vertreten, die

Libido sei regelmäßig und gesetzmäßig männlicher Natur, ob sie nun beim

Manne oder beim Weibe vorkomme und, abgesehen von ihrem Objekt, mag dies

der Mann oder das Weib sein(64).

Seitdem ich mit dem Gesichtspunkte der Bisexualität bekannt geworden bin,

halte ich dieses Moment für das hier maßgebende und meine, ohne der

Bisexualität Rechnung zu tragen, wird man kaum zum Verständnis der

tatsächlich zu beobachtenden Sexualäußerungen von Mann und Weib gelangen

können.

 

Leitzonen bei Mann und Weib.

 

Von diesem abgesehen, kann ich nur noch folgendes hinzufügen: Die

leitende erogene Zone ist auch beim weiblichen Kinde an der Klitoris gelegen,

der männlichen Genitalzone an der Eichel also homolog. Alles, was ich über

Masturbation bei kleinen Mädchen in Erfahrung bringen konnte, betraf die

Klitoris und nicht die für die späteren Geschlechtsfunktionen bedeutsamen

Partien des äußeren Genitales. Ich zweifle selbst daran, daß das weibliche Kind

unter dem Einflusse der Verführung zu etwas anderem als zur

Klitorismasturbation gelangen kann, es sei denn ganz ausnahmsweise. Die

gerade bei kleinen Mädchen so häufigen Spontanentladungen der sexuellen

Erregtheit äußern sich in Zuckungen der Klitoris, und die häufigen Erektionen

derselben ermöglichen es den Mädchen, die Sexualäußerungen des anderen

Geschlechtes richtig auch ohne Unterweisung zu beurteilen, indem sie einfach

die Empfindungen der eigenen Sexualvorgänge auf die Knaben übertragen.

Will man das Weibwerden des kleinen Mädchens verstehen, so muß man die

weiteren Schicksale dieser Klitoriserregbarkeit verfolgen. Die Pubertät, welche

dem Knaben jenen großen Vorstoß der Libido bringt, kennzeichnet sich für das

Mädchen durch eine neuerliche Verdrängungswelle, von der gerade die

Klitorissexualität betroffen wird. Es ist ein Stück männlichen Sexuallebens, was

dabei der Verdrängung verfällt. Die bei dieser Pubertätsverdrängung des Weibes geschaffene Verstärkung der Sexualhemmnisse ergibt dann einen Reiz für die