Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Die infantile Sexualforschung.
In noch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an erogene Zonen
gebundenen Sexualbetätigung entwickelt sich beim Kinde die
Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausamkeit liegt dem kindlichen
Charakter überhaupt nahe, da das Hemmnis, welches den Bemächtigungstrieb
vor dem Schmerz des anderen Halt machen läßt, die Fähigkeit zum Mitleiden,
sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die gründliche psychologische Analyse
dieses Triebes ist bekanntlich noch nicht geglückt; wir dürfen annehmen, daß die
grausame Regung vom Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im
Sexualleben auftritt, da die Genitalien noch nicht ihre spätere Rolle
aufgenommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase des Sexuallebens, die wir
später als prägenitale Organisation beschreiben werden. Kinder, die sich durch
besondere Grausamkeit gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken
gewöhnlich mit Recht den Verdacht auf intensive und vorzeitige
Sexualbetätigung von erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger Frühreife aller
sexuellen Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre zu sein.
Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit sich, daß diese in der
Kindheit erfolgte Verknüpfung der grausamen mit den erogenen Trieben sich
späterhin im Leben als unlösbar erweise.
Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit (des
Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut allen Erziehern seit
dem Selbstbekenntnis J. J. Rousseaus bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die
Forderung abgeleitet, daß die körperliche Züchtigung, die zumeist diese
Körperpartie trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben habe, bei denen durch die
späteren Anforderungen der Kulturerziehung die Libido auf die kollateralen
Wege gedrängt werden mag(54).
Die infantile Sexualforschung.
Der Wißtrieb.
Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Blüte erreicht,
vom 3. bis zum 5. Jahr, stellen sich bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein,
die man dem Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der Wißtrieb kann weder zu
den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch ausschließlich der Sexualität
untergeordnet werden. Sein Tun entspricht einerseits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, anderseits arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine
Beziehungen zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir haben
aus der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der Kinder unvermutet früh
und in unerwartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen angezogen, ja
vielleicht erst durch sie geweckt wird.
Das Rätsel der Sphinx.
Kastrationskomplex und Penisneid.
Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die das Werk der
Forschertätigkeit beim Kinde in Gang bringen. Die Bedrohung seiner
Existenzbedingungen durch die erfahrene oder vermutete Ankunft eines neuen
Kindes, die Furcht vor dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust an
Fürsorge und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig. Das erste
Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend dieser
Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechtsunterschiedes,
sondern das Rätsel: Woher kommen die Kinder? In einer Entstellung, die man
leicht rückgängig machen kann, ist dies auch das Rätsel, welches die thebaische
Sphinx aufzugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter nimmt das Kind
vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es ist dem männlichen
Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie das seinige bei allen Personen, die es
kennt, vorauszusetzen, und unmöglich, den Mangel eines solchen mit seiner
Vorstellung dieser anderen zu vereinen. Diese Überzeugung wird vom Knaben
energisch festgehalten, gegen die sich bald ergebenden Widersprüche der
Beobachtung hartnäckig verteidigt und erst nach schweren inneren Kämpfen
(Kastrationskomplex) aufgegeben. Die Ersatzbildungen dieses verloren
gegangenen Penis des Weibes spielen in der Gestaltung mannigfacher
Perversionen eine große Rolle(55).
Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen Menschen ist
die erste der merkwürdigen und folgenschweren infantilen Sexualtheorien. Es
nützt dem Kinde wenig, wenn die biologische Wissenschaft seinem Vorurteile
recht geben und die weibliche Klitoris als einen richtigen Penisersatz anerkennen
muß. Das kleine Mädchen verfällt nicht in ähnliche Abweisungen, wenn es das
anders gestaltete Genitale des Knaben erblickt. Es ist sofort bereit, es
anzuerkennen, und es unterliegt dem Penisneide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch, auch ein Bub zu sein, gipfelt.
Geburtstheorien.
Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie sich in der
Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben, woher die Kinder kommen. Die
anatomischen Lösungen lauteten damals ganz verschiedenartig: sie kommen aus
der Brust oder werden aus dem Leib geschnitten oder der Nabel öffnet sich, um
sie durchzulassen. An die entsprechende Forschung der frühen Kinderjahre
erinnert man sich nur selten außerhalb der Analyse; sie ist längst der
Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse waren durchaus einheitliche. Man
bekommt die Kinder, indem man etwas Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und
sie werden durch den Darm wie ein Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen
Theorien mahnen an Einrichtungen im Tierreiche, speziell an die Kloake der
Typen, die niedriger stehen als die Säugetiere.
Sadistische Auffassung des Sexualverkehrs.
Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen Verkehrs
zwischen Erwachsenen, wozu die Überzeugung der Großen, das kleine Kind
könne noch nichts Sexuelles verstehen, die Anlässe schafft, so können sie nicht
umhin, den Sexualakt als eine Art von Mißhandlung oder Überwältigung, also
im sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse läßt uns auch erfahren,
daß ein solcher frühkindlicher Eindruck viel zur Disposition für eine spätere
sadistische Verschiebung des Sexualzieles beiträgt. Des weiteren beschäftigen
sich Kinder viel mit dem Problem, worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es
erfassen, das Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die Lösung des
Geheimnisses meist in einer Gemeinschaft, die durch die Harn- oder
Kotfunktion vermittelt wird.
Das typische Mißlingen der kindlichen Sexualforschung.
Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien aussagen, daß
sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution des Kindes sind und trotz ihrer grotesken Irrtümer von mehr Verständnis für die Sexualvorgänge zeugen, als