Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 19 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Die infantile Sexualforschung.

In noch größerer Unabhängigkeit von der sonstigen, an erogene Zonen

gebundenen Sexualbetätigung entwickelt sich beim Kinde die

Grausamkeitskomponente des Sexualtriebes. Grausamkeit liegt dem kindlichen

Charakter überhaupt nahe, da das Hemmnis, welches den Bemächtigungstrieb

vor dem Schmerz des anderen Halt machen läßt, die Fähigkeit zum Mitleiden,

sich verhältnismäßig spät ausbildet. Die gründliche psychologische Analyse

dieses Triebes ist bekanntlich noch nicht geglückt; wir dürfen annehmen, daß die

grausame Regung vom Bemächtigungstrieb herstammt und zu einer Zeit im

Sexualleben auftritt, da die Genitalien noch nicht ihre spätere Rolle

aufgenommen haben. Sie beherrscht dann eine Phase des Sexuallebens, die wir

später als prägenitale Organisation beschreiben werden. Kinder, die sich durch

besondere Grausamkeit gegen Tiere und Gespielen auszeichnen, erwecken

gewöhnlich mit Recht den Verdacht auf intensive und vorzeitige

Sexualbetätigung von erogenen Zonen her, und bei gleichzeitiger Frühreife aller

sexuellen Triebe scheint die erogene Sexualbetätigung doch die primäre zu sein.

Der Wegfall der Mitleidsschranke bringt die Gefahr mit sich, daß diese in der

Kindheit erfolgte Verknüpfung der grausamen mit den erogenen Trieben sich

späterhin im Leben als unlösbar erweise.

Als eine erogene Wurzel des passiven Triebes zur Grausamkeit (des

Masochismus) ist die schmerzhafte Reizung der Gesäßhaut allen Erziehern seit

dem Selbstbekenntnis J. J. Rousseaus bekannt. Sie haben hieraus mit Recht die

Forderung abgeleitet, daß die körperliche Züchtigung, die zumeist diese

Körperpartie trifft, bei all den Kindern zu unterbleiben habe, bei denen durch die

späteren Anforderungen der Kulturerziehung die Libido auf die kollateralen

Wege gedrängt werden mag(54).

 

Die infantile Sexualforschung.

 

Der Wißtrieb.

 

Um dieselbe Zeit, da das Sexualleben des Kindes seine erste Blüte erreicht,

vom 3. bis zum 5. Jahr, stellen sich bei ihm auch die Anfänge jener Tätigkeit ein,

die man dem Wiß- oder Forschertrieb zuschreibt. Der Wißtrieb kann weder zu

den elementaren Triebkomponenten gerechnet noch ausschließlich der Sexualität

untergeordnet werden. Sein Tun entspricht einerseits einer sublimierten Weise der Bemächtigung, anderseits arbeitet er mit der Energie der Schaulust. Seine

Beziehungen zum Sexualleben sind aber besonders bedeutsame, denn wir haben

aus der Psychoanalyse erfahren, daß der Wißtrieb der Kinder unvermutet früh

und in unerwartet intensiver Weise von den sexuellen Problemen angezogen, ja

vielleicht erst durch sie geweckt wird.

 

Das Rätsel der Sphinx.

 

Kastrationskomplex und Penisneid.

 

Nicht theoretische, sondern praktische Interessen sind es, die das Werk der

Forschertätigkeit beim Kinde in Gang bringen. Die Bedrohung seiner

Existenzbedingungen durch die erfahrene oder vermutete Ankunft eines neuen

Kindes, die Furcht vor dem mit diesem Ereignis verbundenen Verlust an

Fürsorge und Liebe machen das Kind nachdenklich und scharfsinnig. Das erste

Problem, mit dem es sich beschäftigt, ist entsprechend dieser

Erweckungsgeschichte auch nicht die Frage des Geschlechtsunterschiedes,

sondern das Rätsel: Woher kommen die Kinder? In einer Entstellung, die man

leicht rückgängig machen kann, ist dies auch das Rätsel, welches die thebaische

Sphinx aufzugeben hat. Die Tatsache der beiden Geschlechter nimmt das Kind

vielmehr zunächst ohne Sträuben und Bedenken hin. Es ist dem männlichen

Kinde selbstverständlich, ein Genitale wie das seinige bei allen Personen, die es

kennt, vorauszusetzen, und unmöglich, den Mangel eines solchen mit seiner

Vorstellung dieser anderen zu vereinen. Diese Überzeugung wird vom Knaben

energisch festgehalten, gegen die sich bald ergebenden Widersprüche der

Beobachtung hartnäckig verteidigt und erst nach schweren inneren Kämpfen

(Kastrationskomplex) aufgegeben. Die Ersatzbildungen dieses verloren

gegangenen Penis des Weibes spielen in der Gestaltung mannigfacher

Perversionen eine große Rolle(55).

Die Annahme des nämlichen (männlichen) Genitales bei allen Menschen ist

die erste der merkwürdigen und folgenschweren infantilen Sexualtheorien. Es

nützt dem Kinde wenig, wenn die biologische Wissenschaft seinem Vorurteile

recht geben und die weibliche Klitoris als einen richtigen Penisersatz anerkennen

muß. Das kleine Mädchen verfällt nicht in ähnliche Abweisungen, wenn es das

anders gestaltete Genitale des Knaben erblickt. Es ist sofort bereit, es

anzuerkennen, und es unterliegt dem Penisneide, der in dem für die Folge wichtigen Wunsch, auch ein Bub zu sein, gipfelt.

 

Geburtstheorien.

 

Viele Menschen wissen deutlich zu erinnern, wie intensiv sie sich in der

Vorpubertätszeit für die Frage interessiert haben, woher die Kinder kommen. Die

anatomischen Lösungen lauteten damals ganz verschiedenartig: sie kommen aus

der Brust oder werden aus dem Leib geschnitten oder der Nabel öffnet sich, um

sie durchzulassen. An die entsprechende Forschung der frühen Kinderjahre

erinnert man sich nur selten außerhalb der Analyse; sie ist längst der

Verdrängung verfallen, aber ihre Ergebnisse waren durchaus einheitliche. Man

bekommt die Kinder, indem man etwas Bestimmtes ißt (wie im Märchen), und

sie werden durch den Darm wie ein Stuhlabgang geboren. Diese kindlichen

Theorien mahnen an Einrichtungen im Tierreiche, speziell an die Kloake der

Typen, die niedriger stehen als die Säugetiere.

 

Sadistische Auffassung des Sexualverkehrs.

 

Werden Kinder in so zartem Alter Zuschauer des sexuellen Verkehrs

zwischen Erwachsenen, wozu die Überzeugung der Großen, das kleine Kind

könne noch nichts Sexuelles verstehen, die Anlässe schafft, so können sie nicht

umhin, den Sexualakt als eine Art von Mißhandlung oder Überwältigung, also

im sadistischen Sinne aufzufassen. Die Psychoanalyse läßt uns auch erfahren,

daß ein solcher frühkindlicher Eindruck viel zur Disposition für eine spätere

sadistische Verschiebung des Sexualzieles beiträgt. Des weiteren beschäftigen

sich Kinder viel mit dem Problem, worin der Geschlechtsverkehr oder, wie sie es

erfassen, das Verheiratetsein bestehen mag, und suchen die Lösung des

Geheimnisses meist in einer Gemeinschaft, die durch die Harn- oder

Kotfunktion vermittelt wird.

 

Das typische Mißlingen der kindlichen Sexualforschung.

 

Im allgemeinen kann man von den kindlichen Sexualtheorien aussagen, daß

sie Abbilder der eigenen sexuellen Konstitution des Kindes sind und trotz ihrer grotesken Irrtümer von mehr Verständnis für die Sexualvorgänge zeugen, als