Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 20 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation.

man ihren Schöpfern zugemutet hätte. Die Kinder nehmen auch die

Schwangerschaftsveränderungen der Mutter wahr und wissen sie richtig zu

deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hörern erzählt, die ihr ein tiefes, aber

meist stummes Mißtrauen entgegenbringen. Aber da der kindlichen

Sexualforschung zwei Elemente unbekannt bleiben, die Rolle des befruchtenden

Samens und die Existenz der weiblichen Geschlechtsöffnung – die nämlichen

Punkte übrigens, in denen die infantile Organisation noch rückständig ist –,

bleibt das Bemühen der infantilen Forscher doch regelmäßig unfruchtbar und

endet in einem Verzicht, der nicht selten eine dauernde Schädigung des

Wißtriebes zurückläßt. Die Sexualforschung dieser frühen Kinderjahre wird

immer einsam betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbständigen

Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung des Kindes von den

Personen seiner Umgebung, die vorher sein volles Vertrauen genossen hatten.

 

Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation.

 

Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens hervorgehoben,

daß es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am eigenen Leibe findet), und

daß seine einzelnen Partialtriebe im ganzen unverknüpft und unabhängig von

einander dem Lusterwerb nachstreben. Den Ausgang der Entwicklung bildet das

sogenannte normale Sexualleben des Erwachsenen, in welchem der Lusterwerb

in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion getreten ist, und die Partialtriebe unter

dem Primat einer einzigen erogenen Zone eine feste Organisation zur Erreichung

des Sexualziels an einem fremden Sexualobjekt gebildet haben.

 

Prägenitale Organisationen.

 

Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem Entwicklungsgange

mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun Ansätze und Vorstufen einer

solchen Organisation der Partialtriebe zu erkennen, die gleichfalls eine Art von

sexuellem Regime ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation werden

normalerweise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als Andeutungen zu

verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie aktiviert und für grobe Beobachtung kenntlich.

Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch nicht in

ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir prägenitale heißen. Wir

haben bisher zwei derselben kennen gelernt, die wie Rückfälle auf frühtierische

Zustände anmuten.

Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die orale oder, wenn wir

wollen, kannibalische. Die Sexualtätigkeit ist hier von der Nahrungsaufnahme

noch nicht gesondert, Gegensätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das

Objekt der einen Tätigkeit ist auch das der anderen, das Sexualziel besteht in der

Einverleibung des Objektes, dem Vorbild dessen, was späterhin als

Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle spielen wird. Als Rest

dieser fiktiven, uns durch die Pathologie aufgenötigten Organisationsphase kann

das Lutschen angesehen werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der

Ernährungstätigkeit abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper

aufgegeben hat(56).

Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen Organisation.

Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexualleben durchzieht, bereits

ausgebildet; sie kann aber noch nicht männlich und weiblich, sondern muß aktiv

und passiv benannt werden. Die Aktivität wird durch den Bemächtigungstrieb

von seiten der Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit passivem Sexualziel

macht sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend; für beide

Strebungen sind Objekte vorhanden, die aber nicht zusammenfallen. Daneben

betätigen sich andere Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind

also die sexuelle Polarität und das fremde Objekt bereits nachweisbar. Die

Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungsfunktion stehen

noch aus.

 

Ambivalenz.

 

Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Leben erhalten

und ein großes Stück der Sexualbetätigung dauernd an sich reißen. Die

Vorherrschaft des Sadismus und die Kloakenrolle der analen Zone geben ihr ein

exquisit archaisches Gepräge. Als weiterer Charakter gehört ihr an, daß die

Triebgegensatzpaare in annähernd gleicher Weise ausgebildet sind, welches

Verhalten mit dem glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen Ambivalenz

bezeichnet wird.

Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens ruht auf der

Analyse der Neurosen und ist, unabhängig von deren Kenntnis, kaum zu

würdigen. Wir dürfen erwarten, daß die fortgesetzte analytische Bemühung uns

noch weit mehr Aufschlüsse über Aufbau und Entwicklung der normalen

Sexualfunktion vorbereitet.

Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, muß man

hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in den Kinderjahren eine

Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie als charakteristisch für die

Entwicklungsphase der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß sämtliche

Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre

Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an die definitive

Gestaltung des Sexuallebens nach der Pubertät, die in den Kinderjahren möglich

ist. Der Unterschied von letzterer liegt nur noch darin, daß die

Zusammenfassung der Partialtriebe und deren Unterordnung unter das Primat

der Genitalien in der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durchgesetzt

wird. Die Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die

letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft.

 

Zweizeitige Objektwahl.

 

Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß die Objektwahl

zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste Schub nimmt in den Jahren

zwischen 2 und 5 seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand

oder zur Rückbildung gebracht; er ist durch die infantile Natur seiner

Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der Pubertät ein und bestimmt

die definitive Gestaltung des Sexuallebens.

Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im wesentlichen auf die

Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird aber höchst bedeutungsvoll für die

Störung dieses Endzustandes. Die Ergebnisse der infantilen Objektwahl ragen in

die spätere Zeit hinein; sie sind entweder als solche erhalten geblieben oder sie

erfahren zur Zeit der Pubertät selbst eine Auffrischung. Infolge der

Verdrängungsentwicklung, welche zwischen beiden Phasen liegt, erweisen sie

sich aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele haben eine Milderung erfahren, und

sie stellen nun das dar, was wir als die zärtliche Strömung des Sexuallebens

bezeichnen können. Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nachweisen,

daß sich hinter dieser Zärtlichkeit, Verehrung und Hochachtung die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen der infantilen Partialtriebe