Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation.
man ihren Schöpfern zugemutet hätte. Die Kinder nehmen auch die
Schwangerschaftsveränderungen der Mutter wahr und wissen sie richtig zu
deuten; die Storchfabel wird sehr oft vor Hörern erzählt, die ihr ein tiefes, aber
meist stummes Mißtrauen entgegenbringen. Aber da der kindlichen
Sexualforschung zwei Elemente unbekannt bleiben, die Rolle des befruchtenden
Samens und die Existenz der weiblichen Geschlechtsöffnung – die nämlichen
Punkte übrigens, in denen die infantile Organisation noch rückständig ist –,
bleibt das Bemühen der infantilen Forscher doch regelmäßig unfruchtbar und
endet in einem Verzicht, der nicht selten eine dauernde Schädigung des
Wißtriebes zurückläßt. Die Sexualforschung dieser frühen Kinderjahre wird
immer einsam betrieben; sie bedeutet einen ersten Schritt zur selbständigen
Orientierung in der Welt und setzt eine starke Entfremdung des Kindes von den
Personen seiner Umgebung, die vorher sein volles Vertrauen genossen hatten.
Entwicklungsphasen der sexuellen Organisation.
Wir haben bisher als Charaktere des infantilen Sexuallebens hervorgehoben,
daß es wesentlich autoerotisch ist (sein Objekt am eigenen Leibe findet), und
daß seine einzelnen Partialtriebe im ganzen unverknüpft und unabhängig von
einander dem Lusterwerb nachstreben. Den Ausgang der Entwicklung bildet das
sogenannte normale Sexualleben des Erwachsenen, in welchem der Lusterwerb
in den Dienst der Fortpflanzungsfunktion getreten ist, und die Partialtriebe unter
dem Primat einer einzigen erogenen Zone eine feste Organisation zur Erreichung
des Sexualziels an einem fremden Sexualobjekt gebildet haben.
Prägenitale Organisationen.
Das Studium der Hemmungen und Störungen in diesem Entwicklungsgange
mit Hilfe der Psychoanalyse gestattet uns nun Ansätze und Vorstufen einer
solchen Organisation der Partialtriebe zu erkennen, die gleichfalls eine Art von
sexuellem Regime ergeben. Diese Phasen der Sexualorganisation werden
normalerweise glatt durchlaufen, ohne sich durch mehr als Andeutungen zu
verraten. Nur in pathologischen Fällen werden sie aktiviert und für grobe Beobachtung kenntlich.
Organisationen des Sexuallebens, in denen die Genitalzonen noch nicht in
ihre vorherrschende Rolle eingetreten sind, wollen wir prägenitale heißen. Wir
haben bisher zwei derselben kennen gelernt, die wie Rückfälle auf frühtierische
Zustände anmuten.
Eine erste solche prägenitale Sexualorganisation ist die orale oder, wenn wir
wollen, kannibalische. Die Sexualtätigkeit ist hier von der Nahrungsaufnahme
noch nicht gesondert, Gegensätze innerhalb derselben nicht differenziert. Das
Objekt der einen Tätigkeit ist auch das der anderen, das Sexualziel besteht in der
Einverleibung des Objektes, dem Vorbild dessen, was späterhin als
Identifizierung eine so bedeutsame psychische Rolle spielen wird. Als Rest
dieser fiktiven, uns durch die Pathologie aufgenötigten Organisationsphase kann
das Lutschen angesehen werden, in dem die Sexualtätigkeit, von der
Ernährungstätigkeit abgelöst, das fremde Objekt gegen eines am eigenen Körper
aufgegeben hat(56).
Eine zweite prägenitale Phase ist die der sadistisch-analen Organisation.
Hier ist die Gegensätzlichkeit, welche das Sexualleben durchzieht, bereits
ausgebildet; sie kann aber noch nicht männlich und weiblich, sondern muß aktiv
und passiv benannt werden. Die Aktivität wird durch den Bemächtigungstrieb
von seiten der Körpermuskulatur hergestellt, als Organ mit passivem Sexualziel
macht sich vor allem die erogene Darmschleimhaut geltend; für beide
Strebungen sind Objekte vorhanden, die aber nicht zusammenfallen. Daneben
betätigen sich andere Partialtriebe in autoerotischer Weise. In dieser Phase sind
also die sexuelle Polarität und das fremde Objekt bereits nachweisbar. Die
Organisation und die Unterordnung unter die Fortpflanzungsfunktion stehen
noch aus.
Ambivalenz.
Diese Form der Sexualorganisation kann sich bereits durchs Leben erhalten
und ein großes Stück der Sexualbetätigung dauernd an sich reißen. Die
Vorherrschaft des Sadismus und die Kloakenrolle der analen Zone geben ihr ein
exquisit archaisches Gepräge. Als weiterer Charakter gehört ihr an, daß die
Triebgegensatzpaare in annähernd gleicher Weise ausgebildet sind, welches
Verhalten mit dem glücklichen, von Bleuler eingeführten Namen Ambivalenz
bezeichnet wird.
Die Annahme der prägenitalen Organisationen des Sexuallebens ruht auf der
Analyse der Neurosen und ist, unabhängig von deren Kenntnis, kaum zu
würdigen. Wir dürfen erwarten, daß die fortgesetzte analytische Bemühung uns
noch weit mehr Aufschlüsse über Aufbau und Entwicklung der normalen
Sexualfunktion vorbereitet.
Um das Bild des infantilen Sexuallebens zu vervollständigen, muß man
hinzunehmen, daß häufig oder regelmäßig bereits in den Kinderjahren eine
Objektwahl vollzogen wird, wie wir sie als charakteristisch für die
Entwicklungsphase der Pubertät hingestellt haben, in der Weise, daß sämtliche
Sexualstrebungen die Richtung auf eine einzige Person nehmen, an der sie ihre
Ziele erreichen wollen. Dies ist dann die größte Annäherung an die definitive
Gestaltung des Sexuallebens nach der Pubertät, die in den Kinderjahren möglich
ist. Der Unterschied von letzterer liegt nur noch darin, daß die
Zusammenfassung der Partialtriebe und deren Unterordnung unter das Primat
der Genitalien in der Kindheit nicht oder nur sehr unvollkommen durchgesetzt
wird. Die Herstellung dieses Primats im Dienste der Fortpflanzung ist also die
letzte Phase, welche die Sexualorganisation durchläuft.
Zweizeitige Objektwahl.
Man kann es als ein typisches Vorkommnis ansprechen, daß die Objektwahl
zweizeitig, in zwei Schüben erfolgt. Der erste Schub nimmt in den Jahren
zwischen 2 und 5 seinen Anfang und wird durch die Latenzzeit zum Stillstand
oder zur Rückbildung gebracht; er ist durch die infantile Natur seiner
Sexualziele ausgezeichnet. Der zweite setzt mit der Pubertät ein und bestimmt
die definitive Gestaltung des Sexuallebens.
Die Tatsache der zweizeitigen Objektwahl, die sich im wesentlichen auf die
Wirkung der Latenzzeit reduziert, wird aber höchst bedeutungsvoll für die
Störung dieses Endzustandes. Die Ergebnisse der infantilen Objektwahl ragen in
die spätere Zeit hinein; sie sind entweder als solche erhalten geblieben oder sie
erfahren zur Zeit der Pubertät selbst eine Auffrischung. Infolge der
Verdrängungsentwicklung, welche zwischen beiden Phasen liegt, erweisen sie
sich aber als unverwendbar. Ihre Sexualziele haben eine Milderung erfahren, und
sie stellen nun das dar, was wir als die zärtliche Strömung des Sexuallebens
bezeichnen können. Erst die psychoanalytische Untersuchung kann nachweisen,
daß sich hinter dieser Zärtlichkeit, Verehrung und Hochachtung die alten, jetzt unbrauchbar gewordenen Sexualstrebungen der infantilen Partialtriebe