Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 7 von 28

PDF-Seiten

Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

a) Anatomische Überschreitungen.

 

Überschätzung des Sexualobjekts.

 

Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt als Wunschziel des

Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in den seltensten Fällen auf dessen

Genitalien, sondern greift auf den ganzen Körper desselben über und hat die

Tendenz, alle vom Sexualobjekt ausgehenden Sensationen mit einzubeziehen.

Die gleiche Überschätzung strahlt auf das psychische Gebiet aus und zeigt sich

als logische Verblendung (Urteilsschwäche) angesichts der seelischen

Leistungen und Vollkommenheiten des Sexualobjektes sowie als gläubige

Gefügigkeit gegen die von letzterem ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der

Liebe wird so zu einer wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der

Autorität(14).

Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der Einschränkung

des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigentlichen Genitalien so schlecht

verträgt und Vornahmen an anderen Körperteilen zu Sexualzielen erheben

hilft(15).

Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich am ehesten

beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der Erforschung zugänglich

geworden ist, während das des Weibes zum Teil infolge der

Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch die konventionelle

Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der Frauen in ein noch

undurchdringliches Dunkel gehüllt ist(16).

 

Sexuelle Verwendung der Lippen-Mundschleimhaut.

 

Die Verwendung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion, wenn die

Lippen (Zunge) der einen Person mit den Genitalien der anderen in Berührung

gebracht werden, nicht aber, wenn beider Teile Lippenschleimhäute einander

berühren. In letzterer Ausnahme liegt die Anknüpfung ans Normale. Wer die

anderen wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebräuchlichen Praktiken als

Perversionen verabscheut, der gibt dabei einem deutlichen Ekelgefühl nach,

welches ihn vor der Annahme eines solchen Sexualzieles schützt. Die Grenze

dieses Ekels ist aber häufig rein konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines schönen Mädchens küßt, wird vielleicht das Zahnbürstchen desselben nur

mit Ekel gebrauchen können, wenngleich kein Grund zur Annahme vorliegt, daß

seine eigene Mundhöhle, vor der ihm nicht ekelt, reinlicher sei als die des

Mädchens. Man wird hier auf das Moment des Ekels aufmerksam, welches der

libidinösen Überschätzung des Sexualobjekts in den Weg tritt, seinerseits aber

durch die Libido überwunden werden kann. In dem Ekel möchte man eine der

Mächte erblicken, welche die Einschränkung des Sexualzieles zustande gebracht

haben. In der Regel machen diese vor den Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein

Zweifel, daß auch die Genitalien des anderen Geschlechtes an und für sich

Gegenstand des Ekels sein können, und daß dies Verhalten zur Charakteristik

aller Hysterischen (zumal der weiblichen) gehört. Die Stärke des Sexualtriebes

liebt es, sich in der Überwindung dieses Ekels zu betätigen. (S. u.)

 

Sexuelle Verwendung der Afteröffnung.

 

Klarer noch als im früheren Falle erkennt man bei der Inanspruchnahme des

Afters, daß es der Ekel ist, welcher dieses Sexualziel zur Perversion stempelt.

Man lege mir aber die Bemerkung nicht als Parteinahme aus, daß die

Begründung dieses Ekels, diese Körperpartie diene der Exkretion und komme

mit dem Ekelhaften an sich – den Exkrementen – in Berührung, nicht viel

stichhaltiger ist als etwa die Begründung, welche hysterische Mädchen für ihren

Ekel vor dem männlichen Genitale abgeben: es diene der Harnentleerung.

Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf den Verkehr

zwischen Männern beschränkt, ihre Bevorzugung hat nichts für das invertierte

Fühlen Charakteristisches. Es scheint im Gegenteil, daß die Pädikatio des

Mannes ihre Rolle der Analogie mit dem Akt beim Weibe verdankt, während

gegenseitige Masturbation das Sexualziel ist, welches sich beim Verkehr

Invertierter am ehesten ergibt.

 

Bedeutung anderer Körperstellen.

 

Das sexuelle Übergreifen auf andere Körperstellen bietet in all seinen

Variationen nichts prinzipiell Neues, fügt nichts zur Kenntnis des Sexualtriebes

hinzu, der hierin nur seine Absicht verkündet, sich des Sexualobjekts nach allen

Richtungen zu bemächtigen. Neben der Sexualüberschätzung meldet sich aber bei den anatomischen Überschreitungen ein zweites, der populären Kenntnis

fremdartiges Moment. Gewisse Körperstellen, wie die Mund- und

Afterschleimhaut, die immer wieder in diesen Praktiken auftreten, erheben

gleichsam den Anspruch, selbst als Genitalien betrachtet und behandelt zu

werden. Wir werden hören, wie dieser Anspruch durch die Entwicklung des

Sexualtriebes gerechtfertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser

Krankheitszustände erfüllt wird.

 

Ungeeigneter Ersatz des Sexualobjektes – Fetischismus.

 

Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Fälle, in denen das normale

Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu ihm in Beziehung steht,

dabei aber völlig ungeeignet ist, dem normalen Sexualziel zu dienen. Wir hätten

nach den Gesichtspunkten der Einteilung wohl besser getan, diese höchst

interessante Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes schon bei den

Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt zu erwähnen, verschoben es aber,

bis wir das Moment der Sexualüberschätzung kennen gelernt hatten, von

welchem diese Erscheinungen abhängen, mit denen ein Aufgeben des

Sexualzieles verbunden ist.

Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für sexuelle Zwecke

sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar) oder ein unbelebtes Objekt,

welches in nachweisbarer Relation mit der Sexualperson, am besten mit der

Sexualität derselben, steht. (Stücke der Kleidung, weiße Wäsche.) Dieser Ersatz

wird nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde seinen

Gott verkörpert sieht.

Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht auf ein normales

oder perverses Sexualziel bilden Fälle, in denen eine fetischistische Bedingung

am Sexualobjekt erfordert wird, wenn das Sexualziel erreicht werden soll.

(Bestimmte Haarfarbe, Kleidung, selbst Körperfehler.) Keine andere ans

Pathologische streifende Variation des Sexualtriebes hat soviel Anspruch auf

unser Interesse wie diese durch die Sonderbarkeit der durch sie veranlaßten

Erscheinungen. Eine gewisse Herabsetzung des Strebens nach dem normalen

Sexualziel scheint für alle Fälle Voraussetzung (exekutive Schwäche des

Sexualapparates)(17). Die Anknüpfung ans Normale wird durch die

psychologisch notwendige Überschätzung des Sexualobjektes vermittelt, welche

unvermeidlich auf alles mit demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben

regelmäßig eigen, besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in welchen das

normale Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung aufgehoben erscheint.