Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
a) Anatomische Überschreitungen.
Überschätzung des Sexualobjekts.
Die psychische Wertschätzung, deren das Sexualobjekt als Wunschziel des
Sexualtriebes teilhaftig wird, beschränkt sich in den seltensten Fällen auf dessen
Genitalien, sondern greift auf den ganzen Körper desselben über und hat die
Tendenz, alle vom Sexualobjekt ausgehenden Sensationen mit einzubeziehen.
Die gleiche Überschätzung strahlt auf das psychische Gebiet aus und zeigt sich
als logische Verblendung (Urteilsschwäche) angesichts der seelischen
Leistungen und Vollkommenheiten des Sexualobjektes sowie als gläubige
Gefügigkeit gegen die von letzterem ausgehenden Urteile. Die Gläubigkeit der
Liebe wird so zu einer wichtigen, wenn nicht zur uranfänglichen Quelle der
Autorität(14).
Diese Sexualüberschätzung ist es nun, welche sich mit der Einschränkung
des Sexualzieles auf die Vereinigung der eigentlichen Genitalien so schlecht
verträgt und Vornahmen an anderen Körperteilen zu Sexualzielen erheben
hilft(15).
Die Bedeutung des Moments der Sexualüberschätzung läßt sich am ehesten
beim Manne studieren, dessen Liebesleben allein der Erforschung zugänglich
geworden ist, während das des Weibes zum Teil infolge der
Kulturverkümmerung, zum anderen Teil durch die konventionelle
Verschwiegenheit und Unaufrichtigkeit der Frauen in ein noch
undurchdringliches Dunkel gehüllt ist(16).
Sexuelle Verwendung der Lippen-Mundschleimhaut.
Die Verwendung des Mundes als Sexualorgan gilt als Perversion, wenn die
Lippen (Zunge) der einen Person mit den Genitalien der anderen in Berührung
gebracht werden, nicht aber, wenn beider Teile Lippenschleimhäute einander
berühren. In letzterer Ausnahme liegt die Anknüpfung ans Normale. Wer die
anderen wohl seit den Urzeiten der Menschheit gebräuchlichen Praktiken als
Perversionen verabscheut, der gibt dabei einem deutlichen Ekelgefühl nach,
welches ihn vor der Annahme eines solchen Sexualzieles schützt. Die Grenze
dieses Ekels ist aber häufig rein konventionell; wer etwa mit Inbrunst die Lippen eines schönen Mädchens küßt, wird vielleicht das Zahnbürstchen desselben nur
mit Ekel gebrauchen können, wenngleich kein Grund zur Annahme vorliegt, daß
seine eigene Mundhöhle, vor der ihm nicht ekelt, reinlicher sei als die des
Mädchens. Man wird hier auf das Moment des Ekels aufmerksam, welches der
libidinösen Überschätzung des Sexualobjekts in den Weg tritt, seinerseits aber
durch die Libido überwunden werden kann. In dem Ekel möchte man eine der
Mächte erblicken, welche die Einschränkung des Sexualzieles zustande gebracht
haben. In der Regel machen diese vor den Genitalien selbst Halt. Es ist aber kein
Zweifel, daß auch die Genitalien des anderen Geschlechtes an und für sich
Gegenstand des Ekels sein können, und daß dies Verhalten zur Charakteristik
aller Hysterischen (zumal der weiblichen) gehört. Die Stärke des Sexualtriebes
liebt es, sich in der Überwindung dieses Ekels zu betätigen. (S. u.)
Sexuelle Verwendung der Afteröffnung.
Klarer noch als im früheren Falle erkennt man bei der Inanspruchnahme des
Afters, daß es der Ekel ist, welcher dieses Sexualziel zur Perversion stempelt.
Man lege mir aber die Bemerkung nicht als Parteinahme aus, daß die
Begründung dieses Ekels, diese Körperpartie diene der Exkretion und komme
mit dem Ekelhaften an sich – den Exkrementen – in Berührung, nicht viel
stichhaltiger ist als etwa die Begründung, welche hysterische Mädchen für ihren
Ekel vor dem männlichen Genitale abgeben: es diene der Harnentleerung.
Die sexuelle Rolle der Afterschleimhaut ist keineswegs auf den Verkehr
zwischen Männern beschränkt, ihre Bevorzugung hat nichts für das invertierte
Fühlen Charakteristisches. Es scheint im Gegenteil, daß die Pädikatio des
Mannes ihre Rolle der Analogie mit dem Akt beim Weibe verdankt, während
gegenseitige Masturbation das Sexualziel ist, welches sich beim Verkehr
Invertierter am ehesten ergibt.
Bedeutung anderer Körperstellen.
Das sexuelle Übergreifen auf andere Körperstellen bietet in all seinen
Variationen nichts prinzipiell Neues, fügt nichts zur Kenntnis des Sexualtriebes
hinzu, der hierin nur seine Absicht verkündet, sich des Sexualobjekts nach allen
Richtungen zu bemächtigen. Neben der Sexualüberschätzung meldet sich aber bei den anatomischen Überschreitungen ein zweites, der populären Kenntnis
fremdartiges Moment. Gewisse Körperstellen, wie die Mund- und
Afterschleimhaut, die immer wieder in diesen Praktiken auftreten, erheben
gleichsam den Anspruch, selbst als Genitalien betrachtet und behandelt zu
werden. Wir werden hören, wie dieser Anspruch durch die Entwicklung des
Sexualtriebes gerechtfertigt und wie er in der Symptomatologie gewisser
Krankheitszustände erfüllt wird.
Ungeeigneter Ersatz des Sexualobjektes – Fetischismus.
Einen ganz besonderen Eindruck ergeben jene Fälle, in denen das normale
Sexualobjekt ersetzt wird durch ein anderes, das zu ihm in Beziehung steht,
dabei aber völlig ungeeignet ist, dem normalen Sexualziel zu dienen. Wir hätten
nach den Gesichtspunkten der Einteilung wohl besser getan, diese höchst
interessante Gruppe von Abirrungen des Sexualtriebes schon bei den
Abweichungen in bezug auf das Sexualobjekt zu erwähnen, verschoben es aber,
bis wir das Moment der Sexualüberschätzung kennen gelernt hatten, von
welchem diese Erscheinungen abhängen, mit denen ein Aufgeben des
Sexualzieles verbunden ist.
Der Ersatz für das Sexualobjekt ist ein im allgemeinen für sexuelle Zwecke
sehr wenig geeigneter Körperteil (Fuß, Haar) oder ein unbelebtes Objekt,
welches in nachweisbarer Relation mit der Sexualperson, am besten mit der
Sexualität derselben, steht. (Stücke der Kleidung, weiße Wäsche.) Dieser Ersatz
wird nicht mit Unrecht mit dem Fetisch verglichen, in dem der Wilde seinen
Gott verkörpert sieht.
Den Übergang zu den Fällen von Fetischismus mit Verzicht auf ein normales
oder perverses Sexualziel bilden Fälle, in denen eine fetischistische Bedingung
am Sexualobjekt erfordert wird, wenn das Sexualziel erreicht werden soll.
(Bestimmte Haarfarbe, Kleidung, selbst Körperfehler.) Keine andere ans
Pathologische streifende Variation des Sexualtriebes hat soviel Anspruch auf
unser Interesse wie diese durch die Sonderbarkeit der durch sie veranlaßten
Erscheinungen. Eine gewisse Herabsetzung des Strebens nach dem normalen
Sexualziel scheint für alle Fälle Voraussetzung (exekutive Schwäche des
Sexualapparates)(17). Die Anknüpfung ans Normale wird durch die
psychologisch notwendige Überschätzung des Sexualobjektes vermittelt, welche
unvermeidlich auf alles mit demselben assoziativ Verbundene übergreift. Ein gewisser Grad von solchem Fetischismus ist daher dem normalen Lieben
regelmäßig eigen, besonders in jenen Stadien der Verliebtheit, in welchen das
normale Sexualziel unerreichbar oder dessen Erfüllung aufgehoben erscheint.