Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
4. Der Sexualtrieb bei den Neurotikern.
Die Psychoanalyse.
Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei Personen, die
den Normalen mindestens nahe stehen, gewinnt man aus einer Quelle, die nur
auf einem bestimmten Wege zugänglich ist. Es gibt nur ein Mittel, über das
Geschlechtsleben der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, Zwangsneurose,
fälschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich auch Dementia praecox,
Paranoia) gründliche und nicht irre leitende Aufschlüsse zu erhalten, nämlich
wenn man sie der psychoanalytischen Erforschung unterwirft, deren sich das von
J. Breuer und mir 1893 eingesetzte, damals »kathartisch« genannte
Heilverfahren bedient.
Ich muß vorausschicken, respektive aus anderen Veröffentlichungen
wiederholen, daß diese Psychoneurosen, soweit meine Erfahrungen reichen, auf
sexuellen Triebkräften beruhen. Ich meine dies nicht etwa so, daß die Energie
des Sexualtriebes einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften
Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich will ausdrücklich
behaupten, daß dieser Anteil der einzig konstante und die wichtigste
Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexualleben der betreffenden Personen
sich entweder ausschließlich oder vorwiegend oder nur teilweise in diesen
Symptomen äußert. Die Symptome sind, wie ich es an anderer Stelle
ausgedrückt habe, die Sexualbetätigung der Kranken. Den Beweis für diese
Behauptung hat mir eine seit fünfundzwanzig Jahren sich mehrende Anzahl von
Psychoanalysen hysterischer und anderer Nervöser geliefert, über deren
Ergebnisse im einzelnen ich an anderen Orten ausführliche Rechenschaft
gegeben habe und noch weiter geben werde(28).
Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter der
Voraussetzung, daß dieselben der Ersatz – die Transskription gleichsam – für
eine Reihe von affektbesetzten seelischen Vorgängen, Wünschen und Strebungen
sind, denen durch einen besonderen psychischen Prozeß (die Verdrängung) der
Zugang zur Erledigung durch bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit versagt
worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten zurückgehaltenen
Gedankenbildungen streben nach einem ihrem Affektwert gemäßen Ausdruck,
einer Abfuhr, und finden eine solche bei der Hysterie durch den Vorgang der
Konversion in somatischen Phänomenen – eben den hysterischen Symptomen. Bei der kunstgerechten, mit Hilfe einer besonderen Technik durchgeführten
Rückverwandlung der Symptome in nun bewußt gewordene, affektbesetzte
Vorstellungen ist man also imstande, über die Natur und die Abkunft dieser
früher unbewußten psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren.
Ergebnisse der Psychoanalyse.
Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, daß die Symptome
einen Ersatz für Strebungen darstellen, die ihre Kraft der Quelle des
Sexualtriebes entnehmen. Im vollen Einklange damit steht, was wir über den
Charakter der hier zum Muster für alle Psychoneurotiker genommenen
Hysteriker vor ihrer Erkrankung und über die Anlässe zur Erkrankung wissen.
Der hysterische Charakter läßt ein Stück Sexualverdrängung erkennen, welches
über das normale Maß hinausgeht, eine Steigerung der Widerstände gegen den
Sexualtrieb, die uns als Scham, Ekel und Moral bekannt geworden sind, eine wie
instinktive Flucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem Sexualproblem,
welche in ausgeprägten Fällen den Erfolg hat, die volle sexuelle Unwissenheit
noch bis in die Jahre der erlangten Geschlechtsreife zu bewahren(29).
Dieser für die Hysterie wesentliche Charakterzug wird für die grobe
Beobachtung nicht selten durch das Vorhandensein des zweiten konstitutionellen
Faktors der Hysterie, durch die übermächtige Ausbildung des Sexualtriebes
verdeckt, allein die psychologische Analyse weiß ihn jedesmal aufzudecken und
die widerspruchsvolle Rätselhaftigkeit der Hysterie durch die Feststellung des
Gegensatzpaares von übergroßem sexuellen Bedürfnis und zu weit getriebener
Sexualablehnung zu lösen.
Der Anlaß zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch disponierte Person,
wenn infolge der fortschreitenden eigenen Reifung oder äußerer
Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung ernsthaft an sie herantritt.
Zwischen dem Drängen des Triebes und dem Widerstreben der Sexualablehnung
stellt sich dann der Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst,
sondern ihm durch die Verwandlung der libidinösen Strebungen in Symptome zu
entgehen sucht. Es ist nur eine scheinbare Ausnahme, wenn eine hysterische
Person, ein Mann etwa, an einer banalen Gemütsbewegung, an einem Konflikt,
in dessen Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse steht, erkrankt. Die
Psychoanalyse kann dann regelmäßig nachweisen, daß es die sexuelle
Komponente des Konflikts ist, welche die Erkrankung ermöglicht hat, indem sie die seelischen Vorgänge der normalen Erledigung entzog.
Neurose und Perversion.
Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Aufstellungen erklärt
sich wohl daraus, daß man die Sexualität, von welcher ich die
psychoneurotischen Symptome ableite, mit dem normalen Sexualtrieb
zusammenfallen ließ. Allein die Psychoanalyse lehrt noch mehr. Sie zeigt, daß
die Symptome keineswegs allein auf Kosten des sogenannten normalen
Sexualtriebes entstehen (wenigstens nicht ausschließlich oder vorwiegend),
sondern den konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen, welche man als
perverse (im weitesten Sinne) bezeichnen würde, wenn sie sich ohne Ablenkung
vom Bewußtsein direkt in Phantasievorsätzen und Taten äußern könnten. Die
Symptome bilden sich also zum Teil auf Kosten abnormer Sexualität; die
Neurose ist sozusagen das Negativ der Perversion(30).
Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker läßt alle die Abirrungen erkennen, die
wir als Variationen des normalen und als Äußerungen des krankhaften
Sexuallebens studiert haben.
a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im unbewußten
Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von Libido auf Personen des
gleichen Geschlechts. Ohne tief eindringende Erörterung ist es nicht möglich,
die Bedeutung dieses Moments für die Gestaltung des Krankheitsbildes
entsprechend zu würdigen; ich kann nur versichern, daß die unbewußte
Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur Aufklärung der
männlichen Hysterie die größten Dienste leistet(31).
b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den anatomischen
Überschreitungen im Unbewußten und als Symptombildner nachweisbar, unter
ihnen mit besonderer Häufigkeit und Intensität diejenigen, welche für Mund-
und Afterschleimhaut die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen.
c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern der
Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren auftretenden
Partialtriebe, die wir als Bringer neuer Sexualziele kennen gelernt haben, der
Trieb der Schaulust und der Exhibition und der aktiv und passiv ausgebildete
Trieb zur Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verständnis der
Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht fast regelmäßig ein
Stück des sozialen Verhaltens der Kranken. Vermittels dieser Grausamkeitsverknüpfung der Libido geht auch die Verwandlung von Liebe in