Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 10 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

4. Der Sexualtrieb bei den Neurotikern.

 

Die Psychoanalyse.

 

Einen wichtigen Beitrag zur Kenntnis des Sexualtriebes bei Personen, die

den Normalen mindestens nahe stehen, gewinnt man aus einer Quelle, die nur

auf einem bestimmten Wege zugänglich ist. Es gibt nur ein Mittel, über das

Geschlechtsleben der sogenannten Psychoneurotiker (Hysterie, Zwangsneurose,

fälschlich sogenannte Neurasthenie, sicherlich auch Dementia praecox,

Paranoia) gründliche und nicht irre leitende Aufschlüsse zu erhalten, nämlich

wenn man sie der psychoanalytischen Erforschung unterwirft, deren sich das von

J. Breuer und mir 1893 eingesetzte, damals »kathartisch« genannte

Heilverfahren bedient.

Ich muß vorausschicken, respektive aus anderen Veröffentlichungen

wiederholen, daß diese Psychoneurosen, soweit meine Erfahrungen reichen, auf

sexuellen Triebkräften beruhen. Ich meine dies nicht etwa so, daß die Energie

des Sexualtriebes einen Beitrag zu den Kräften liefert, welche die krankhaften

Erscheinungen (Symptome) unterhalten, sondern ich will ausdrücklich

behaupten, daß dieser Anteil der einzig konstante und die wichtigste

Energiequelle der Neurose ist, so daß das Sexualleben der betreffenden Personen

sich entweder ausschließlich oder vorwiegend oder nur teilweise in diesen

Symptomen äußert. Die Symptome sind, wie ich es an anderer Stelle

ausgedrückt habe, die Sexualbetätigung der Kranken. Den Beweis für diese

Behauptung hat mir eine seit fünfundzwanzig Jahren sich mehrende Anzahl von

Psychoanalysen hysterischer und anderer Nervöser geliefert, über deren

Ergebnisse im einzelnen ich an anderen Orten ausführliche Rechenschaft

gegeben habe und noch weiter geben werde(28).

Die Psychoanalyse beseitigt die Symptome Hysterischer unter der

Voraussetzung, daß dieselben der Ersatz – die Transskription gleichsam – für

eine Reihe von affektbesetzten seelischen Vorgängen, Wünschen und Strebungen

sind, denen durch einen besonderen psychischen Prozeß (die Verdrängung) der

Zugang zur Erledigung durch bewußtseinsfähige psychische Tätigkeit versagt

worden ist. Diese also im Zustande des Unbewußten zurückgehaltenen

Gedankenbildungen streben nach einem ihrem Affektwert gemäßen Ausdruck,

einer Abfuhr, und finden eine solche bei der Hysterie durch den Vorgang der

Konversion in somatischen Phänomenen – eben den hysterischen Symptomen. Bei der kunstgerechten, mit Hilfe einer besonderen Technik durchgeführten

Rückverwandlung der Symptome in nun bewußt gewordene, affektbesetzte

Vorstellungen ist man also imstande, über die Natur und die Abkunft dieser

früher unbewußten psychischen Bildungen das Genaueste zu erfahren.

 

Ergebnisse der Psychoanalyse.

 

Es ist auf diese Weise in Erfahrung gebracht worden, daß die Symptome

einen Ersatz für Strebungen darstellen, die ihre Kraft der Quelle des

Sexualtriebes entnehmen. Im vollen Einklange damit steht, was wir über den

Charakter der hier zum Muster für alle Psychoneurotiker genommenen

Hysteriker vor ihrer Erkrankung und über die Anlässe zur Erkrankung wissen.

Der hysterische Charakter läßt ein Stück Sexualverdrängung erkennen, welches

über das normale Maß hinausgeht, eine Steigerung der Widerstände gegen den

Sexualtrieb, die uns als Scham, Ekel und Moral bekannt geworden sind, eine wie

instinktive Flucht vor der intellektuellen Beschäftigung mit dem Sexualproblem,

welche in ausgeprägten Fällen den Erfolg hat, die volle sexuelle Unwissenheit

noch bis in die Jahre der erlangten Geschlechtsreife zu bewahren(29).

Dieser für die Hysterie wesentliche Charakterzug wird für die grobe

Beobachtung nicht selten durch das Vorhandensein des zweiten konstitutionellen

Faktors der Hysterie, durch die übermächtige Ausbildung des Sexualtriebes

verdeckt, allein die psychologische Analyse weiß ihn jedesmal aufzudecken und

die widerspruchsvolle Rätselhaftigkeit der Hysterie durch die Feststellung des

Gegensatzpaares von übergroßem sexuellen Bedürfnis und zu weit getriebener

Sexualablehnung zu lösen.

Der Anlaß zur Erkrankung ergibt sich für die hysterisch disponierte Person,

wenn infolge der fortschreitenden eigenen Reifung oder äußerer

Lebensverhältnisse die reale Sexualforderung ernsthaft an sie herantritt.

Zwischen dem Drängen des Triebes und dem Widerstreben der Sexualablehnung

stellt sich dann der Ausweg der Krankheit her, der den Konflikt nicht löst,

sondern ihm durch die Verwandlung der libidinösen Strebungen in Symptome zu

entgehen sucht. Es ist nur eine scheinbare Ausnahme, wenn eine hysterische

Person, ein Mann etwa, an einer banalen Gemütsbewegung, an einem Konflikt,

in dessen Mittelpunkt nicht das sexuelle Interesse steht, erkrankt. Die

Psychoanalyse kann dann regelmäßig nachweisen, daß es die sexuelle

Komponente des Konflikts ist, welche die Erkrankung ermöglicht hat, indem sie die seelischen Vorgänge der normalen Erledigung entzog.

 

Neurose und Perversion.

 

Ein guter Teil des Widerspruches gegen diese meine Aufstellungen erklärt

sich wohl daraus, daß man die Sexualität, von welcher ich die

psychoneurotischen Symptome ableite, mit dem normalen Sexualtrieb

zusammenfallen ließ. Allein die Psychoanalyse lehrt noch mehr. Sie zeigt, daß

die Symptome keineswegs allein auf Kosten des sogenannten normalen

Sexualtriebes entstehen (wenigstens nicht ausschließlich oder vorwiegend),

sondern den konvertierten Ausdruck von Trieben darstellen, welche man als

perverse (im weitesten Sinne) bezeichnen würde, wenn sie sich ohne Ablenkung

vom Bewußtsein direkt in Phantasievorsätzen und Taten äußern könnten. Die

Symptome bilden sich also zum Teil auf Kosten abnormer Sexualität; die

Neurose ist sozusagen das Negativ der Perversion(30).

Der Sexualtrieb der Psychoneurotiker läßt alle die Abirrungen erkennen, die

wir als Variationen des normalen und als Äußerungen des krankhaften

Sexuallebens studiert haben.

a) Bei allen Neurotikern (ohne Ausnahme) finden sich im unbewußten

Seelenleben Regungen von Inversion, Fixierung von Libido auf Personen des

gleichen Geschlechts. Ohne tief eindringende Erörterung ist es nicht möglich,

die Bedeutung dieses Moments für die Gestaltung des Krankheitsbildes

entsprechend zu würdigen; ich kann nur versichern, daß die unbewußte

Inversionsneigung niemals fehlt und insbesondere zur Aufklärung der

männlichen Hysterie die größten Dienste leistet(31).

b) Es sind bei den Psychoneurotikern alle Neigungen zu den anatomischen

Überschreitungen im Unbewußten und als Symptombildner nachweisbar, unter

ihnen mit besonderer Häufigkeit und Intensität diejenigen, welche für Mund-

und Afterschleimhaut die Rolle von Genitalien in Anspruch nehmen.

c) Eine ganz hervorragende Rolle unter den Symptombildnern der

Psychoneurosen spielen die zumeist in Gegensatzpaaren auftretenden

Partialtriebe, die wir als Bringer neuer Sexualziele kennen gelernt haben, der

Trieb der Schaulust und der Exhibition und der aktiv und passiv ausgebildete

Trieb zur Grausamkeit. Der Beitrag des letzteren ist zum Verständnis der

Leidensnatur der Symptome unentbehrlich und beherrscht fast regelmäßig ein

Stück des sozialen Verhaltens der Kranken. Vermittels dieser Grausamkeitsverknüpfung der Libido geht auch die Verwandlung von Liebe in