Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Die Äußerungen der infantilen Sexualität.
hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische Gegenkräfte (Reaktionsregungen)
wach, die zur wirksamen Unterdrückung solcher Unlust die erwähnten
psychischen Dämme: Ekel, Scham und Moral, aufbauen(41).
Durchbrüche der Latenzzeit.
Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte Klarheit unserer
Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- oder Aufschubsperiode zu
täuschen, wollen wir zur Wirklichkeit zurückkehren, um anzugeben, daß solche
Verwendung der infantilen Sexualität ein Erziehungsideal darstellt, von dem die
Entwicklung der einzelnen meist an irgend einer Stelle und oft in erheblichem
Maße abweicht. Es bricht zeitweise ein Stück Sexualäußerung durch, das sich
der Sublimierung entzogen hat, oder es erhält sich eine sexuelle Betätigung
durch die ganze Dauer der Latenzperiode bis zum verstärkten Hervorbrechen des
Sexualtriebes in der Pubertät. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie
überhaupt der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als teilten
sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen Abwehrmächte auf
Kosten der Sexualität und als wüßten sie, daß sexuelle Betätigung das Kind
unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle sexuellen Äußerungen des Kindes als
»Laster«, ohne viel gegen sie ausrichten zu können. Wir aber haben allen Grund,
diesen von der Erziehung gefürchteten Phänomenen Interesse zuzuwenden, denn
wir erwarten von ihnen den Aufschluß über die ursprüngliche Gestaltung des
Geschlechtstriebes.
Die Äußerungen der infantilen Sexualität.
Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den infantilen
Sexualäußerungen das Ludeln (Wonnesaugen) zum Muster nehmen, dem der
ungarische Kinderarzt Lindner eine ausgezeichnete Studie gewidmet hat(42).
Das Lutschen.
Das Ludeln und Lutschen, das schon beim Säugling auftritt und bis in die
Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich durchs ganze Leben erhalten kann,
besteht in einer rhythmisch wiederholten saugenden Berührung mit dem Munde
(den Lippen), wobei der Zweck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein
Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine beliebige andere erreichbare Hautstelle –
selbst die große Zehe –, werden zum Objekt genommen, an dem das Saugen
ausgeführt wird. Ein dabei auftretender Greiftrieb äußert sich etwa durch
gleichzeitiges rhythmisches Zupfen an Ohrläppchen und kann sich eines Teiles
einer anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemächtigen. Das
Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerksamkeit verbunden, führt
entweder zum Einschlafen oder selbst zu einer motorischen Reaktion in einer
Art von Orgasmus(43). Nicht selten kombiniert sich mit dem Wonnesaugen die
reibende Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen, der Brust, der
äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder vom Ludeln zur
Masturbation.
Lindner selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt und
rückhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludeln häufig den anderen
sexuellen »Unarten« des Kindes gleichgestellt. Von seiten zahlreicher Kinder-
und Nervenärzte ist ein sehr energischer Einspruch gegen diese Auffassung
erhoben worden, der zum Teil gewiß auf der Verwechslung von »sexuell« und
»genital« beruht. Dieser Widerspruch wirft die schwierige und nicht
abzuweisende Frage auf, an welchem allgemeinen Charakter wir die sexuellen
Äußerungen des Kindes erkennen wollen. Ich meine, daß der Zusammenhang
der Erscheinungen, in welchen wir durch die psychoanalytische Untersuchung
Einsicht gewonnen haben, uns berechtigt, das Ludeln als eine sexuelle Äußerung
in Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge der infantilen
Sexualbetätigung zu studieren(44).
Autoerotismus.
Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu würdigen. Heben
wir als den auffälligsten Charakter dieser Sexualbetätigung hervor, daß der Trieb
nicht auf andere Personen gerichtet ist; er befriedigt sich am eigenen Körper, er
ist autoerotisch, um es mit einem glücklichen, von Havelock Ellis eingeführten
Namen zu sagen(45).
Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes durch das Suchen nach einer – bereits erlebten und nun erinnerten – Lust bestimmt wird.
Durch das rhythmische Saugen an einer Haut- oder Schleimhautstelle findet es
dann im einfachsten Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht zu erraten, bei
welchen Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht hat, die
es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste Tätigkeit des Kindes,
das Saugen an der Mutterbrust (oder an ihren Surrogaten), muß es bereits mit
dieser Lust vertraut gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes
haben sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung durch den
warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung. Anfangs war
wohl die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des
Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich
zunächst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht
sich erst später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust
zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf
verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch für den Ausdruck
der sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend bleibt. Nun wird das
Bedürfnis nach Wiederholung der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis
nach Nahrungsaufnahme getrennt, eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn
die Zähne erscheinen und die Nahrung nicht mehr ausschließlich eingesogen,
sondern gekaut wird. Eines fremden Objektes bedient sich das Kind zum Saugen
nicht, sondern lieber einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil
es sich so von der Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch
nicht vermag, und weil es sich solcher Art gleichsam eine zweite, wenngleich
minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minderwertigkeit dieser zweiten Stelle
wird es später mit dazu veranlassen, die gleichartigen Teile, die Lippen, einer
anderen Person zu suchen. (»Schade, daß ich mich nicht küssen kann«, möchte
man ihm unterlegen.)
Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder dazu
gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell
verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese Kinder als Erwachsene
Kußfeinschmecker werden, zu perversen Küssen neigen oder als Männer ein
kräftiges Motiv zum Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt aber die
Verdrängung hinzu, so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und
hysterisches Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone
wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Viele meiner
Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus, Schnüren im Hals und
Erbrechen waren in den Kinderjahren energische Ludlerinnen gewesen.