Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 16 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Die Äußerungen der infantilen Sexualität.

hervorrufen könnten. Sie rufen daher seelische Gegenkräfte (Reaktionsregungen)

wach, die zur wirksamen Unterdrückung solcher Unlust die erwähnten

psychischen Dämme: Ekel, Scham und Moral, aufbauen(41).

 

Durchbrüche der Latenzzeit.

 

Ohne uns über die hypothetische Natur und die mangelhafte Klarheit unserer

Einsichten in die Vorgänge der kindlichen Latenz- oder Aufschubsperiode zu

täuschen, wollen wir zur Wirklichkeit zurückkehren, um anzugeben, daß solche

Verwendung der infantilen Sexualität ein Erziehungsideal darstellt, von dem die

Entwicklung der einzelnen meist an irgend einer Stelle und oft in erheblichem

Maße abweicht. Es bricht zeitweise ein Stück Sexualäußerung durch, das sich

der Sublimierung entzogen hat, oder es erhält sich eine sexuelle Betätigung

durch die ganze Dauer der Latenzperiode bis zum verstärkten Hervorbrechen des

Sexualtriebes in der Pubertät. Die Erzieher benehmen sich, insofern sie

überhaupt der Kindersexualität Aufmerksamkeit schenken, genau so, als teilten

sie unsere Ansichten über die Bildung der moralischen Abwehrmächte auf

Kosten der Sexualität und als wüßten sie, daß sexuelle Betätigung das Kind

unerziehbar macht, denn sie verfolgen alle sexuellen Äußerungen des Kindes als

»Laster«, ohne viel gegen sie ausrichten zu können. Wir aber haben allen Grund,

diesen von der Erziehung gefürchteten Phänomenen Interesse zuzuwenden, denn

wir erwarten von ihnen den Aufschluß über die ursprüngliche Gestaltung des

Geschlechtstriebes.

 

Die Äußerungen der infantilen Sexualität.

 

Aus später zu ersehenden Motiven wollen wir unter den infantilen

Sexualäußerungen das Ludeln (Wonnesaugen) zum Muster nehmen, dem der

ungarische Kinderarzt Lindner eine ausgezeichnete Studie gewidmet hat(42).

 

Das Lutschen.

Das Ludeln und Lutschen, das schon beim Säugling auftritt und bis in die

Jahre der Reife fortgesetzt werden oder sich durchs ganze Leben erhalten kann,

besteht in einer rhythmisch wiederholten saugenden Berührung mit dem Munde

(den Lippen), wobei der Zweck der Nahrungsaufnahme ausgeschlossen ist. Ein

Teil der Lippe selbst, die Zunge, eine beliebige andere erreichbare Hautstelle –

selbst die große Zehe –, werden zum Objekt genommen, an dem das Saugen

ausgeführt wird. Ein dabei auftretender Greiftrieb äußert sich etwa durch

gleichzeitiges rhythmisches Zupfen an Ohrläppchen und kann sich eines Teiles

einer anderen Person (meist ihres Ohres) zu gleichem Zwecke bemächtigen. Das

Wonnesaugen ist mit voller Aufzehrung der Aufmerksamkeit verbunden, führt

entweder zum Einschlafen oder selbst zu einer motorischen Reaktion in einer

Art von Orgasmus(43). Nicht selten kombiniert sich mit dem Wonnesaugen die

reibende Berührung gewisser empfindlicher Körperstellen, der Brust, der

äußeren Genitalien. Auf diesem Wege gelangen viele Kinder vom Ludeln zur

Masturbation.

Lindner selbst hat die sexuelle Natur dieses Tuns klar erkannt und

rückhaltlos betont. In der Kinderstube wird das Ludeln häufig den anderen

sexuellen »Unarten« des Kindes gleichgestellt. Von seiten zahlreicher Kinder-

und Nervenärzte ist ein sehr energischer Einspruch gegen diese Auffassung

erhoben worden, der zum Teil gewiß auf der Verwechslung von »sexuell« und

»genital« beruht. Dieser Widerspruch wirft die schwierige und nicht

abzuweisende Frage auf, an welchem allgemeinen Charakter wir die sexuellen

Äußerungen des Kindes erkennen wollen. Ich meine, daß der Zusammenhang

der Erscheinungen, in welchen wir durch die psychoanalytische Untersuchung

Einsicht gewonnen haben, uns berechtigt, das Ludeln als eine sexuelle Äußerung

in Anspruch zu nehmen und gerade an ihm die wesentlichen Züge der infantilen

Sexualbetätigung zu studieren(44).

 

Autoerotismus.

 

Wir haben die Verpflichtung, dieses Beispiel eingehend zu würdigen. Heben

wir als den auffälligsten Charakter dieser Sexualbetätigung hervor, daß der Trieb

nicht auf andere Personen gerichtet ist; er befriedigt sich am eigenen Körper, er

ist autoerotisch, um es mit einem glücklichen, von Havelock Ellis eingeführten

Namen zu sagen(45).

Es ist ferner deutlich, daß die Handlung des lutschenden Kindes durch das Suchen nach einer – bereits erlebten und nun erinnerten – Lust bestimmt wird.

Durch das rhythmische Saugen an einer Haut- oder Schleimhautstelle findet es

dann im einfachsten Falle die Befriedigung. Es ist auch leicht zu erraten, bei

welchen Anlässen das Kind die ersten Erfahrungen dieser Lust gemacht hat, die

es nun zu erneuern strebt. Die erste und lebenswichtigste Tätigkeit des Kindes,

das Saugen an der Mutterbrust (oder an ihren Surrogaten), muß es bereits mit

dieser Lust vertraut gemacht haben. Wir würden sagen, die Lippen des Kindes

haben sich benommen wie eine erogene Zone, und die Reizung durch den

warmen Milchstrom war wohl die Ursache der Lustempfindung. Anfangs war

wohl die Befriedigung der erogenen Zone mit der Befriedigung des

Nahrungsbedürfnisses vergesellschaftet. Die Sexualbetätigung lehnt sich

zunächst an eine der zur Lebenserhaltung dienenden Funktionen an und macht

sich erst später von ihr selbständig. Wer ein Kind gesättigt von der Brust

zurücksinken sieht, mit geröteten Wangen und seligem Lächeln in Schlaf

verfallen, der wird sich sagen müssen, daß dieses Bild auch für den Ausdruck

der sexuellen Befriedigung im späteren Leben maßgebend bleibt. Nun wird das

Bedürfnis nach Wiederholung der sexuellen Befriedigung von dem Bedürfnis

nach Nahrungsaufnahme getrennt, eine Trennung, die unvermeidlich ist, wenn

die Zähne erscheinen und die Nahrung nicht mehr ausschließlich eingesogen,

sondern gekaut wird. Eines fremden Objektes bedient sich das Kind zum Saugen

nicht, sondern lieber einer eigenen Hautstelle, weil diese ihm bequemer ist, weil

es sich so von der Außenwelt unabhängig macht, die es zu beherrschen noch

nicht vermag, und weil es sich solcher Art gleichsam eine zweite, wenngleich

minderwertige, erogene Zone schafft. Die Minderwertigkeit dieser zweiten Stelle

wird es später mit dazu veranlassen, die gleichartigen Teile, die Lippen, einer

anderen Person zu suchen. (»Schade, daß ich mich nicht küssen kann«, möchte

man ihm unterlegen.)

Nicht alle Kinder lutschen. Es ist anzunehmen, daß jene Kinder dazu

gelangen, bei denen die erogene Bedeutung der Lippenzone konstitutionell

verstärkt ist. Bleibt diese erhalten, so werden diese Kinder als Erwachsene

Kußfeinschmecker werden, zu perversen Küssen neigen oder als Männer ein

kräftiges Motiv zum Trinken und Rauchen mitbringen. Kommt aber die

Verdrängung hinzu, so werden sie Ekel vor dem Essen empfinden und

hysterisches Erbrechen produzieren. Kraft der Gemeinsamkeit der Lippenzone

wird die Verdrängung auf den Nahrungstrieb übergreifen. Viele meiner

Patientinnen mit Eßstörungen, hysterischem Globus, Schnüren im Hals und

Erbrechen waren in den Kinderjahren energische Ludlerinnen gewesen.