Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Die masturbatorischen Sexualäußerungen(48).
Es kann uns nur höchst erfreulich sein zu finden, daß wir von der
Sexualbetätigung des Kindes nicht mehr viel Wichtiges zu lernen haben,
nachdem uns der Trieb von einer einzigen erogenen Zone her verständlich
geworden ist. Die deutlichsten Unterschiede beziehen sich auf die zur
Befriedigung notwendige Vornahme, die für die Lippenzone im Saugen bestand
und die je nach Lage und Beschaffenheit der anderen Zonen durch andere
Muskelaktionen ersetzt werden muß.
Betätigung der Afterzone.
Die Afterzone ist ähnlich wie die Lippenzone durch ihre Lage geeignet, eine
Anlehnung der Sexualität an andere Körperfunktionen zu vermitteln. Man muß
sich die erogene Bedeutung dieser Körperstelle als ursprünglich sehr groß
vorstellen. Durch die Psychoanalyse erfährt man dann nicht ohne Verwunderung,
welche Umwandlungen mit den von hier ausgehenden sexuellen Erregungen
normalerweise vorgenommen werden, und wie häufig der Zone noch ein
beträchtliches Stück genitaler Reizbarkeit fürs Leben verbleibt(49). Die so
häufigen Darmstörungen der Kinderjahre sorgen dafür, daß es der Zone an
intensiven Erregungen nicht fehle. Darmkatarrhe im zartesten Alter machen
»nervös«, wie man sich ausdrückt; bei späterer neurotischer Erkrankung nehmen
sie einen bestimmenden Einfluß auf den symptomatischen Ausdruck der
Neurose, welcher sie die ganze Summe von Darmstörungen zur Verfügung
stellen. Mit Hinblick auf die wenigstens in Umwandlung erhalten gebliebene
erogene Bedeutung der Darmausgangszone darf man auch die hämorrhoidalen
Einflüsse nicht verlachen, denen die ältere Medizin für die Erklärung
neurotischer Zustände soviel Gewicht beigelegt hat.
Kinder, welche die erogene Reizbarkeit der Afterzone ausnützen, verraten
sich dadurch, daß sie die Stuhlmassen zurückhalten, bis dieselben durch ihre
Anhäufung heftige Muskelkontraktionen anregen und beim Durchgang durch
den After einen starken Reiz auf die Schleimhaut ausüben können. Dabei muß
wohl neben der schmerzhaften die Wollustempfindung zustande kommen. Es ist
eines der besten Vorzeichen späterer Absonderlichkeit oder Nervosität, wenn ein
Säugling sich hartnäckig weigert, den Darm zu entleeren, wenn er auf den Topf
gesetzt wird, also wenn es dem Pfleger beliebt, sondern diese Funktion seinem eigenen Belieben vorbehält. Es kommt ihm natürlich nicht darauf an, sein Lager
schmutzig zu machen; er sorgt nur, daß ihm der Lustnebengewinn bei der
Defäkation nicht entgehe. Die Erzieher ahnen wiederum das Richtige, wenn sie
solche Kinder, die sich diese Verrichtungen »aufheben«, schlimm nennen.
Der Darminhalt, der als Reizkörper für eine sexuell empfindliche
Schleimhautfläche sich wie der Vorläufer eines anderen Organs benimmt,
welches erst nach der Kindheitsphase in Aktion treten soll, hat für den Säugling
noch andere wichtige Bedeutungen. Er wird offenbar wie ein zugehöriger
Körperteil behandelt, stellt das erste »Geschenk« dar, durch dessen Entäußerung
die Gefügigkeit, durch dessen Verweigerung der Trotz des kleinen Wesens gegen
seine Umgebung ausgedrückt werden kann. Vom »Geschenk« aus gewinnt er
dann später die Bedeutung des »Kindes«, das nach einer der infantilen
Sexualtheorien durch Essen erworben und durch den Darm geboren wird.
Die Zurückhaltung der Fäkalmassen, die also anfangs eine absichtliche ist,
um sie zur gleichsam masturbatorischen Reizung der Afterzone zu benützen,
oder in der Relation zu den Pflegepersonen zu verwenden, ist übrigens eine der
Wurzeln der bei den Neuropathen so häufigen Obstipation. Die ganze Bedeutung
der Afterzone spiegelt sich dann in der Tatsache, daß man nur wenige Neurotiker
findet, die nicht ihre besonderen skatologischen Gebräuche, Zeremonien u. dgl.
hätten, die von ihnen sorgfältig geheim gehalten werden(50).
Echte masturbatorische Reizung der Afterzone mit Hilfe des Fingers, durch
zentral bedingtes oder peripherisch unterhaltenes Jucken hervorgerufen, ist bei
älteren Kindern keineswegs selten.
Betätigung der Genitalzonen.
Unter den erogenen Zonen des kindlichen Körpers befindet sich eine, die
gewiß nicht die erste Rolle spielt, auch nicht die Trägerin der ältesten sexuellen
Regungen sein kann, die aber zu großen Dingen in der Zukunft bestimmt ist. Sie
ist beim männlichen wie beim weiblichen Kind in Beziehung zur Harnentleerung
gebracht (Eichel, Klitoris) und beim ersteren in einen Schleimhautsack
einbezogen, so daß es ihr an Reizungen durch Sekrete, welche die sexuelle
Erregung frühzeitig anfachen können, nicht fehlen kann. Die sexuellen
Betätigungen dieser erogenen Zone, die den wirklichen Geschlechtsteilen
angehört, sind ja der Beginn des später »normalen« Geschlechtslebens.
Durch die anatomische Lage, die Überströmung mit Sekreten, durch die Waschungen und Reibungen der Körperpflege und durch gewisse akzidentelle
Erregungen (wie die Wanderungen von Eingeweidewürmern bei Mädchen) wird
es unvermeidlich, daß die Lustempfindung, welche diese Körperstelle zu
ergeben fähig ist, sich dem Kinde schon im Säuglingsalter bemerkbar mache und
ein Bedürfnis nach ihrer Wiederholung erwecke. Überblickt man die Summe der
vorliegenden Einrichtungen und bedenkt, daß die Maßregeln zur Reinhaltung
kaum anders wirken können als die Verunreinigung, so wird man sich kaum der
Auffassung entziehen können, daß durch die Säuglingsonanie, der kaum ein
Individuum entgeht, das künftige Primat dieser erogenen Zone für die
Geschlechtstätigkeit festgelegt wird. Die den Reiz beseitigende und die
Befriedigung auslösende Aktion besteht in einer reibenden Berührung mit der
Hand oder in einem gewiß reflektorisch vorgebildeten Druck durch die
zusammenschließenden Oberschenkel. Letztere Vornahme ist die beim Mädchen
weitaus häufigere. Beim Knaben weist die Bevorzugung der Hand bereits darauf
hin, welchen wichtigen Beitrag zur männlichen Sexualtätigkeit der
Bemächtigungstrieb einst leisten wird(51).
Es wird der Klarheit nur förderlich sein, wenn ich angebe, daß man drei
Phasen der infantilen Masturbation zu unterscheiden hat. Die erste von ihnen
gehört der Säuglingszeit an, die zweite der kurzen Blütezeit der
Sexualbetätigung um das vierte Lebensjahr, erst die dritte entspricht der oft
ausschließlich gewürdigten Pubertätsonanie.
Die zweite Phase der kindlichen Masturbation.
Die Säuglingsonanie scheint nach kurzer Zeit zu schwinden, doch kann mit
der ununterbrochenen Fortsetzung derselben bis zur Pubertät bereits die erste
große Abweichung von der für den Kulturmenschen anzustrebenden
Entwicklung gegeben sein. Irgend einmal in den Kinderjahren nach der
Säuglingszeit, gewöhnlich vor dem vierten Jahr, pflegt der Sexualtrieb dieser
Genitalzone wieder zu erwachen und dann wiederum eine Zeitlang bis zu einer
neuen Unterdrückung anzuhalten oder sich ohne Unterbrechung fortzusetzen.
Die möglichen Verhältnisse sind sehr mannigfaltig und können nur durch
genauere Zergliederung einzelner Fälle erläutert werden. Aber alle Einzelheiten
dieser zweiten infantilen Sexualbetätigung hinterlassen die tiefsten (unbewußten)
Eindrucksspuren im Gedächtnis der Person, bestimmen die Entwicklung ihres
Charakters, wenn sie gesund bleibt, und die Symptomatik ihrer Neurose, wenn
sie nach der Pubertät erkrankt(52). Im letzteren Falle findet man diese
Sexualperiode vergessen, die für sie zeugenden bewußten Erinnerungen
verschoben; – ich habe schon erwähnt, daß ich auch die normale infantile
Amnesie mit dieser infantilen Sexualbetätigung in Zusammenhang bringen
möchte. Durch psychoanalytische Erforschung gelingt es, das Vergessene
bewußt zu machen und damit einen Zwang zu beseitigen, der vom unbewußten
psychischen Material ausgeht.
Wiederkehr der Säuglingsmasturbation.
Die Sexualerregung der Säuglingszeit kehrt in den bezeichneten
Kinderjahren entweder als zentral bedingter Kitzelreiz wieder, der zur
onanistischen Befriedigung auffordert, oder als pollutionsartiger Vorgang, der
analog der Pollution der Reifezeit die Befriedigung ohne Mithilfe einer Aktion
erreicht. Letzterer Fall ist der bei Mädchen und in der zweiten Hälfte der
Kindheit häufigere, in seiner Bedingtheit nicht ganz verständlich und scheint oft
– nicht regelmäßig – eine Periode früherer aktiver Onanie zur Voraussetzung zu
haben. Die Symptomatik dieser Sexualäußerungen ist armselig; für den noch
unentwickelten Geschlechtsapparat gibt meist der Harnapparat, gleichsam als
sein Vormund, Zeichen. Die meisten sogenannten Blasenleiden dieser Zeit sind
sexuelle Störungen; die Enuresis nocturna entspricht, wo sie nicht einen
epileptischen Anfall darstellt, einer Pollution.
Für das Wiederauftreten der sexuellen Tätigkeit sind innere Ursachen und
äußere Anlässe maßgebend, die beide in neurotischen Erkrankungsfällen aus der
Gestaltung der Symptome zu erraten und durch die psychoanalytische Forschung
mit Sicherheit aufzudecken sind. Von den inneren Ursachen wird später die Rede
sein; die zufälligen äußeren Anlässe gewinnen um diese Zeit eine große und
nachhaltige Bedeutung. Voran steht der Einfluß der Verführung, die das Kind
vorzeitig als Sexualobjekt behandelt und es unter eindrucksvollen Umständen
die Befriedigung von den Genitalzonen kennen lehrt, welche sich onanistisch zu
erneuern es dann meist gezwungen bleibt. Solche Beeinflussung kann von
Erwachsenen oder anderen Kindern ausgehen; ich kann nicht zugestehen, daß
ich in meiner Abhandlung 1896 »Über die Ätiologie der Hysterie« die
Häufigkeit oder die Bedeutung derselben überschätzt habe, wenngleich ich
damals noch nicht wußte, daß normal gebliebene Individuen in ihren
Kinderjahren die nämlichen Erlebnisse gehabt haben können, und darum die Verführung höher wertete als die in der sexuellen Konstitution und Entwicklung
gegebenen Faktoren(53). Es ist selbstverständlich, daß es der Verführung nicht
bedarf, um das Sexualleben des Kindes zu wecken, daß solche Erweckung auch
spontan aus inneren Ursachen vor sich gehen kann.
Polymorph perverse Anlage.
Es ist lehrreich, daß das Kind unter dem Einfluß der Verführung polymorph
pervers werden, zu allen möglichen Überschreitungen verleitet werden kann.
Dies zeigt, daß es die Eignung dazu in seiner Anlage mitbringt; die Ausführung
findet darum geringe Widerstände, weil die seelischen Dämme gegen sexuelle
Ausschreitungen, Scham, Ekel und Moral, je nach dem Alter des Kindes noch
nicht aufgeführt oder erst in Bildung begriffen sind. Das Kind verhält sich hierin
nicht anders als etwa das unkultivierte Durchschnittsweib, bei dem die nämliche
polymorph perverse Veranlagung erhalten bleibt. Dieses kann unter den
gewöhnlichen Bedingungen etwa sexuell normal bleiben, unter der Leitung eines
geschickten Verführers wird es an allen Perversionen Geschmack finden und
dieselben für seine Sexualbetätigung festhalten. Die nämliche polymorphe, also
infantile, Anlage beutet dann die Dirne für ihre Berufstätigkeit aus, und bei der
riesigen Anzahl der prostituierten Frauen und solcher, denen man die Eignung
zur Prostitution zusprechen muß, obwohl sie dem Berufe entgangen sind, wird es
endgültig unmöglich, in der gleichmäßigen Anlage zu allen Perversionen nicht
das allgemein Menschliche und Ursprüngliche zu erkennen.
Partialtriebe.
Im übrigen hilft der Einfluß der Verführung nicht dazu, die anfänglichen
Verhältnisse des Geschlechtstriebes zu enthüllen, sondern verwirrt unsere
Einsicht in dieselben, indem er dem Kinde vorzeitig das Sexualobjekt zuführt,
nach dem der infantile Sexualtrieb zunächst kein Bedürfnis zeigt. Indes müssen
wir zugestehen, daß auch das kindliche Sexualleben, bei allem Überwiegen der
Herrschaft erogener Zonen, Komponenten zeigt, für welche andere Personen als
Sexualobjekte von Anfang an in Betracht kommen. Solcher Art sind die in
gewisser Unabhängigkeit von erogenen Zonen auftretenden Triebe der Schau-
und Zeigelust und der Grausamkeit, die in ihre innigen Beziehungen zum Genitalleben erst später eintreten, aber schon in den Kinderjahren als zunächst
von der erogenen Sexualtätigkeit gesonderte selbständige Strebungen bemerkbar
werden. Das kleine Kind ist vor allem schamlos und zeigt in gewissen frühen
Jahren ein unzweideutiges Vergnügen an der Entblößung seines Körpers mit
besonderer Hervorhebung der Geschlechtsteile. Das Gegenstück dieser als
pervers geltenden Neigung, die Neugierde, Genitalien anderer Personen zu
sehen, wird wahrscheinlich erst in etwas späteren Kinderjahren offenkundig,
wenn das Hindernis des Schamgefühles bereits eine gewisse Entwicklung
erreicht hat. Unter dem Einfluß der Verführung kann die Schauperversion eine
große Bedeutung für das Sexualleben des Kindes erreichen. Doch muß ich aus
meinen Erforschungen der Kinderjahre Gesunder wie neurotisch Kranker den
Schluß ziehen, daß der Schautrieb beim Kinde als spontane Sexualäußerung
aufzutreten vermag. Kleine Kinder, deren Aufmerksamkeit einmal auf die
eigenen Genitalien – meist masturbatorisch – gelenkt ist, pflegen den weiteren
Fortschritt ohne fremdes Dazutun zu treffen und lebhaftes Interesse für die
Genitalien ihrer Gespielen zu entwickeln. Da sich die Gelegenheit, solche
Neugierde zu befriedigen, meist nur bei der Befriedigung der beiden
exkrementellen Bedürfnisse ergibt, werden solche Kinder zu Voyeurs, eifrigen
Zuschauern bei der Harn- und Kotentleerung anderer. Nach eingetretener
Verdrängung dieser Neigungen bleibt die Neugierde, fremde Genitalien (des
eigenen oder des anderen Geschlechtes) zu sehen, als quälender Drang bestehen,
der bei manchen neurotischen Fällen dann die stärkste Triebkraft für die
Symptombildung abgibt.