Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Vorwort zur vierten Auflage.
Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit
Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische Forschung
in der großen Welt ungeschädigt geblieben ist. Doch haben nicht alle Teile der
Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein psychologischen Aufstellungen
und Ermittlungen der Psychoanalyse über das Unbewußte, die Verdrängung, den
Konflikt, der zur Krankheit führt, den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der
Symptombildung u. a. erfreuen sich wachsender Anerkennung und finden selbst
bei prinzipiellen Gegnern Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück
der Lehre, dessen Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch
immer unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich
eine Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall von
ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle des sexuellen
Momentes für das normale und krankhafte Seelenleben wieder eingeschränkt
werden sollte.
Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser Teil der
psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit viel weiter
entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder von neuem
wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger und
erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung jener
Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine Schwierigkeiten.
Erstens können nur solche Forscher die hier beschriebenen Anfänge des
menschlichen Sexuallebens bestätigen, die Geduld und technisches Geschick
genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kindheitsjahre des Patienten
vorzutragen. Es fehlt häufig auch an der Möglichkeit hiezu, da das ärztliche
Handeln eine scheinbar raschere Erledigung des Krankheitsfalles verlangt.
Andere aber als Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, haben überhaupt keinen
Zugang zu diesem Gebiet und keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das
der Beeinflussung durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der Kinder zu
lernen, so hätten diese drei Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben
können.
Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt dieser
Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle menschlichen
Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes der Sexualität, von
jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen die Psychoanalyse
abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden Schlagworten ist man
soweit gegangen, von dem »Pansexualismus« der Psychoanalyse zu reden und
ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie erkläre »alles« aus der Sexualität.
Man könnte sich darüber verwundern, wenn man imstande wäre, an die
verwirrende und vergeßlich machende Wirkung affektiver Momente selbst zu
vergessen. Denn der Philosoph Artur Schopenhauer hat bereits vor geraumer
Zeit den Menschen vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch
sexuelle Strebungen – im gewohnten Sinne des Wortes – bestimmt wird, und
eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so packende
Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen! Was aber die »Ausdehnung« des
Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse von Kindern und von
sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen alle, die von ihrem höheren
Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse herabschauen, sich erinnern
lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der Psychoanalyse mit dem Eros des
göttlichen Plato zusammentrifft. (S. Nachmansohn, Freuds Libidotheorie
verglichen mit der Eroslehre Platos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. III, 1915.)
Wien, im Mai 1920.