Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 2 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Vorwort zur vierten Auflage.

 

Nachdem die Fluten der Kriegszeit sich verzogen haben, darf man mit

Befriedigung feststellen, daß das Interesse für die psychoanalytische Forschung

in der großen Welt ungeschädigt geblieben ist. Doch haben nicht alle Teile der

Lehre das gleiche Schicksal erfahren. Die rein psychologischen Aufstellungen

und Ermittlungen der Psychoanalyse über das Unbewußte, die Verdrängung, den

Konflikt, der zur Krankheit führt, den Krankheitsgewinn, die Mechanismen der

Symptombildung u. a. erfreuen sich wachsender Anerkennung und finden selbst

bei prinzipiellen Gegnern Beachtung. Das an die Biologie angrenzende Stück

der Lehre, dessen Grundlage in dieser kleinen Schrift gegeben wird, ruft noch

immer unverminderten Widerspruch hervor und hat selbst Personen, die sich

eine Zeitlang intensiv mit der Psychoanalyse beschäftigt hatten, zum Abfall von

ihr und zu neuen Auffassungen bewogen, durch welche die Rolle des sexuellen

Momentes für das normale und krankhafte Seelenleben wieder eingeschränkt

werden sollte.

Ich kann mich trotzdem nicht zur Annahme entschließen, daß dieser Teil der

psychoanalytischen Lehre sich von der zu erratenden Wirklichkeit viel weiter

entfernen könnte als der andere. Erinnerung und immer wieder von neuem

wiederholte Prüfung sagen mir, daß er aus ebenso sorgfältiger und

erwartungsloser Beobachtung hervorgegangen ist und die Erklärung jener

Dissoziation in der öffentlichen Anerkennung bereitet keine Schwierigkeiten.

Erstens können nur solche Forscher die hier beschriebenen Anfänge des

menschlichen Sexuallebens bestätigen, die Geduld und technisches Geschick

genug besitzen, um die Analyse bis in die ersten Kindheitsjahre des Patienten

vorzutragen. Es fehlt häufig auch an der Möglichkeit hiezu, da das ärztliche

Handeln eine scheinbar raschere Erledigung des Krankheitsfalles verlangt.

Andere aber als Ärzte, welche die Psychoanalyse üben, haben überhaupt keinen

Zugang zu diesem Gebiet und keine Möglichkeit, sich ein Urteil zu bilden, das

der Beeinflussung durch ihre eigenen Abneigungen und Vorurteile entzogen wäre. Verstünden es die Menschen, aus der direkten Beobachtung der Kinder zu

lernen, so hätten diese drei Abhandlungen überhaupt ungeschrieben bleiben

können.

Dann aber muß man sich daran erinnern, daß einiges vom Inhalt dieser

Schrift, die Betonung der Bedeutung des Sexuallebens für alle menschlichen

Leistungen und die hier versuchte Erweiterung des Begriffes der Sexualität, von

jeher die stärksten Motive für den Widerstand gegen die Psychoanalyse

abgegeben hat. In dem Bedürfnis nach volltönenden Schlagworten ist man

soweit gegangen, von dem »Pansexualismus« der Psychoanalyse zu reden und

ihr den unsinnigen Vorwurf zu machen, sie erkläre »alles« aus der Sexualität.

Man könnte sich darüber verwundern, wenn man imstande wäre, an die

verwirrende und vergeßlich machende Wirkung affektiver Momente selbst zu

vergessen. Denn der Philosoph Artur Schopenhauer hat bereits vor geraumer

Zeit den Menschen vorgehalten, in welchem Maß ihr Tun und Trachten durch

sexuelle Strebungen – im gewohnten Sinne des Wortes – bestimmt wird, und

eine Welt von Lesern sollte doch unfähig gewesen sein, sich eine so packende

Mahnung so völlig aus dem Sinne zu schlagen! Was aber die »Ausdehnung« des

Begriffes der Sexualität betrifft, die durch die Analyse von Kindern und von

sogenannten Perversen notwendig wird, so mögen alle, die von ihrem höheren

Standpunkt verächtlich auf die Psychoanalyse herabschauen, sich erinnern

lassen, wie nahe die erweiterte Sexualität der Psychoanalyse mit dem Eros des

göttlichen Plato zusammentrifft. (S. Nachmansohn, Freuds Libidotheorie

verglichen mit der Eroslehre Platos, Intern. Zeitschr. f. Psychoanalyse. III, 1915.)

 

Wien, im Mai 1920.