Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
3. Allgemeines über alle Perversionen.
Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen eine besondere
Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende Gegensatz von Aktivität und
Passivität zu den allgemeinen Charakteren des Sexuallebens gehört.
Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die
Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, aber in der Aufklärung
dieses Zusammenhanges ist man über die Betonung des aggressiven Moments
der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem
Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalischer Gelüste,
also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparates, welcher der Befriedigung
des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürfnisses dient(23). Es ist auch
behauptet worden, daß jeder Schmerz an und für sich die Möglichkeit einer
Lustempfindung enthalte. Wir wollen uns mit dem Eindruck begnügen, daß die
Aufklärung dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben ist, und daß
möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem Effekt
vereinigen.
Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber darin, daß ihre
aktive und ihre passive Form regelmäßig bei der nämlichen Person mitsammen
angetroffen werden. Wer Lust daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller
Relation zu erzeugen, der ist auch befähigt, den Schmerz als Lust zu genießen,
der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. Ein Sadist ist immer auch
gleichzeitig ein Masochist, wenngleich die aktive oder die passive Seite der
Perversion bei ihm stärker ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle
Betätigung darstellen kann(24).
Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als
Gegensatzpaare auftreten, was mit Hinblick auf später beizubringendes Material
eine hohe theoretische Bedeutung beanspruchen darf(25). Es ist ferner
einleuchtend, daß die Existenz des Gegensatzpaares Sadismus – Masochismus
aus der Aggressionsbeimengung nicht ohneweiters ableitbar ist. Dagegen wäre
man versucht, solche gleichzeitig vorhandene Gegensätze mit dem in der
Bisexualität vereinten Gegensatz von männlich und weiblich in Beziehung zu
setzen, dessen Bedeutung in der Psychoanalyse auf den Gegensatz von aktiv und
passiv reduziert ist.
3. Allgemeines über alle Perversionen.
Variation und Krankheit.
Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Beispielen und
unter besonderen Bedingungen studiert haben, sind natürlich geneigt gewesen,
ihnen den Charakter eines Krankheits- oder Degenerationszeichens
zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei der Inversion. Indes ist es hier leichter als
dort, diese Auffassung abzulehnen. Die alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß die
meisten dieser Überschreitungen, wenigstens die minder argen unter ihnen, einen
selten fehlenden Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von
ihnen wie andere Intimitäten auch beurteilt werden. Wo die Verhältnisse es
begünstigen, kann auch der Normale eine solche Perversion eine ganze Zeit lang
an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen Platz neben diesem
einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte irgend ein pervers zu nennender Zusatz
zum normalen Sexualziel fehlen und diese Allgemeinheit genügt für sich allein,
um die Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens
Perversion darzutun. Gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens stößt man auf
besondere, eigentlich derzeit unlösbare Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe
Grenze zwischen bloßer Variation innerhalb der physiologischen Breite und
krankhaften Symptomen ziehen will.
Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität des neuen
Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer Würdigung verlangt. Gewisse
der Perversionen entfernen sich inhaltlich so weit vom Normalen, daß wir nicht
umhin können, sie für »krankhaft« zu erklären, insbesondere jene, in denen der
Sexualtrieb in der Überwindung der Widerstände (Scham, Ekel, Grauen,
Schmerz) erstaunliche Leistungen vollführt. (Kotlecken, Leichenmißbrauch.)
Doch darf man auch in diesen Fällen sich nicht der sicheren Erwartung
hingeben, in den Tätern regelmäßig Personen mit andersartigen schweren
Abnormitäten oder Geisteskranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht
über die Tatsache hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten, auf dem
Gebiete des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft des ungezügeltsten aller
Triebe, sich als Kranke dokumentieren. Manifeste Abnormität in anderen
Lebensrelationen pflegt hingegen jedesmal einen Hintergrund von abnormem
sexuellen Verhalten zu zeigen.
In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des Krankhaften bei der
Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexualzieles, sondern in dessen Verhältnis
zum Normalen finden. Wenn die Perversion nicht neben dem Normalen
(Sexualziel und Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe fördern und ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das Normale unter allen
Umständen verdrängt und ersetzt hat; – in der Ausschließlichkeit und in der
Fixierung also der Perversion sehen wir zu allermeist die Berechtigung, sie als
ein krankhaftes Symptom zu beurteilen.
Die seelische Beteiligung bei den Perversionen.
Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß man die
ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung des Sexualtriebes
anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer Arbeit geleistet, dem man trotz
seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des Triebes nicht
absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker
als in diesen ihren Verirrungen. Das Höchste und das Niedrigste hängen in der
Sexualität überall am innigsten aneinander (»Vom Himmel durch die Welt zur
Hölle«).
Zwei Ergebnisse.
Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht ergeben, daß der
Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als Widerstände anzukämpfen hat,
unter denen Scham und Ekel am deutlichsten hervorgetreten sind. Es ist die
Vermutung gestattet, daß diese Mächte daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb
der als normal geltenden Schranken zu bannen, und wenn sie sich im
Individuum früher entwickelt haben, ehe der Sexualtrieb seine volle Stärke
erlangte, so waren sie es wohl, die ihm die Richtung seiner Entwicklung
angewiesen haben(26).
Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der untersuchten
Perversionen nur durch das Zusammentreten von mehreren Motiven verständlich
werden. Wenn sie eine Analyse – Zersetzung – zulassen, müssen sie
zusammengesetzter Natur sein. Hieraus können wir einen Wink entnehmen, daß
vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, sondern aus Komponenten
zusammengesetzt ist, die sich in den Perversionen wieder von ihm ablösen. Die
Klinik hätte uns so auf Verschmelzungen aufmerksam gemacht, die in dem
gleichförmigen normalen Verhalten ihren Ausdruck eingebüßt haben(27).