Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 9 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

3. Allgemeines über alle Perversionen.

Sadismus und Masochismus nehmen unter den Perversionen eine besondere

Stellung ein, da der ihnen zugrunde liegende Gegensatz von Aktivität und

Passivität zu den allgemeinen Charakteren des Sexuallebens gehört.

Daß Grausamkeit und Sexualtrieb innigst zusammengehören, lehrt die

Kulturgeschichte der Menschheit über jeden Zweifel, aber in der Aufklärung

dieses Zusammenhanges ist man über die Betonung des aggressiven Moments

der Libido nicht hinausgekommen. Nach einigen Autoren ist diese dem

Sexualtrieb beigemengte Aggression eigentlich ein Rest kannibalischer Gelüste,

also eine Mitbeteiligung des Bemächtigungsapparates, welcher der Befriedigung

des anderen, ontogenetisch älteren, großen Bedürfnisses dient(23). Es ist auch

behauptet worden, daß jeder Schmerz an und für sich die Möglichkeit einer

Lustempfindung enthalte. Wir wollen uns mit dem Eindruck begnügen, daß die

Aufklärung dieser Perversion keineswegs befriedigend gegeben ist, und daß

möglicherweise hiebei mehrere seelische Strebungen sich zu einem Effekt

vereinigen.

Die auffälligste Eigentümlichkeit dieser Perversion liegt aber darin, daß ihre

aktive und ihre passive Form regelmäßig bei der nämlichen Person mitsammen

angetroffen werden. Wer Lust daran empfindet, anderen Schmerz in sexueller

Relation zu erzeugen, der ist auch befähigt, den Schmerz als Lust zu genießen,

der ihm aus sexuellen Beziehungen erwachsen kann. Ein Sadist ist immer auch

gleichzeitig ein Masochist, wenngleich die aktive oder die passive Seite der

Perversion bei ihm stärker ausgebildet sein und seine vorwiegend sexuelle

Betätigung darstellen kann(24).

Wir sehen so gewisse der Perversionsneigungen regelmäßig als

Gegensatzpaare auftreten, was mit Hinblick auf später beizubringendes Material

eine hohe theoretische Bedeutung beanspruchen darf(25). Es ist ferner

einleuchtend, daß die Existenz des Gegensatzpaares Sadismus – Masochismus

aus der Aggressionsbeimengung nicht ohneweiters ableitbar ist. Dagegen wäre

man versucht, solche gleichzeitig vorhandene Gegensätze mit dem in der

Bisexualität vereinten Gegensatz von männlich und weiblich in Beziehung zu

setzen, dessen Bedeutung in der Psychoanalyse auf den Gegensatz von aktiv und

passiv reduziert ist.

 

3. Allgemeines über alle Perversionen.

Variation und Krankheit.

 

Die Ärzte, welche die Perversionen zuerst an ausgeprägten Beispielen und

unter besonderen Bedingungen studiert haben, sind natürlich geneigt gewesen,

ihnen den Charakter eines Krankheits- oder Degenerationszeichens

zuzusprechen, ganz ähnlich wie bei der Inversion. Indes ist es hier leichter als

dort, diese Auffassung abzulehnen. Die alltägliche Erfahrung hat gezeigt, daß die

meisten dieser Überschreitungen, wenigstens die minder argen unter ihnen, einen

selten fehlenden Bestandteil des Sexuallebens der Gesunden bilden und von

ihnen wie andere Intimitäten auch beurteilt werden. Wo die Verhältnisse es

begünstigen, kann auch der Normale eine solche Perversion eine ganze Zeit lang

an die Stelle des normalen Sexualzieles setzen oder ihr einen Platz neben diesem

einräumen. Bei keinem Gesunden dürfte irgend ein pervers zu nennender Zusatz

zum normalen Sexualziel fehlen und diese Allgemeinheit genügt für sich allein,

um die Unzweckmäßigkeit einer vorwurfsvollen Verwendung des Namens

Perversion darzutun. Gerade auf dem Gebiete des Sexuallebens stößt man auf

besondere, eigentlich derzeit unlösbare Schwierigkeiten, wenn man eine scharfe

Grenze zwischen bloßer Variation innerhalb der physiologischen Breite und

krankhaften Symptomen ziehen will.

Bei manchen dieser Perversionen ist immerhin die Qualität des neuen

Sexualzieles eine solche, daß sie nach besonderer Würdigung verlangt. Gewisse

der Perversionen entfernen sich inhaltlich so weit vom Normalen, daß wir nicht

umhin können, sie für »krankhaft« zu erklären, insbesondere jene, in denen der

Sexualtrieb in der Überwindung der Widerstände (Scham, Ekel, Grauen,

Schmerz) erstaunliche Leistungen vollführt. (Kotlecken, Leichenmißbrauch.)

Doch darf man auch in diesen Fällen sich nicht der sicheren Erwartung

hingeben, in den Tätern regelmäßig Personen mit andersartigen schweren

Abnormitäten oder Geisteskranke zu entdecken. Man kommt auch hier nicht

über die Tatsache hinaus, daß Personen, die sich sonst normal verhalten, auf dem

Gebiete des Sexuallebens allein, unter der Herrschaft des ungezügeltsten aller

Triebe, sich als Kranke dokumentieren. Manifeste Abnormität in anderen

Lebensrelationen pflegt hingegen jedesmal einen Hintergrund von abnormem

sexuellen Verhalten zu zeigen.

In der Mehrzahl der Fälle können wir den Charakter des Krankhaften bei der

Perversion nicht im Inhalt des neuen Sexualzieles, sondern in dessen Verhältnis

zum Normalen finden. Wenn die Perversion nicht neben dem Normalen

(Sexualziel und Objekt) auftritt, wo günstige Umstände dieselbe fördern und ungünstige das Normale verhindern, sondern wenn sie das Normale unter allen

Umständen verdrängt und ersetzt hat; – in der Ausschließlichkeit und in der

Fixierung also der Perversion sehen wir zu allermeist die Berechtigung, sie als

ein krankhaftes Symptom zu beurteilen.

 

Die seelische Beteiligung bei den Perversionen.

 

Vielleicht gerade bei den abscheulichsten Perversionen muß man die

ausgiebigste psychische Beteiligung zur Umwandlung des Sexualtriebes

anerkennen. Es ist hier ein Stück seelischer Arbeit geleistet, dem man trotz

seines greulichen Erfolges den Wert einer Idealisierung des Triebes nicht

absprechen kann. Die Allgewalt der Liebe zeigt sich vielleicht nirgends stärker

als in diesen ihren Verirrungen. Das Höchste und das Niedrigste hängen in der

Sexualität überall am innigsten aneinander (»Vom Himmel durch die Welt zur

Hölle«).

 

Zwei Ergebnisse.

 

Bei dem Studium der Perversionen hat sich uns die Einsicht ergeben, daß der

Sexualtrieb gegen gewisse seelische Mächte als Widerstände anzukämpfen hat,

unter denen Scham und Ekel am deutlichsten hervorgetreten sind. Es ist die

Vermutung gestattet, daß diese Mächte daran beteiligt sind, den Trieb innerhalb

der als normal geltenden Schranken zu bannen, und wenn sie sich im

Individuum früher entwickelt haben, ehe der Sexualtrieb seine volle Stärke

erlangte, so waren sie es wohl, die ihm die Richtung seiner Entwicklung

angewiesen haben(26).

Wir haben ferner die Bemerkung gemacht, daß einige der untersuchten

Perversionen nur durch das Zusammentreten von mehreren Motiven verständlich

werden. Wenn sie eine Analyse – Zersetzung – zulassen, müssen sie

zusammengesetzter Natur sein. Hieraus können wir einen Wink entnehmen, daß

vielleicht der Sexualtrieb selbst nichts Einfaches, sondern aus Komponenten

zusammengesetzt ist, die sich in den Perversionen wieder von ihm ablösen. Die

Klinik hätte uns so auf Verschmelzungen aufmerksam gemacht, die in dem

gleichförmigen normalen Verhalten ihren Ausdruck eingebüßt haben(27).