Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Das Sexualziel der infantilen Sexualität.
Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei wesentlichen
Charaktere einer infantilen Sexualäußerung bemerken können. Dieselbe entsteht
in Anlehnung an eine der lebenswichtigen Körperfunktionen, sie kennt noch kein
Sexualobjekt, ist autoerotisch, und ihr Sexualziel steht unter der Herrschaft einer
erogenen Zone. Nehmen wir vorweg, daß diese Charaktere auch für die meisten
anderen Betätigungen der infantilen Sexualtriebe gelten.
Das Sexualziel der infantilen Sexualität.
Charaktere erogener Zonen.
Aus dem Beispiel des Ludelns ist zur Kennzeichnung einer erogenen Zone
noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- oder Schleimhautstelle, an der
Reizungen von gewisser Art eine Lustempfindung von bestimmter Qualität
hervorrufen. Es ist kein Zweifel, daß die lusterzeugenden Reize an besondere
Bedingungen gebunden sind; wir kennen dieselben nicht. Der rhythmische
Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie mit dem Kitzelreiz
drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, ob man den Charakter der durch
den Reiz hervorgerufenen Lustempfindung als einen »besonderen« bezeichnen
darf, wo in dieser Besonderheit eben das sexuelle Moment enthalten wäre. In
Sachen der Lust und Unlust tappt die Psychologie noch so sehr im Dunkeln, daß
die vorsichtigste Annahme die empfehlenswerteste sein wird. Wir werden später
vielleicht auf Gründe stoßen, welche die Besonderheitsqualität der
Lustempfindung zu unterstützen scheinen.
Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in ausgezeichneter
Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen, wie das Beispiel des
Ludelns zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber auch, daß jede beliebige andere Haut-
oder Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen kann,
also eine gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die Qualität des Reizes hat
also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr zu tun als die Beschaffenheit
der Körperstelle. Das ludelnde Kind sucht an seinem Körper herum und wählt
sich irgend eine Stelle zum Wonnesaugen aus, die ihm dann durch Gewöhnung
die bevorzugte wird; wenn es zufällig dabei auf eine der prädestinierten Stellen
stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich dieser der Vorzug. Die ganz
analoge Verschiebbarkeit kehrt dann in der Symptomatologie der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose betrifft die Verdrängung die eigentlichen
Genitalzonen am allermeisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen,
sonst im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen Zonen ab, die sich dann ganz
wie Genitalien gebärden. Aber außerdem kann ganz wie beim Ludeln jede
beliebige andere Körperstelle mit der Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet
und zur erogenen Zone erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen zeigen
die nämlichen Charaktere(46).
Infantiles Sexualziel.
Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die Befriedigung durch
die geeignete Reizung der so oder so gewählten erogenen Zone hervorzurufen.
Diese Befriedigung muß vorher erlebt worden sein, um ein Bedürfnis nach ihrer
Wiederholung zurückzulassen, und wir dürfen darauf vorbereitet sein, daß die
Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um dieses Erleben der Befriedigung
nicht dem Zufalle zu überlassen(47). Die Veranstaltung, welche diesen Zweck
für die Lippenzone erfüllt, haben wir bereits kennen gelernt, es ist die
gleichzeitige Verknüpfung dieser Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme.
Andere ähnliche Vorrichtungen werden uns noch als Quellen der Sexualität
begegnen. Der Zustand des Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung
verrät sich durch zweierlei: durch ein eigentümliches Spannungsgefühl, welches
an sich mehr vom Charakter der Unlust hat, und durch eine zentral bedingte, in
die peripherische erogene Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung. Man
kann das Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an, die
projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen äußeren
Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt, indem er die
Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser äußere Reiz wird zumeist in
einer Manipulation bestehen, die analog dem Saugen ist.
Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen Wissen, wenn es
vorkommt, daß das Bedürfnis auch peripherisch, durch eine wirkliche
Veränderung an der erogenen Zone geweckt wird. Es wirkt nur einigermaßen
befremdend, da der eine Reiz zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an
derselben Stelle angebrachten, zu verlangen scheint.