Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 17 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Das Sexualziel der infantilen Sexualität.

Am Lutschen oder Wonnesaugen haben wir bereits die drei wesentlichen

Charaktere einer infantilen Sexualäußerung bemerken können. Dieselbe entsteht

in Anlehnung an eine der lebenswichtigen Körperfunktionen, sie kennt noch kein

Sexualobjekt, ist autoerotisch, und ihr Sexualziel steht unter der Herrschaft einer

erogenen Zone. Nehmen wir vorweg, daß diese Charaktere auch für die meisten

anderen Betätigungen der infantilen Sexualtriebe gelten.

 

Das Sexualziel der infantilen Sexualität.

 

Charaktere erogener Zonen.

 

Aus dem Beispiel des Ludelns ist zur Kennzeichnung einer erogenen Zone

noch mancherlei zu entnehmen. Es ist eine Haut- oder Schleimhautstelle, an der

Reizungen von gewisser Art eine Lustempfindung von bestimmter Qualität

hervorrufen. Es ist kein Zweifel, daß die lusterzeugenden Reize an besondere

Bedingungen gebunden sind; wir kennen dieselben nicht. Der rhythmische

Charakter muß unter ihnen eine Rolle spielen, die Analogie mit dem Kitzelreiz

drängt sich auf. Minder ausgemacht scheint es, ob man den Charakter der durch

den Reiz hervorgerufenen Lustempfindung als einen »besonderen« bezeichnen

darf, wo in dieser Besonderheit eben das sexuelle Moment enthalten wäre. In

Sachen der Lust und Unlust tappt die Psychologie noch so sehr im Dunkeln, daß

die vorsichtigste Annahme die empfehlenswerteste sein wird. Wir werden später

vielleicht auf Gründe stoßen, welche die Besonderheitsqualität der

Lustempfindung zu unterstützen scheinen.

Die erogene Eigenschaft kann einzelnen Körperstellen in ausgezeichneter

Weise anhaften. Es gibt prädestinierte erogene Zonen, wie das Beispiel des

Ludelns zeigt. Dasselbe Beispiel lehrt aber auch, daß jede beliebige andere Haut-

oder Schleimhautstelle die Dienste einer erogenen Zone auf sich nehmen kann,

also eine gewisse Eignung dazu mitbringen muß. Die Qualität des Reizes hat

also mit der Erzeugung der Lustempfindung mehr zu tun als die Beschaffenheit

der Körperstelle. Das ludelnde Kind sucht an seinem Körper herum und wählt

sich irgend eine Stelle zum Wonnesaugen aus, die ihm dann durch Gewöhnung

die bevorzugte wird; wenn es zufällig dabei auf eine der prädestinierten Stellen

stößt (Brustwarze, Genitalien), so verbleibt freilich dieser der Vorzug. Die ganz

analoge Verschiebbarkeit kehrt dann in der Symptomatologie der Hysterie wieder. Bei dieser Neurose betrifft die Verdrängung die eigentlichen

Genitalzonen am allermeisten, und diese geben ihre Reizbarkeit an die übrigen,

sonst im reifen Leben zurückgesetzten, erogenen Zonen ab, die sich dann ganz

wie Genitalien gebärden. Aber außerdem kann ganz wie beim Ludeln jede

beliebige andere Körperstelle mit der Erregbarkeit der Genitalien ausgestattet

und zur erogenen Zone erhoben werden. Erogene und hysterogene Zonen zeigen

die nämlichen Charaktere(46).

 

Infantiles Sexualziel.

 

Das Sexualziel des infantilen Triebes besteht darin, die Befriedigung durch

die geeignete Reizung der so oder so gewählten erogenen Zone hervorzurufen.

Diese Befriedigung muß vorher erlebt worden sein, um ein Bedürfnis nach ihrer

Wiederholung zurückzulassen, und wir dürfen darauf vorbereitet sein, daß die

Natur sichere Vorrichtungen getroffen hat, um dieses Erleben der Befriedigung

nicht dem Zufalle zu überlassen(47). Die Veranstaltung, welche diesen Zweck

für die Lippenzone erfüllt, haben wir bereits kennen gelernt, es ist die

gleichzeitige Verknüpfung dieser Körperstelle mit der Nahrungsaufnahme.

Andere ähnliche Vorrichtungen werden uns noch als Quellen der Sexualität

begegnen. Der Zustand des Bedürfnisses nach Wiederholung der Befriedigung

verrät sich durch zweierlei: durch ein eigentümliches Spannungsgefühl, welches

an sich mehr vom Charakter der Unlust hat, und durch eine zentral bedingte, in

die peripherische erogene Zone projizierte Juck- oder Reizempfindung. Man

kann das Sexualziel darum auch so formulieren, es käme darauf an, die

projizierte Reizempfindung an der erogenen Zone durch denjenigen äußeren

Reiz zu ersetzen, welcher die Reizempfindung aufhebt, indem er die

Empfindung der Befriedigung hervorruft. Dieser äußere Reiz wird zumeist in

einer Manipulation bestehen, die analog dem Saugen ist.

Es ist nur im vollen Einklang mit unserem physiologischen Wissen, wenn es

vorkommt, daß das Bedürfnis auch peripherisch, durch eine wirkliche

Veränderung an der erogenen Zone geweckt wird. Es wirkt nur einigermaßen

befremdend, da der eine Reiz zu seiner Aufhebung nach einem zweiten, an

derselben Stelle angebrachten, zu verlangen scheint.