Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 21 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Quellen der infantilen Sexualität.

verbergen. Die Objektwahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen Objekte

verzichten und als sinnliche Strömung von neuem beginnen. Das

Nichtzusammentreffen der beiden Strömungen hat oft genug die Folge, daß eines

der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt,

nicht erreicht werden kann.

 

Quellen der infantilen Sexualität.

 

In dem Bemühen, die Ursprünge des Sexualtriebes zu verfolgen, haben wir

bisher gefunden, daß die sexuelle Erregung entsteht a) als Nachbildung einer im

Anschluß an andere organische Vorgänge erlebten Befriedigung, b) durch

geeignete peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger uns in

ihrer Herkunft noch nicht voll verständlicher »Triebe«, wie der Schautrieb und

der Trieb zur Grausamkeit. Die aus späterer Zeit auf die Kindheit

zurückgreifende psychoanalytische Forschung und die gleichzeitige

Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um uns noch andere

regelmäßig fließende Quellen für die sexuelle Erregung aufzuzeigen. Die

Kindheitsbeobachtung hat den Nachteil, daß sie leicht mißzuverstehende

Objekte bearbeitet, die Psychoanalyse wird dadurch erschwert, daß sie zu ihren

Objekten wie zu ihren Schlüssen nur auf großen Umwegen gelangen kann; in

ihrem Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen genügenden Grad

von Sicherheit der Erkenntnis.

Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits gefunden, daß

diese Hautstellen bloß eine besondere Steigerung einer Art von Reizbarkeit

zeigen, welche in gewissem Grade der ganzen Hautoberfläche zukommt. Wir

werden also nicht erstaunt sein zu erfahren, daß gewissen Arten allgemeiner

Hautreizung sehr deutliche erogene Wirkungen zuzuschreiben sind. Unter diesen

heben wir vor allen die Temperaturreize hervor; vielleicht wird so auch unser

Verständnis für die therapeutische Wirkung warmer Bäder vorbereitet.

 

Mechanische Erregungen.

 

Ferner müssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung durch rhythmische mechanische Erschütterungen des Körpers anreihen, an denen wir dreierlei

Reizeinwirkungen zu sondern haben, die auf den Sinnesapparat der

Vestibularnerven, die auf die Haut und auf die tiefen Teile (Muskeln,

Gelenkapparate). Wegen der dabei entstehenden Lustempfindungen – es ist der

Hervorhebung wert, daß wir hier eine ganze Strecke weit »sexuelle Erregung«

und »Befriedigung« unterschiedslos gebrauchen dürfen, und legt uns die Pflicht

auf, später nach einer Erklärung zu suchen –; es ist also ein Beweis für die durch

gewisse mechanische Körpererschütterungen erzeugte Lust, daß Kinder passive

Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr lieben und

unaufhörlich nach Wiederholung davon verlangen(57). Das Wiegen wird

bekanntlich zur Einschläferung unruhiger Kinder regelmäßig angewendet. Die

Erschütterungen der Wagenfahrt und später der Eisenbahnfahrt üben eine so

faszinierende Wirkung auf ältere Kinder aus, daß wenigstens alle Knaben irgend

einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden wollen. Den Vorgängen auf

der Eisenbahn pflegen sie ein rätselhaftes Interesse von außerordentlicher Höhe

zuzuwenden, und dieselben im Alter der Phantasietätigkeit (kurz vor der

Pubertät) zum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik zu machen. Der Zwang zu

solcher Verknüpfung des Eisenbahnfahrens mit der Sexualität geht offenbar von

dem Lustcharakter der Bewegungsempfindungen aus. Kommt dann die

Verdrängung hinzu, die so vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins

Gegenteil umschlagen läßt, so werden dieselben Personen als Heranwachsende

oder Erwachsene auf Wiegen und Schaukeln mit Üblichkeit reagieren, durch

eine Eisenbahnfahrt furchtbar erschöpft werden oder zu Angstanfällen auf der

Fahrt neigen und sich durch Eisenbahnangst vor der Wiederholung der

peinlichen Erfahrung schützen.

Hier reiht sich dann – noch unverstanden – die Tatsache an, daß durch

Zusammentreffen von Schreck und mechanischer Erschütterung die schwere

hysteriforme traumatische Neurose erzeugt wird. Man darf wenigstens

annehmen, daß diese Einflüsse, die in geringen Intensitäten zu Quellen sexueller

Erregung werden, in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe Zerrüttung des

sexuellen Mechanismus hervorrufen.

 

Muskeltätigkeit.

 

Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Bedürfnis ist, aus

dessen Befriedigung es außerordentliche Lust schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der Sexualität zu tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung

einschließt oder Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das mag kritischen

Erwägungen unterliegen, die sich ja auch wohl gegen die im Vorigen enthaltene

Aufstellung richten werden, daß die Lust durch die Empfindungen passiver

Bewegung sexueller Art ist oder sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß

eine Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit

an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen

erlebt, in welcher Situation außer der allgemeinen Muskelanstrengung noch die

ausgiebige Hautberührung mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum

Muskelstreit mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum Wortstreit

(»Was sich liebt, das neckt sich«), gehört zu den guten Vorzeichen der auf diese

Person gerichteten Objektwahl. In der Beförderung der sexuellen Erregung

durch Muskeltätigkeit wäre eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu

erkennen. Für viele Individuen wird die infantile Verknüpfung zwischen Raufen

und sexueller Erregung mitbestimmend für die später bevorzugte Richtung ihres

Geschlechtstriebes(58).

 

Affektvorgänge.

 

Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller Erregung beim

Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung wie durch spätere

Erforschung festzustellen, daß alle intensiveren Affektvorgänge, selbst die

schreckhaften Erregungen, auf die Sexualität übergreifen, was übrigens einen

Beitrag zum Verständnis der pathogenen Wirkung solcher Gemütsbewegungen

liefern kann. Beim Schulkinde kann die Angst geprüft zu werden, die Spannung

einer sich schwer lösenden Aufgabe, für den Durchbruch sexueller Äußerungen

wie für das Verhältnis zur Schule bedeutsam werden, indem unter solchen

Umständen häufig genug ein Reizgefühl auftritt, welches zur Berührung der

Genitalien auffordert, oder ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen

verwirrenden Folgen. Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den

Lehrern Rätsel genug aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur keimenden

Sexualität derselben gesetzt zu werden. Die sexuell erregende Wirkung mancher

an sich unlustiger Affekte, des Ängstigens, Schauderns, Grausens erhält sich bei

einer großen Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die

Erklärung dafür, daß soviel Personen der Gelegenheit zu solchen Sensationen

nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die Angehörigkeit zu einer Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst der Unlustempfindung dämpfen.

Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften Empfindungen die

gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal wenn der Schmerz durch eine

Nebenbedingung abgetönt oder ferner gehalten wird, so läge in diesem

Verhältnis eine der Hauptwurzeln für den masochistisch-sadistischen Trieb, in

dessen vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich Einblick gewinnen.

 

Intellektuelle Arbeit.

 

Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der Aufmerksamkeit auf

eine intellektuelle Leistung und geistige Anspannung überhaupt bei vielen

jugendlichen wie reiferen Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die

wohl als die einzig berechtigte Grundlage für die sonst so zweifelhafte Ableitung

nervöser Störungen von geistiger »Überarbeitung« zu gelten hat.

Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch vollzählig

mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der kindlichen

Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemeinheiten ahnen oder erkennen:

Es scheint auf die ausgiebigste Weise dafür gesorgt, daß der Prozeß der

Sexualerregung – dessen Wesen uns nun freilich recht rätselhaft geworden ist –

in Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor allem in mehr oder minder direkter

Weise die Erregungen der sensiblen Oberflächen – Haut und Sinnesorgane –, am

unmittelbarsten die Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu

bezeichnende Stellen. Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die

Qualität der Reize das Maßgebende, wenngleich das Moment der Intensität

(beim Schmerz) nicht völlig gleichgültig ist. Aber überdies sind Veranstaltungen

im Organismus vorhanden, welche zur Folge haben, daß die Sexualerregung als

Nebenwirkung bei einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die

Intensität dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen überstiegen hat.

Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt haben, leitet sich entweder

direkt aus diesen inneren Quellen der Sexualerregung ab oder setzt sich aus

Beiträgen von solchen Quellen und von erogenen Zonen zusammen. Es ist

möglich, daß nichts Bedeutsameres im Organismus vorfällt, was nicht seine

Komponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hätte.

Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze zu größerer

Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache dafür zwei Momente

verantwortlich, erstens die Neuheit der ganzen Betrachtungsweise und zweitens den Umstand, daß uns das Wesen der Sexualerregung völlig unbekannt ist. Doch

möchte ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten, welche Ausblicke ins Weite

zu eröffnen versprechen:

 

Verschiedene Sexualkonstitutionen.

 

a) Sowie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine Mannigfaltigkeit der

angeborenen sexuellen Konstitutionen durch die verschiedenartige Ausbildung

der erogenen Zonen zu begründen, so können wir nun das gleiche mit

Einbeziehung der indirekten Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir dürfen

annehmen, daß diese Quellen zwar bei allen Individuen Zuflüsse liefern, aber

nicht alle bei allen Personen gleich starke, und daß in der bevorzugten

Ausbildung der einzelnen Quellen zur Sexualerregung ein weiterer Beitrag zur

Differenzierung der verschiedenen Sexualkonstitutionen gelegen sein wird(59).

 

Wege wechselseitiger Beeinflussung.

 

b) Indem wir die solange festgehaltene figürliche Ausdrucksweise fallen

lassen, in der wir von »Quellen« der Sexualerregung sprachen, können wir auf

die Vermutung gelangen, daß alle die Verbindungswege, die von anderen

Funktionen her zur Sexualität führen, auch in umgekehrter Richtung gangbar

sein müssen. Ist z. B. der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der Lippenzone

der Grund dafür, daß bei der Nahrungsaufnahme Sexualbefriedigung entsteht, so

vermittelt uns dasselbe Moment auch das Verständnis der Störungen in der

Nahrungsaufnahme, wenn die erogenen Funktionen der gemeinsamen Zone

gestört sind. Wissen wir einmal, daß Konzentration der Aufmerksamkeit

Sexualerregung hervorzurufen vermag, so wird uns die Annahme nahegelegt,

daß durch Einwirkung auf demselben Wege, nur in umgekehrter Richtung, der

Zustand der Sexualerregung die Verfügbarkeit über die lenkbare

Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein gutes Stück der Symptomatologie der

Neurosen, die ich von Störungen der Sexualvorgänge ableite, äußert sich in

Störungen der anderen nicht sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher

unverständliche Einwirkung wird minder rätselhaft, wenn sie nur das

Gegenstück zu den Beeinflussungen darstellt, unter denen die Produktion der

Sexualerregung steht.

Die nämlichen Wege aber, auf denen Sexualstörungen auf die übrigen

Körperfunktionen übergreifen, müßten auch in der Gesundheit einer anderen

wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen müßte sich die Heranziehung der

sexuellen Triebkräfte zu anderen als sexuellen Zielen, also die Sublimierung der

Sexualität vollziehen. Wir müssen mit dem Eingeständnis schließen, daß über

diese gewiß vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden Richtungen gangbaren

Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist.