Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
Quellen der infantilen Sexualität.
verbergen. Die Objektwahl der Pubertätszeit muß auf die infantilen Objekte
verzichten und als sinnliche Strömung von neuem beginnen. Das
Nichtzusammentreffen der beiden Strömungen hat oft genug die Folge, daß eines
der Ideale des Sexuallebens, die Vereinigung aller Begehrungen in einem Objekt,
nicht erreicht werden kann.
Quellen der infantilen Sexualität.
In dem Bemühen, die Ursprünge des Sexualtriebes zu verfolgen, haben wir
bisher gefunden, daß die sexuelle Erregung entsteht a) als Nachbildung einer im
Anschluß an andere organische Vorgänge erlebten Befriedigung, b) durch
geeignete peripherische Reizung erogener Zonen, c) als Ausdruck einiger uns in
ihrer Herkunft noch nicht voll verständlicher »Triebe«, wie der Schautrieb und
der Trieb zur Grausamkeit. Die aus späterer Zeit auf die Kindheit
zurückgreifende psychoanalytische Forschung und die gleichzeitige
Beobachtung des Kindes wirken nun zusammen, um uns noch andere
regelmäßig fließende Quellen für die sexuelle Erregung aufzuzeigen. Die
Kindheitsbeobachtung hat den Nachteil, daß sie leicht mißzuverstehende
Objekte bearbeitet, die Psychoanalyse wird dadurch erschwert, daß sie zu ihren
Objekten wie zu ihren Schlüssen nur auf großen Umwegen gelangen kann; in
ihrem Zusammenwirken erzielen aber beide Methoden einen genügenden Grad
von Sicherheit der Erkenntnis.
Bei der Untersuchung der erogenen Zonen haben wir bereits gefunden, daß
diese Hautstellen bloß eine besondere Steigerung einer Art von Reizbarkeit
zeigen, welche in gewissem Grade der ganzen Hautoberfläche zukommt. Wir
werden also nicht erstaunt sein zu erfahren, daß gewissen Arten allgemeiner
Hautreizung sehr deutliche erogene Wirkungen zuzuschreiben sind. Unter diesen
heben wir vor allen die Temperaturreize hervor; vielleicht wird so auch unser
Verständnis für die therapeutische Wirkung warmer Bäder vorbereitet.
Mechanische Erregungen.
Ferner müssen wir hier die Erzeugung sexueller Erregung durch rhythmische mechanische Erschütterungen des Körpers anreihen, an denen wir dreierlei
Reizeinwirkungen zu sondern haben, die auf den Sinnesapparat der
Vestibularnerven, die auf die Haut und auf die tiefen Teile (Muskeln,
Gelenkapparate). Wegen der dabei entstehenden Lustempfindungen – es ist der
Hervorhebung wert, daß wir hier eine ganze Strecke weit »sexuelle Erregung«
und »Befriedigung« unterschiedslos gebrauchen dürfen, und legt uns die Pflicht
auf, später nach einer Erklärung zu suchen –; es ist also ein Beweis für die durch
gewisse mechanische Körpererschütterungen erzeugte Lust, daß Kinder passive
Bewegungsspiele, wie Schaukeln und Fliegenlassen, so sehr lieben und
unaufhörlich nach Wiederholung davon verlangen(57). Das Wiegen wird
bekanntlich zur Einschläferung unruhiger Kinder regelmäßig angewendet. Die
Erschütterungen der Wagenfahrt und später der Eisenbahnfahrt üben eine so
faszinierende Wirkung auf ältere Kinder aus, daß wenigstens alle Knaben irgend
einmal im Leben Kondukteure und Kutscher werden wollen. Den Vorgängen auf
der Eisenbahn pflegen sie ein rätselhaftes Interesse von außerordentlicher Höhe
zuzuwenden, und dieselben im Alter der Phantasietätigkeit (kurz vor der
Pubertät) zum Kern einer exquisit sexuellen Symbolik zu machen. Der Zwang zu
solcher Verknüpfung des Eisenbahnfahrens mit der Sexualität geht offenbar von
dem Lustcharakter der Bewegungsempfindungen aus. Kommt dann die
Verdrängung hinzu, die so vieles von den kindlichen Bevorzugungen ins
Gegenteil umschlagen läßt, so werden dieselben Personen als Heranwachsende
oder Erwachsene auf Wiegen und Schaukeln mit Üblichkeit reagieren, durch
eine Eisenbahnfahrt furchtbar erschöpft werden oder zu Angstanfällen auf der
Fahrt neigen und sich durch Eisenbahnangst vor der Wiederholung der
peinlichen Erfahrung schützen.
Hier reiht sich dann – noch unverstanden – die Tatsache an, daß durch
Zusammentreffen von Schreck und mechanischer Erschütterung die schwere
hysteriforme traumatische Neurose erzeugt wird. Man darf wenigstens
annehmen, daß diese Einflüsse, die in geringen Intensitäten zu Quellen sexueller
Erregung werden, in übergroßem Maße einwirkend eine tiefe Zerrüttung des
sexuellen Mechanismus hervorrufen.
Muskeltätigkeit.
Daß ausgiebige aktive Muskelbetätigung für das Kind ein Bedürfnis ist, aus
dessen Befriedigung es außerordentliche Lust schöpft, ist bekannt. Ob diese Lust etwas mit der Sexualität zu tun hat, ob sie selbst sexuelle Befriedigung
einschließt oder Anlaß zu sexueller Erregung werden kann, das mag kritischen
Erwägungen unterliegen, die sich ja auch wohl gegen die im Vorigen enthaltene
Aufstellung richten werden, daß die Lust durch die Empfindungen passiver
Bewegung sexueller Art ist oder sexuell erregend wirkt. Tatsache ist aber, daß
eine Reihe von Personen berichten, sie hätten die ersten Zeichen der Erregtheit
an ihren Genitalien während des Raufens oder Ringens mit ihren Gespielen
erlebt, in welcher Situation außer der allgemeinen Muskelanstrengung noch die
ausgiebige Hautberührung mit dem Gegner wirksam wird. Die Neigung zum
Muskelstreit mit einer bestimmten Person, wie in späteren Jahren zum Wortstreit
(»Was sich liebt, das neckt sich«), gehört zu den guten Vorzeichen der auf diese
Person gerichteten Objektwahl. In der Beförderung der sexuellen Erregung
durch Muskeltätigkeit wäre eine der Wurzeln des sadistischen Triebes zu
erkennen. Für viele Individuen wird die infantile Verknüpfung zwischen Raufen
und sexueller Erregung mitbestimmend für die später bevorzugte Richtung ihres
Geschlechtstriebes(58).
Affektvorgänge.
Minderem Zweifel unterliegen die weiteren Quellen sexueller Erregung beim
Kinde. Es ist leicht, durch gleichzeitige Beobachtung wie durch spätere
Erforschung festzustellen, daß alle intensiveren Affektvorgänge, selbst die
schreckhaften Erregungen, auf die Sexualität übergreifen, was übrigens einen
Beitrag zum Verständnis der pathogenen Wirkung solcher Gemütsbewegungen
liefern kann. Beim Schulkinde kann die Angst geprüft zu werden, die Spannung
einer sich schwer lösenden Aufgabe, für den Durchbruch sexueller Äußerungen
wie für das Verhältnis zur Schule bedeutsam werden, indem unter solchen
Umständen häufig genug ein Reizgefühl auftritt, welches zur Berührung der
Genitalien auffordert, oder ein pollutionsartiger Vorgang mit all seinen
verwirrenden Folgen. Das Benehmen der Kinder in der Schule, welches den
Lehrern Rätsel genug aufgibt, verdient überhaupt in Beziehung zur keimenden
Sexualität derselben gesetzt zu werden. Die sexuell erregende Wirkung mancher
an sich unlustiger Affekte, des Ängstigens, Schauderns, Grausens erhält sich bei
einer großen Anzahl Menschen auch durchs reife Leben und ist wohl die
Erklärung dafür, daß soviel Personen der Gelegenheit zu solchen Sensationen
nachjagen, wenn nur gewisse Nebenumstände (die Angehörigkeit zu einer Scheinwelt, Lektüre, Theater) den Ernst der Unlustempfindung dämpfen.
Ließe sich annehmen, daß auch intensiven schmerzhaften Empfindungen die
gleiche erogene Wirkung zukommt, zumal wenn der Schmerz durch eine
Nebenbedingung abgetönt oder ferner gehalten wird, so läge in diesem
Verhältnis eine der Hauptwurzeln für den masochistisch-sadistischen Trieb, in
dessen vielfältige Zusammengesetztheit wir so allmählich Einblick gewinnen.
Intellektuelle Arbeit.
Endlich ist es unverkennbar, daß die Konzentration der Aufmerksamkeit auf
eine intellektuelle Leistung und geistige Anspannung überhaupt bei vielen
jugendlichen wie reiferen Personen eine sexuelle Miterregung zur Folge hat, die
wohl als die einzig berechtigte Grundlage für die sonst so zweifelhafte Ableitung
nervöser Störungen von geistiger »Überarbeitung« zu gelten hat.
Überblicken wir nun nach diesen weder vollständig noch vollzählig
mitgeteilten Proben und Andeutungen die Quellen der kindlichen
Sexualerregung, so lassen sich folgende Allgemeinheiten ahnen oder erkennen:
Es scheint auf die ausgiebigste Weise dafür gesorgt, daß der Prozeß der
Sexualerregung – dessen Wesen uns nun freilich recht rätselhaft geworden ist –
in Gang gebracht werde. Es sorgen dafür vor allem in mehr oder minder direkter
Weise die Erregungen der sensiblen Oberflächen – Haut und Sinnesorgane –, am
unmittelbarsten die Reizeinwirkungen auf gewisse als erogene Zonen zu
bezeichnende Stellen. Bei diesen Quellen der Sexualerregung ist wohl die
Qualität der Reize das Maßgebende, wenngleich das Moment der Intensität
(beim Schmerz) nicht völlig gleichgültig ist. Aber überdies sind Veranstaltungen
im Organismus vorhanden, welche zur Folge haben, daß die Sexualerregung als
Nebenwirkung bei einer großen Reihe innerer Vorgänge entsteht, sobald die
Intensität dieser Vorgänge nur gewisse quantitative Grenzen überstiegen hat.
Was wir die Partialtriebe der Sexualität genannt haben, leitet sich entweder
direkt aus diesen inneren Quellen der Sexualerregung ab oder setzt sich aus
Beiträgen von solchen Quellen und von erogenen Zonen zusammen. Es ist
möglich, daß nichts Bedeutsameres im Organismus vorfällt, was nicht seine
Komponente zur Erregung des Sexualtriebes abzugeben hätte.
Es scheint mir derzeit nicht möglich, diese allgemeinen Sätze zu größerer
Klarheit und Sicherheit zu bringen, und ich mache dafür zwei Momente
verantwortlich, erstens die Neuheit der ganzen Betrachtungsweise und zweitens den Umstand, daß uns das Wesen der Sexualerregung völlig unbekannt ist. Doch
möchte ich auf zwei Bemerkungen nicht verzichten, welche Ausblicke ins Weite
zu eröffnen versprechen:
Verschiedene Sexualkonstitutionen.
a) Sowie wir vorhin einmal die Möglichkeit sahen, eine Mannigfaltigkeit der
angeborenen sexuellen Konstitutionen durch die verschiedenartige Ausbildung
der erogenen Zonen zu begründen, so können wir nun das gleiche mit
Einbeziehung der indirekten Quellen der Sexualerregung versuchen. Wir dürfen
annehmen, daß diese Quellen zwar bei allen Individuen Zuflüsse liefern, aber
nicht alle bei allen Personen gleich starke, und daß in der bevorzugten
Ausbildung der einzelnen Quellen zur Sexualerregung ein weiterer Beitrag zur
Differenzierung der verschiedenen Sexualkonstitutionen gelegen sein wird(59).
Wege wechselseitiger Beeinflussung.
b) Indem wir die solange festgehaltene figürliche Ausdrucksweise fallen
lassen, in der wir von »Quellen« der Sexualerregung sprachen, können wir auf
die Vermutung gelangen, daß alle die Verbindungswege, die von anderen
Funktionen her zur Sexualität führen, auch in umgekehrter Richtung gangbar
sein müssen. Ist z. B. der beiden Funktionen gemeinsame Besitz der Lippenzone
der Grund dafür, daß bei der Nahrungsaufnahme Sexualbefriedigung entsteht, so
vermittelt uns dasselbe Moment auch das Verständnis der Störungen in der
Nahrungsaufnahme, wenn die erogenen Funktionen der gemeinsamen Zone
gestört sind. Wissen wir einmal, daß Konzentration der Aufmerksamkeit
Sexualerregung hervorzurufen vermag, so wird uns die Annahme nahegelegt,
daß durch Einwirkung auf demselben Wege, nur in umgekehrter Richtung, der
Zustand der Sexualerregung die Verfügbarkeit über die lenkbare
Aufmerksamkeit beeinflußt. Ein gutes Stück der Symptomatologie der
Neurosen, die ich von Störungen der Sexualvorgänge ableite, äußert sich in
Störungen der anderen nicht sexuellen Körperfunktionen, und diese bisher
unverständliche Einwirkung wird minder rätselhaft, wenn sie nur das
Gegenstück zu den Beeinflussungen darstellt, unter denen die Produktion der
Sexualerregung steht.
Die nämlichen Wege aber, auf denen Sexualstörungen auf die übrigen
Körperfunktionen übergreifen, müßten auch in der Gesundheit einer anderen
wichtigen Leistung dienen. Auf ihnen müßte sich die Heranziehung der
sexuellen Triebkräfte zu anderen als sexuellen Zielen, also die Sublimierung der
Sexualität vollziehen. Wir müssen mit dem Eingeständnis schließen, daß über
diese gewiß vorhandenen, wahrscheinlich nach beiden Richtungen gangbaren
Wege noch sehr wenig Sicheres bekannt ist.