Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

Sigmund Freud · Kapitel 4 von 28

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Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie

A. Die Inversion.

Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am schönsten die

poetische Fabel von der Teilung des Menschen in zwei Hälften – Mann und

Weib –, die sich in der Liebe wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie

eine große Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für die nicht das Weib,

sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann, sondern das Weib das

Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche Personen Konträrsexuale oder besser

Invertierte, die Tatsache die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr

erheblich, wiewohl deren sichere Ermittelung Schwierigkeiten unterliegt(3).

 

A. Die Inversion.

 

Verhalten der Invertierten.

 

Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen Richtungen

ganz verschieden.

a) Sie sind absolut invertiert, d. h. ihr Sexualobjekt kann nur

gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche Geschlecht für sie

niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht ist, sondern sie kühl läßt

oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen hervorruft. Als Männer sind sie dann

durch Abneigung unfähig, den normalen Geschlechtsakt auszuführen oder

vermissen bei dessen Ausführung jeden Genuß.

b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-hermaphroditisch), d. h. ihr

Sexualobjekt kann ebensowohl dem gleichen wie dem anderen Geschlecht

angehören; der Inversion fehlt also der Charakter der Ausschließlichkeit.

c) Sie sind okkasionell invertiert, d. h. unter gewissen äußeren Bedingungen,

von denen die Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjektes und die

Nachahmung obenan stehen, können sie eine Person des gleichen Geschlechtes

zum Sexualobjekt nehmen und im Sexualakt mit ihr Befriedigung empfinden.

Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten in ihrem Urteil

über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die einen nehmen die Inversion

als selbstverständlich hin wie der Normale die Richtung seiner Libido und

vertreten mit Schärfe deren Gleichberechtigung mit der normalen. Andere aber

lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden dieselbe als

krankhaften Zwang(4).

Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum entweder von jeher,

soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder dieselbe hat sich ihm erst zu einer

bestimmten Zeit vor oder nach der Pubertät bemerkbar gemacht(5). Der

Charakter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise

zurück oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung dar; ja

er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf einer langen Periode normaler

Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches Schwanken zwischen dem

normalen und dem invertierten Sexualobjekt ist beobachtet worden. Besonders

interessant sind Fälle, in denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert,

nachdem eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht

worden ist.

Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im allgemeinen

unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form kann man etwa regelmäßig

annehmen, daß die Inversion seit sehr früher Zeit bestanden hat, und daß die

Person sich mit ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt.

Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle zu einer

Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die Unterschiede anstatt der

Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen, was mit der von ihnen beliebten

Beurteilung der Inversion zusammenhängt. Allein so berechtigt Sonderungen

sein mögen, so ist doch nicht zu verkennen, daß alle Zwischenstufen reichlich

aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von selbst aufdrängt.

 

Auffassung der Inversion.

 

Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, sie sei ein

angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war im Einklange mit der

Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder

Personen, die solchen Eindruck machten, auf sie gestoßen waren. In dieser

Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhängig voneinander

beurteilt werden sollen; das Angeborensein und die Degeneration.

 

Degeneration.

 

Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen die wahllose

Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es ist doch Sitte geworden, jede Art von Krankheitsäußerung, die nicht gerade traumatischen oder infektiösen

Ursprunges ist, der Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der

Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß die vorzüglichste

Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit des Begriffes

Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter solchen Umständen darf man

fragen, welchen Nutzen und welchen neuen Inhalt das Urteil »Degeneration«

überhaupt noch besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht zu

sprechen:

1. wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm

zusammentreffen; 2. wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen

schwer geschädigt erscheinen(6).

Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne sind,

geht aus mehreren Tatsachen hervor:

1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen schweren

Abweichungen von der Norm zeigen;

2. desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht gestört ist, ja die

sich durch besonders hohe intellektuelle Entwicklung und ethische Kultur

auszeichnen(7).

3. Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung absieht und

einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt man nach zwei

Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Degenerationszeichen

aufzufassen verbieten.

a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige Erscheinung,

fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution bei den alten Völkern auf

der Höhe ihrer Kultur war; b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen

wilden und primitiven Völkern, während man den Begriff der Degeneration auf

die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (J. Bloch). Selbst unter den

zivilisierten Völkern Europas haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und

die Beurteilung der Inversion den mächtigsten Einfluß(8).

 

Angeborensein.

 

Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, extremste Klasse

der Invertierten behauptet worden, und zwar auf Grund der Versicherung dieser

Personen, daß sich bei ihnen zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des

Sexualtriebes gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung eines angeborenen Charakters

zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die Gruppe der

absolut Invertierten von allen anderen abzulösen, was den Verzicht auf eine

allgemeingültige Auffassung der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre

demnach in einer Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen

könnte sie auf andere Art entstanden sein.

Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die Inversion ein

erworbener Charakter des Geschlechtstriebes sei. Sie stützt sich darauf, daß 1.

bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben einwirkender

sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fortdauernde Folge sich die

homosexuelle Neigung darstellt, 2. daß bei vielen anderen sich die äußeren

begünstigenden und hemmenden Einflüsse des Lebens aufzeigen lassen, die zu

einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion geführt haben

(ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen Geschlecht, Gemeinschaft im

Kriege, Detention in Gefängnissen, Gefahren des heterosexuellen Verkehrs,

Zölibat, geschlechtliche Schwäche usw.), 3. daß die Inversion durch hypnotische

Suggestion aufgehoben werden kann, was bei einem angeborenen Charakter

Wunder nehmen würde.

Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit des

Vorkommens einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. Man kann

einwenden (Havelock Ellis), daß ein genaueres Examen der für angeborene

Inversion in Anspruch genommenen Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein für die

Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage fördern

würde, welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt worden

ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung gebracht werden könnte.

Die Inversion könnte man nach diesen Autoren nur als eine häufige Variation des

Geschlechtstriebes bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände

bestimmt werden kann.

Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegenbemerkung

ein Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen sexuellen

Beeinflussungen (auch in früher Jugend; Verführung, mutuelle Onanie) erfahren,

ohne durch sie invertiert zu werden oder dauernd so zu bleiben. So wird man zur

Vermutung gedrängt, daß die Alternative angeboren – erworben entweder

unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhältnisse nicht

deckt.

Erklärung der Inversion.

 

Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der anderen,

sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt. Im ersten Falle muß

man sich äußern, was an ihr angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten

Erklärung anschließt, daß eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit

einem bestimmten Sexualobjekt angeboren mitbringt. Im anderen Falle fragt es

sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse hinreichen, die Erwerbung zu

erklären, ohne daß ihnen etwas an dem Individuum entgegenkommen müsse.

Die Verneinung dieses letzten Momentes ist nach unseren früheren

Ausführungen unstatthaft.

 

Heranziehung der Bisexualität.

 

Zur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist seit Frank

Lydstone, Kiernan und Chevalier eine Gedankenreihe herangezogen worden,

welche einen neuen Widerspruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser

gilt ein Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissenschaft kennt aber

Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt erscheinen und somit die

Geschlechtsbestimmung erschwert wird: zunächst auf anatomischem Gebiet. Die

Genitalien dieser Personen vereinigen männliche und weibliche Charaktere

(Hermaphroditismus). In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei

Geschlechtsapparate ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist

findet man beiderseitige Verkümmerung(9).

Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in unerwarteter

Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern. Ein gewisser Grad von

anatomischem Hermaphroditismus gehört nämlich der Norm an; bei keinem

normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden die Spuren

vom Apparat des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder funktionslos als

rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme anderer Funktionen

umgebildet worden sind.

Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen

Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen Veranlagung, die sich im

Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität mit geringen Resten des

verkümmerten Geschlechts verändert.

Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu übertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines psychischen Hermaphroditismus

zu verstehen. Um die Frage zu entscheiden, bedurfte es nur noch eines

regelmäßigen Zusammentreffens der Inversion mit den seelischen und

somatischen Zeichen des Hermaphroditismus.

Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man sich die

Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen und dem

nachweisbaren anatomischen Zwittertum nicht vorstellen. Was man bei den

Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung des Geschlechtstriebes

überhaupt (Havelock Ellis) und leichte anatomische Verkümmerung der Organe.

Häufig, aber keineswegs regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß

man erkennen, daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen

unabhängig voneinander sind.

Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären und tertiären

Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes Vorkommen bei den

Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran ist vieles zutreffend, aber man darf

nicht vergessen, daß die sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere

überhaupt recht häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so Andeutungen

von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich im Sinne einer

Inversion abgeändert zeigte.

Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit gewinnen, wenn

mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens ein Umschlag der sonstigen

seelischen Eigenschaften, Triebe und Charakterzüge in die fürs andere

Geschlecht bezeichnende Abänderung parallel liefe. Allein eine solche

Charakterinversion darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten

Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männlichkeit mit der

Inversion vereinbar. Hält man an der Aufstellung eines seelischen

Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen, daß dessen Äußerungen auf

verschiedenen Gebieten eine nur geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen

lassen. Das gleiche gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum; nach

Halban(10) sind auch die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären

Geschlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig voneinander.

Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem Wortführer der

männlichen Invertierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im

männlichen Körper. Allein wir kennen die Charaktere eines »weiblichen

Gehirns« nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems durch das

anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v.

Krafft-Ebings scheint exakter gefaßt als der Ulrichs’, ist aber im Wesen von ihm nicht verschieden. v. Krafft-Ebing meint, daß die bisexuelle Anlage dem

Individuum ebenso männliche und weibliche Gehirnzentren mitgibt wie

somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren entwickeln sich erst zur Zeit der

Pubertät, zumeist unter dem Einflusse der von ihnen in der Anlage unabhängigen

Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen »Zentren« gilt aber

dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn, und nebenbei wissen wir

nicht einmal, ob wir für die Geschlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen

(»Zentren«) wie etwa für die Sprache annehmen dürfen.

Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin bestehen: daß

auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung in Betracht kommt, nur daß

wir nicht wissen, worin diese Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus

besteht, und daß es sich um Störungen handelt, welche den Geschlechtstrieb in

seiner Entwicklung betreffen(11).

 

Sexualobjekt der Invertierten.

 

Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, daß das

Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegengesetzte sei. Der

invertierte Mann unterliege wie das Weib dem Zauber, der von den männlichen

Eigenschaften des Körpers und der Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib

und suche den Mann.

Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten zutrifft, so ist es

doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter der Inversion zu verraten. Es ist

kein Zweifel, daß ein großer Teil der männlichen Invertierten den psychischen

Charakter der Männlichkeit bewahrt hat, verhältnismäßig wenig sekundäre

Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in seinem Sexualobjekt

eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre dies anders, so bliebe es

unverständlich, wozu die männliche Prostitution, die sich den Invertierten

anbietet – heute wie im Altertum –, in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und

Haltung die Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal der

Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten Männer unter

den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht der männliche Charakter des

Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib sowie seine

weiblichen seelischen Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und

Hilfsbedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe ein

Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie

in vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider

Geschlechtscharaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung, die nach

dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit der festgehaltenen

Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der Genitalien), sozusagen die

Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur(12).

Eindeutiger sind die Verhältnisse beim Weibe, wo die aktiv Invertierten

besonders häufig somatische und seelische Charaktere des Mannes an sich

tragen und das Weibliche von ihrem Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch hier

sich bei näherer Kenntnisnahme größere Buntheit herausstellen dürfte.

 

Sexualziel der Invertierten.

 

Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel bei der

Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. Bei Männern fällt

Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion zusammen; Masturbation ist

ebenso häufig das ausschließliche Ziel und Einschränkungen des Sexualzieles –

bis zur bloßen Gefühlsergießung – sind hier sogar häufiger als bei der

heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der Invertierten

mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit der Mundschleimhaut

bevorzugt.

 

Schlußfolgerung.

 

Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion aus dem

bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, können aber merken, daß

wir bei dieser Untersuchung zu einer Einsicht gelangt sind, die uns bedeutsamer

werden kann als die Lösung der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam

gemacht, daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt

als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an den für abnorm gehaltenen

Fällen lehrt uns, daß hier zwischen Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung

vorliegt, die wir bei der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb

das Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir werden so

angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in unseren Gedanken

zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und verdankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine