Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie
A. Die Inversion.
Der populären Theorie des Geschlechtstriebes entspricht am schönsten die
poetische Fabel von der Teilung des Menschen in zwei Hälften – Mann und
Weib –, die sich in der Liebe wieder zu vereinigen streben. Es wirkt darum wie
eine große Überraschung zu hören, daß es Männer gibt, für die nicht das Weib,
sondern der Mann, Weiber, für die nicht der Mann, sondern das Weib das
Sexualobjekt darstellt. Man heißt solche Personen Konträrsexuale oder besser
Invertierte, die Tatsache die der Inversion. Die Zahl solcher Personen ist sehr
erheblich, wiewohl deren sichere Ermittelung Schwierigkeiten unterliegt(3).
A. Die Inversion.
Verhalten der Invertierten.
Die betreffenden Personen verhalten sich nach verschiedenen Richtungen
ganz verschieden.
a) Sie sind absolut invertiert, d. h. ihr Sexualobjekt kann nur
gleichgeschlechtlich sein, während das gegensätzliche Geschlecht für sie
niemals Gegenstand der geschlechtlichen Sehnsucht ist, sondern sie kühl läßt
oder selbst sexuelle Abneigung bei ihnen hervorruft. Als Männer sind sie dann
durch Abneigung unfähig, den normalen Geschlechtsakt auszuführen oder
vermissen bei dessen Ausführung jeden Genuß.
b) Sie sind amphigen invertiert (psychosexuell-hermaphroditisch), d. h. ihr
Sexualobjekt kann ebensowohl dem gleichen wie dem anderen Geschlecht
angehören; der Inversion fehlt also der Charakter der Ausschließlichkeit.
c) Sie sind okkasionell invertiert, d. h. unter gewissen äußeren Bedingungen,
von denen die Unzugänglichkeit des normalen Sexualobjektes und die
Nachahmung obenan stehen, können sie eine Person des gleichen Geschlechtes
zum Sexualobjekt nehmen und im Sexualakt mit ihr Befriedigung empfinden.
Die Invertierten zeigen ferner ein mannigfaltiges Verhalten in ihrem Urteil
über die Besonderheit ihres Geschlechtstriebes. Die einen nehmen die Inversion
als selbstverständlich hin wie der Normale die Richtung seiner Libido und
vertreten mit Schärfe deren Gleichberechtigung mit der normalen. Andere aber
lehnen sich gegen die Tatsache ihrer Inversion auf und empfinden dieselbe als
krankhaften Zwang(4).
Weitere Variationen betreffen die zeitlichen Verhältnisse. Die Eigentümlichkeit der Inversion datiert bei dem Individuum entweder von jeher,
soweit seine Erinnerung zurückreicht, oder dieselbe hat sich ihm erst zu einer
bestimmten Zeit vor oder nach der Pubertät bemerkbar gemacht(5). Der
Charakter bleibt entweder durchs ganze Leben erhalten oder tritt zeitweise
zurück oder stellt eine Episode auf dem Wege zur normalen Entwicklung dar; ja
er kann sich erst spät im Leben nach Ablauf einer langen Periode normaler
Sexualtätigkeit äußern. Auch ein periodisches Schwanken zwischen dem
normalen und dem invertierten Sexualobjekt ist beobachtet worden. Besonders
interessant sind Fälle, in denen sich die Libido im Sinne der Inversion ändert,
nachdem eine peinliche Erfahrung mit dem normalen Sexualobjekt gemacht
worden ist.
Diese verschiedenen Reihen von Variationen bestehen im allgemeinen
unabhängig nebeneinander. Von der extremsten Form kann man etwa regelmäßig
annehmen, daß die Inversion seit sehr früher Zeit bestanden hat, und daß die
Person sich mit ihrer Eigentümlichkeit einig fühlt.
Viele Autoren würden sich weigern, die hier aufgezählten Fälle zu einer
Einheit zusammenzufassen, und ziehen es vor, die Unterschiede anstatt der
Gemeinsamen dieser Gruppen zu betonen, was mit der von ihnen beliebten
Beurteilung der Inversion zusammenhängt. Allein so berechtigt Sonderungen
sein mögen, so ist doch nicht zu verkennen, daß alle Zwischenstufen reichlich
aufzufinden sind, so daß die Reihenbildung sich gleichsam von selbst aufdrängt.
Auffassung der Inversion.
Die erste Würdigung der Inversion bestand in der Auffassung, sie sei ein
angeborenes Zeichen nervöser Degeneration, und war im Einklange mit der
Tatsache, daß die ärztlichen Beobachter zuerst bei Nervenkranken oder
Personen, die solchen Eindruck machten, auf sie gestoßen waren. In dieser
Charakteristik sind zwei Angaben enthalten, die unabhängig voneinander
beurteilt werden sollen; das Angeborensein und die Degeneration.
Degeneration.
Die Degeneration unterliegt den Einwänden, die sich gegen die wahllose
Verwendung des Wortes überhaupt erheben. Es ist doch Sitte geworden, jede Art von Krankheitsäußerung, die nicht gerade traumatischen oder infektiösen
Ursprunges ist, der Degeneration zuzurechnen. Die Magnansche Einteilung der
Degenerierten hat es selbst ermöglicht, daß die vorzüglichste
Allgemeingestaltung der Nervenleistung die Anwendbarkeit des Begriffes
Degeneration nicht auszuschließen braucht. Unter solchen Umständen darf man
fragen, welchen Nutzen und welchen neuen Inhalt das Urteil »Degeneration«
überhaupt noch besitzt. Es scheint zweckmäßiger, von Degeneration nicht zu
sprechen:
1. wo nicht mehrere schwere Abweichungen von der Norm
zusammentreffen; 2. wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen
schwer geschädigt erscheinen(6).
Daß die Invertierten nicht Degenerierte in diesem berechtigten Sinne sind,
geht aus mehreren Tatsachen hervor:
1. Man findet die Inversion bei Personen, die keine sonstigen schweren
Abweichungen von der Norm zeigen;
2. desgleichen bei Personen, deren Leistungsfähigkeit nicht gestört ist, ja die
sich durch besonders hohe intellektuelle Entwicklung und ethische Kultur
auszeichnen(7).
3. Wenn man von den Patienten seiner ärztlichen Erfahrung absieht und
einen weiteren Gesichtskreis zu umfassen strebt, stößt man nach zwei
Richtungen auf Tatsachen, welche die Inversion als Degenerationszeichen
aufzufassen verbieten.
a) Man muß Wert darauf legen, daß die Inversion eine häufige Erscheinung,
fast eine mit wichtigen Funktionen betraute Institution bei den alten Völkern auf
der Höhe ihrer Kultur war; b) man findet sie ungemein verbreitet bei vielen
wilden und primitiven Völkern, während man den Begriff der Degeneration auf
die hohe Zivilisation zu beschränken gewohnt ist (J. Bloch). Selbst unter den
zivilisierten Völkern Europas haben Klima und Rasse auf die Verbreitung und
die Beurteilung der Inversion den mächtigsten Einfluß(8).
Angeborensein.
Das Angeborensein ist, wie begreiflich, nur für die erste, extremste Klasse
der Invertierten behauptet worden, und zwar auf Grund der Versicherung dieser
Personen, daß sich bei ihnen zu keiner Zeit des Lebens eine andere Richtung des
Sexualtriebes gezeigt habe. Schon das Vorkommen der beiden anderen Klassen, speziell der dritten, ist schwer mit der Auffassung eines angeborenen Charakters
zu vereinen. Daher die Neigung der Vertreter dieser Ansicht, die Gruppe der
absolut Invertierten von allen anderen abzulösen, was den Verzicht auf eine
allgemeingültige Auffassung der Inversion zur Folge hat. Die Inversion wäre
demnach in einer Reihe von Fällen ein angeborener Charakter; in anderen
könnte sie auf andere Art entstanden sein.
Den Gegensatz zu dieser Auffassung bildet die andere, daß die Inversion ein
erworbener Charakter des Geschlechtstriebes sei. Sie stützt sich darauf, daß 1.
bei vielen (auch absolut) Invertierten ein frühzeitig im Leben einwirkender
sexueller Eindruck nachweisbar ist, als dessen fortdauernde Folge sich die
homosexuelle Neigung darstellt, 2. daß bei vielen anderen sich die äußeren
begünstigenden und hemmenden Einflüsse des Lebens aufzeigen lassen, die zu
einer früheren oder späteren Zeit zur Fixierung der Inversion geführt haben
(ausschließlicher Verkehr mit dem gleichen Geschlecht, Gemeinschaft im
Kriege, Detention in Gefängnissen, Gefahren des heterosexuellen Verkehrs,
Zölibat, geschlechtliche Schwäche usw.), 3. daß die Inversion durch hypnotische
Suggestion aufgehoben werden kann, was bei einem angeborenen Charakter
Wunder nehmen würde.
Vom Standpunkt dieser Anschauung kann man die Sicherheit des
Vorkommens einer angeborenen Inversion überhaupt bestreiten. Man kann
einwenden (Havelock Ellis), daß ein genaueres Examen der für angeborene
Inversion in Anspruch genommenen Fälle wahrscheinlich gleichfalls ein für die
Richtung der Libido bestimmendes Erlebnis der frühen Kindheit zutage fördern
würde, welches bloß im bewußten Gedächtnis der Person nicht bewahrt worden
ist, aber durch geeignete Beeinflussung zur Erinnerung gebracht werden könnte.
Die Inversion könnte man nach diesen Autoren nur als eine häufige Variation des
Geschlechtstriebes bezeichnen, die durch eine Anzahl äußerer Lebensumstände
bestimmt werden kann.
Der scheinbar so gewonnenen Sicherheit macht aber die Gegenbemerkung
ein Ende, daß nachweisbar viele Personen die nämlichen sexuellen
Beeinflussungen (auch in früher Jugend; Verführung, mutuelle Onanie) erfahren,
ohne durch sie invertiert zu werden oder dauernd so zu bleiben. So wird man zur
Vermutung gedrängt, daß die Alternative angeboren – erworben entweder
unvollständig ist oder die bei der Inversion vorliegenden Verhältnisse nicht
deckt.
Erklärung der Inversion.
Weder mit der Annahme, die Inversion sei angeboren, noch mit der anderen,
sie werde erworben, ist das Wesen der Inversion erklärt. Im ersten Falle muß
man sich äußern, was an ihr angeboren ist, wenn man sich nicht der rohesten
Erklärung anschließt, daß eine Person die Verknüpfung des Sexualtriebes mit
einem bestimmten Sexualobjekt angeboren mitbringt. Im anderen Falle fragt es
sich, ob die mannigfachen akzidentellen Einflüsse hinreichen, die Erwerbung zu
erklären, ohne daß ihnen etwas an dem Individuum entgegenkommen müsse.
Die Verneinung dieses letzten Momentes ist nach unseren früheren
Ausführungen unstatthaft.
Heranziehung der Bisexualität.
Zur Erklärung der Möglichkeit einer sexuellen Inversion ist seit Frank
Lydstone, Kiernan und Chevalier eine Gedankenreihe herangezogen worden,
welche einen neuen Widerspruch gegen die populäre Meinung enthält. Dieser
gilt ein Mensch entweder als Mann oder als Weib. Die Wissenschaft kennt aber
Fälle, in denen die Geschlechtscharaktere verwischt erscheinen und somit die
Geschlechtsbestimmung erschwert wird: zunächst auf anatomischem Gebiet. Die
Genitalien dieser Personen vereinigen männliche und weibliche Charaktere
(Hermaphroditismus). In seltenen Fällen sind nebeneinander beiderlei
Geschlechtsapparate ausgebildet (wahrer Hermaphroditismus); zu allermeist
findet man beiderseitige Verkümmerung(9).
Das Bedeutsame an diesen Abnormitäten ist aber, daß sie in unerwarteter
Weise das Verständnis der normalen Bildung erleichtern. Ein gewisser Grad von
anatomischem Hermaphroditismus gehört nämlich der Norm an; bei keinem
normal gebildeten männlichen oder weiblichen Individuum werden die Spuren
vom Apparat des anderen Geschlechtes vermißt, die entweder funktionslos als
rudimentäre Organe fortbestehen oder selbst zur Übernahme anderer Funktionen
umgebildet worden sind.
Die Auffassung, die sich aus diesen lange bekannten anatomischen
Tatsachen ergibt, ist die einer ursprünglich bisexuellen Veranlagung, die sich im
Laufe der Entwicklung bis zur Monosexualität mit geringen Resten des
verkümmerten Geschlechts verändert.
Es lag nahe, diese Auffassung aufs psychische Gebiet zu übertragen und die Inversion in ihren Abarten als Ausdruck eines psychischen Hermaphroditismus
zu verstehen. Um die Frage zu entscheiden, bedurfte es nur noch eines
regelmäßigen Zusammentreffens der Inversion mit den seelischen und
somatischen Zeichen des Hermaphroditismus.
Allein diese nächste Erwartung schlägt fehl. So nahe darf man sich die
Beziehungen zwischen dem angenommenen psychischen und dem
nachweisbaren anatomischen Zwittertum nicht vorstellen. Was man bei den
Invertierten findet, ist häufig eine Herabsetzung des Geschlechtstriebes
überhaupt (Havelock Ellis) und leichte anatomische Verkümmerung der Organe.
Häufig, aber keineswegs regelmäßig oder auch nur überwiegend. Somit muß
man erkennen, daß Inversion und somatischer Hermaphroditismus im ganzen
unabhängig voneinander sind.
Man hat ferner großen Wert auf die sogenannten sekundären und tertiären
Geschlechtscharaktere gelegt und deren gehäuftes Vorkommen bei den
Invertierten betont (H. Ellis). Auch daran ist vieles zutreffend, aber man darf
nicht vergessen, daß die sekundären und tertiären Geschlechtscharaktere
überhaupt recht häufig beim anderen Geschlecht auftreten und so Andeutungen
von Zwittertum herstellen, ohne daß dabei das Sexualobjekt sich im Sinne einer
Inversion abgeändert zeigte.
Der psychische Hermaphroditismus würde an Leibhaftigkeit gewinnen, wenn
mit der Inversion des Sexualobjektes wenigstens ein Umschlag der sonstigen
seelischen Eigenschaften, Triebe und Charakterzüge in die fürs andere
Geschlecht bezeichnende Abänderung parallel liefe. Allein eine solche
Charakterinversion darf man mit einiger Regelmäßigkeit nur bei den invertierten
Frauen erwarten, bei den Männern ist die vollste seelische Männlichkeit mit der
Inversion vereinbar. Hält man an der Aufstellung eines seelischen
Hermaphroditismus fest, so muß man hinzufügen, daß dessen Äußerungen auf
verschiedenen Gebieten eine nur geringe gegenseitige Bedingtheit erkennen
lassen. Das gleiche gilt übrigens auch für das somatische Zwittertum; nach
Halban(10) sind auch die einzelnen Organverkümmerungen und sekundären
Geschlechtscharaktere in ihrem Auftreten ziemlich unabhängig voneinander.
Die Bisexualitätslehre ist in ihrer rohesten Form von einem Wortführer der
männlichen Invertierten ausgesprochen worden: Weibliches Gehirn im
männlichen Körper. Allein wir kennen die Charaktere eines »weiblichen
Gehirns« nicht. Der Ersatz des psychologischen Problems durch das
anatomische ist ebenso müßig wie unberechtigt. Der Erklärungsversuch v.
Krafft-Ebings scheint exakter gefaßt als der Ulrichs’, ist aber im Wesen von ihm nicht verschieden. v. Krafft-Ebing meint, daß die bisexuelle Anlage dem
Individuum ebenso männliche und weibliche Gehirnzentren mitgibt wie
somatische Geschlechtsorgane. Diese Zentren entwickeln sich erst zur Zeit der
Pubertät, zumeist unter dem Einflusse der von ihnen in der Anlage unabhängigen
Geschlechtsdrüse. Von den männlichen und weiblichen »Zentren« gilt aber
dasselbe wie vom männlichen und weiblichen Gehirn, und nebenbei wissen wir
nicht einmal, ob wir für die Geschlechtsfunktionen abgegrenzte Gehirnstellen
(»Zentren«) wie etwa für die Sprache annehmen dürfen.
Zwei Gedanken bleiben nach diesen Erörterungen immerhin bestehen: daß
auch für die Inversion eine bisexuelle Veranlagung in Betracht kommt, nur daß
wir nicht wissen, worin diese Anlage über die anatomische Gestaltung hinaus
besteht, und daß es sich um Störungen handelt, welche den Geschlechtstrieb in
seiner Entwicklung betreffen(11).
Sexualobjekt der Invertierten.
Die Theorie des psychischen Hermaphroditismus setzt voraus, daß das
Sexualobjekt des Invertierten das dem normalen entgegengesetzte sei. Der
invertierte Mann unterliege wie das Weib dem Zauber, der von den männlichen
Eigenschaften des Körpers und der Seele ausgeht, er fühle sich selbst als Weib
und suche den Mann.
Aber wiewohl dies für eine ganze Reihe von Invertierten zutrifft, so ist es
doch weit entfernt, einen allgemeinen Charakter der Inversion zu verraten. Es ist
kein Zweifel, daß ein großer Teil der männlichen Invertierten den psychischen
Charakter der Männlichkeit bewahrt hat, verhältnismäßig wenig sekundäre
Charaktere des anderen Geschlechtes an sich trägt und in seinem Sexualobjekt
eigentlich weibliche psychische Züge sucht. Wäre dies anders, so bliebe es
unverständlich, wozu die männliche Prostitution, die sich den Invertierten
anbietet – heute wie im Altertum –, in allen Äußerlichkeiten der Kleidung und
Haltung die Weiber kopiert; diese Nachahmung müßte ja sonst das Ideal der
Invertierten beleidigen. Bei den Griechen, wo die männlichsten Männer unter
den Invertierten erscheinen, ist es klar, daß nicht der männliche Charakter des
Knaben, sondern seine körperliche Annäherung an das Weib sowie seine
weiblichen seelischen Eigenschaften, Schüchternheit, Zurückhaltung, Lern- und
Hilfsbedürftigkeit die Liebe des Mannes entzündeten. Sobald der Knabe ein
Mann wurde, hörte er auf, ein Sexualobjekt für den Mann zu sein, und wurde etwa selbst ein Knabenliebhaber. Das Sexualobjekt ist also in diesem Falle, wie
in vielen anderen, nicht das gleiche Geschlecht, sondern die Vereinigung beider
Geschlechtscharaktere, das Kompromiß etwa zwischen einer Regung, die nach
dem Manne, und einer, die nach dem Weibe verlangt, mit der festgehaltenen
Bedingung der Männlichkeit des Körpers (der Genitalien), sozusagen die
Spiegelung der eigenen bisexuellen Natur(12).
Eindeutiger sind die Verhältnisse beim Weibe, wo die aktiv Invertierten
besonders häufig somatische und seelische Charaktere des Mannes an sich
tragen und das Weibliche von ihrem Sexualobjekt verlangen, wiewohl auch hier
sich bei näherer Kenntnisnahme größere Buntheit herausstellen dürfte.
Sexualziel der Invertierten.
Die wichtige festzuhaltende Tatsache ist, daß das Sexualziel bei der
Inversion keineswegs einheitlich genannt werden kann. Bei Männern fällt
Verkehr per anum durchaus nicht mit Inversion zusammen; Masturbation ist
ebenso häufig das ausschließliche Ziel und Einschränkungen des Sexualzieles –
bis zur bloßen Gefühlsergießung – sind hier sogar häufiger als bei der
heterosexuellen Liebe. Auch bei Frauen sind die Sexualziele der Invertierten
mannigfaltig; darunter scheint die Berührung mit der Mundschleimhaut
bevorzugt.
Schlußfolgerung.
Wir sehen uns zwar außerstande, die Entstehung der Inversion aus dem
bisher vorliegenden Material befriedigend aufzuklären, können aber merken, daß
wir bei dieser Untersuchung zu einer Einsicht gelangt sind, die uns bedeutsamer
werden kann als die Lösung der obigen Aufgabe. Wir werden aufmerksam
gemacht, daß wir uns die Verknüpfung des Sexualtriebes mit dem Sexualobjekt
als eine zu innige vorgestellt haben. Die Erfahrung an den für abnorm gehaltenen
Fällen lehrt uns, daß hier zwischen Sexualtrieb und Sexualobjekt eine Verlötung
vorliegt, die wir bei der Gleichförmigkeit der normalen Gestaltung, wo der Trieb
das Objekt mitzubringen scheint, in Gefahr sind zu übersehen. Wir werden so
angewiesen, die Verknüpfung zwischen Trieb und Objekt in unseren Gedanken
zu lockern. Der Geschlechtstrieb ist wahrscheinlich zunächst unabhängig von seinem Objekt und verdankt wohl auch nicht den Reizen desselben seine