Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 8 von 27

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Hermann Lauscher

Kapitel IV

Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr unbefangen in

ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres geschliffenes Glas, füllte ein

wenig Wasser hinein und begann den Rand, den er befeuchtet hatte, mit der

Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam ein Summen hervor, und dann ein

klarer Ton, der ohne Unterbruch bald schwellend, bald schwindend die Stube

erfüllte. Die schöne Lulu hörte das feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen

und lauschte und ward von dem ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes

der Alte manchmal vom Glase weg ihr freundschaftlich und eindringend in die

Augen blickte. Das ganze Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand

ruhig damitten und dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes

Kind.

„Lebt noch der alte König Ohneleid?“ vernahm sie eine Stimme fragen und

wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton des

Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie wußte

nicht warum.

„Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?“

Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die

Stimme fragte:

„Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?“

Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da

mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.

Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.

„Warum weinen Sie, Lulu?“ fragte Drehdichum.

„Ach, hab ich geweint?“ antwortete sie schüchtern. „Mir wollte ein Lied aus

meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.“

Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt.

„Was, noch immer an den paar Gläsern?“ rief sie keifend. Lulu weinte wieder,

die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der Philosoph

aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich darein setzte und

leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster fuhr.

 

IV.

 

Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der

Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen

Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase

liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des

Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise antreten,

und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.

„Ich will ins Ausland,“ sagte Hermann Lauscher, „ich muß mich absondern

und wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne

einmal zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens

und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir alles

nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon fast mehr

Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.“

„Wie meinst du das?“ fiel Oskar ein. „Ich denke, bildungslose Künstler,

speziell Dichter, hätten wir genug.“

„Vielleicht!“ antwortete Lauscher. „Aber Bildung und Wissenschaft ist

zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte

Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den

Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man

mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert mit

sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil seiner selbst

und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der früheren Jugend

zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den versunkenen Inseln der

Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit der ganzen unüberlegten

Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist schon wieder ein Stück

Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.“

„An was denkst du dabei?“ fragte hier lächelnd Karl Hamelt.

„Du weißt es schon!“ rief Hermann. „Ja, ich gestehe, mein kürzlich

gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen

lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues zu

dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich möchte

wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen oder wie

sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue hineinleben und

warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos und ängstlich

nachjagen.“

„Sie haben recht,“ klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem

Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen stehen

blieb.

„Drehdichum!“ riefen alle fröhlich aus. „Guten Tag, Herr Philosoph! Guten

Morgen, Herr Überall!“

Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein

wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.

„Es ist“, begann er lächelnd, „noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne

wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme ich an Ihrer Unterhaltung teil.“

„Gerne,“ sagte Karl Hamelt. „Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie

ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller

Wissenschaft gedient sei.“

„Nicht übel!“ entgegnete langsam der Alte. „Ich habe immer zu den Dichtern

eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft

nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere

Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte

und Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte

Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die

Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber nur

Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem Vorhang

spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir die höchsten,

ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines Träumenden zu sein,

der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten Höhen einer jenseitigen Welt

mit schweren Lippen murmelt.“

„Sehr schön,“ rief hier Oskar Ripplein, „sehr hübsch gesagt, Herr

Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist

vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man

träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in

den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen

Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er

träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .“

„Satis!“ rief da der Kandidat Hamelt. „Vor hundert und mehr Jahren sind auch

schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben langweilige

Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und Phantasten immer

noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese allzuverständigen

Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir hat es dieser Tage

merkwürdig geträumt.“

„Erzählen Sie doch!“ bat der Alte.

„Ein ander Mal!“

„Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,“ meinte Drehdichum.

Karl Hamelt lachte laut auf.

„Nun, wir versuchens!“ beharrte Drehdichum. „Jeder stellt eine Frage, auf

welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars doch

ein lustiger Zeitvertreib!“

Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu fragen.

Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die Reihe an ihn

kam, fragte er nach einigem Besinnen: „Kam in dem Traume Wasser vor?“

„Ja.“

Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.

„Quellwasser?“

„Ja.“

„Wasser aus einer Wunderquelle?“

„Ja.“

„Wurde das Wasser ausgeschöpft?“

„Ja.“

„Von einem Mädchen?“

„Ja.“

„Nein!“ rief Drehdichum. „Besinnen Sie sich!“

„Ja doch!“

„Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?“

„Ja.“

Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. „Unmöglich!“ sagte er wieder. „Hat

wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?“

„Ach nein!“ rief Karl verwirrt. „Es war der Geist Haderbart, der zuerst

schöpfte.“

„Ah, nun haben wirs!“ frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze

Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.

Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.

„Prinzessin Lilia!“ rief Lauscher aus. „Und Silberlied? Woher sind mir doch

die Namen so bekannt?“

„Ei,“ sagte der Alte, „die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,

die Sie mir gestern zeigten.“

„In meinem Liede!“ seufzte der Dichter.

„In dem Bilde der schönen Lulu,“ flüsterten Karl und Erich.

Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte

mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch

eingehüllt war.

„Sie rauchen ja wie ein Schornstein,“ sagte Oskar Ripplein und wich der

Wolke aus. „Und was für ein Kraut!“

„Echte Mexikaner!“ rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf

zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von

hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.

Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den

Wald hinein. „Dummes Zeug!“ brummte der Referendar Oskar und hatte das

unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und

Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.

Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der Tabakswolke

im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche still. Sie wollten sich

eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu kommen, als hinter dem

Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.

„Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese

Seite!“

Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der

wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.

„Gut, daß Sie kommen!“ sagte er. „Nehmen Sie doch bitte hier neben mir

Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher, interessieren

mich.“

„Zuerst,“ fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, „zuerst sagen Sie mir doch um

des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.“

„Und mein Papier lesen!“ fügte Lauscher hinzu.

„Ei nun,“ sagte der Alte, „was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,

wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin Lilia

so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.“

„Eben das ist es ja!“ rief wieder der Kandidat. „Woher wissen Sie denn diese

Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch

niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede unseres

Lauscher so auffallend anklingt?“

Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: „Wenn man sich

mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt man

ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin Lilia

mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt und verändert

durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme Erscheinungsform der

Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst, deren Vollendungsprozeß

übrigens in den letzten Stadien der Läuterung stehen muß —, nur selten, sage

ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher Gestalt und wartet unbewußt auf den

Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu

reden. Sie war aber wie im Traum, und als ich es wagte, sie nach den Saiten der

Harfe Silberlied zu fragen, brach sie in Tränen aus.“

Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.

Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen

Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die

Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.

„Sie, Herr Lauscher,“ fuhr jener fort, „sind Ästhetiker und müssen wissen, wie

lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft keine absolute