Hermann Lauscher
Kapitel IV
Schönen ins Gesicht, und sie, da sie sein Wohlwollen spürte, fuhr unbefangen in
ihrer Arbeit fort. Der Philosoph ergriff ein leeres geschliffenes Glas, füllte ein
wenig Wasser hinein und begann den Rand, den er befeuchtet hatte, mit der
Spitze des Zeigefingers zu reiben. Bald kam ein Summen hervor, und dann ein
klarer Ton, der ohne Unterbruch bald schwellend, bald schwindend die Stube
erfüllte. Die schöne Lulu hörte das feine Singen gern, sie ließ die Hände ruhen
und lauschte und ward von dem ewigen süßen Kristalltone ganz bezaubert, indes
der Alte manchmal vom Glase weg ihr freundschaftlich und eindringend in die
Augen blickte. Das ganze Zimmer klang von dem Singen des Glases. Lulu stand
ruhig damitten und dachte nichts und hatte die Augen groß wie ein horchendes
Kind.
„Lebt noch der alte König Ohneleid?“ vernahm sie eine Stimme fragen und
wußte nicht, war es der Alte, der fragte, oder kam die Stimme aus dem Ton des
Glases. Auf die Frage aber mußte sie durch ein Nicken antworten, sie wußte
nicht warum.
„Und weißt du noch das Lied der Harfe Silberlied?“
Sie mußte nicken und wußte nicht warum. Leiser tönte der Kristallklang. Die
Stimme fragte:
„Wo sind die Saiten der Harfe Silberlied?“
Der Ton klang immer leiser und schwang in kleinen zarten Wellen aus. Da
mußte die schöne Lulu weinen, sie wußte nicht warum.
Es war ganz still im Zimmer geworden, und so blieb es eine gute Weile.
„Warum weinen Sie, Lulu?“ fragte Drehdichum.
„Ach, hab ich geweint?“ antwortete sie schüchtern. „Mir wollte ein Lied aus
meiner Kinderzeit einfallen; aber ich kann mich nur halb darauf besinnen.“
Hastig ward die Tür aufgerissen, und die Frau Müller kam hereingerannt.
„Was, noch immer an den paar Gläsern?“ rief sie keifend. Lulu weinte wieder,
die Wirtin rumorte und schimpfte; beide bemerkten es nicht, wie der Philosoph
aus seiner kurzen Pfeife einen großen Rauchringel blies, sich darein setzte und
leise auf einem sanften Zugwind durch das offene Fenster fuhr.
IV.
Die Mitglieder des petit cénacle waren im nahen Walde versammelt. Auch der
Regierungsreferendar Oskar Ripplein war mitgekommen. Die schwärmerischen
Gespräche der Jugend und Freundschaft entspannen sich zwischen den im Grase
liegenden Kameraden, durch Gelächter ebenso oft wie durch Pausen des
Nachdenkens unterbrochen. Besonders war von des Dichters Meinungen und Absichten die Rede, denn dieser wollte nächster Tage eine weite Reise antreten,
und man wußte nicht, wann und wie man sich wiedersehen würde.
„Ich will ins Ausland,“ sagte Hermann Lauscher, „ich muß mich absondern
und wieder frische Luft um mich her bekommen. Vielleicht werde ich gerne
einmal zurückkehren; für jetzt aber bin ich dieses engen, burschenhaften Lebens
und der ganzen leidigen Studenterei von Herzen satt. Mir ist, als röche mir alles
nach Tabak und Bier; außerdem hab ich in diesen letzten Jahren schon fast mehr
Wissenschaft aufgesogen als für einen Künstler gut ist.“
„Wie meinst du das?“ fiel Oskar ein. „Ich denke, bildungslose Künstler,
speziell Dichter, hätten wir genug.“
„Vielleicht!“ antwortete Lauscher. „Aber Bildung und Wissenschaft ist
zweierlei. Das Gefährliche, was ich im Sinne hatte, ist die verdammte
Bewußtheit, in die man sich allmählich hineinstudiert. Alles muß durch den
Kopf gehen, alles will man begreifen und messen können. Man probiert, man
mißt sich selber, sucht nach den Grenzen seiner Begabung, experimentiert mit
sich, und schließlich sieht man zu spät, daß man den bessern Teil seiner selbst
und seiner Kunst in den verspotteten unbewußten Regungen der früheren Jugend
zurückgelassen hat. Nun streckt man die Arme nach den versunkenen Inseln der
Unschuld aus; aber man tut auch das nicht mehr mit der ganzen unüberlegten
Bewegung eines starken Schmerzes, sondern es ist schon wieder ein Stück
Bewußtheit, Pose, Absichtlichkeit darin.“
„An was denkst du dabei?“ fragte hier lächelnd Karl Hamelt.
„Du weißt es schon!“ rief Hermann. „Ja, ich gestehe, mein kürzlich
gedrucktes Buch beängstigt mich. Ich muß wieder aus dem Vollen schöpfen
lernen, an die Quellen zurückgehen. Mich verlangt nicht so sehr etwas Neues zu
dichten, als ein tüchtiges Stück frisch und ungebrochen zu leben. Ich möchte
wieder wie in meiner Knabenzeit an Bächen liegen, über Berge steigen oder wie
sonst die Geige spielen, den Mädchen nachlaufen, ins Blaue hineinleben und
warten, bis die Verse zu mir kommen, statt ihnen atemlos und ängstlich
nachjagen.“
„Sie haben recht,“ klang plötzlich die Stimme Drehdichums, der aus dem
Walde hervortrat und mitten zwischen den ins Gras gelagerten Jünglingen stehen
blieb.
„Drehdichum!“ riefen alle fröhlich aus. „Guten Tag, Herr Philosoph! Guten
Morgen, Herr Überall!“
Der Alte setzte sich nieder, sog seine Zigarre kräftig an und wendete sein
wohlmeinendes, freundliches Gesicht dem Dichter Lauscher zu.
„Es ist“, begann er lächelnd, „noch ein Stück Jugend in mir, das sich gerne
wieder einmal unter seinesgleichen ausplaudert. Wenn Sie erlauben, nehme ich an Ihrer Unterhaltung teil.“
„Gerne,“ sagte Karl Hamelt. „Unser Freund Lauscher sprach eben davon, wie
ein Dichter aus dem Unbewußten schöpfen müsse und wie wenig ihm mit aller
Wissenschaft gedient sei.“
„Nicht übel!“ entgegnete langsam der Alte. „Ich habe immer zu den Dichtern
eine besondere Neigung gehabt und manchen gekannt, dem meine Freundschaft
nicht ohne Nutzen blieb. Die Dichter neigen auch heute noch mehr als andere
Menschen zu dem Glauben, daß im Schoß des Lebens gewisse ewige Mächte
und Schönheiten halbschlummernd liegen, deren Ahnung durch die rätselhafte
Gegenwart zuweilen hindurchschimmert wie ein Wetterleuchten durch die
Nacht. Dann ist ihnen, als seien das ganze gewöhnliche Leben und sie selber nur
Bilder auf einem gemalten hübschen Vorhang und erst hinter diesem Vorhang
spiele das eigentliche, das wahre Leben sich ab. Auch scheinen mir die höchsten,
ewigsten Worte der großen Dichter wie das Lallen eines Träumenden zu sein,
der, ohne es zu wissen, von den flüchtig erblickten Höhen einer jenseitigen Welt
mit schweren Lippen murmelt.“
„Sehr schön,“ rief hier Oskar Ripplein, „sehr hübsch gesagt, Herr
Drehdichum, aber weder alt noch neu genug. Diese schwärmerische Lehre ist
vor hundert Jahren von den sogenannten Romantikern gepredigt worden: man
träumte damals auch solche Vorgänge und solches Wetterleuchten. Man hört in
den Schulen noch davon reden als von einer glücklich überwundenen
Dichterkrankheit, und heute träumt längst kein Mensch mehr so, oder wenn er
träumt, so weiß er doch, daß das Gehirn . . .“
„Satis!“ rief da der Kandidat Hamelt. „Vor hundert und mehr Jahren sind auch
schon solche . . . solche Gehirnmenschen dagewesen und haben langweilige
Reden gehalten. Und heute nehmen sich jene Träumer und Phantasten immer
noch stattlicher und liebenswürdiger aus als diese allzuverständigen
Schlaumeier. Übrigens was das Träumen betrifft, auch mir hat es dieser Tage
merkwürdig geträumt.“
„Erzählen Sie doch!“ bat der Alte.
„Ein ander Mal!“
„Sie wollen nicht? Aber vielleicht können wirs erraten,“ meinte Drehdichum.
Karl Hamelt lachte laut auf.
„Nun, wir versuchens!“ beharrte Drehdichum. „Jeder stellt eine Frage, auf
welche Sie ehrlich mit Ja oder Nein antworten. Erraten wirs nicht, so wars doch
ein lustiger Zeitvertreib!“
Alle erklärten sich einverstanden und begannen nun kreuz und quer zu fragen.
Die besten Fragen stellte aber immer der Philosoph. Als wieder die Reihe an ihn
kam, fragte er nach einigem Besinnen: „Kam in dem Traume Wasser vor?“
„Ja.“
Nun durfte, weil die Frage bejaht war, der Alte noch eine stellen.
„Quellwasser?“
„Ja.“
„Wasser aus einer Wunderquelle?“
„Ja.“
„Wurde das Wasser ausgeschöpft?“
„Ja.“
„Von einem Mädchen?“
„Ja.“
„Nein!“ rief Drehdichum. „Besinnen Sie sich!“
„Ja doch!“
„Also von einem Mädchen wurde das Wasser geschöpft?“
„Ja.“
Drehdichum schüttelte heftig den Kopf. „Unmöglich!“ sagte er wieder. „Hat
wirklich das Mädchen selber aus der Quelle geschöpft?“
„Ach nein!“ rief Karl verwirrt. „Es war der Geist Haderbart, der zuerst
schöpfte.“
„Ah, nun haben wirs!“ frohlockten die andern. Und nun mußte Karl die ganze
Geschichte seines Traumes von der Quelle Lask erzählen.
Alle hörten verwundert und seltsam ergriffen zu.
„Prinzessin Lilia!“ rief Lauscher aus. „Und Silberlied? Woher sind mir doch
die Namen so bekannt?“
„Ei,“ sagte der Alte, „die Namen stehen beide in der askischen Handschrift,
die Sie mir gestern zeigten.“
„In meinem Liede!“ seufzte der Dichter.
„In dem Bilde der schönen Lulu,“ flüsterten Karl und Erich.
Der Philosoph hatte inzwischen eine neue Zigarre angesteckt und qualmte
mächtig ins Grüne hinein, bis er ganz in eine blaue Wolke von Tabaksrauch
eingehüllt war.
„Sie rauchen ja wie ein Schornstein,“ sagte Oskar Ripplein und wich der
Wolke aus. „Und was für ein Kraut!“
„Echte Mexikaner!“ rief aus seiner Wolke heraus der Alte. Dann hörte er auf
zu qualmen, und als nun ein Windzug die ganze stark riechende Wolke von
hinnen führte, war er mit ihr verschwunden.
Karl und Hermann rannten hinter der zerstiebenden Rauchwolke her in den
Wald hinein. „Dummes Zeug!“ brummte der Referendar Oskar und hatte das
unangenehme Gefühl, in zweideutiger Gesellschaft gewesen zu sein. Erich und
Ludwig hatten sich schon fortgemacht und wandelten im Golde des klaren Spätnachmittags der Stadt und dem Gasthaus zur Krone entgegen.
Karl und Hermann ereilten die letzten zerflatternden Schleier der Tabakswolke
im tiefen Walde und standen ratlos vor einer dicken Buche still. Sie wollten sich
eben ins Moos niedersetzen, um wieder zu Atem zu kommen, als hinter dem
Baume die Stimme Drehdichums laut wurde.
„Nicht dort, ihr Herren, dort ist es ja feucht! Kommen Sie doch auf diese
Seite!“
Sie kamen und fanden den Alten auf einem großen verdorrten Aste sitzen, der
wie ein unförmlicher Drache am Boden lag.
„Gut, daß Sie kommen!“ sagte er. „Nehmen Sie doch bitte hier neben mir
Platz! Ihr Traum, Herr Hamelt, und Ihr Manuskript, Herr Lauscher, interessieren
mich.“
„Zuerst,“ fiel ihm Hamelt ungestüm ins Wort, „zuerst sagen Sie mir doch um
des Himmels willen, wie Sie meinen Traum erraten konnten.“
„Und mein Papier lesen!“ fügte Lauscher hinzu.
„Ei nun,“ sagte der Alte, „was ist da zu wundern? Man kann alles erraten,
wenn man vorsichtig fragt. Zudem liegt mir die Geschichte der Prinzessin Lilia
so nahe, daß ich leicht darauf fallen mußte.“
„Eben das ist es ja!“ rief wieder der Kandidat. „Woher wissen Sie denn diese
Geschichte und wie erklären Sie es, daß mein Traum, von dem ich doch
niemandem ein Wort gesagt hatte, plötzlich in dem rätselhaften Liede unseres
Lauscher so auffallend anklingt?“
Der Philosoph lächelte und sagte mit seiner milden Stimme: „Wenn man sich
mit der Geschichte der Seele und ihrer Erlösung viel beschäftigt hat, kennt man
ähnliche Fälle ohne Zahl. Es gibt von der Geschichte der Prinzessin Lilia
mehrere, stark variierende Fassungen; sie spukt vielfach entstellt und verändert
durch alle Zeiten und liebt namentlich die bequeme Erscheinungsform der
Vision. Nur selten zeigt sich die Prinzessin selbst, deren Vollendungsprozeß
übrigens in den letzten Stadien der Läuterung stehen muß —, nur selten, sage
ich, erscheint sie sichtbar in menschlicher Gestalt und wartet unbewußt auf den
Augenblick ihrer Erlösung. Ich selbst sah sie kürzlich und versuchte mit ihr zu
reden. Sie war aber wie im Traum, und als ich es wagte, sie nach den Saiten der
Harfe Silberlied zu fragen, brach sie in Tränen aus.“
Die jungen Leute hörten dem Philosophen mit aufgerissenen Augen zu.
Ahnungen und Anklänge stiegen in ihnen auf; aber die wunderlich krausen
Redensarten und halb ironischen Grimassen Drehdichums verwirrten ihnen die
Fäden unlöslich zu peinlichen Knäueln.
„Sie, Herr Lauscher,“ fuhr jener fort, „sind Ästhetiker und müssen wissen, wie
lockend und gefährlich es ist, die schmale, aber tiefe Kluft zwischen Güte und Schönheit zu überbrücken. Wir zweifeln ja nicht, daß diese Kluft keine absolute