Hermann Lauscher
Vorrede zu dieser Ausgabe.
Auf den Wunsch einiger Freunde, namentlich aber auf die Aufforderung Wilhelm Schäfers hin, soll der verstorbene Hermann Lauscher wieder
ausgegraben und noch einmal unter die Leute geschickt werden. Da bin ich denn
eine Erklärung und Rechenschaft schuldig, zumindest eine bibliographische.
„Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher“ war der Titel
einer kleinen Schrift, die ich Ende 1900 in Basel erscheinen ließ und in der ich
pseudonym über meine damals zu einer Krise gediehenen Jünglingsträume
abrechnete. Ich dachte damals, mit dem von mir erfundenen und totgesagten
Lauscher meine eigenen Träume, soweit sie mir abgetan schienen, einzusargen
und zu begraben. Das Büchlein erschien, in kleinster Auflage, beinahe mit
Ausschluß der Öffentlichkeit, und ist kaum über meinen Freundeskreis hinaus
bekannt geworden. Wenige andere griffen, da sie meine späteren Bücher
kannten, nachträglich zu dem Schriftchen und sahen darin eine Art von
literarischem Kuriosum.
Der Gedanke eines Neudrucks ist mir nie gekommen, bis in der letzten Zeit
Freunde ihn lebhaft aussprachen und schließlich Wilhelm Schäfers Vorschlag
kam. Da ich keinen Grund sehe, ein Stück meines Jugendlebens wegzuleugnen,
und da ich stilistisch den Lauscher noch heute zu verantworten bereit bin, gab
ich nach.
Nun war die Frage, in welcher Form die Jugendsünde wieder aufleben sollte.
Ich dachte an eine Überarbeitung, sah aber sofort, daß die Gedanken und
Stimmungen eines Zwanzigjährigen nicht nach zehn Jahren von ihm selber neu
redigiert werden können, da ihr einziger, relativer Wert im Ausdruck, im
Rhythmus, in der Geberde liegt. Und Einzelnes zu streichen oder zu
beschönigen, schien mir wieder unerlaubt.
Der Text blieb also, auch wo er mir heute fremd, ja zuwider ist, wörtlich
derselbe. Dagegen schien mir eine Rundung des fragmentarischen und allzu
umfanglosen Büchleins wünschenswert. Etwas Neues hinzuzufügen hätte keinen
Sinn gehabt und dem Ganzen geschadet. Doch besaß ich noch zwei kleine
Dichtungen („Lulu“ und „Schlaflose Nächte“) aus jener Zeit. Die erste ist bisher
nur in einer schweizerischen Zeitschrift, die zweite überhaupt nicht
veröffentlicht worden. Beide stehen zum „Lauscher“ in engster Beziehung und
sind in der selben Zeit wie er entstanden. Diese beiden Stücke fügte ich ein.
Und nun liegt das Ganze da und schaut mich nicht eben glücklich an:
Dokumente einer schönen und innigen, doch nicht leichten Jugendzeit. Was ich
damals wollte, habe ich nicht erreicht; was ich seither erreichte, kam beinahe
ungewollt und wiegt mir nicht schwer. Dagegen finde ich jetzt betroffen und
erstaunt in diesen frühen Dichterversuchen Töne klingen und Wege angedeutet, die mich heute wieder frisch und ernsthaft anmuten und von denen ich nicht
weiß, wie sie mir jahrelang fremd werden und beinahe verloren gehen konnten.
Da ist Vieles, was meine seitherigen Wege mir selbst zweifelhaft macht und
mich zu bitteren Erkenntnissen nötigt.
Aber bittere Erkenntnisse sind besser als keine, und wer einmal den
gefährlichen Pfad der Selbstbeobachtung und der Bekenntnisse betreten hat, der
muß billig die Folgen tragen, auch wenn es unerwartete und peinliche sind.
Daß nun Manche kommen werden, die mir Sünden von damals vorhalten, als
wären es heutige, und daß Andere finden werden, ich hätte besser getan, Neues
zu arbeiten statt Jugendversuche wieder auszugraben, das ficht mich nicht an.
Diese wissen und fühlen nicht, wie peinlich mir diese Neuherausgabe wurde,
und begreifen auch nicht, daß ich sie eben darum doch ausführte und damit mein
Gewissen erleichtert habe. Im übrigen soll der Lauscher, der jetzige wie der alte,
eben nichts als ein Bekenntnisbuch für mich und meine Freunde sein.
H e r m a n n H e s s e .
Dezember 1907.