Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 10 von 27

PDF-Seiten

Hermann Lauscher

Kapitel VI

Mein Vater hat viel Schlösser

Und Städte weit und breit,

Mein Vater ist der König,

Der König Ohneleid.

Und käm ein schöner Ritter

Und wollte mich befrein,

Dem würde wohl mein Vater

Sein halbes Reich verleihn.

 

Man erhob sich nun und stieg langsam den verglühenden Berg hinab. Jenseits

auf dem Gipfel der hohen Teck prangte verloren noch ein später Streifen Sonne.

„Woher haben Sie dieses Lied?“ fragte Karl Hamelt die schöne Lulu.

„Ich weiß nicht mehr,“ sagte sie, „ich glaube, es ist ein Volkslied.“ Sie ging

jetzt schneller und wurde plötzlich von Angst ergriffen, sie möchte zu spät

heimkommen und von der Wirtin gescholten werden.

„Das leiden wir nicht,“ rief Erich Tänzer heftig aus. „Überhaupt habe ich im

Sinn, der Frau Müller einmal meine Meinung deutlich zu sagen. Ich werde sie

schon . . .“

„Nein, nein!“ unterbrach ihn die schöne Lulu. „Es würde dann für mich nur

schlimmer werden! Ich bin eine arme Waise und muß tragen, was mir auferlegt

wird.“

„Ach Fräulein Lulu,“ sagte der Referendar, „ich wollte, Sie wären eine

Prinzessin und ich könnte Sie befreien.“

„Nein,“ rief der Schöngeist Lauscher, „Sie sind wirklich eine Prinzessin, und

nur wir sind nicht Ritter genug, Sie zu erlösen. Aber was hindert mich? Ich tue

es heute noch. Ich nehme die verdammte Müllerin beim Kragen . . .“

„Still, still!“ rief Lulu flehentlich. „Lassen Sie mich doch mein Schicksal

allein ertragen! Nur heute tut mirs um den schönen Abend leid.“

Man sprach nun wenig mehr und näherte sich rasch der Stadt, wo sich Lulu

von den anderen trennte, um allein in die Krone zurückzukehren. Die Fünfe

sahen ihr nach, bis sie in die erste dunkle Straße hinein verschwand.

„Mein Vater ist der König,

Der König Ohneleid . . .“

 

summte Karl Hamelt vor sich hin und machte sich auf den Heimweg nach dem

Dorfe Wendlingen.

 

VI.

 

Spät am Abend desselben Tages dauerte Erich Tänzer noch in der Krone aus, bis auch Lauscher mit der Nachtkerze in sein Gastzimmer abging und er allein in

der stillen Schenkstube war. Lulu saß noch mit am Tische; da stieß Erich

plötzlich sein Bierglas heftig zur Seite, ergriff die Hand des schönen Mädchens,

sah sie an, räusperte sich und tat folgende Rede: „Fräulein Lulu, ich muß Ihnen

eine Rede halten. Ich muß Sie anklagen. Der künftige Staatsanwalt regt sich in

mir. Sie sind unerlaubt schön, Sie sind schöner als man sein darf und machen

damit sich und andere unglücklich. Versuchen Sie nicht sich zu verteidigen! Wo

ist mein schöner Appetit? Und mein herrlicher Durst? Wo ist der Vorrat

sämtlicher Paragraphen des bürgerlichen Gesetzbuches, den ich mir mit Hilfe

von Meisels Repertorium so mühselig in den Kopf getrichtert hatte? Und die

Pandekten? Und das Strafrecht und der Zivilprozeß? Ja wo sind sie? In meinem

Kopf steht nur noch ein einziger Paragraph, der heißt Lulu! Und die Fußnote

heißt: O du Schönste, o du Allerschönste!“

Erichs Augen standen weit hervor, ingrimmig knetete seine Linke den neuen

modischen Seidenhut zu schanden, seine Rechte umklammerte Lulus kühle

Hand. Diese spähte ängstlich nach einer Gelegenheit zu entrinnen. Im Büffet

schnarchte Herr Müller, sie mochte nicht rufen.

Da ward unversehens die Türe ein wenig geöffnet, eine Hand und ein Stück

Flanellhemdärmels drang durch den Spalt, etwas Weißes entglitt der Hand und

flatterte zu Boden; dahinter schloß sich eilends wieder die Türe. Lulu hatte sich

losgemacht, sie sprang hinzu und hob ein beschriebenes Blatt Briefpapier vom

Boden auf. Erich schwieg verdrossen. Sie aber lachte plötzlich und las ihm das

Blatt vor. Darauf stand:

Herrin, wirst du lachen müssen?

Sieh, ein heißes Dichterhaupt,

Das du stolz und kühl geglaubt,

Liegt beschämt nun dir zu Füßen,

Und ein Herz, dem alle höchste Lust

Wie das tiefste Leiden ward bewußt,

Zittert scheu in deiner kleinen Hand!

Rote Rosen, die ich Wandrer fand,

Rote Lieder, die ich Sänger sang,

Sehnen sich und welken bang,

Liegen arm zu deinen Füßen — — —

Wirst du lachen müssen?

„Lauscher,“ rief Erich entrüstet, „das Aas! Sie werden doch nicht glauben, es sei

dem Luftibus Ernst mit seinen verdammten Versen? Verse! So was schreibt er

alle drei Wochen einer andren!“ Lulu gab dem Erregten keine Antwort, sondern

lauschte nach dem offenstehenden Fenster hinüber. Von dorther kamen wirre

Guitarrengriffe geklungen, und eine Baßstimme sang dazu:

Ich stehe hier und harre

Und spiele die Guitarre . . .

O zögere nicht länger

Und liebe deinen Sänger!

 

Ein Windstoß warf das Fenster klirrend zu. In diesem Augenblick erwachte der

Wirt im Büffet und kam verdrießlich aus der Schanktüre hervor. Erich warf Geld

auf den Tisch, ließ sein Bier stehen, verließ ohne Gruß die Stube und rannte mit

einem Satze die Vortreppe hinunter dem Guitarrespieler in den Rücken, der

niemand anders als der Referendar Ripplein war, welcher nun mit Erich zankend

und grimmig auf dem Wall unter den Kastanien davonging.

Die schöne Lulu löschte die Gasflammen in Wirtsstube und Flur aus und stieg

in ihre Kammer hinauf. Sie hörte beim Vorbeigehen in Hermann Lauschers

Zimmer aufgeregte Schritte und öftere lange Seufzer tönen. Kopfschüttelnd

erreichte sie ihr Schlafgemach und legte sich zur Ruhe. Da sie nicht sogleich

einschlafen konnte, überdachte sie noch einmal den Abend; aber sie lachte jetzt

nicht mehr, vielmehr war sie traurig, und alles kam ihr wie ein mißratenes

Possenspiel vor. Sie wunderte sich in ihrem reinen Herzen darüber, wie alle diese

Menschen so töricht und enge bloß an sich selber dachten und auch an ihr im

Grunde doch nur das hübsche Gesicht ehrten und liebten. Diese jungen Männer

schienen ihr wie irregeleitete arme Nachtflügler um kleine Lichtlein zu taumeln,

während sie große Reden im Munde führten. Es erschien ihr traurig und

lächerlich, wie sie immerfort von Schönheit, Jugend und Rosen redeten, farbige

Theaterwände von Worten um sich her aufbauten, indes die ganze herbe

Wahrheit des Lebens fremd an ihnen vorüberlief. In ihrer kleinen einfachen

Mädchenseele stand diese Wahrheit schlicht und tief geschrieben, und daß die

Kunst des Lebens im Leidenlernen und Lächelnlernen bestehe.

Der Dichter Lauscher lag in seinem Bette im Halbschlummer. Die Nacht war

schwül. Rasche, unvollendete, fiebernde Gedanken stiegen in seiner heißen Stirn

empor und verloren sich in flüchtig verblassenden Träumen, ohne daß darüber

die schwere Schwüle der Augustnacht und das zähe, peinigende Singen einiger

Schnaken seinem Bewußtsein entschwunden wäre. Die Schnaken folterten ihn

am meisten; bald schienen sie zu singen:

Vollkommenheit,

Man sieht dich selten, aber heut . . .

 

bald war es das Lied der Traumharfe. Dann kam ihm plötzlich wieder in den

Sinn, daß nun die schöne Lulu seine Verse in Händen habe und von seiner Liebe

wisse. Daß Oskar Ripplein das Guitarreständchen gebracht, und daß

wahrscheinlich auch Erich heute Abend dem schönen Mädchen Geständnisse

gemacht habe, war ihm nicht verborgen geblieben. Das Rätselhafte im Wesen

der Geliebten, ihre ahnungsvoll unbewußte Verknüpfung mit dem Philosophen Drehdichum, mit der askischen Sage und Hamelts Traum, ihre fremdartig