Hermann Lauscher
Die fünfte Nacht.
„Schrei doch nicht so,“ sagte Lauscher und schenkte mein Glas voll.
„Aber Lauscher, sag mir um Gotteswillen —“ flehte ich.
„Bibamus! Dein Wohl!“ lächelte er und stieß an. „Soll ich weiter erzählen?
Das Buch enthielt eine schöne Jugendgeschichte und war höchst angenehm zu
lesen. Zwischen den Lettern stiegen Maria und ich als kleine arabeskenhafte
Figuren durch allerlei Blumenranken auf und ab.“
„Maria und ich!“ rief ich aus.
„Nun ja, wie ich sage,“ fuhr Lauscher fort. „Maria aber las unruhig und
zerstreut. Und als die Geschichte anfing traurig zu werden, da schlug sie eine
ganze Handvoll Blätter um und —“
„Und lief in den Wald, und die Nachtigall sang wieder — o Lauscher!“
„Bibamus,“ sagte Lauscher.
Ich legte den schweren Kopf in beide Hände und hätte am liebsten laut
geschluchzt. Als ich nach einer Weile mich erhob, war Lauscher fort. Mit
schmerzender Stirne und halb berauscht verließ ich den Keller. Es war kurz vor
Lauschers Tod.
* *
*
Die fünfte Nacht.
Eigentlich waren die Veilchen an allem schuld, die Veilchen und der Frühling,
und ohne sie wäre die ganze süße Pein mir fremd geblieben, an der seither mein
Leben verblutet.
Jene Veilchen im Garten waren schuld, daß in meiner fröhlichen Knabenseele
die duftend dunklen Schatten emporstiegen. Ihr Duft war daran schuld, daß die
Frühlingsgeschichte in unserm Buche plötzlich so beklommen, traurig und
sehnsüchtig wurde, daß die schöne Maria davonlief und daß die Nachtigall im
dunkeln Abendlaub so angstvoll süß und herzbeklemmend zu singen begann.
O wenn ich diese Nachtigall nie gehört hätte! Dann hätten nicht die liebsten
Lieder aufgehört mich zu erfreuen, dann wäre nicht die dunkle Sehnsucht in mir
erwacht. Dann hätte ich nicht begonnen, von jenem Glück zu träumen, das
irgendwo hinter dem Leben wie hinter einer verwunschenen Hecke schläft. Dann
wäre auch der unselige Traum noch ungeträumt, daß das beste, seligste Stück
meines Lebens in jenem Buche ungelesen und unerlebt geblieben sei. Dann wäre
ich kein Dichter geworden und die traurig beredte, zweifelsüchtige Sprache des
Leidens wäre mir unbekannt geblieben.
Aber Träume sind keine Schäume. Und das Lied unserer Nachtigall mit seiner letzten, grausam schönen Dissonanz klingt in mir weiter und sehnt sich nach