Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 4 von 27

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Hermann Lauscher

Die Novembernacht. Eine Tübinger Erinnerung. (Geschrieben 1899.)

Die Novembernacht.

Eine Tübinger Erinnerung.

(Geschrieben 1899.)

Über Tübingen hing eine schwarze, verwölkte Novembernacht. Sturm und Sprühregen klirrte und zitterte durch die engen Gassen, aufflackernde rote

Laternenlichter glänzten trüb auf dem nassen Pflaster wider. Trüb und schwarz

mit zwei, drei kleinen roten Fensteraugen lag das alte Schloß wie ein

halbschlafendes träges Untier auf seinem langen Hügel, Fetzen von

Wolkenschleiern um die spitzen Dächer. In den großen, ernsten Alleen standen

die alten Kastanien, Linden und Platanen kahl und hager im Sturm wie eine

trübselig standhafte Armee von Greisen. Blätterwirbel trieben über die feuchten

Wege, faul und grau lagen die großen Herbstwiesen, an den Rändern da und dort

von einer windscheuen Laterne zackig und roh beleuchtet. Der langgezogene,

müde Pfiff des letzten Reutlinger Zuges drang vom nahen Bahnhof durch die

schwere Luft und paßte mit seinem heiseren, hinsterbenden Geräusch

vortrefflich in die Tonart des ganzen Abends.

In den Pausen des Sturmes ward das kühle Rauschen des Neckars laut. Die

Ufer lagen tief in graue, traurige Ruhe gehüllt und von den vielen hellen

liederlauten Sommerabendfesten war keine leise Spur mehr geblieben, so wenig

dem breiten, traurigen Stiftsgebäude noch eine Spur von den zahlreichen,

glänzenden Geistern anhing, die darin vor Zeiten schwärmerische, dämmernde

Jugendsemester verlebten. Es seien denn einzelne nachklingende, elegische

Laute aus der umflorten Harfe des armen Hölderlin. Statt dessen brannte dort die

strenge, fleißige Gegenwart in zahlreichen Studierampeln über die ganze

Breitseite des Stifts verteilt und glänzte mattrot durch die breiten, niederen

Fenster. Dort lagen jetzt Kompendien, Wörterbücher und Texte ohne Zahl vor

ernsthaften, jungen Augen aufgeschlagen, Ausgaben des Platon, Aristoteles,

Kants, Fichtes, vielleicht auch Schopenhauers, Bibeln in hebräischer,

griechischer, lateinischer und deutscher Sprache; vielleicht brütete hinter diesen

Fenstern zur Stunde ein junges, philosophisches Genie über seinen ersten

Spekulationen, während zugleich ein zukünftiger schwergeharnischter Apologet

die ersten Steine seines Trutzgebäudes legte.

Zwei junge Männer, die jetzt von der unteren Neckarbrücke her durch die

Platanenallee gegangen kamen, blickten lachend hinüber und zeigten wenig

Respekt vor der ernsten zukunftschwangeren Geistesburg. Sie wandelten, in

grauen Lodenmänteln, des Regens ungeachtet, langsam durch die stürmende

Herbstnacht. „Hast du noch was drin?“ fragte der Kandidat Otto Aber seinen

Begleiter, worauf dieser, der Dichter Hermann Lauscher, eine bauchige

Benediktinerflasche aus der Manteltasche zwängte und dem Kandidaten reichte.

„Der letzte Schluck!“ rief dieser und schwenkte die Flasche gegen das jenseits

des Flusses ragende Stift. „Prosit Stift!“

Er leerte die Bouteille mit einem kurzen Schluck.

„Was machen wir mit dem Scherben?“ fragte Lauscher. „Wir könnten auf die

Wache gehen und ihn der lieben Tübinger Stadtpolizei verehren.“

„Was Stadtpolizei!“ lachte Aber. „Da!“ und er schleuderte die Flasche über

den Neckar, daß sie an einem Pfeiler des Stiftsbaues zersplitterte. „Jetzt wohin?“

„Ja wohin?“ sagte Lauscher nachdenklich. „In der Steinlach krepiert man am

Wein, in der Silberburg ist die Schorschel nimmer da, im Kaiser säuft der Roigel,

in der Sonne ists zu voll, im Löwen —“

„Halloh, in den Löwen!“ rief Aber. „Mir fällt ein, daß der Säbelwetzer und der

Elenderle heut abend dort sind und die Mensur vom Donnerstag verschwellen.

Komm! Übrigens ists ein Sauwetter.“

Der Kandidat zog seinen langen Mantel enger an sich und schlug ein rascheres

Tempo an.

„Was rennst du!“ rief Lauscher. „Für uns ist das Wetter lang gut genug. Mir

paßt’s so besser, als Lump im Sonnenschein zu spielen. Wenn der Benediktiner

nicht ausgepfiffen hätte, wär ich für eine Naturkneipe. Außerdem ist der

Säbelwetzer langweilig und der Elenderle wird schon bald wieder am Heulen

sein. — Trinken sie Uhlbacher? Dann geh ich nicht mit, der Uhlbacher vom

Löwen haßt mich. Aber was versteht ihr von Wein!“

„Weinprotz!“ lachte Aber. „Nein, sie haben eine uralte Moselwette dort

stehen, oder Winkler oder was ähnliches. Jedenfalls was besseres. — Dabei fällt

mir ein: warum gründen wir eigentlich nichts? Wir vier oder fünf hocken doch

ewig zusammen, man könnte den Appenzeller und so ein paar Bierhühner

mitlotsen, es gäbe so was wie eine Ausstellung der Zurückgewiesenen.“

„Gründen?“ brauste Lauscher auf, der damals das spätere cénacle noch nicht

ahnte. „Lieber werd ich Eremit.“

„Warum nicht gar! Es gäbe ein Kollegium von Ausgetretenen aus allen

fashionablen Verbindungen, oder von Rettungslosen aus allen Fakultäten. Der

Elenderle würde die Sündenlast der Gesellschaft in Tränen umsetzen, der

Säbelwetzer bekäme ein Dauerpaukwams und würde auf alle Waffen für uns

losgehen, ich wäre die Bierkommission, du Schrift- und Weinwärtel . . .“

„Und so weiter. Schon gut.“

„Der Appenzeller würde sich unübertrefflich dazu qualifizieren, Mitteilungen

und Forderungen der Gesellschaft den Chargierten der Verbindungen zu

überbringen. Der Nebukadnezar wäre ein censor morum ohnegleichen. Der

Kaißer hat einen Onkel, der Weinberge besitzen soll; der Schnauzer ist reich und

dumm —“

„Und dann würden wir eine Kneipe mieten und zweimal in der Woche

‚Altheidelberg‘ und ‚es geht ein Lumpidus‘ miteinander singen. Und Füchse keilen. Und Präsidepauken schwingen. Ich danke.“

„Warum? Wir könnten im Schwarzwälder kneipen und im Komment alle

anständigen Lokäler verbieten. Z. B.: Wer im Ochsen oder im Innern der Aula

betroffen wird, zahlt eine Mark Buße. Wer fachsimpelt, zahlt zwei Maß . . .“

„Nein, bitte, du fängst wieder an nach Komment zu riechen.“

Die Freunde waren auf der alten Brücke angelangt. Aus der Kneipe der

Burschenschaft klang lauter Chorgesang. Der Neckar strömte wild um den

breiten Brückenpfeiler, auf dem raschen Wasser glänzten unruhig die

Laternenlichter, schwarz und großartig streckte sich die Platanenallee in die

Nacht. Vom Turm der Stiftskirche tönte das Stundenhorn, zackig und

wechselvoll beleuchtet, stand die malerische Häuserreihe des hohen Neckarufers

bis zum alten Stift hinab. Beide Freunde schwiegen, so lange sie über die Brücke

gingen. Vielleicht stieg beim Anblick der schönen, nächtlichen Stadt, beim

Rauschen des Neckars und Singen der Studenten in beiden das Erinnern an die

kaum vergangenen Tage auf, da ihnen noch die eigentümliche, romantische

Schönheit und Stimmung dieser Stelle ahnungsvoll und freudig ans Herz gerührt

hatte, da sie noch mit der Hoffnung und dem ganzen süßen, krausen

Stimmungsduft der ersten Semester hier gegangen waren.

Sie bogen um die Brückenmühle, stiegen die steile Gasse zum Holzmarkt

hinauf, gingen an der Stiftskirche vorüber, über die schmale Kirchgasse und den

öden Markt an der Sonne vorbei und gelangten durch Nässe und Schmutz an die

Hintertür des Löwen, durch welche man über drei steile Stufen hinab direkt in

das „Nebenzimmer“ tritt. Ehe sie eintraten, blickten sie durch eins der niederen

Fenster in die schmale Stube hinab und sahen Elenderle und Säbelwetzer am

letzten Tisch beim Wein sitzen.

„Sie trinken Winkler!“ frohlockte Aber. „Hab ich’s nicht gesagt? Du meldest

dich mit deiner Blume, wegen ungebührender Respektlosigkeit.“

„Prolet! Meinetwegen,“ murrte Lauscher, und trat zuerst in die schmale Tür.

Aber folgte nach, drehte unwillig ein an der Wand hängendes Gerolsteiner

Mineralwasserplakat um und ließ sich von der herzueilenden Wirtstochter

Mathilde den Mantel abnehmen.

Jetzt bemerkten die Weintrinker die Ankommenden.

„Höchste Zeit,“ rief der Säbelwetzer. „Wollet ihr trinken? Wollet ihr ein Bad

nehmen? Wollet ihr euch ersäufen? An Winkler fehlt es nicht. Mein Leben mach

ich keine solche Wette mehr. Fünfzehn Flaschen, ists nicht zum

Langweiligwerden?“

„Keine Angst!“ rief Lauscher. „Mathilde, zwei Gläser!“ Er prüfte eine der im

Kübel stehenden Flaschen und schenkte ein. „Meine Blume, Aber!“

„Saufs!“

„Na?“ fragte der Säbelwetzer.

„Er ist gut,“ gab Lauscher kurz zur Antwort, ließ den linken Arm über die

Stuhllehne hängen, füllte seinen Römer nach und trank ihn mit einem langen

sicheren Schluck hinunter.

„Wo spuckts wieder?“ fragte der Säbelwetzer. „Du hast deinen

allerbeinernsten Schädel aufgesetzt.“

„Du weißt,“ fiel Aber ein, „Schnaps verträgt er nicht. Der Benediktiner —“

Lauscher stieß durch die Zähne einen langen Pfiff.

„Halts Maul, Aberchen! Überhaupt fragt man nicht so dumm, Säbelwetzer.“

Er trank ein neues Glas an. „Ihr seid eigentlich doch eine Schweinebande, liebe

Freunde,“ fuhr er dann langsam und ernsthaft fort, „und mich wunderts selber,

daß ich allemal wieder bei euch bin.“

Elenderle lachte und trank dem Dichter zu.

„Aber was tun? Ihr seid wenigstens bloß langweilig und im übrigen gute

Brüder.“

„Hm — hm —“

„Ja, brummt nur! Oder hat vielleicht einer von euch etwas anderes an Geist zu

verbrauchen, als die übrigen Brocken aus seiner Fuchsenzeit? Oder hat einer von

euch eine Ahnung von Humor, von Philosophie, von Kunst? Oder —“

„Na hör mal,“ lachte der Kandidat Aber, „eh du so proletest, sei doch so gut

und serviere uns einmal deine Kunst, deine Philosophie, deinen Humor! Er muß

anderswo als in deinen sentimentalen Versen stecken —“

„Das tut er auch. Was Verse! Daß ich hier sitze und euren Wein mit euch

trinke und eure desperaten Schädel betrachte, während ich Gold, Silber, Paläste,

Märchen und Kleinode in mir liegen habe, das ist der Humor. Was verbummelt

ihr? Was ersäuft ihr? Ein Examen, ein bißchen Vermögen, ein Ämtchen, in dem

ihr euch geschunden und gelangweilt hättet. Warum? Weil es euch dämmert, daß

es sich um solches Zeug nicht zu leben lohnt. Und ich? Schluck um Schluck

ersäufe ich ein Stück blauen Poetenhimmel, eine Provinz meiner Phantasie, eine

Farbe von meiner Palette, eine Saite von meiner Harfe, ein Stück Kunst, ein

Stück Ruhm, ein Stück Ewigkeit. Warum? Weil es sich auch um alles das nicht

zu leben lohnt. Weil es sich überhaupt nicht lohnt zu leben; denn Leben ohne

Zweck ist öd und leben mit Zweck ist eine Plage.“

Elenderle lachte fortwährend. Aber nahm einen langen Schluck und sagte

gutmütig: „Trink, Lauscher, und mach uns nix Blaues vor!“

„Aber sag,“ redete er darauf Elenderle an, „was machst du denn jetzt

eigentlich? Weiß dein Alter schon?“

„Was denn?“ fragte Lauscher.

„Weißt du nicht? Er ist zum drittenmal nicht ins Examen gestiegen und außerdem relegiert. Na, Elenderle, was denkst du?“

„Denken? Ich hab mich anwerben lassen.“

„Sakerlot! Anwerben?“

„Ja ja ja ja!“

„Zu was denn? Ist eine Deliriantenarmee gegründet worden?“

„Ganz so was! Ich meinte, ich hätte in meinen vielen Semestern genug

Jammertränen vergossen, um mir dafür ein Freibillet in die Gefilde der Seligen

zu kaufen.“

„Auch gut,“ lachte der Säbelwetzer. „Das ist nicht mehr als billig. In die Hölle

wärst du so wie so nicht gekommen, das weiß ich, denn ich habe einmal drei

Semester württembergische evangelische Theologie studiert.“

„Aber wer hat dich denn angeworben?“ fragte Lauscher.

„Ei wer? Ja, den möchtest du kennen! Ein Herr, sag ich dir, ein feiner Herr

—“

„Rindvieh!“ rief Lauscher. „Was du einen feinen Herrn nennst! War er feiner

als ich?“

„Viel, viel feiner! Ein Gentleman, sag ich euch. Übrigens dummes Geschwätz!

— er kommt heut abend her, er hats versprochen.“

„Wa—as? Kein Schwindel? Auf dein Wort?“

„Natürlich, auf alle meine Wörter. Prost, Lauscher!“

„Prost, Elenderle!“

Lauscher zog ein Paket seiner Giftschlangen hervor, schwarze, lange, dünne

Zigarren, und bot den andern an. Er zündete sich eine an, blies Wolken, streifte

die Asche ab, nahm hin und wieder einen schnellen Schluck und verfiel in eine

träumerisch schwere Trägheit. Auch die andern widmeten sich nun still dem

Wein und der Zigarre. Eine bläuliche Wolke hing über dem Tische, man hörte

die wenigen übrigen Gäste reden und lachen. Die Freunde tranken Glas um Glas

und saßen einander versonnen und fast völlig stumm gegenüber, wie sie schon

viele Stunden und viele ganze Abende und Nächte versonnen und stumm

beisammen um irgend einen Trinktisch gesessen waren.

„Ich bin doch neugierig auf deinen Werber,“ sagte Aber nach einer langen,

langen Pause.

Keine Antwort. Mathilde öffnete zwei neue Flaschen. Der Säbelwetzer

schenkte ein.

„Übrigens,“ begann Aber wieder, „übrigens, meine Lieben, was könnte

eigentlich aus uns noch werden? Wer wird uns anwerben? Sei’s noch um zwei

Semester, so ist bei mir die Gnadenfrist vorbei.“

„Und bei mir der Mammon,“ sagte der Säbelwetzer. „Umsatteln kann ich

nimmer.“

„Ich auch nicht,“ gähnte Aber. „Mein Alter ist jetzt schon scheu — Amerika?“

Lauscher lachte.

„Afrika, Asien, Australien?“ äffte er nach. „Das nenne ich Sorgen! Weißt du

denn, ob du in zwei Semestern noch lebst? Zwei Semester! Bedenke, was in

zwei Semestern alles anders werden kann!“

„Zum Beispiel?“

„Zum Beispiel könntest du gerade jetzt, wo du so unvorsichtig deine Zigarre

anzündest, dem Mund zu nahe kommen und in Spiritusflammen aufgehen. Ein

schöner Tod! Oder du gründest, was ich kommen sehe, deinen Klub, ihr baut ein

Klubhaus und du wirst Kellermeister —“

„Dunder!“ rief Aber erregt. „Dunder noch mal! Das ist eine feine Idee!“

„Oder du gehst,“ fuhr Lauscher fort, „du gehst —“

Er brach mitten im Satze ab und stierte blaß auf das gegenüber offenstehende

Fenster.

„Na? Was ist los?“ rief der Säbelwetzer.

Lauscher deutete mit dem Finger auf das Fenster.

„Da!“ rief er stotternd. „Wir spielen doch nicht Freischütz.“

Alle wendeten die Blicke dem ausgestreckten Finger nach. Im Fenster stand

ein Mensch von schmaler, hoher Figur, regungslos, hager, frech, blaß, mit

Spitzbärtchen am langen Kinn, hoher Stirn, stand und blickte aus hellen,

stechenden, stahlgrauen Augen in die Stube.

Der Säbelwetzer war der einzige, der nicht erschrack.

„Sieht aus, als wüßt er nicht, ob er Kasper oder Samiel mimen soll,“ lachte er.

„Soll ich den frechen Bruder anrempeln?“

Der Fremde verschwand vom Fenster. Einen Augenblick später ging die Tür

und er trat ein, schritt durch die Stube und nahm am Tisch der Kameraden Platz.

Der Säbelwetzer wollte aufstehen und den Eindringling mit einer Grobheit

fortweisen, da streckte über den Tisch herüber Elenderle dem Gaste die Hand

entgegen und lachte.

„Entschuldigen Sie, Herr, ich erkenne Sie eben erst. Darf ich Ihnen meine

Freunde vorstellen?“

Mit schon etwas betrunkenen Gesten führte er die Vorstellung aus. Den

Namen des Fremden vergaß er zu nennen.

Man saß wieder lange trinkend, stumm und träg am Tische, bis Lauscher sich

erhob.

„Ich gehe. Macht einer noch ein Billard mit?“

Die Freunde schwiegen.

„Ich, wenn Sie wollen,“ sagte aufstehend der Unbekannte. „Wir könnten ja

alle zusammen in den Walfisch gehen. Ich kam eben dort vorbei, das Billard ist frei.“

Alle tranken nun aus und folgten dem Vorschlag. Draußen rann Regen, es war

frostig naß und die Kornhausgasse ein Meer von Schmutz. Der Walfisch war

bald erreicht. Elenderle ging voran die Treppe hinauf. Bei der Gasflamme im

Gang hielt Aber den Fremden an.

„Einen Augenblick, wenn Sie erlauben!“

Er blickte nach der Treppe. Die andern waren schon oben.

„Nun?“ fragte der Lange.

„Elenderle hat von Ihnen gesprochen,“ sagte Aber verlegen. „Sie werben für

eine Gesellschaft?“

„Allerdings.“

„Ich könnte — es wäre möglich, daß — kurz, ich möchte Sie kennen lernen.“

„Freut mich. Ich bin nur heute hier, aber Ihr Freund kann Ihnen ja morgen

Auskunft geben. Ich komme ziemlich jedes Semester einmal nach Tübingen.“

Sie stiegen den andern nach in das räucherige, verrufene Café hinauf.

Elenderle hatte oben schon Sekt bestellt und sich faul in ein Sofa geworfen.

Lauscher kreidete schon seinen Billardstock. Der Fremde ergriff einen andern.

Er spielte brillant.

Die Partie war schnell zu Ende.

„Sie spielen hübsch,“ sagte der Lange zum Dichter. „Wenn Sie sich Ihre

Scheu vor dem Fiedelstoß abgewöhnen, werden Sie vielleicht bald genial

spielen. Hier fängt das Billardspiel erst an. Sehen Sie —“

Er ergriff noch einmal das Queue und tat einen seiner glänzenden, fabelhaften

Stöße. Der Ball rollte, nachdem er den weißen Ball berührt, in einem

eigentümlichen, unglaublichen Bogen zum roten.

Lauscher staunte. Dann setzten sie sich zu den andern. Aber und Lauscher

tranken Kaffee, die andern Sekt und Sherry. Die kleine, unbändige Molly trank

mit und freundete sich mit Elenderle auf dem Sofa an.

„Was halten Sie von ihm?“ fragte der Fremde Lauschern, indem er leise nach

jenem hindeutete. „Ein Schwein,“ flüsterte Lauscher, „ein komplettes Schwein.

Aber seelengutmütig.“

„Und der?“ Der Lange bewegte das Kinn gegen den Säbelwetzer.

„Nicht ganz so dumm,“ urteilte Lauscher, „und auch nicht so geschmacklos.

Aber ein Säbelheld. Er verschmerzt es nie, daß ihn die Burschenschaft an die

Luft gesetzt hat.“

„Hm. Und der dritte?“

„Aber? Der beste von den dreien, nur ohne Rückgrat. Er hat im stillen heillos

vor seiner Krisis Angst.“

„Sie sprechen nett von Ihren Freunden.“

„Warum nicht? Verschiedene Grade von Fäulnis, die verschieden

phosphoreszieren.“

„Sie gefallen mir.“

„So?“

Lauscher erhob sich. „Komm!“ rief er Abern zu, „wir gehen.“

Der Fremde grüßte die Abgehenden mit einem blanken, häßlichen Lächeln.

Der Säbelwetzer war eingeschlafen. Elenderle und Molly schienen die

Anwesenheit anderer zu vergessen.

Aber und Lauscher irrten eine halbe Stunde lang im Regen durch die finsteren

leeren Gassen. Der Löwen war geschlossen, in den Schwarzwälder mochten sie

nicht gehen, es schlug drei Uhr.

„Komm, ich geh nach Haus!“ rief Aber endlich ungeduldig aus.

„Ich nicht.“ Lauscher blieb stehen und blickte um sich. „Alles tot! Was diese

Leute schlafen!“

„Komm, wir tun’s auch.“

„Nein. Schlafen!“ Der Dichter wendete sich um und blickte Abern in das

breite, etwas angetrunkene Gesicht. „Du, Aber! Möchtest du jetzt nicht auch

‚Pfui Teufel‘ zu allem sagen?“

„Hilft nichts. Lieber gehen wir in den Schwarzwälder.“

„Was dasselbe ist. Meinetwegen.“

Sie betraten das Lokal und ließen sich Gilka geben. Aber wurde allmählich

von der traurigen Laune seines Begleiters angesteckt. Trüb und unzufrieden

blickten sie mit toten Augen über die Zigarren weg in den Raum. Drei späte

Bummler würfelten an einem Kaffeetischchen, am Büffet schlief die Kellnerin,

eine einsame Winterfliege kroch am Gasrohr und schien jeden Augenblick in die

Flamme fallen zu müssen, an den Fensterladen hörte man den Regen tropfen.

„Nicht sentimental werden!“ sagte Aber nach einer Stunde. Er stürzte sein

Gläschen Gilka hinunter; beide verließen den öden Saal und stiegen die steile

Judengasse hinab. Im Vorbeigehen hörten sie den Knecht im Walfisch die Türen

schließen. Am Ende der Schmiedthorgasse, bei der alten Ammerbrücke, hielten

sie einen Augenblick an.

„Gehen wir links!“ gähnte Aber.

„Es ist näher über die Brücke,“ meinte Lauscher heiser; sie gingen hinüber.

Jenseits der Brücke lag auf den Stufen zur Ammer köpflings gestürzt ein

Mensch.

„Holla,“ rief Aber lachend, „der hat einen guten Schlaf.“

„Jedenfalls einer vom heiligen Verein,“ sagte Lauscher und trat näher. „Er

wird sich morgen über seinen Heiligenschein wundern.“

„Herrgott,“ unterbrach ihn Aber plötzlich, „das ist ja der Elenderle. Kein Mensch in Europa besitzt einen ähnlichen Bratenrock.“

Sie stiegen einige Stufen hinab, Elenderle lag mit dem Gesicht auf den Stufen.

Sie hoben ihn auf, geronnenes Blut war auf seinem ganzen Gesicht verschmiert.

„Der ist bös gefallen!“ seufzte Aber. Da klirrte etwas am Boden. Aus der

starren Hand Elenderles war ein Revolver gefallen, und nun sahen die Freunde

auch an der rechten Schläfe eine kleine, schwarze Wunde. Lauscher steckte ein

Streichholz an.

„Bleib du hier,“ sagte Aber mit verwandelter Stimme, „ich gehe zur Polizei.“

„Lassen Sie mich das besorgen,“ rief da eine scharfe Stimme. Der Fremde

kam vom Ammerweg her die Treppe herauf. Er rückte giftig lächelnd am Hut

und blitzte die Freunde grinsend aus den frechen Augen eiskalt und höhnisch an.

Beide erschraken bis ans Herz und rannten durch die Nacht davon.

Als sie am andern Tag erwachten, glaubten beide den ganzen Spuk geträumt

zu haben. Die Hauswirtin pochte an Lauschers Tür und kam mit dem Kaffee

herein.

„Denken Sie, Herr Lauscher, der Jammer! Heute Nacht hat sich ein Student

das Leben genommen.“