Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 11 von 27

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Hermann Lauscher

Kapitel VII

seelenvolle Schönheit und ihr alltäglich-graues Schicksal beschäftigten des

Dichters Gedanken. Daß die ganze eng befreundete Runde des Cénacle plötzlich

wie um den Magnetberg um das fremde Mädchen kreiste und daß er selbst, statt

Abschied zu nehmen und zu reisen, sich mit jeder Stunde enger vom Netz dieses

Liebesmärchens umstricken ließ, das alles kam ihm nun vor, als wäre er und

wären die andern lauter Traumgestalten eines phantasierenden Humoristen oder

Figuren einer grotesken Sage. In seinem schmerzenden Haupte stieg die

Vorstellung auf, dieses ganze Durcheinander und er selbst und Lulu wären

ohnmächtige, willenlose Fragmente aus einem Manuskripte des alten

Philosophen, hypothetische, versuchsweise kombinierte Teile einer

unvollendeten ästhetischen Spekulation. Dennoch sträubte sich alles in ihm

gegen ein solches unglückliches cogito ergo sum, er raffte sich zusammen, stand

auf und trat ans offene Fenster. Nun bei klarerem Nachdenken erkannte er bald

die hoffnungslose Albernheit seiner lyrischen Liebeserklärung; er fühlte wohl,

daß die schöne Lulu ihn nicht liebe und im Grunde lächerlich fände. Traurig

legte er sich ins Fenster, Sterne traten zwischen den leichten Wolken hervor, ein

Wind lief über die dunkeln Kronen der Kastanien. Der Dichter beschloß, daß

morgen sein letzter Tag in Kirchheim sein sollte. Zugleich traurig und erlösend

drang das Gefühl der Entsagung durch seinen müden, vom Traum der letzten

Tage schwül umfangenen Sinn.

 

VII.

 

Als Lauscher andern Tages früh in die Wirtsstube hinabkam, war Lulu schon mit

den Tassen beschäftigt. Beide setzten sich zum dampfenden Kaffee. Lulu

erschien dem Gaste merkwürdig verändert. Eine fast königliche Klarheit

leuchtete auf ihrem reinen, süßen Gesicht, und eine besondere Güte und

Klugheit blickte aus ihren schönen, vertieften Augen.

„Lulu, Sie sind über Nacht schöner geworden,“ sagte Lauscher bewundernd.

„Ich wußte nicht, daß dies möglich wäre.“

Sie lächelte nickend: „Ja, ich habe einen Traum gehabt, einen Traum . . .“

Der Dichter fragte mit einem erstaunten Blick über den Tisch hinüber.

„Nein,“ sagte sie. „Ich darf ihn nicht erzählen.“

In diesem Augenblick trat die Morgensonne ins Fenster und glänzte durch die

dunkeln Haare der schönen Lulu stolz und golden wie eine Glorie. Andächtig

mit trauriger Freude hing des Dichters Blick an dem köstlichen Bilde. Lulu

nickte ihm zu, lächelte wieder und sagte: „Ich muß Ihnen noch danken, lieber

Herr Lauscher. Sie haben mir gestern Verse geschenkt, die mir hübsch erscheinen, obwohl ich sie nicht ganz verstehen kann.“

„Es war ein schwüler Abend gestern,“ sagte Lauscher und blickte der Schönen

in die Augen. „Darf ich das Blatt noch einmal sehen?“

Sie gab es ihm hin. Er überlas es leise noch einmal, faltete es zusammen und

verbarg es in seiner Tasche. Die schöne Lulu sah schweigend zu und nickte

nachdenklich. Nun wurde der Wirt auf der Treppe hörbar, Lulu sprang auf und

begann ihre Morgenarbeit. Grüßend trat der kleine, feiste Wirt herein.

„Guten Morgen, Herr Müller!“ antwortete Hermann Lauscher. „Ich bin heute

zum letzten Mal Ihr Gast. Morgen früh reise ich.“

„Aber ich hatte doch gedacht, Herr Lauscher . . .“

„Schon gut. Auf heute abend stellen Sie ein paar Flaschen Champagner kalt

und räumen uns das hintere Zimmer ein, zum Abschiedfeiern!“

„Wie Herr Lauscher befehlen!“

Lauscher verließ Stube und Gasthaus und begab sich auf den Weg zu Ludwig

Ugel, seinem Liebling, um diesen letzten Tag mit ihm zusammen zu sein.

Aus Ugels kleiner Bude in der Steingaustraße klang schon Morgenmusik.

Ugel stand in Hemdärmeln noch ungekämmt am Kaffeetisch und spielte seine

brave Violine, daß es eine Lust war. Das ganze Stüblein war voll Sonne.

„Ist’s wahr, du willst morgen reisen?“ rief Ugel dem Dichter entgegen. Der

war nicht wenig verwundert.

„Woher weißt du’s denn schon?“

„Von Drehdichum.“

„Drehdichum? Der Teufel werde klug daraus!“

„Ja, der Alte war die halbe Nacht bei mir. Ein toller Bruder! Er faselte wieder

was Langes, Farbiges von seinen Prinzessingeschichten, Liliengärten und

dergleichen. Meinte, ich müsse die Prinzessin erlösen; er hätte sich in dir

getäuscht, du seiest nicht die wahre Harfe Silberlied. Verrückt, nicht? Ich

verstand kein Wort.“

„Ich verstehe es,“ sagte Lauscher leise. „Der Alte hat recht.“

Noch eine Weile hörte er Ugeln zu, der nun die begonnene Sonate zu Ende

spielte. Bald darauf verließen beide Freunde Arm in Arm die Stadt und wandten

sich gegen die Plochinger Steige in den Wald. Sie redeten wenig; der Abschied

machte beide stumm. Der Morgen lag warm und glänzend über den schönen

Bergen der Alb. Bald bog die Straße in den tiefen Wald, und die Spaziergänger

legten sich abseits vom Wege in das kühle Moos.

„Wir wollen einen Strauß für die schöne Lulu machen,“ sagte Ugel und

begann im Liegen große Farnkräuter zu brechen.

„Ja,“ sagte der andere leise, „einen Strauß für die schöne Lulu!“ Er riß eine

ganze hohe rotblühende Staude aus der Erde. „Nimm das dazu! Roter Fingerhut. Ich habe ihr sonst nichts zu geben. Wild, fieberrot und giftig . . .“

Er redete nicht weiter; süß und bitter stieg es in seiner Kehle auf, wie

Schluchzen. Düster wendete er sich ab; Ugel aber bog den Arm um seine

Schulter, legte sich an seine Seite und wies mit ablenkender Geberde empor in

das wunderbare Spiel des Lichtes im hellgrünen Laub. Jeder von den beiden

dachte an seine Liebe, und schweigend ruhten sie lange Zeit, Waldkronen und

Himmel über sich. Über ihre Stirnen lief der kräftige, kühle Wind, über ihre

Seelen spannte, vielleicht zum letzten Mal, die selige Jugend ihre blauen,

ahnungsvollen Himmel aus. Leise begann Ugel ein Lied zu singen:

Die Fürstin heißt Elisabeth —

Ein Hauch von Sonne, die vergeht.

Ich wollt, ich hätte einen Namen,

Der sich verneigt vor lieben Damen,

Vor Schönheit, vor Elisabeth,

Der süß von zarten Rosen weht,

Von Blättern lind, so leicht, so laß,

Von Rosen weiß, von Rosen blaß,

Ein Schimmer späten Abendgolds

Und wie der Fürstin Mund so stolz

Und wie der Fürstin Stirn so rein,

Und müßte singen von Glück und Pein —

So froh und traurig müßt er sein!

 

Dem Freunde weitete die stille Traurigkeit der schönen Stunde die Brust in

Schmerz und Lust. Er schloß die Augen; aus seiner Seele stieg das Bild der

schönen Lulu auf, wie er sie am heutigen Morgen gesehen hatte, so

sonneverklärt, so milde, so leuchtend, klug und unnahbar, daß sein Herz in

erregten schmerzlichen Schlägen pochte. Seufzend fuhr er mit der Hand über die

Stirn, fächerte sich mit dem roten Fingerhut und sang:

Ich will mich tief verneigen

Vor dir und ziehen den Hut,

Ich will dir Lieder geigen

Rot wie Rosen und rot wie Blut.

Ich will mich vor dir bücken,

Wie man vor Fürstinnen tut,

Und will dich mit Rosen schmücken,

Mit Rosen rot wie Blut.

Ich will auch zu dir beten,

Wie man vor Heiligen kniet,

Mit meiner wilden, verschmähten

Liebe und meinem Lied.

 

* *

*

 

Er hatte kaum geendigt, als aus dem innersten Walde hervor der Philosoph Drehdichum die Liegenden anrief. Aufschauend sahen sie ihn aus den

Gebüschen treten.

„Guten Tag,“ rief er näherkommend, „guten Tag, meine Freunde! Nehmet dies

zu euerm Strauß für die schöne Lulu!“ Damit gab er Lauschern eine große weiße

Lilie in die Hand. Behaglich ließ er sich sodann den Freunden gegenüber auf

einem moosigen Felsen nieder.

„Sagen Sie, Zauberer,“ redete Lauscher ihn an, „da Sie doch überall sind und

alles wissen: wer ist eigentlich die schöne Lulu?“

„Viel gefragt!“ schmunzelte der Graubart. „Sie weiß es selber nicht. Daß sie

die Stiefschwester der verdammten Müllerin sei, glauben Sie wohl nicht, und ich

auch nicht. Sie selber hat nicht Vater, nicht Mutter gekannt, und ihr einziger

Heimatbrief ist die Strophe eines merkwürdigen Liedes, das sie zuweilen singt

und worin sie einen gewissen König Ohneleid ihren Vater nennt.“

„Dummes Zeug!“ fluchte Ugel ärgerlich.

„Weshalb, lieber Herr?“ entgegnete sanftmütig der Alte. „Aber dem sei wie

ihm wolle, man darf an solchen Geheimnissen nicht allzuviel tasten . . . Ich höre,

Herr Lauscher, Sie wollen schon morgen uns und dieses Land verlassen? Wie

man sich täuschen kann! Ich hätte gewettet, Sie blieben noch länger hier, da Sie,

wie mir schien, eben durch die Lulu . . .“

„Genug, genug, Herr!“ fiel ihm Lauscher wild aufbrausend in die Rede. „Was

zum Teufel gehen Sie anderer Leute Liebesaffären an!“

„Nicht so heftig!“ beruhigte lächelnd der Philosoph. „Davon, Wertgeschätzter,

war ja gar nicht die Rede. Daß ich mich mit den Verwicklungen fremder

Schicksale, besonders Dichterschicksale, beschäftigte, gehört zu meiner

Wissenschaft. Für mich besteht kein Zweifel darüber, daß zwischen Ihnen und

unserer Lulu gewisse subtile magische Beziehungen statthaben, wenn schon, wie

ich ahne, ihrer ersprießlichen Wirkung zurzeit noch unüberwindliche

Hemmnisse im Wege liegen.“

„Erklären Sie mir das doch, bitte, etwas näher!“ sagte der Dichter kühl, aber

doch neugierig.

Der Alte zuckte die Achseln. „Ei nun,“ sagte er, „jedes irgend höher stehende

Menschenwesen strebt instinktmäßig nach jener Harmonie, die im glücklichen

Gleichgewicht des Bewußten und des Unbewußten bestände. Solange aber der

zerstörende Dualismus das Lebensprinzip des denkenden Ich zu sein scheint,

neigen strebende Naturen gerne in halbverstandenem Instinkt zu Bündnissen mit

entgegengesetzt Strebenden. Sie verstehen mich. Solche Bündnisse können ohne

Worte, sogar ohne Wissen geschlossen werden, können wie Verwandtschaften

unerkannt, rein gefühlsmäßig leben und wirken. Jedenfalls sind sie vorbestimmt

und stehen außerhalb der Sphäre des persönlichen Willens. Sie sind ein unermeßlich wichtiges Element dessen, was man Schicksal nennt. Es ist

vorgekommen, daß das eigentliche, wohltätige Leben eines solchen Bündnisses

erst im Augenblicke der Trennung und Entsagung begann; denn diese

unterliegen unserm Wollen, dem die Macht jener Sympathie sich entzieht.“

„Ich verstehe Sie,“ sagte Lauscher mit verändertem Ton. „Sie scheinen mein

Freund zu sein, Herr Drehdichum!“

„Zweifelten Sie daran?“ lächelte dieser fröhlich.

„Sie kommen heute Abend zu meiner Abschiedsfeier in der Krone!“

„Will sehen, Herr Lauscher. Nach gewissen Berechnungen wird mir diesen

Abend eine wichtige Aufgabe zuteil werden, ein alter Traum sich erfüllen . . .

Aber vielleicht läßt es sich vereinigen. Auf Wiedersehen!“ Er sprang auf, grüßte

mit winkender Hand und verlor sich rasch auf der talwärts führenden Straße.

Die Freunde blieben bis zum Mittag im Walde, beide von Abschiedsgedanken

und jeder von seiner Liebe erfüllt und mit widerstreitenden Empfindungen

gesättigt. Verspätet suchten sie den Mittagstisch der Krone auf. Sie fanden Lulu

daselbst in fröhlicher Stimmung und mit einem neuen, hellen Kleide

geschmückt. Freundlich nahm sie die mitgebrachten Blumen an und stellte den

Strauß in eine Vase auf den Ecktisch, an dem die beiden zu speisen pflegten.

Heiter und geschäftig bewegte sich die schöne Gestalt bedienend mit den

Tellern, Schüsseln und Flaschen hin und wider. Nach Tisch, beim Weine setzte

sie sich zu den Freunden. Man sprach von Lauschers geplanter Abschiedsfeier.

„Wir müssen das Zimmer und alles recht festlich zubereiten,“ sagte Lulu; „wie

Sie sehen, habe ich an mir selber den Anfang gemacht und ein nagelneues Kleid

angezogen. Es fehlt noch an Blumen . . .“

„Besorgen wir schon,“ fiel ihr Ugel in die Rede.

„Gut,“ lächelte sie. „Dann wäre es hübsch, ein paar Lampions und farbige

Bänder zu haben.“

„Soviel Sie wollen!“ rief wieder Ugel. Lauscher nickte stumm.

„Sie sprechen ja kein Wort, Herr Lauscher!“ zürnte nun Lulu. „Sind Sie nicht

einverstanden?“ Lauscher gab keine Antwort. Er sagte nur, während sein Auge

an ihrer schlanken Gestalt und dem feinen Antlitz hing: „Wie schön Sie heute

sind, Lulu!“ Und noch einmal: „Wie schön Sie sind!“

Er war unersättlich, die ganze ziere Gestalt immer wieder zu betrachten. Zu

sehen, wie sie mit dem Freunde die Anstalten zu seinem Abschied betrieb,

verursachte ihm eine eigentümliche Qual und machte ihn stumm und verdüstert.

Jeden Augenblick kam ihm wieder der Gedanke, peinigend und bitter stachelnd,

daß seine Entsagung und sein Fortgehen unwahr sei, daß er ihr zu Füßen stürzen

und sie mit allen lodernden Flammen seiner Leidenschaft umgeben müsse, um

sie werben, sie anflehen, sie zwingen und rauben — irgend etwas, nur nicht so tatlos vor ihr sitzen und fühlen, wie von den letzten Stunden ihrer Gegenwart ein