Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 14 von 27

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Hermann Lauscher

Die erste Nacht.

*

 

 

Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du legst

deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie Geschwister

aussehen. Ich will dich Maria nennen.

Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher

nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene

Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither schöner

geworden — ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle abgewartet, so

wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an meinem Bette, um

mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen zu helfen. Aber du

nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns selber zum Ernst

gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen zurückgefallen

und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.

Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln

schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft

wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große

Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft. Ich

las dir vor bis zu jener traurigen Stelle — weißt du noch? Es war beinahe dunkel

geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach hätten wir doch

zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von deinem Schoß und

liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang unsre Nachtigall.

Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach

derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind voll

Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter, sogar gemein.

Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf jenen Seiten, die du

so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und stöhnen, und wollen

gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar nie gewesen, denn die

schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst du an jenem Abend im

Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet — warum wolltest du sie nicht

lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die

Harfe klingt wie sonst, nur wenn die Melodie auf die gebrochenen Saiten

springt, entsteht ein herzbeklemmend leeres Schweigen und reißt mitten durch

das ganze Lied. Hast du nie auf einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite

fehlte? War es dir nicht jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es

gerade der süßeste, erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer

das Süßeste, Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem Augenblicke fehlt?