Hermann Lauscher
Die erste Nacht.
*
Regen, Stille, Mitternacht. Wie heißest du, schöne Blasse? Du lächelst, du legst
deine Hand neben meine auf den Rand des Bettes, daß sie wie Geschwister
aussehen. Ich will dich Maria nennen.
Wie hast du mich wiedergefunden, wunderliche Schwester, die ich so langeher
nicht mehr gesehen? Das war vor manchem schönen Jahr, daß ich dir jene
Dichtung vorlas, mit der ich deine Gunst verscherzte. Du bist seither schöner
geworden — ach hättest du damals den Schluß meiner Novelle abgewartet, so
wären wir zusammen jung geblieben und du säßest nicht an meinem Bette, um
mir die vielen Stunden von Mitternacht bis Morgen ertragen zu helfen. Aber du
nahmst meine Geschichte für Ernst und hast sie damit uns selber zum Ernst
gemacht. Jener ungelesene Schluß ist in den Märchenbrunnen zurückgefallen
und unsre guten Feen weinten, und weinen noch heute darüber.
Erinnerst du dich jenes letzten Abends? Im Veilchengarten, alle Amseln
schlugen. Wir saßen auf der grünen Großvaterbank und hatten unsere Zukunft
wie ein großes Fabelbuch vor uns aufgeschlagen. Ich las dir vor, der große
Ahorn rauschte darein, die Luft und die Geschichte waren voll Veilchenduft. Ich
las dir vor bis zu jener traurigen Stelle — weißt du noch? Es war beinahe dunkel
geworden und im Goldregenbusch begann die Nachtigall. Ach hätten wir doch
zu Ende gelesen! Aber du weintest und stießest das Buch von deinem Schoß und
liefest fort. Jenen ganzen Abend und die halbe Nacht sang unsre Nachtigall.
Ich weiß jetzt das Geheimnis der Nachtigall und singe schon lang nach
derselben Weise. Man hört diese Lieder gern, sie gleiten weich und sind voll
Wohllaut, aber der Text ist traurig, er ist sogar zuweilen bitter, sogar gemein.
Ach, die besten Lieder standen im Buch meiner Jugend auf jenen Seiten, die du
so unmutig überschlugst. Sie quälen mich seither, und stöhnen, und wollen
gesungen sein, aber ihre Zeit ist vorüber, sie ist gar nie gewesen, denn die
schönsten Seiten im Buch meiner Jugend überschlugst du an jenem Abend im
Veilchengarten. Die Kapitel waren dir gewidmet — warum wolltest du sie nicht
lesen? Sie fehlen jetzt mir und dir wie gesprungene Saiten auf einer Harfe. Die
Harfe klingt wie sonst, nur wenn die Melodie auf die gebrochenen Saiten
springt, entsteht ein herzbeklemmend leeres Schweigen und reißt mitten durch
das ganze Lied. Hast du nie auf einer Harfe spielen hören, an welcher eine Saite
fehlte? War es dir nicht jedesmal, wenn jene bange leere Pause kam, als sei es
gerade der süßeste, erlösende Ton, der nun dem Liede fehlt? Und ist nicht immer
das Süßeste, Erlösende, brennend Erdürstete gerade das, was mir und dir in jedem Augenblicke fehlt?