Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 9 von 27

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Hermann Lauscher

Kapitel V

Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen Wesens bedeutet und daß

beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien, sondern Töchter des Prinzips

Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar einander fremden, ja feindseligen

Gipfel tief im Schoß der Erde eins und gemeinsam sind. Aber was hilft uns die

Erkenntnis, wenn wir auf einem der Gipfel stehen und den klaffenden Spalt

stündlich vor Augen haben? Das Überbrücken dieses Abgrundes aber und die

Erlösung der Prinzessin Lilia bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume,

deren Anblick der Seele die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte

nimmt; sie ist das Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten

Sehnsucht aller großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe

Silberlied erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten

rauschen, und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben

lang im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen

des hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe

Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im verschütteten

Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln mein König im

zertrümmerten Saal!“

 

V.

 

Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen

sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer

hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren. Bald

erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden aufs

schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen

Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber Höhe

des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und fröhlich

im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den hohen

Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet, aus dem

Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf der

Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.

„Ich weiß nicht,“ sagte Ludwig Ugel, „was diese Abende im August so schön

macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt

teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.“

„Ja,“ sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen

Augen. „Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die ganze

reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde über, und

man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad der Zeit

sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und traurig

mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege liegen.“

Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige

Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und

allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge

lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln

Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie

Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.

Aller Friede senkt sich nieder

Aus des Himmels klaren Weiten,

Alles Freuen, alles Leiden

Stirbt den süßen Tod der Lieder.

 

Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel, der

sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:

O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,

Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!

Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,

Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.

Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:

Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.

Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:

Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!

Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,

Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:

Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,

So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!

 

* *

*

 

Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:

Der müde Sommer senkt das Haupt

Und schaut sein falbes Bild im See;

Ich wandle müde und bestaubt

Im Schatten der Allee.

Ich wandle müde und bestaubt,

Und hinter mir bleibt zögernd stehn

Die Jugend, neigt das schöne Haupt

Und will nicht fürder mit mir gehn.

 

* *

*

 

Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.

Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen, da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen: