Hermann Lauscher
Kapitel V
Trennung, sondern nur die Spaltung eines einheitlichen Wesens bedeutet und daß
beide, Güte sowie Schönheit, nicht Prinzipien, sondern Töchter des Prinzips
Wahrheit sind. Daß die beiden scheinbar einander fremden, ja feindseligen
Gipfel tief im Schoß der Erde eins und gemeinsam sind. Aber was hilft uns die
Erkenntnis, wenn wir auf einem der Gipfel stehen und den klaffenden Spalt
stündlich vor Augen haben? Das Überbrücken dieses Abgrundes aber und die
Erlösung der Prinzessin Lilia bedeutet ein und dasselbe. Sie ist die blaue Blume,
deren Anblick der Seele die Schwere und deren Duft dem Geist die spröde Härte
nimmt; sie ist das Kind, das Königreiche verteilt, die Blüte der vereinten
Sehnsucht aller großen Seelen. Am Tag ihrer Reife und Erlösung wird die Harfe
Silberlied erklingen und die Quelle Lask durch den neuerblühten Liliengarten
rauschen, und wer es sieht und vernimmt, dem wird sein, als wäre er sein Leben
lang im Alpdruck gelegen und hörte nun zum ersten Male das frische Brausen
des hellen Morgens . . . Aber noch schmachtet die Prinzessin im Bann der Hexe
Zischelgift, noch hallt der Donner jener unheilvollen Stunde im verschütteten
Opalschlosse wider, noch liegt dort in bleiernen Traumfesseln mein König im
zertrümmerten Saal!“
V.
Als die beiden Freunde eine Stunde später aus dem Walde hervorkamen, sahen
sie Ludwig Ugel, Erich Tänzer und den Regierungsreferendar mit einer
hellgekleideten Dame vom Dreikönigskeller her den Berg hinaufspazieren. Bald
erkannten sie mit Freuden die schlanke Lulu und eilten den Ankommenden aufs
schnellste entgegen. Sie war heiter und plauderte mit ihrer weichen
Liebesstimme harmlos in das Gespräch hinein. Alle setzten sich in halber Höhe
des Berges auf eine geräumige Ruhebank. Die helle Stadt lag blank und fröhlich
im Tale, und ringsum glänzte der goldene Duft des Abends auf den hohen
Wiesen. Die träumerische Fülle des August war herrlich ausgebreitet, aus dem
Laub der Bäume quoll schon das grüne Obst, Erntewagen fuhren auf der
Talstraße bekränzt und leuchtend gegen die Dörfer und Gehöfte.
„Ich weiß nicht,“ sagte Ludwig Ugel, „was diese Abende im August so schön
macht. Man wird nicht fröhlich davon, man legt sich ins hohe Gras und nimmt
teil an der Milde und Zärtlichkeit der goldenen Stunde.“
„Ja,“ sagte der Dichter und blickte der schönen Lulu in die dunkeln reinen
Augen. „Es ist die Neige der Jahreszeit, die so mild und traurig macht. Die ganze
reife Süßigkeit des Sommers quillt in diesen Tagen weich und müde über, und
man weiß, daß morgen oder übermorgen irgendwo schon rote Blätter auf den Wegen liegen werden. Es sind die Stunden, da man schweigend das Rad der Zeit
sich langsam drehen sieht, und man fühlt sich selber langsam und traurig
mitgetrieben, irgendwohin, wo schon die roten Blätter auf dem Wege liegen.“
Alle schwiegen und lauschten in den goldenen Späthimmel und in die farbige
Landschaft hinein. Leise begann die schöne Lulu eine Melodie zu summen, und
allmählich ging das halbe Flüstern in ein zartes Singen über. Die Jünglinge
lauschten und schwiegen wie berauscht; die weichen süßen Töne der edeln
Stimme schienen aus der Tiefe des seligen Abends heraufzukommen wie
Träume aus der Brust der einschlummernden Erde.
Aller Friede senkt sich nieder
Aus des Himmels klaren Weiten,
Alles Freuen, alles Leiden
Stirbt den süßen Tod der Lieder.
Mit diesem Verse war ihr Abendlied zu Ende. Sogleich begann Ludwig Ugel, der
sich zu Füßen der andern ins Gras gelegt hatte, zu singen:
O Brünnlein unterm Laube, du feiner Silberquell,
Fließe verstohlen hinunter zur weißen Waldkapell!
Dort liegt auf harten Stufen im Moos Marienfrau,
Du sollst sie stille rufen, mit Murmeln und nicht rauh.
Und sollst ihr leise künden von meiner tiefen Not:
Mein Mund sei, ach, von Sünden und lauter Liedern rot.
Und sollst ihr von mir geben eine Lilie, weiß und rein:
Sie möge mein rotes Leben und meine Sünden verzeihn!
Vielleicht, daß ihre Güte sich lächelnd zu dir neigt,
Der holden weißen Blüte ein süßer Duft entsteigt:
Weil Lieb- und Sonnetrinken des Sängers Sünde ist,
So sei der rote Liedermund in Hulden rein geküßt!
* *
*
Darauf sang auch Hermann Lauscher eines von seinen Liedern:
Der müde Sommer senkt das Haupt
Und schaut sein falbes Bild im See;
Ich wandle müde und bestaubt
Im Schatten der Allee.
Ich wandle müde und bestaubt,
Und hinter mir bleibt zögernd stehn
Die Jugend, neigt das schöne Haupt
Und will nicht fürder mit mir gehn.
* *
*
Mittlerweile war die Sonne untergegangen, der Himmel floß in rotem Lichte.
Der vorsichtige Referendar Ripplein wollte eben schon zur Heimkehr mahnen, da begann die schöne Lulu noch einmal zu singen: