Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 6 von 27

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Hermann Lauscher

Kapitel II

 

Das zweite nicht minder Merkwürdige war aber, daß am nächsten kleinen

Trinktische, ohne die Ankommenden irgend zu bemerken oder zu grüßen, der

elegante Herr Erich Tänzer saß, ein intimes Mitglied der Brüderschaft des

Cénacle und Karl Hamelts besonderer Herzensfreund. Er hatte einen Becher

helles Bier halb ausgetrunken vor sich stehen und in das Bierglas eine gelbe

Rose gestellt; dazu rollte er langsam seine großen, ein wenig hervorstehenden

Augen und sah zum ersten Mal in seinem Leben albern aus. Zuweilen bog er

seine stattliche Nase gegen die Rose hin und roch an ihr, wobei er einen nahezu

unmöglichen Schielblick nach dem fremden Mädchenkopf hinüberlenkte, ohne

daß hierdurch der Ausdruck seines Gesichtes wesentlich gewonnen hätte.

Und als dritte Absonderlichkeit saß neben Erich mit großer Ruhe der alte

Drehdichum, hatte einen Pfiff Kulmbacher vor sich stehen und eine von des

Kronenwirts Kubazigarren im Munde.

„Zum Teufel, Herr Drehdichum,“ rief aufspringend Hermann Lauscher, „wie

kommen Sie hieher? Sah ich Sie doch soeben um den obern Wall davonlaufen

. . .“

„Und haben Sie mir doch eben noch in der größten zitternden Wut Ihre Faust

in den Magen gebohrt!“ rief Ludwig Ugel.

„Nichts für ungut,“ rief der Philosoph mit dem gewinnendsten Lächeln

zurück, „nichts für ungut, lieber Herr Ugel! Ich empfehle Ihnen das Kulmbacher,

meine Herren!“ Damit leerte er ruhig sein Glas.

Indessen rief Karl Hamelt seinen Freund Erich an, der gegenüber noch immer

entrückt und schlaff vor seiner ins Bierglas gesteckten gelben Rose saß.

„Erich, schläfst du?“

Erich antwortete ohne aufzusehen: „Ich schläfe nicht.“

„Man sagt nicht, ich schläfe, man sagt, ich schlafe,“ rief Ugel.

Da aber bewegte sich der Mädchenkopf hinter der Schenkgalerie, und die

ganze fremde schöne Person trat hervor und an den Tisch der Freunde.

„Was wünschen die Herren?“

Wem nicht schon, da er vor dem schönen Gemälde einer Frau in seliger

Begeisterung stand, plötzlich aus der Landschaft des Bildes heraus die Schöne

lebendig entgegentrat, der weiß nicht, wie den Brüdern des Cénacle in diesem

Augenblick zumute war. Alle drei erhoben sich von ihren Stühlen und machten

drei Verbeugungen, jeder eine. „Schöne, teure Dame!“ sagte der Dichter.

„Gnädiges Fräulein!“ sagte Ludwig Ugel, und Karl Hamelt sagte gar nichts.

„Nun, trinken Sie Kulmbacher?“ fragte die Schöne.

„Ja bitte,“ sagte Ludwig, und Karl nickte, Lauscher aber bat um einen Becher

Rotwein.

Als die Getränke nun von der leisen, schlanken Mädchenhand elegant serviert

wurden, wiederholten sich die verlegenen und ehrerbietigen Komplimente. Da

kam aus ihrer Ecke die kleine Frau Müller gelaufen.

„Machen Sie doch nicht solche Umstände, meine Herren,“ sagte sie, „mit dem

dummen Ding; sie ist meine Stiefschwester und zum Bedienen hergekommen,

weil wir eine Hilfe nötig hatten . . . Geh’ ins Büffet, Lulu; es schickt sich nicht,

so bei den Herren stehen zu bleiben.“

Lulu ging langsam weg. Der Philosoph kaute wütend an seiner Kuba, Erich

Tänzer wälzte einen fabelhaften Jongleurblick nach der Richtung, in der das

Mädchen verschwunden war. Die drei Freunde schwiegen ärgerlich und

verlegen. Die Wirtin trug, um sich gefällig zu zeigen und Unterhaltung zu

machen, vom Fensterbrett einen Blumentopf herbei und zeigte ihn prahlend am

Tische vor.

„Sehen Sie, was für ein Staat! Diese Blume ist vielleicht die allerseltenste, die

man nur kennt, und man sagt, sie blühe bloß alle fünf oder zehn Jahre.“

Alle betrachteten aufmerksam die Blume, die zart rotblau auf einem kahlen

langen Stengel schwankte und einen seltsam trüben, warmen Duft ausströmte.

Der Philosoph Drehdichum geriet in eine große Erregung und warf einen

schneidend grimmigen Blick auf die Wirtin und ihre Blume, was aber niemand

beachtete.

Da plötzlich sprang Erich am andern Tische auf, kam herüber, riß die Blume

mit einem gewaltsamen Ruck mitten ab und war mit ihr in zwei Sätzen ins

Büffet verschwunden. Drehdichum brach in ein leises Hohngelächter aus. Die

Wirtin kreischte entsetzlich auf, rannte Tänzern nach, blieb mit dem Rock am

Stuhle hängen, fiel zu Boden, der nacheilende Ugel über sie weg und über ihn

der Dichter, der im Aufspringen Weinkelch und Blumentopf mit sich riß. Der

Philosoph stürzte sich auf die hilflos liegende Wirtin, hielt ihr die Fäuste vors

Gesicht, fletschte die Zähne und achtete es nicht, daß Ugel und Lauscher ihn wie

toll an den reißenden Rockschößen zurückzuzerren strebten. In diesem

Augenblick eilte der Wirt herein; der Philosoph, wie verwandelt, half der Frau

auf die Beine, aus der Tür der angrenzenden Stube glotzten Bauern und

Fuhrmänner in den Skandal. Im Büffet hörte man die schöne Lulu weinen, und

Erich trat mit der ganz zerknitterten Blume in der Hand heraus. Alles stürzte sich

scheltend, fragend, drohend, lachend auf ihn los; er aber hieb mit der

zerbrochenen Blume wie ein Verzweifelter um sich und gewann ohne Hut das

Freie.