Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 13 von 27

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Hermann Lauscher

Schlaflose Nächte. (Geschrieben 1901.)

Schlaflose Nächte.

(Geschrieben 1901.)

Widmung.

 

Kennt ihr die Muse der Schlaflosigkeit? Die bleiche, wachsame, die an einsamen Betten sitzt?

An meinem einsamen Bette saß sie viele lange Nächte lang, sie legte mir die

geschmeidige, kranke Hand auf die Stirn, sie sang mir Lieder mit ihrer müden

Stimme, Lieder ohne Zahl, Heimatlieder, Kinderlieder, Lieder der Liebe, des

Heimwehs und der Melancholie. Und statt des entflohenen Schlummers breitete

sie über meine ermüdeten Augen den dünnen, farbigen Schleier der Erinnerung

und der Phantasie.

O diese langen, schleichenden Nächte, in denen unser wahrstes Wesen alle

tagüber gewobenen schmucken Gewänder von sich streift und uns mit Fragen,

Bitten und Vorwürfen bestürmt wie ein krankes Kind! O diese schmerzhaft

klaren Erinnerungen an alle Augenblicke unseres Lebens, in denen wir wider uns

selbst und wider die geheimen Gesetze des Lebens gesündigt haben! Diese Kette

von Blindheit, Grausamkeit und Mißverständnis, mit der wir uns selbst zu

unentrinnbarer Qual an diese angstvollen Stunden geschmiedet haben. Gibt es

einen Menschen von solcher Reinheit, daß er nur eine einzige solche Nacht

seiner Seele in die wahrhaftigen Kinderaugen blicken könnte, ohne unzähligen

Vorwürfen und Selbstpeinigungen zur Beute zu fallen?

Ich weiß es nicht und glaube es nicht. Und dennoch entrann ich diesen

Stunden und lernte sie segnen und sah die Verzweiflung nur auf dunkler Lauer

verborgen liegen, unberührt von ihrem giftigen Atem.

Das war jene Muse, jene bleiche, wachsame, die mit den geschmeidigen

Händen mich vom Abgrund zurückhielt. Ich danke dir, du Fremde,

Phantastische, und widme dir diese Erinnerungen unsrer gemeinsam

verträumten, wachen Nächte. Wie schön du warst, wenn du dein feines,

tröstendes Frauengesicht über meine fiebernden Augen beugtest! Wie schön du

warst, wenn du mit mir der Erinnerung eines alten Liedes lauschtest, still,

vorgebeugt, das tiefe Auge in die Nacht gewendet, die helle vergeistigte Stirn

von einer losen Locke märchenblonden Haares überhangen! Wie schön du warst,

wenn du weintest, wenn du das Auge senktest und schweigend auf dem weißen

Bette meine Hand mit deiner schmalen Linken suchtest, wenn der Traum einer

verlorenen Liebe über dein ernstes Gesicht wie ein leiser schmerzlicher Schatten

lief!

Wie schön du warst!

 

* *