Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 16 von 27

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Hermann Lauscher

Die dritte Nacht.

Dann — ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?

„Ja, wenn du kannst. Ich warte.“

Aber ich kann doch nicht ohne dich —

„Also, was willst du?“

Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?

„Frag nicht! Frag nicht!“

So will ich dir erzählen. Willst du?

„Von den sieben Prinzessinnen?“

Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem

kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen

lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen Juni,

hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. —

„Weiter! Und dann —?“

Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du

sie hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein

liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes Land,

wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein helles

Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger Brunnen in eine

bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem Brunnen und sehen

den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände ineinander gelegt und

reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß jedes von den beiden

Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt und anders geworden

ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß eine verjährte, knabenhafte

Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner Sprung durch klares Glas.

„Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?“

Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du

nicht auch?

„Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch

immer liebt.“

Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?

 

* *

*

 

Die dritte Nacht.

 

Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl

auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl

beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu lesen.

Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der

unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch

auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als auf

deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl: es ist

zu früh, es ist zu früh!

Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen

können. Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge

unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser Kleinod,

unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.

Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so viel

zarten Fäden an uns — laß ihnen ihr schmerzlich schönes Vergangensein! Wir

wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir wollen ihre hellen

Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit und schonende Pflege

festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden, wie viele Frühlinge wir uns

selber entblättert haben, ich und du; wir wollen denken: Es hat so kommen

müssen, und wir wollen nicht aufhören uns zu schmücken und zu warten — auf

unser Lied.

Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit

unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo

sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen Schweigsamkeit

der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene Abende! Die

kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und

traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen Garten

und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die steinernen

Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben, der

Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des

Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen

Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die

großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren

und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd

und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere

Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,

zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte

Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer Freundschaft

geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei — von den damaligen ist

keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst mich noch, und bald oder

spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder fremd sein werden und kein

Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den vergangenen schöneren Zeiten