Hermann Lauscher
Die dritte Nacht.
Dann — ja was willst du dann haben? Soll ich dir ein Lied singen?
„Ja, wenn du kannst. Ich warte.“
Aber ich kann doch nicht ohne dich —
„Also, was willst du?“
Du bist unersättlich. Was hab ich dir getan?
„Frag nicht! Frag nicht!“
So will ich dir erzählen. Willst du?
„Von den sieben Prinzessinnen?“
Nein. Von einem Garten im Schwarzwald, wo ein kleiner Knabe mit einem
kleinen Mädchen unter den blauen Fliedern saß. Der Knabe hatte das Mädchen
lieb, und als sie beide größer geworden waren, an einem Abend im warmen Juni,
hingen sie mit roten heißen Lippen aneinander. —
„Weiter! Und dann —?“
Dann kam eine fremde schlanke Frau mit dunkelgroßen Augen, ganz wie du
sie hast. Die sang so schön und war so fremd und lockend, daß der Knabe sein
liebes Nachbarkind vergaß. Er ging mit der fremden Frau in ein anderes Land,
wo die Sterne größer und die Nächte blauer sind. Sie bauten sich ein helles
Schloß und darin einen Saal mit Porphyrsäulen, darin ein ewiger Brunnen in eine
bronzene Muschelschale klang. Dort sitzen sie nun bei dem Brunnen und sehen
den Mond im Wasser verleuchten. Sie haben kühle Hände ineinander gelegt und
reden kühle Worte zu einander, und ich glaube, daß jedes von den beiden
Heimweh hat. Wenigstens der Knabe, der inzwischen alt und anders geworden
ist. Ich weiß, daß er an seine Heimat denkt und daß eine verjährte, knabenhafte
Untreue durch sein Leben geht wie ein feiner Sprung durch klares Glas.
„Das ist eine traurige Geschichte. Ist sie zu Ende?“
Noch nicht. Und ich glaube, der Schluß wird das traurigste sein. Glaubst du
nicht auch?
„Ich weiß nicht. Ich weiß auch nicht, ob der Knabe die fremde Frau noch
immer liebt.“
Man hat keine Nachricht darüber. Oder soll ich Ja sagen?
* *
*
Die dritte Nacht.
Lege deinen blonden Kopf an meine Schulter, meine arme Muse! Ich sehe wohl
auf deiner schönen Stirne diese leisen, schwermütigen Linien, ich sehe wohl
beim Beugen deines Halses diese müde, kranke Bewegung, und ich vermag auch wohl in dem feinen, feinen Aderspiel deiner klaren, weißen Schläfe zu lesen.
Komm, weine nur! Das ist Herbst, das ist die letzte zitternde Mahnung der
unaufhaltsamen Jugendflucht. Du kannst sie auch in meinen Augen lesen, auch
auf meiner Stirn und auf meinen Händen steht sie geschrieben, tiefer als auf
deinen, und auch in mir ruft dieses peinigende, schluchzende Wehgefühl: es ist
zu früh, es ist zu früh!
Komm, weine nur! Wir sind noch nicht am Ende, wenn wir noch weinen
können. Wir wollen diese Tränen und diese Trauer mit aller eifersüchtigen Sorge
unserer Liebe bewachen. Vielleicht steht hinter diesen Tränen unser Kleinod,
unsere Poesie, unser großes Lied, auf das wir warten.
Unsere rosenroten Liebeszeiten sind vorüber, aber sie rühren noch mit so viel
zarten Fäden an uns — laß ihnen ihr schmerzlich schönes Vergangensein! Wir
wollen ihnen mit Kosenamen und mit Liedern rufen, wir wollen ihre hellen
Erinnerungen wie scheue, geliebte Gäste durch Zartheit und schonende Pflege
festhalten. Auch wollen wir nicht mehr davon reden, wie viele Frühlinge wir uns
selber entblättert haben, ich und du; wir wollen denken: Es hat so kommen
müssen, und wir wollen nicht aufhören uns zu schmücken und zu warten — auf
unser Lied.
Unser Lied! Weißt du noch, wie wir von ihm träumten, in jener ersten Zeit
unserer Liebe? Das war im Kloster, in jener prachtvollen Brunnenkapelle, wo
sich der Laut des fallenden Wassers so zart mit der klösterlichen Schweigsamkeit
der gotischen Kreuzgänge verflocht. Weißt du noch? Und jene Abende! Die
kühlen, mondhellen Abende jenes Spätherbstes, die so weich und
traumverzaubert auf den Dächern des Klosters lagen, und auf dem kahlen Garten
und über den duftigen, kühlen Bergen! Der Wind lief durch die steinernen
Fensterblumen und gewann Klang in den schwarzen Kreuzgewölben, der
Mondschein lief über die breiten Simse und über die weißen Dielen des
Oratoriums. Und ich erzählte meinem Freund Wilhelm in der verborgenen
Fensternische von der fernen dunklen Zeit, in welcher die Klöster und die
großen Dome aus der Erde wuchsen, und von den Stiftern, Rittern, Bauherren
und Äbten, deren bildnisgeschmückte Grabsteine drunten im Kreuzgang fremd
und gespenstisch im weißen Mondschein lagen. Ich hatte damals mehrere
Freunde, von denen Wilhelm mein Liebling war. Du sahest ihn oft mit mir,
zumal in solchen Mondnächten, und auch die andern: schlanke, begeisterte
Knaben wie ich selbst. Frag nicht, wo sie sind und was aus unserer Freundschaft
geworden ist! Auch jetzt hab ich Freunde, zwei, drei — von den damaligen ist
keiner mehr darunter. Aber du bist noch da und liebst mich noch, und bald oder
spät, wenn auch die Freunde von heute tot oder fremd sein werden und kein
Mensch mehr von meiner Jugend mit mir plaudern wird, wirst du noch immer bei mir sein, und mich zuweilen bitten, von den vergangenen schöneren Zeiten