Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 5 von 27

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Hermann Lauscher

Lulu. Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis E. T. A. Hoffmanns gewidmet. (Geschrieben 1900.)

Lulu.

Ein Jugenderlebnis, dem Gedächtnis

E. T. A. Hoffmanns gewidmet.

(Geschrieben 1900.)

I.

 

Die schöne alte Stadt Kirchheim war soeben von einem kurzen sommerlichen Regen abgewaschen worden. Die roten Dächer, die Wetterfahnen und

Gartenzäune, die Gebüsche und die Kastanienbäume auf den Wällen glänzten

freudig neu und stattlich, und der steinerne Konrad Widerhold mit seiner

steinernen Ehehälfte freute sich still beglänzt seines noch rüstigen Alters. Durch

die gereinigten Lüfte schien die Sonne schon wieder mit kräftiger Wärme herab,

in den letzten hangenden Regentropfen des Gezweiges blitzende Funkenspiele

entzündend, und die freundliche breite Wallstraße floß vom Glanze über. Kinder

sprangen einen fröhlichen Reihen, ein Hündlein kläffte jauchzend ihnen nach,

die Häuserzeile entlang flatterte in unruhigen Bögen ein gelber Schmetterling.

Unter den Kastanien des Walls, auf der dritten Ruhebank rechts von der Post,

saß neben seinem Freunde Ludwig Ugel der durchreisende Schöngeist Hermann

Lauscher und erging sich in heitern und anmutigen Gesprächen über die Wohltat

des niedergefallenen Regens und die wieder hervortretende Bläue des Himmels.

Er knüpfte daran phantasierende Betrachtungen über Dinge, die ihm am Herzen

lagen, und lustwandelte nach seiner Gewohnheit unermüdet auf dem Anger

seiner Redekunst. Während der langen schönen Reden des Dichters lugte der

stille und vergnügte Herr Ludwig Ugel öftere Male scharf über die Boihinger

Landstraße hinaus, in Erwartung eines Freundes, der von dorther eintreffen

sollte.

„Ists nicht, wie ich sage?“ rief der Dichter lebhaft aus und erhob sich ein

wenig von der Sitzbank; denn die schlechte Lehne war ihm unbequem, auch war

er auf einem Stücklein dürren Zweiges gesessen. „Ists nicht so?“ rief er aus und

entfernte mit der Linken das Holzstück und dessen Eindruck auf seiner Hose.

„Das Wesen der Schönheit muß im Lichte liegen! Glaubst du nicht auch, daß es

da liegt?“

Ludwig Ugel rieb sich die Augen; er hatte nicht gehört, wovon die Rede war,

und nur die letzte Frage Lauschers verstanden.

„Freilich, freilich,“ entgegnete er hastig. „Nur kann man es von hier aus nicht

sehen. Es liegt genau dort, hinter der Schlotterbeckschen Scheuer.“

„Wie? Was?“ rief Hermann heftig. „Was, sagst du, liege hinter der Scheuer?“

„Nun, Oetlingen! Karl hat keinen andern Weg, er muß notwendig von dorther

kommen.“

Verdrießlich schweigend starrte nun auch der durchreisende Dichter auf die

helle weite Landstraße hinüber, und wir können beide Jünglinge auf ihrer Bank sitzen und warten lassen; denn der Schatten muß dort noch bei einer Stunde

anhalten. Wir wenden uns indessen hinter die Schlotterbecksche Scheuer, finden

dort aber weder das Dorf Oetlingen noch das Wesen der Schönheit liegen,

sondern eben den erwarteten dritten Freund, den Kandidaten der Jurisprudenz

Karl Hamelt. Dieser kam von Wendlingen her, wo er die Ferien zubrachte. Seine

nicht übel gewachsene Figur gewann durch ein verfrühtes Fettwerden einen

komisch behäbigen Anflug, und in seinem gescheiten, eigensinnigen Gesicht lag

die kräftige Nase mit den wunderlich feisten Lippen und den übervollen Wangen

im Streit. Das breite Kinn warf über dem engen Stehkragen reichliche Falten,

und zwischen Stirn und Hut ragte verschwitzt und ungescheitelt das kurze freche

Haupthaar hervor. Er lag rücklings hingestreckt im kurzen Grase und schien

ruhig zu schlafen.

Er schlief wirklich, vom heißen mittäglichen Weg ermüdet; ruhig aber war

sein Schlummer nicht. Ein seltsam phantastischer Traum hatte ihn heimgesucht.

Ihm schien nämlich, er liege in einem unbekannten Gartenlande unter

sonderbaren Bäumen und Gewächsen und lese in einem alten Buche mit

Pergamentblättern. Das Buch war in wunderlich kühnen, wirr ineinander

geschlungenen Lettern einer völlig fremden Sprache geschrieben, die Hamelt

nicht kannte noch verstand. Dennoch aber las er und verstand er den Inhalt der

Blätter, indem immer wieder, so oft er ermüden wollte, auf zauberische Weise

aus dem krausen Durcheinander der Schnörkel und Schriftzeichen sich Bilder

hervorlösten, farbig aufglänzten und wieder versanken. Diese Bilder, einander

folgend wie in einer magischen Laterne, schilderten die nachfolgende, sehr alte,

wahre Geschichte.

 

* *

*

 

Mit demselben Tage, an welchem der Talisman des ehernen Ringes durch

betrügerische Magie der Quelle Lask entrissen und in die Hände des

Zwergfürsten gefallen war, begann der helle Stern des Hauses Ask sich zu

trüben. Die Quelle Lask versiegte bis auf einen schier unsichtbaren Silberfaden,

unter dem Opalschlosse senkte sich die Erde, die unterirdischen Gewölbe

wankten und brachen teilweise zusammen, im Liliengarten begann ein

verheerendes Sterben und nur die doppelkrönige Königslilie hielt sich noch eine

Zeitlang stolz und aufrecht; denn um sie hatte die Schlange Edelzung ihren

engsten Reif geschlungen. In der verödeten Askenstadt verstummte Fröhlichkeit

und Musik, im Opalschlosse selbst klang und sang kein Ton mehr, seit die letzte

Saite der Harfe Silberlied gebrochen war. Der König saß Tag und Nacht wie eine

Bildsäule allein im großen Festsaal und konnte nicht aufhören, sich über den Untergang seines Glückes zu verwundern; denn er war der glücklichste aller

Könige seit Frohmund dem Großen gewesen. Er war traurig anzusehen, der

König Ohneleid, wie er im roten Mantel in seinem großen Saale saß und sich

wunderte und wunderte; denn weinen konnte er nicht, da er ohne die Gabe des

Schmerzes geboren war. Er wunderte sich auch, wenn er am Morgen und am

Abend statt der täglichen Früh- und Spätmusik nur die große Stille und von der

Tür her das leise Weinen der Prinzessin Lilia vernahm. Nur selten noch

erschütterte ein kurzes, karges Gelächter seine breite Brust, aus Gewohnheit;

denn sonst hatte er an jedem lieben Tage zweimal vierundzwanzigmal gelacht.

Hofstaat und Dienerschaft war in alle Winde zerstoben; außer dem König im

Saale und der trauernden Prinzessin war einzig der getreue Geist Haderbart noch

da, der sonst das Amt des Dichters, Philosophen und Hofnarren versehen hatte.

In die Macht des ehernen Talismans aber teilte sich der feige Zwergfürst mit

der Hexe Zischelgift, und man kann sich vorstellen, wie es unter ihrem

Regimente zuging.

Das Ende der Askenherrlichkeit brach herein. Eines Tages, an dem der König

kein einziges Mal gelacht hatte, rief er abends die Prinzessin Lilia und den Geist

Haderbart zu sich in den leeren Festsaal. Ein Wetter stand am Himmel und

leuchtete durch die schwarzen großen Fensterbogen mit jachem Blitzen fahl

herein.

„Ich habe heute kein einziges Mal gelacht,“ sagte der König Ohneleid.

Der Hofnarr trat vor ihn hin und schnitt einige sehr kühne Grimassen, die

jedoch in dem alten bekümmerten Gesichte so verzerrt und verzweifelt aussahen,

daß die Prinzessin die Augen wegwenden mußte und der König das schwere

Haupt schüttelte, ohne zu lachen.

„Man soll auf der Harfe Silberlied spielen,“ rief König Ohneleid. „Man soll!“

sagte er, und es klang den beiden traurig durchs Herz; denn der König wußte

nicht, daß Harfner und Spielleute ihn verlassen hatten und daß die zwei Getreuen

seine letzten Hausgenossen waren.

„Die Harfe Silberlied hat keine Saiten mehr,“ sagte der Geist Haderbart.

„Man soll aber dennoch spielen,“ sagte der König.

Da nahm Haderbart die Prinzessin Lilia bei der Hand und ging mit ihr aus

dem Saale. Er führte sie aber in den verwelkten Liliengarten zur versiegenden

Quelle Lask und schöpfte die allerletzte Handvoll Wasser aus dem

Marmorbecken in ihre Rechte, und sie kamen damit zum Könige zurück. Nun

zog die Prinzessin Lilia aus diesem Wasser Lask sieben blanke Saiten über die

Harfe Silberlied, und für die achte reichte das Wasser nicht mehr hin, so daß sie

von ihren Tränen zu Hilfe nehmen mußte. Und nun strich sie mit der leeren

Hand zitternd über die Saiten, daß der alte süße Freudenton noch einmal selig schwoll; aber jede Saite brach, nachdem sie angeklungen, und als die letzte

klang und brach, da klang ein schwerer Donnerschlag und brach die ganze

Wölbung des Opalschlosses stürzend und krachend zusammen. Dieses letzte

Harfenlied aber hatte gelautet:

Silberlied muß schweigen;

Aber einst muß steigen

Aus der Harfe Silberlied

Dieser selbe Reigen.

 

(Ende der wahren Geschichte vom Wasser Lask).

 

* *

*

 

Der Kandidat Karl Hamelt erwachte von seinem Traume nicht eher, als bis die

beiden Freunde, die ungeduldig ein Stück weit die Landstraße entgegengegangen

waren, ihn im Grase liegen fanden. Diese fuhren ihn über seine Saumseligkeit

mit unsanften Worten an, auf die jedoch Hamelt mit Schweigen antwortete und

sich nur zu einem flüchtig genickten „Guten Morgen!“ verstand.

Ugel war besonders ungehalten. „Ja, Guten Morgen!“ zürnte er. „Es ist lang

nimmer Morgen! Antezipiert hast du wieder, in der Oetlinger Kneipe bist du

gewesen, der Wein glänzt dir noch aus den Augen!“

Karl grinste und rückte den braunen Filz weiter in die Stirne. „Nun, laß gut

sein!“ sagte Lauscher. Die drei Freunde wandten sich gegen die Stadt, am

Bahnhof vorüber und über die Bachbrücke, und wandelten langsam auf dem

Wall dem Gasthaus zur Königskrone entgegen. Dieses war nämlich nicht nur der

bevorzugte Bierwinkel der Kirchheimer Freunde, sondern auch die derzeitige

Herberge des durchreisenden Dichters.

Als die Ankommenden sich schon der Kronentreppe näherten, öffnete sich die

schwere Haustüre plötzlich weit, und ihnen entgegen stürzte mit Blitzesschnelle

ein weißhaariger, graubärtiger Mann, mit zornrotem Gesicht in heftigster

Erregung aus dem Hause. Die Freunde erkannten befremdet den alten

Sonderling und Philosophen Drehdichum und vertraten ihm am Fuß der Treppe

den Weg.

„Halt, werter Herr Drehdichum!“ rief ihm der Dichter Lauscher entgegen.

„Wie kann ein Philosoph so das Gleichgewicht verlieren? Kehren Sie um,

Verehrter, und klagen Sie uns Ihren Schmerz im Kühlen drinnen!“

Mit einem schiefen, spitzen Lauerblick des Mißtrauens hob der Philosoph

seinen struppigen Kopf und erkannte die drei jungen Männer.

„Ah, da seid ihr,“ rief er, „das ganze petit cénacle! Eilet ins Innere, Freunde,

trinket Bier und erlebet Wunder daselbst; aber verlanget nicht die Teilnahme des gebrochenen Greises, in dessen Herz und Gehirn die Dämonen wühlen!“

„Aber, teurer Herr Drehdichum, was fehlt Ihnen denn heute schon wieder?“

fragte teilnehmend Ludwig Ugel, taumelte aber sogleich entsetzt wider die

Treppenbrüstung; denn der Philosoph hatte ihm einen Fauststoß in die Seite

versetzt und rannte schäumend und fluchend in die Straße.

„Infame Zischelgift,“ brüllte er im Wegeilen, „unglückseliger Talisman, in

rotblauer Blume verzaubert! Mißhandelt die Einzige, in Staub getreten . . . Opfer

satanischer Bosheit . . . Erneute qualvolle Erinnerung . . .“

Verwundert schüttelten die drei ihre Köpfe, ließen jedoch den Wütenden

laufen und schickten sich endlich an, die Vortreppe zu ersteigen, als die Türe

sich von neuem öffnete und mit einem ins Haus zurückgewinkten freundlichen

Abschiedsgruß der Pfarrvikar Wilhelm Wingolf hervortrat. Er wurde von den

Untenstehenden mit Heiterkeit begrüßt und sogleich von allen um die Ursache

des seligen Glanzes befragt, der sein breites Würdehaupt vergoldete.

Geheimnisvoll streckte er den fetten Zeigefinger auf, nahm den Dichter

vertraulich beiseite und sagte ihm schalkisch lächelnd ins Ohr: „Denk’ dir, heute

habe ich den ersten Vers in meinem Leben gemacht! Und zwar soeben!“

Der Dichter riß die Augen soweit auf, daß sie oben und unten über die

schmalen Ränder seiner goldenen Brille ragten. „Sag ihn!“ rief er laut. Der

Pfarrvikar wendete sich gegen die drei Freunde, hob wieder den Zeigefinger und

sagte mit selig verkniffenen Augen seinen Vers auf:

Vollkommenheit,

Man sieht dich selten, aber heut!

 

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er hutschwenkend die Kameraden.

„Donnerwetter!“ sagte Ludwig Ugel. Der Dichter schwieg nachdenklich. Karl

Hamelt aber, der seit seinem Erwachen im Grase noch kein Wort von sich

gelassen hatte, sagte mit Nachdruck: „Der Vers ist gut!“

Auf irgend etwas Ungewöhnliches gefaßt, betraten nun endlich ohne weitere

Hindernisse die durstig gewordenen Freunde den kühlen Wirtsraum der Krone,

und zwar die bessere Stube, wo die junge Wirtin selber zu bedienen pflegte und

wo sie um diese Tageszeit stets die einzigen Gäste waren und mit der Frau ihre

scherzhaften Höflichkeiten trieben.

Das erste Merkwürdige nun, was alle drei bald nach dem Eintreten und

Niedersitzen bemerkten, war dieses: daß ihnen die kleine runde Wirtin heute

zum ersten Mal gar nicht mehr hübsch erschien. Das rührte aber, wie jeder im

stillen bald wahrnahm, davon her, daß im Halbdunkel über die blanke Galerie

der geräumigen Kredenz ein fremder schöner Mädchenkopf hervorragte.