Hermann Lauscher
Die achte Nacht.
Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter den
Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute, noch
eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens um den
andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind mir so
unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend, vielleicht
zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr zu verschenken,
sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir Bestimmten.
Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen
Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt
werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd. Ein
Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas die
Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!
Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen und
deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen
Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner
unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil, ein Zug
von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer Art zu lächeln, in
einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance deines Lockenfalls.
Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir gedichtet, bis du zu mir
kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam wurdest! Und nun bist du
mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich überdauert, einen Zug von
mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und den werden meine Nachfolger,
die meinen Namen nicht kennen, ehren und verstehen. In dem unsterblichen
Werke, das einer von ihnen vollenden wird, wird irgendwo, sei’s nur in einem
Wort, einem Ton, einem kleinen zarten Zug, mein Leben verewigt sein. Eine
kleine Stelle doch wird dich in den besonderen Zügen malen, die du mir
verdankst. Eine kleine Schönheit doch wird in dem unsterblichen Werke sein, die
ohne mich nicht wäre möglich gewesen, und der unerlöste Nachklang meines
Lebens wird als willkommener Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen.
Ewigkeit! Was ist dann noch Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie
tausend im Leben sind.
Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und
Gestirne unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub
im Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa,
die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick
getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit Jahrtausenden vergangenen Tage.
Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet
dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht
verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. „Wie komisch!“ — so
könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind, die ihr
nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant zu sterben!
Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine
Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst du
wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein nervöser,
unangenehmer Augenblick. „Nachher“ — das heißt: wenn ich tot sein werde.
„Ein unangenehmer Augenblick“ — das heißt: mein Leben vom ersten bis zum
letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und Verzweifeln. Es wird ja
nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser Schimmer von Ewigkeit? Was sind
selbst die größten Toten: der große Alexander, der große Tizian, der große
Napoleon? Einem Hungernden ist ein Bissen Brot wichtiger als der große
Alexander. Und wer hungert nicht? Wer ist nicht von tausend elenden
Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm wichtiger ist als der große Alexander?
Wieviel von meiner Unsterblichkeit würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen
könnte, wenn ich das leise, infame Fiebern der unflüggen Gedanken hinter
meiner Stirn und den schmerzenden Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein
Viertel, die halbe, die ganze!
O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,
und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes
schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen
meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein Pinselzug
an deinem Bilde.
Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden
nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir, daß du
mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir leidet.
Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte
dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die
Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel lorbeerbekränzten,
ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo ist ein Fürst, dessen
uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch in meiner Hand und auf
meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch von mir geht der leise
Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie über. Sie wird, wenn niemand
mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen, andere Schultern berühren, und in
ihrer Berührung wird mit allen tausend andern auch meine Schönheit, Krankheit
und Kunst verewigt und tätig sein.
Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten
Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind — das ist
die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!