Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 21 von 27

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Hermann Lauscher

Die achte Nacht.

 

Auch heute wieder! Dieses leise Sieden des Blutes, dieses Knistern hinter den

Tapeten, diese langen Atemzüge des Windes! Eine Sekunde, eine Minute, noch

eine, wieder eine, und so rinnt ein Tropfen des kurzen, kurzen Lebens um den

andern fremd und unaufhaltsam an mir vorbei. Wieviele Stunden sind mir so

unter den fiebernden Händen zerronnen? Vielleicht tausend, vielleicht

zehntausend! Sie sind hin, sie haben kein Leid noch Glück mehr zu verschenken,

sie sind ungelebt und doch abgezogen von dem mir Bestimmten.

Und dann werde ich weiß und schweigend liegen! Und unter geschmacklosen

Förmlichkeiten in einem Holzkasten in die schmale feuchte Grube gelegt

werden! Bekannte werden hinterher gehen, von Tagesgeschichten plaudernd. Ein

Prediger wird vielleicht am Grabe in der entsetzlichen Sprache Jehovas die

Lehre von Zeit und Ewigkeit verkündigen. Am Grabe eines Dichters!

Ja, lache nur, schöne Muse! Ich weiß, du wirst hinter dem Prediger stehen und

deine süßen ironischen Staunaugen machen. Du bist ja schon an so vielen

Gräbern gestanden. Und wie du aufhorchen wirst, wenn er von meiner

unsterblichen Seele redet! Diese Seele ist ja du, oder ist doch ein Teil, ein Zug

von dir. Sie lebt und ist ewig in einer deiner Geberden, in einer Art zu lächeln, in

einer besonderen Biegung deiner Stimme, in einer Nuance deines Lockenfalls.

Wieviele tote und vergessene Dichter haben an dir gedichtet, bis du zu mir

kamst, bis du so gliederschön, schlank und biegsam wurdest! Und nun bist du

mein! Wenn auch kein Wort noch Reim von mir mich überdauert, einen Zug von

mir wirst du Unsterbliche doch weitertragen. Und den werden meine Nachfolger,

die meinen Namen nicht kennen, ehren und verstehen. In dem unsterblichen

Werke, das einer von ihnen vollenden wird, wird irgendwo, sei’s nur in einem

Wort, einem Ton, einem kleinen zarten Zug, mein Leben verewigt sein. Eine

kleine Stelle doch wird dich in den besonderen Zügen malen, die du mir

verdankst. Eine kleine Schönheit doch wird in dem unsterblichen Werke sein, die

ohne mich nicht wäre möglich gewesen, und der unerlöste Nachklang meines

Lebens wird als willkommener Ton in eine Harmonie der Ewigkeit sich fügen.

Ewigkeit! Was ist dann noch Tod, Grab und Prediger? Unbequeme Zufälle, wie

tausend im Leben sind.

Und so arbeite ich bewußt an meinem Werk, an dem Völker, Erde und

Gestirne unbewußt mitschaffen. Was sind Jahrtausende? Eine Spanne Zeit, Staub

im Vergleich mit einem einzigen Blick des Ewigen. Jene schöne junge Nausikaa,

die vor unendlichen Zeiten am Meere wandelte, ward von einem solchen Blick

getroffen und ist heute so schön, jung und lebendig wie an jenem seit Jahrtausenden vergangenen Tage.

Du lächelst wieder? Meine schöne Muse, du bist ein Weib. Ihr Frauen stehet

dem Ewigen so nah, daß ihr unser Händeausstrecken und Hinübersehnen nicht

verstehet. Und was ihr nicht verstehet, darüber lachet ihr. „Wie komisch!“ — so

könnt ihr ausrufen, wenn eines Andern Züge von Leiden entstellt sind, die ihr

nicht kennt. Dir zuliebe werde ich einmal versuchen müssen elegant zu sterben!

Ich beneide dich, meine Muse! Ach, für dich ist mein ganzes Leben eine

Episode, eine Herbstgeschichte, eine unruhige, kranke Nacht! Nachher wirst du

wieder lachen und blühen, als wäre nichts gewesen, nichts als ein nervöser,

unangenehmer Augenblick. „Nachher“ — das heißt: wenn ich tot sein werde.

„Ein unangenehmer Augenblick“ — das heißt: mein Leben vom ersten bis zum

letzten Lallen, mit der ganzen Welt von Jauchzen und Verzweifeln. Es wird ja

nicht ins Leere fallen, aber was ist dieser Schimmer von Ewigkeit? Was sind

selbst die größten Toten: der große Alexander, der große Tizian, der große

Napoleon? Einem Hungernden ist ein Bissen Brot wichtiger als der große

Alexander. Und wer hungert nicht? Wer ist nicht von tausend elenden

Bedürfnischen umgeben, deren jedes ihm wichtiger ist als der große Alexander?

Wieviel von meiner Unsterblichkeit würde ich geben, wenn ich jetzt schlafen

könnte, wenn ich das leise, infame Fiebern der unflüggen Gedanken hinter

meiner Stirn und den schmerzenden Augen zur Ruhe bringen könnte? Ein

Viertel, die halbe, die ganze!

O wie du mich ansiehst! Wie du mich leiden siehst! Und alles um ein Weib,

und alles um dich! Und jeder schwere Herzschlag in meiner Brust, und jedes

schmerzliche Zittern meiner Lider, und jedes bedrückte heisere Atemholen

meines Mundes ist ein Tropfen Leben für dich, ein Meißelführen, ein Pinselzug

an deinem Bilde.

Ermahne mich nicht! Laß mich nicht denken, wie es wäre, das alles zu leiden

nicht für dich, ohne dich, für Nichts! Lies mir ein Märchen vor! Sag mir, daß du

mich liebst, daß die Ewigkeit an meinem Lager sitzt und mit mir leidet.

Wie deine Hand zu streicheln versteht! Ich fühle dabei die ganze Geschichte

dieser Hand, die ganze adlige Kultur ihrer Form und Geste, an der schon die

Maler des frühen Florenz gearbeitet haben, die auf so viel lorbeerbekränzten,

ungenügsamen, scharfgefalteten Künstlerstirnen ruhte. Wo ist ein Fürst, dessen

uradlig geborene Geliebte solche Hände hat? Und auch in meiner Hand und auf

meiner Stirn ruht deine Rechte nicht vergebens, auch von mir geht der leise

Strom eines eigenartigen und feinen Lebens in sie über. Sie wird, wenn niemand

mehr von mir weiß, auf andern Stirnen liegen, andere Schultern berühren, und in

ihrer Berührung wird mit allen tausend andern auch meine Schönheit, Krankheit

und Kunst verewigt und tätig sein.

Und diese Kultur, dieser unsichtbare, leise, ununterbrochene Strom bewußten

Lebens, in welchem Dante und Donatello nur schöne Windungen sind — das ist

die Ewigkeit. Das ist die Ewigkeit! Das bist du, meine schöne Muse!