Hermann Lauscher
Kapitel III
Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und
Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine
neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch, aus
der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder vorgetragen
und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er las: „An die
Prinzessin Lilia . . .“
„Wie?“ rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert
wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem
Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:
Ich weiß einen alten Reigen,
Ein helles Silberlied,
Das lautet fremd und eigen,
Wie wenn aus leisen Geigen
Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .
Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung
des Liedes ab. „Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen . . .“
wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die Stirn, stierte leer
in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und heftig auf den Dichter.
Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete aufschauend diesem
Blicke.
„Was ist?“ rief er verwundert. „Willst du den Blick der Klapperschlange an
mir armem Vogel versuchen?“
Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. „Woher hast du dieses Lied?“
fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. „Woher ich alle
habe,“ sagte er.
„Und die Prinzessin Lilia?“ fragte Hamelt wieder. „Und der alte Reigen?
Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du gedichtet hast?
Alle deine andern Gedichte . . .“ Lauscher unterbrach ihn schnell.
„Schon gut; aber in der Tat,“ fuhr er fort, „in der Tat, liebe Freunde, ist dieses
Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte nur, nach
meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf das Blatt
zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier. Es ist eine ganz
andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!“
Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt
es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank alsdann
mit dem lauten Ausruf: „Lulu!“ in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt stürzten
hinzu und schauten auf das Papier. „Alle Wetter!“ rief Ugel aus; Hamelt aber
hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das merkwürdige Blatt mit
allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste Freude und unheimliche
Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.
„Nun sag mir, Lauscher,“ rief er endlich aus, „ist dies unsere Lulu oder ist es
die Prinzessin Lilia?“
„Unsinn!“ rief ärgerlich der Dichter. „Gib mir’s her!“
Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte,
machte plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die
unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise zu
dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten entwickelten
sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.
Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee
neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und
verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und als
er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und
grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.
„Drehdichum!“ rief der Dichter erstaunt. „Zum Hagel, sind Sie durch den
Plafond herabgefallen?“
„Wieso?“ entgegnete lächelnd der Alte.
„Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie
sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!“ Er nahm das Lied oder
vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. „Sie erlauben doch, daß ich
das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?“
„Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr
Drehdichum?“ Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem
Behagen.
„Ei freilich,“ erwiderte er schmunzelnd, „ein schönes Stück eines wenn schon
verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.“
„Askisch?“ rief Karl Hamelt.
„Nun ja, Herr Kandidat,“ sagte freundlich der Philosoph. „Aber gestehen Sie
doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es
möchte weitere Nachforschungen lohnen.“
„Sie fabeln, Herr Drehdichum,“ lachte beklommen der Dichter. „Dieses Blatt
ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.“
Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.
„Ich muß gestehen,“ antwortete er, „ich muß wirklich gestehen, mein lieber
junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.“
Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.
„Herr Drehdichum,“ rief er heftig, „ich muß Sie bitten, mich nicht mit einem
Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint, diese
heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als meine
Wohnung zu suchen.“
„Nun, nun,“ lächelte gutmütig Drehdichum, „vielleicht denken Sie der Sache
noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!“ Damit
rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und
verließ lautlos das Zimmer.
Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen
und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher selber
am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch. Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen Augen der