Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 7 von 27

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Hermann Lauscher

Kapitel III

 

Am nächsten Morgen hatten sich die Freunde Karl Hamelt, Erich Tänzer und

Ludwig Ugel im Herbergzimmer Hermann Lauschers versammelt, um seine

neuesten Gedichte anzuhören. Eine große Flasche Wein stand auf dem Tisch, aus

der sich jeder bediente. Der Dichter hatte mehrere anmutige Lieder vorgetragen

und zog nun das letzte kleine Blättlein aus der Brusttasche. Er las: „An die

Prinzessin Lilia . . .“

„Wie?“ rief Karl Hamelt und fuhr vom Kanapee empor. Etwas indigniert

wiederholte Lauscher den obigen Titel. Karl aber legte sich in tiefem

Nachdenken in die geblümten Polster zurück. Der Dichter las:

Ich weiß einen alten Reigen,

Ein helles Silberlied,

Das lautet fremd und eigen,

Wie wenn aus leisen Geigen

Ein Heimwehzauber lockend zieht . . .

Hamelt lenkte die Aufmerksamkeit der beiden andern ganz von der Fortsetzung

des Liedes ab. „Prinzessin Lilia . . . Silberlied . . . Der alte Reigen . . .“

wiederholte er immer wieder, schüttelte den Kopf, rieb sich die Stirn, stierte leer

in die Luft und heftete sodann den Blick glühend und heftig auf den Dichter.

Lauscher war mit dem Lesen zu Ende und begegnete aufschauend diesem

Blicke.

„Was ist?“ rief er verwundert. „Willst du den Blick der Klapperschlange an

mir armem Vogel versuchen?“

Hamelt erwachte wie aus einem tiefen Traum. „Woher hast du dieses Lied?“

fragte er tonlos den Dichter. Lauscher zuckte die Achseln. „Woher ich alle

habe,“ sagte er.

„Und die Prinzessin Lilia?“ fragte Hamelt wieder. „Und der alte Reigen?

Siehst du denn nicht, daß dieses Lied das einzige echte ist, das du gedichtet hast?

Alle deine andern Gedichte . . .“ Lauscher unterbrach ihn schnell.

„Schon gut; aber in der Tat,“ fuhr er fort, „in der Tat, liebe Freunde, ist dieses

Lied mir selber ein Rätsel. Ich saß und dachte nichts und glaubte nur, nach

meiner Gewohnheit, aus Langeweile Figuren und Zierbuchstaben auf das Blatt

zu kritzeln, und als ich aufhörte, stand das Lied auf dem Papier. Es ist eine ganz

andere Hand, als ich sonst schreibe, sehet nur!“

Damit gab er das Blatt dem zunächst sitzenden Erich in die Hände. Der hielt

es vors Auge, erstaunte höchlich, sah noch einmal schärfer hin und sank alsdann

mit dem lauten Ausruf: „Lulu!“ in den Stuhl zurück. Ugel und Hamelt stürzten

hinzu und schauten auf das Papier. „Alle Wetter!“ rief Ugel aus; Hamelt aber

hatte sich ins Kanapee zurückgelehnt und betrachtete das merkwürdige Blatt mit

allen Zeichen des maßlosesten Erstaunens. Höchste Freude und unheimliche

Befremdung wechselten auf seinem Gesicht.

„Nun sag mir, Lauscher,“ rief er endlich aus, „ist dies unsere Lulu oder ist es

die Prinzessin Lilia?“

„Unsinn!“ rief ärgerlich der Dichter. „Gib mir’s her!“

Aber während er das Papier an sich nahm und noch einmal überblickte,

machte plötzlich ein fremdes, kühles Schaudern seinen Herzschlag stocken. Die

unregelmäßigen flüchtigen Schriftzeichen flossen in unbeschreiblicher Weise zu

dem Umriß eines Kopfes zusammen, und beim längern Betrachten entwickelten

sich aus dem Umrisse feine Züge eines Mädchenangesichts, die niemand anders als die schöne fremde Lulu darstellten.

Erich saß wie versteinert im Sessel, Karl lag murmelnd auf dem Kanapee

neben dem kopfschüttelnden Ludwig Ugel. Der Dichter stand bleich und

verloren mitten im Zimmer. Da klopfte ihm eine Hand auf die Schulter, und als

er aufschreckend sich umwendete, stand der Philosoph Drehdichum da und

grüßte mit dem schäbigen steifen Hute.

„Drehdichum!“ rief der Dichter erstaunt. „Zum Hagel, sind Sie durch den

Plafond herabgefallen?“

„Wieso?“ entgegnete lächelnd der Alte.

„Wieso, lieber Herr Lauscher? Ich hatte zweimal angeklopft. Aber lassen Sie

sehen, Sie haben ja hier ein prachtvolles Manuskript!“ Er nahm das Lied oder

vielmehr das Bild sorgfältig aus Lauschers Händen. „Sie erlauben doch, daß ich

das Blatt betrachte? Seit wann sammeln Sie solche Raritäten?“

„Raritäten? Sammeln? Werden Sie denn aus dem Wische klug, Herr

Drehdichum?“ Der Alte betrachtete und betastete das Papier mit großem

Behagen.

„Ei freilich,“ erwiderte er schmunzelnd, „ein schönes Stück eines wenn schon

verdorbenen und späten Textes! Es ist askisch.“

„Askisch?“ rief Karl Hamelt.

„Nun ja, Herr Kandidat,“ sagte freundlich der Philosoph. „Aber gestehen Sie

doch, bester Herr Lauscher, wo Sie den seltenen Fund gemacht haben! Es

möchte weitere Nachforschungen lohnen.“

„Sie fabeln, Herr Drehdichum,“ lachte beklommen der Dichter. „Dieses Blatt

ist nagelneu, ich selbst habe es gestern nacht geschrieben.“

Der Philosoph maß Lauschern mit einem argwöhnischen Blick.

„Ich muß gestehen,“ antwortete er, „ich muß wirklich gestehen, mein lieber

junger Herr, daß diese Späße mich einigermaßen befremden.“

Lauscher wurde nun aber ernstlich ungehalten.

„Herr Drehdichum,“ rief er heftig, „ich muß Sie bitten, mich nicht mit einem

Hanswurste zu verwechseln und sich, falls Sie selbst, wie es scheint, diese

heitere Rolle agieren wollen, gefälligst einen andern Schauplatz als meine

Wohnung zu suchen.“

„Nun, nun,“ lächelte gutmütig Drehdichum, „vielleicht denken Sie der Sache

noch einmal nach! Indessen leben Sie allerseits wohl, meine Herren!“ Damit

rückte er den grünlich schillernden Hut auf dem weißen Kopfe zurecht und

verließ lautlos das Zimmer.

Unten fand Drehdichum die schöne Lulu allein im leeren Wirtszimmer stehen

und Weingläser mit einem Tuch ausreiben. Er schenkte sich seinen Becher selber

am Fasse voll und setzte sich dem Mädchen gegenüber an den Tisch. Ohne etwas zu reden, blickte er zuweilen freundlich aus seinen alten hellen Augen der