Hermann Lauscher
Kapitel VIII
seliger Augenblick um den andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch
bezwang er sich in hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten
Stunden ihr herrliches Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken
zu unvergeßlichem Heimweh.
Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch
drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit seiner
heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen, feierlich
komischen Ton: „Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die Darbietung
meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte Euch, als
Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren, befehlet mir . . .“
„Gut, mein Ritter,“ unterbrach Lulu ihn lächelnd. „Ich fordere einen Dienst
von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter und
Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen helfe.
Wollet Ihr das?“
Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit komischer
Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer Feierlichkeit: „Ich
gelobe es, edle Dame!“
Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne
Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere
ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu
halten. „Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,“ rief er wiederholt,
wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu
Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den Abend
in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo etwas
Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher,
Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein
starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit
Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half ihr,
ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.
VIII.
Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr
Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als alle
beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die schöne
Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren alle Wände
mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger Laternen war
an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen überstreut. Der Dichter
überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen, steckte ihr eine halbgeöffnete
Teerose ins Haar und führte sie an den Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und
lärmend; ein im Chor gesungenes Lied eröffnete den Abend. Nun sprangen die
Stöpsel von den Flaschen, überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten
Gläser, wozu Erich Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste
sich ab, mit Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum
empfangen, Ugel und Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann
sang die schöne Lulu ein Lied, das hieß:
Ein König lag in Banden
Und tief in Dunkelheit —
Nun ist er auferstanden
Und heißet Ohneleid.
Nun glänzen bunte Lichter
Und Lieder blank ins Land,
Nun tragen alle Dichter
Ihr farbigstes Festgewand.
Nun blühen Lilien und Rosen
So weiß und rot wie nie,
Nun singt die Harfe Silberlied
Ihre seligste Melodie.
Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden
Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen
zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,
Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der
graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an
Mitternacht, und begann zu reden:
„Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs
Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,
doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich
zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr Philosophen,
so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte von der
Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des poetischen
Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen, welche
Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser, euch den zu
lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen zu führen.
Schauet her, ein askisches Stück!“
Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen
gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser
Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe von
zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke Quelle
umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so wunderbar,
daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß man die Quelle
sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles Rauschen stark
vernahm.
Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß
schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten entzückt
und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter achtete es
nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf ihrem feinen Gesicht,
matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in ihrem prachtvollen dunkeln
Haar die weiße Rose.
Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem
seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung
hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von
Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell rollte
der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in tiefer
Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie er den
Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne, Haar und
Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von einem
immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle und
Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und rauschend zu
erblicken waren.
Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten
Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit das
Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der König
Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht immer
mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich bückenden
Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der Schaubühne. Der
Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und schauerte in
fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern hin.
Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein großer,
königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des Vordergrundes zur Seite,
eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne herab. Im dunkeln Zimmer
erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu, schritt über die hinter ihr wieder
zurückweichende Treppe hinan und stellte sich in unsäglicher Schönheit als
Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe;
Tränen flossen aus seinen klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer
gelösten Rose aus seinem Bart zur Erde.
Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie streckte
die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die Harfe an ihre
Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten. Ein Lied von
unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten sich alle hohen
Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die tönenden Zaubersaiten
— da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang nieder. Einen Augenblick war
er noch ganz von inwendigem Glanze durchleuchtet, in heftiger Bewegung
tanzten die gestickten Lilien durcheinander, immer schneller und rasender, bis
nur noch ein einziger silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis versank.
Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.
Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch
Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit
abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten und
schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an die
verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern hin.
Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der
Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;
doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen
und hatte von innen geriegelt.
Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch
keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er über
den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung machen. Denn
er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß aufgeschrieben.