Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 12 von 27

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Hermann Lauscher

Kapitel VIII

seliger Augenblick um den andern eilig und unwiederbringlich zerrann. Dennoch

bezwang er sich in hartem Kampf und begehrte nur noch in diesen letzten

Stunden ihr herrliches Bild sich glühend und schmerzlich in die Seele zu senken

zu unvergeßlichem Heimweh.

Schließlich, da die drei noch allein im Zimmer saßen und Ugel zum Aufbruch

drängte, erhob sich Lauscher, trat vor Lulu hin und faßte ihre Hand mit seiner

heißen, zitternden Rechten und sagte leise in einem gezwungenen, feierlich

komischen Ton: „Meine schöne Prinzessin, wollet geruhen die Darbietung

meiner Dienste in Hulden anzunehmen! Betrachtet mich, ich bitte Euch, als

Euern Ritter oder als Euern Sklaven, Euern Hund oder Narren, befehlet mir . . .“

„Gut, mein Ritter,“ unterbrach Lulu ihn lächelnd. „Ich fordere einen Dienst

von Euch. Es fehlt mir auf den Abend ein recht herzensfroher Gesellschafter und

Spaßmacher, der mir ein gewisses Fest unterhaltsam und lustig machen helfe.

Wollet Ihr das?“

Lauscher wurde sehr bleich. Dann lachte er heftig auf, ließ sich mit komischer

Verrenkung ins Knie nieder und sprach mit theatralischer Feierlichkeit: „Ich

gelobe es, edle Dame!“

Nun eilte er mit Ludwig Ugel hinweg. Sie suchten vor allem die schöne

Kunst- und Handelsgärtnerei beim Friedhofe auf und wüteten mit der Schere

ohne Schonung in des Gärtners Rosenzucht. Besonders Lauscher war nicht zu

halten. „Ich muß einen großen Korb voll Weiße haben,“ rief er wiederholt,

wandte alle Zweige um und hieb die Lieblingsrosen der schönen Lulu zu

Dutzenden ab. Dann bezahlte er den Gärtner, hieß ihn die Rosen auf den Abend

in die Krone bringen und bummelte mit Ugel weiter durch die Stadt. Wo etwas

Buntes in den Schaufenstern hing, da brachen sie ein; Fächer, Tücher,

Seidenbänder, Papierlaternen wurden zusammengekauft, am Ende auch noch ein

starker Posten Kleinfeuerwerk, so daß in der Krone die schöne Lulu mit

Inempfangnehmen und Unterbringen alle Hände voll zu tun hatte. Dabei half ihr,

ohne daß jemand darum wußte, der gute Drehdichum bis zum Abend.

 

VIII.

 

Lulu war schön und fröhlich wie noch nie. Lauscher und Ugel hatten ihr

Abendessen beendet; die Freunde kamen nacheinander im Gasthause an. Als alle

beisammen waren, begab man sich unter dem Vortritt Lauschers, der die schöne

Lulu zierlich am Arme führte, in die große Hinterstube. Hier waren alle Wände

mit Tüchern, Bändern und Girlanden behängt, eine Menge farbiger Laternen war

an der Decke in Figuren gereiht und angezündet, der große Tisch weiß gedeckt, mit Champagnerkelchen besetzt und mit frischen Rosen überstreut. Der Dichter

überreichte seiner Dame die Lilie des Philosophen, steckte ihr eine halbgeöffnete

Teerose ins Haar und führte sie an den Ehrenplatz. Alle setzten sich froh und

lärmend; ein im Chor gesungenes Lied eröffnete den Abend. Nun sprangen die

Stöpsel von den Flaschen, überschäumend floß der helle, edle Wein in die zarten

Gläser, wozu Erich Tänzer die Champagnerrede hielt. Witz und Gelächter löste

sich ab, mit Tosen wurde der nachträglich angekommene Drehdichum

empfangen, Ugel und Lauscher trugen jeder ein paar lachende Verse vor. Dann

sang die schöne Lulu ein Lied, das hieß:

Ein König lag in Banden

Und tief in Dunkelheit —

Nun ist er auferstanden

Und heißet Ohneleid.

Nun glänzen bunte Lichter

Und Lieder blank ins Land,

Nun tragen alle Dichter

Ihr farbigstes Festgewand.

Nun blühen Lilien und Rosen

So weiß und rot wie nie,

Nun singt die Harfe Silberlied

Ihre seligste Melodie.

Als das Lied zu Ende war, griff Lauscher tief in den vor ihm stehenden

Rosenkorb und warf applaudierend der Sängerin ganze Hände voll weißer Rosen

zu. Der fröhliche Krieg wurde allgemein, Rosen flogen von Sitz zu Sitz,

Dutzende, hundert, weiße, rote; dem alten Drehdichum hing das Haar und der

graue Bart ganz voll davon. Dieser erhob sich nun, es war schon nahe an

Mitternacht, und begann zu reden:

„Liebe Freunde und schöne Lulu! Wir sehen alle, daß das Reich des Königs

Ohneleid von neuem beginnt. Auch ich muß heute von euch Abschied nehmen,

doch nicht ohne Hoffnung auf Wiedersehen; denn mein König, zu dem ich

zurückkehre, ist ein Freund der Jugend und der Dichter. Wäret ihr Philosophen,

so würde ich euch eine schöne allegorisch-mystische Geschichte von der

Wiedergeburt des Schönen und speziell von der Erlösung des poetischen

Prinzips durch die ironische Metamorphose des Mythus erzählen, welche

Geschichte heute ihr seliges Ende erfährt. So aber tue ich besser, euch den zu

lösenden Rest dieser Geschichte in angenehmen Bildern vor Augen zu führen.

Schauet her, ein askisches Stück!“

Alle blickten seinem ausgestreckten Zeigefinger nach auf einen großen

gestickten Vorhang, mit dem eine Ecke des Zimmers verhangen war. Dieser

Vorhang wurde plötzlich sanft von innen erleuchtet und zeigte ein Gewebe von

zahllosen silbernen Lilien, die eine schön in Marmor gefaßte starke Quelle

umrahmten. Die Kunst des Gewebes und der Beleuchtung war so wunderbar,

daß man die Lilien wachsen, sich neigen und verschlingen, daß man die Quelle

sprudeln und sich ergießen sah, ja, daß man ihr edles kühles Rauschen stark

vernahm.

Aller Augen hingen an dem prachtvollen Vorhang, und keiner bemerkte, daß

schnell nacheinander im Zimmer alle Laternen erloschen. Sie folgten entzückt

und erregt dem Zauberspiel der künstlichen Lilien; nur der Dichter achtete es

nicht, sondern heftete durch das Dunkel den Blick glühend und anbetend auf die schöne Lulu. Ein heilig schönes, zartes Leuchten lag auf ihrem feinen Gesicht,

matthell und gleichsam vergeistigt schimmerte in ihrem prachtvollen dunkeln

Haar die weiße Rose.

Die Lilien bewegten sich unbeschreiblich schlank und harmonisch in einem

seltsamen Blumenreigen um die Quelle. Ihre Bewegung und feine Verschlingung

hüllte den Sinn der atemlos Zuschauenden in ein süßes, träumendes Netz von

Wunder und Wohlgefallen. Da schlug eine Uhr Mitternacht. Blitzschnell rollte

der glänzende Vorhang in die Höhe: eine weite Bühne tat sich in tiefer

Dämmerung auf. Der Philosoph erhob sich; man hörte im Dunkeln, wie er den

Sessel rückte. Er verschwand und erschien allsogleich auf der Bühne, Haar und

Bart noch voll von Rosen. Allmählich war der Raum der Bühne von einem

immer mehr zunehmenden Licht erfüllt, bis klar und glänzend Quelle und

Liliengarten des Vorhangs nun in edler Wirklichkeit blühend und rauschend zu

erblicken waren.

Damitten stand der Geist Haderbart, als Drehdichum trotz der erhöhten

Gestalt erkennbar. Im Hintergrunde stieg berückend in perlblauer Schönheit das

Opalschloß empor, in dessen Saale durch die weiten Fensterbögen der König

Ohneleid in mächtiger Ruhe thronend zu sehen war. Während das Licht immer

mehr zu strahlendem Glanze wuchs, trug Haderbart durch die sich bückenden

Lilien eine riesige, fabelhafte Harfe aus Silber in die Mitte der Schaubühne. Der

Glanz des Lichtes war nun blendend herrlich geworden und schauerte in

fiebernden Wellen silbern und irisfarbig über die Opalmauern hin.

Lauschend schlug der Geist eine einzelne tiefe Saite der Harfe an. Ein großer,

königlicher Ton erquoll. Langsam traten die Lilien des Vordergrundes zur Seite,

eine festliche Treppe senkte sich von der Bühne herab. Im dunkeln Zimmer

erhob sich hoch und schlank die schöne Lulu, schritt über die hinter ihr wieder

zurückweichende Treppe hinan und stellte sich in unsäglicher Schönheit als

Prinzessin dar. Mit tiefer Verbeugung überließ ihr der Geist Haderbart die Harfe;

Tränen flossen aus seinen klaren alten Augen und fielen zusammen mit einer

gelösten Rose aus seinem Bart zur Erde.

Die Prinzessin stand hoch und glänzend vor der Harfe Silberlied. Sie streckte

die Rechte in höchster Bewegung nach dem Schlosse aus, zog die Harfe an ihre

Schulter her und lief mit schlanken Fingern über alle Saiten. Ein Lied von

unerhörter Seligkeit und Harmonie hob an, huldigend scharten sich alle hohen

Lilien um ihre Herrin. Noch ein voller, reiner Griff in die tönenden Zaubersaiten

— da rauschte mit kurzem Aufschlag der Vorhang nieder. Einen Augenblick war

er noch ganz von inwendigem Glanze durchleuchtet, in heftiger Bewegung

tanzten die gestickten Lilien durcheinander, immer schneller und rasender, bis

nur noch ein einziger silberner Wirbel zu sehen war, der plötzlich lautlos in völlige Finsternis versank.

Betäubt und sprachlos standen und saßen die Freunde im finstern Zimmer.

Bald sodann fingen sie an sich zu besinnen. Licht wurde gemacht. Durch

Unvorsichtigkeit kam das ganz vergessene Feuerwerk in Brand und knallte mit

abscheulichem Lärmen durcheinander. Wirt und Wirtin liefen herzu, klagten und

schalten. Ein Nachtwächter pochte von der Straße aus mit dem Spieß an die

verschlossenen Fensterläden. Man schrie und fragte, jeder an den andern hin.

Aber niemand fand mehr eine Spur von Lulu und dem Philosophen. Der

Referendar Ripplein begann ärgerlich zu werden und von Gaunerei zu reden;

doch hörte niemand auf ihn. Hermann Lauscher war in sein Zimmer entwichen

und hatte von innen geriegelt.

Als er andern Tages in aller Frühe verreiste, war von der schönen Lulu noch

keine Spur gefunden. Da Lauscher sich sogleich ins Ausland begab, kann er über

den ferneren Verlauf der Dinge in Kirchheim keinerlei Mitteilung machen. Denn

er selber hat die vorstehende Geschichte der Wahrheit gemäß aufgeschrieben.