Hermann Lauscher
Meine Kindheit. (Geschrieben 1896.)
Meine Kindheit.
(Geschrieben 1896.)
Zu allen Zeiten meines späteren Lebens ist meine Kindheit oft in vielfachen Bildern zu mir getreten, lockig, fremd und unerlöst wie ein blasses Märchenkind.
Am meisten suchte mich diese Erinnerung in schlaflosen Nächten heim, mit
einem Blumenduft oder einer Liedweise beginnend, bis zu Trauer, Ungemach
und Todesbitterkeit, oder zu einer zärtlichen Sehnsucht nach Streichelhänden
und einer milden Neigung zu Gebet und Tränen.
Wenn jetzt noch die Kindheit zuweilen an mein Herz rührt, so ist es als ein
goldgerahmtes, tieftöniges Bild, an welchem vornehmlich eine Fülle laubiger
Kastanien und Erlen, ein unbeschreiblich köstliches Vormittagssonnenlicht und
ein Hintergrund herrlicher Berge mir deutlich wird. Alle Stunden meines Lebens,
in welchen ein kurzes, weltvergessenes Ruhen mir vergönnt war, alle einsamen
Wanderungen, die ich über schöne Gebirge gemacht habe, alle Augenblicke, in
welchen ein unvermutetes kleines Glück oder eine begierdelose Liebe mir das
Gestern und Morgen entrückte, weiß ich nicht köstlicher zu benennen, als wenn
ich sie mit diesem grünen Bilde meines frühesten Lebens vergleiche. So ist es
mir auch mit allem, was ich als Erholung und höchsten Genuß mein Leben lang
liebte und wünschte, alles Schreiten durch fremde Dörfer, alles Sternezählen,
alles Liegen im grünen Schatten, alles Reden mit Bäumen, Wolken und Kindern.
* *
*
Der früheste Tag meines Lebens, an den ich mich mit einiger Deutlichkeit
erinnern kann, mag etwa in den letzten Teil meines dritten Jahres fallen. Meine
Eltern hatten mich auf einen Berg mitgenommen, der durch eine weitläufige
Ruine von beträchtlicher Höhe täglich viele Städter anlockte. Ein junger Onkel
hob mich über die Brüstung einer hohen Mauer und ließ mich in die ansehnliche
Tiefe hinuntersehen. Davon ergriff mich die Angst des Schwindels, ich war
aufgeregt und zitterte am ganzen Leibe, bis ich zu Hause wieder in meinem
Bette lag. Von da an trat in schweren Angstträumen, denen ich damals oft zur
Beute fiel, häufig diese Tiefe herzbeklemmend vor meine Seele, daß ich im
Traum stöhnte und weinend erwachte. Was für ein reiches und geheimnisvolles
Leben muß vor jenem Tage liegen, von dem mir keine einzige Stunde bewußt
ist! So sehr ich mich plagte, vermochte mein Gedächtnis niemals weiter als bis
zu jenem Tage vorzudringen. Wenn ich mich aber streng auf meine früheste Zeit
und ihre Stimmungen besinne, habe ich den Eindruck, es müsse nächst dem Sinn
für Wohlwollen kein Gefühl so früh und stark in mir wach gewesen sein, wie das
der Schamhaftigkeit. Ich fand bei Kindern von fünf und mehr Jahren manchmal
Äußerungen der Schamfreiheit, von denen ich weiß, daß ich ihrer in meinem dritten oder vierten Jahre unfähig gewesen wäre.
Eine genauere Erinnerung an Erlebnisse und an fortdauernde Zustände kann
ich nicht weiter als bis in mein fünftes Jahr zurück verfolgen. Hier finde ich
zuerst ein Bild meiner Umgebung, meiner Eltern und unseres Hauses, sowie der
Stadt und der Landschaft, in welcher ich aufwuchs. In dieser Zeit hat sich die
freie, sonnige Straße mit nur einer Häuserreihe vor der Stadt mir eingeprägt, in
der wir wohnten, ferner die auffallenderen Gebäude der Stadt, das Rathaus, das
Münster und die Rheinbrücken, und am meisten ein weites Wiesenland, hinter
unserem Hause beginnend und für meine Kinderschritte ohne Grenzen. Alle
tiefen Gemütserlebnisse, alle Menschen, selbst die Porträts meiner Eltern,
scheinen mir nicht so früh deutlich geworden, wie diese Wiese mit unzähligen
Einzelheiten. Meine Erinnerung an sie scheint mir älter zu sein als diejenige an
Menschengesichter und erlittene eigene Schicksale. Mit meiner Schamhaftigkeit,
welche schon früh von einem Widerwillen gegen eigenmächtige Berührung
meines Leibes durch fremde Hände des Arztes oder der Dienstboten begleitet
war, hängt vielleicht meine frühzeitige Lust am Alleinsein im Freien zusammen.
Die vielen stundenlangen Spaziergänge jener Zeit hatten immer die
unbetretensten grünen Wildnisse jener großen Wiese zum Ziel. Diese Zeiten der
Einsamkeit im Grase sind es auch, die beim Erinnern mich besonders stark mit
dem wehen Glücksgefühl erfüllen, das unsere Gänge auf Kindheitswegen meist
begleitet. Auch jetzt steigt mir der Grasduft jener Ebene in feinen Wolken zu
Haupt, mit der sonderbaren Überzeugung, daß keine andere Zeit und keine
andere Wiese solche wunderbaren Zittergräser und Schmetterlinge
hervorbringen kann, so satte Wasserpflanzen, so goldene Butterblumen und so
reichfarbene köstliche Lichtnelken, Schlüsselblumen, Glockenblumen und
Skabiosen. Ich fand nie wieder so herrlich schlanken Wegerich, so
gelbbrennenden Mauerpfeffer, so verlockend schillernde Eidechsen und
Schmetterlinge, und mein Verstand beharrt nur müde und mit geringem Eifer auf
der Erkenntnis, daß nicht die Blumen und Eidechsen sich seither so zum Üblen
verwandelt haben, sondern nur mein Gemüt und mein Auge.
Beim Darandenken ist mir zu Mut, als wäre alles Kostbare, was ich später mit
Augen sah und mit Händen besaß, und selber meine Kunst, gering gegen die
Herrlichkeiten jener Wiese. Da waren helle Morgen, an denen ich ins Gras
gestreckt, den Kopf auf den Händen, über das von Sonne flimmernde,
gekräuselte Meer der Gräser hinwegschaute, in welchem rote Inseln von Mohn,
blaue von Glockenblumen und lilafarbene von Schaumkraut lagen. Darüber
flatterten und reizten mich die blitzgelben Zitronenfalter, die zarten Bläulinge,
die in einem kostbaren, gleichsam antiquarisch seltenen Schimmer
aufleuchtenden Schiller- und Distelfalter, die schweren Flügel der Trauermäntel, das Edelwild der Segler und Schwalbenschwänze, der schwarzrote Admiral, der
seltene, mit Ehrfurcht genannte Apollo. Dieser, den ich aus Beschreibungen
meiner Kameraden schon kannte, flog mich eines Tages an, setzte sich in meiner
Nähe an die Erde und regte langsam die wunderbaren, alabasternen Flügel, daß
ich ihre feine Zeichnung und Rundung sehen konnte, und die blanken
Diamantlinien, und auf den Flügelpaaren beide hellblutrote Augen. Weniges aus
dieser fernen Zeit hat sich so stark und frisch in meinem Gedächtnis erhalten,
wie die atemlose, herzklopfende Wonne, welche mich bei diesem Anblick
durchdrang. Aber nach der unberechenbaren und grausamen Art der Kinder
beschlich ich bald das edle Tier und warf meinen Hut nach ihm. Er schaute um
sich, stieg mit elegantem Schwunge auf und war allsogleich in der flirrend
goldigen Sonnenluft verschwunden. Irgend eine Art von wissenschaftlichem
Interesse war in meinen Jagden und Sammlungen niemals. Die Raupen und die
Namen der Schmetterlinge, dortlands Sommervöglein, „Summervögli“ genannt,
waren mir nicht wichtig, und für viele erfand ich eigene Namen. Eine Art von
rötlichen Fliegen nannte ich „Zitterlinge“, eine Gattung brauner „Schnabler“,
und für den gesamten Pöbel der Weißlinge, Waldteufel und anderer wenig
schöner und rarer Schmetterlinge hatte ich den verächtlichen Sammelnamen
Tolpatsch. Für die gesammelte tote Beute hatte ich wenig Sorgfalt und habe es
nie zu einer sauberen Sammlung gebracht.
Von musikalischen Eindrücken vermag ich in diesen Wiesensommern nichts
zu finden, es sei denn meine außerordentliche Empfindlichkeit und Furcht vor
den Pfiffen der fern vorüberfahrenden Eisenbahn.
Dennoch muß schon damals die Musik mir nahe getreten sein, denn auch die
frühesten, undeutlichsten Dämmerbilder des Münsters, welche in mir sich
unscharf spiegelten, scheinen mir unzertrennlich vom Schall der Orgel.
Dieses Münster und die Stadt überhaupt lernte ich später und langsamer
kennen als die grüne Natur. Denn während ich mich in dieser halbe Tage lang
nach Lust allein umtreiben konnte, war mir von den Eltern nicht erlaubt, allein in
die Stadt zu gehen, wovon mich auch die Furcht vor dem ungewohnten Gedräng
der Menschen und Wagen abschreckte.
Obwohl die grünen Monate meiner Wiesenzeit mir wie ein schöner,
gleichmäßig heller, ununterbrochener Traum im Bewußtsein liegen, steigen doch
einzelne Tage von besonderem Glanz mit weichen Umrissen daraus auf. Ich
gäbe Schätze dafür, von solchen Tagen mich mehrerer erinnern zu können. So
oft ich in Gedanken den Weg meines Lebens zurückgehe, so oft überfällt mich
eine milde Trauer um die tausend vergessenen Tage. Es lebt niemand mehr, mir
von mir selber zu erzählen, und der größere Teil meiner Kinderjahre liegt
unerschlossen in unbegreiflicher, goldener Glückseligkeit wie ein Wunder vor meiner Sehnsucht. Es gehört zu den Unvollkommenheiten und Entbehrungen des
menschlichen Lebens, daß unsere Kindheit uns fremd werden muß und in
Vergessenheit fällt wie ein Schatz, der spielenden Händen entgleitet und über
den Rand eines tiefen Brunnens fällt. Bis in die Knabenzeit kann ich den Faden
meines Lebens zurückfinden, weiter zurück aber ragen zerstreut in Duft und
Dämmerung nur wenige klare Tage, ihn daran zu knüpfen. Von dem Gedächtnis
dieser Tage aus blicke ich oft wie von einem Turm rückwärts in meine ersten
Jahre und kann nichts als ein bewegtes Meer von Rätseln und Anfängen sehen,
ohne Formen, aber mit einem heiligen Ferneduft, einem Schleier, der über
Wunder und Kostbarkeiten gelegt ist.
Unter jenen vereinzelten Silberblicken ist mir ein Spaziergang besonders
teuer, da er das früheste Bild meines Vaters enthält. Der saß mit mir auf der von
der Sonne durchwärmten Mauerbrüstung des Bergkirchleins Sankt Margarethen,
zum erstenmal mir von der Höhe aus die dortige Rheinebene zeigend. Der erste
Eindruck dieser anmutig hellgrünen Landschaft vermischt sich in meiner
Erinnerung mit dem klaren Bilde, das ich später durch den häufig wiederholten
Anblick gewann. Aber dies älteste Bild von meinem Vater unterscheidet sich von
allen späteren. Sein schwarzer Bart berührte meine blonde Stirn und sein großes,
helles Auge ruhte freundlich auf mir. Ich glaube wieder sein Gesicht so von der
Seite her zu sehen, wenn ich an jene Rast auf der Mauer denke, mit dem
schwarzen Bart und Haar, mit der starken, edlen Nase und dem festen, roten
Mund, mit den dunklen Locken im Nacken, dabei das große Auge nach mir
gesenkt, der ganze Kopf fest und würdig auf dem blauen Hintergrunde des
Sommerhimmels ruhend.
Demselben Sommer mag ein anderes Bild angehören, das ohne
Zusammenhang, aber erstaunlich klar und treu mir eingeprägt ist. Ich sehe die
ganze hohe, magere Gestalt meines Vaters aufrecht mit zurückgelegtem Haupt
einer untergehenden Sonne entgegengehen, den Filzhut in der Linken tragend.
An ihn ist meine Mutter sanft im langsamen Gehen gelehnt, kleiner und
kräftiger, mit einem weißen Tuch auf den Schultern. Zwischen den kaum noch
getrennten, dunklen Häuptern glüht die blutrote Sonne. Die Umrisse der
Gestalten sind fest und goldleuchtend gezogen; zu beiden Seiten steht ein
reiches, reifes Kornfeld. An welchem Tag ich so hinter meinen Eltern
herwandelte, weiß ich nicht, der Anblick aber ist mir frisch und unverlöschlich
geblieben. Ich weiß kein lebendiges oder gemaltes Bild, das mir in Linien und
Farben prächtiger erscheint und das mir teurer ist, als diese edlen Gestalten auf
dem Fußpfad zwischen den Ähren, der roten Glut entgegen wandelnd,
schweigsam, vom jenseitigen Glanz übergossen. In ungezählten Träumen und
wachen Nächten hing mein Auge an diesem liebsten Kleinod meiner Erinnerung, dem Vermächtnis einer meiner goldensten Stunden. So ist mir nie wieder eine
Sonne untergegangen hinter Ährenmeeren, so rot, prächtig, friedsam, so voll
Glut und Genüge. Und käme sie mir wieder, es wäre doch nur ein Abend wie
viele sind, und ich würde die vermissen, in deren Schatten ich damals ging,
müßte mich abwenden und trauern.
Die Erinnerung an Vater und Mutter beginnt von hier an klar zu werden.
Neben meiner Wieseneinsamkeit ging unabhängig ein freundliches, häusliches
Leben her. Von diesem ist mein Bewußtsein, der vielerlei Menschen und
Anregungen wegen, nicht so einheitlich und deutlich, wie von dem Leben im
Grase. Wie früh die Neigung meines Vaters zum Genuß der bildenden und der
Dichtkunst, und die meiner Mutter zur Musik auf mich einwirkten, ist mir
unmöglich zu erkennen, denn einzelne Eindrücke dieser Art sind mir erst aus
etwas späterer Zeit erinnerlich und müssen notwendig schon viel früher
dagewesen sein.
Ich wage nicht, von meinen Kinderspielen viel zu reden. Es gibt nichts
Wunderbareres und Unbegreiflicheres und nichts, was uns fremder wird und
gründlicher verloren geht, als die Seele des spielenden Kindes. Bei dem
leidlichen Wohlstand und der überaus freigebigen Güte meiner Eltern fehlte es
mir an reichlichem Spielzeuge nicht. Ich besaß Soldaten, Bilderbücher,
Legsteine, Schaukelpferd, Pfeife, Peitsche und Wagen, später auch Kaufladen,
Wage, Spielgeld und Vorräte, und zum Theaterspielen standen die Kasten der
Mutter zur Verfügung. Dennoch hängte sich meine Phantasie gerne an weniger
kommode Gegenstände und schuf Pferde aus Schemeln, Häuser aus Tischen,
Vögel aus Tuchlappen und ungeheuerliche Höhlen aus Wand, Ofenschirm und
Bettdecke.
Daneben war in den Erzählungen meiner Mutter ein Überfluß von Welten und
Brücken für meine Träumerei. Ich habe Leser und Erzähler und Plauderer von
Weltruhm gehört und fand sie steif und geschmacklos, sobald ich sie mit den
Erzählungen meiner Mutter verglich. O ihr wunderbar lichten, goldgründigen
Jesusgeschichten, du Betlehem, du Knabe im Tempel, du Gang nach Emmaus!
Die ganze überschwänglich reiche Welt des Kindeslebens hat kein süßeres und
heiligeres Bild als das der erzählenden Mutter, an deren Knie sich ein Blondkopf
mit tiefen Staunaugen schmiegt. Woher haben die Mütter diese gewaltige und
heitere Kunst, diese Bildnerseele, diesen unermüdlichen Zauberborn der Lippen?
Ich sehe dich noch, meine Mutter, mit dem schönen Haupt zu mir geneigt,
schlank, schmiegsam und geduldig, mit den unvergleichlichen Braunaugen!
Nächst dem unerreichbaren Klang und Sinn der Bibelgeschichten sog ich tief
aus dem Quell der Märchen. Rotkäppchen, der treue Johannes und
Schneewittchen bei den sieben Zwergen über den sieben Bergen nahmen mich in ihren geschwätzigen Kreis. Mein begieriger Sinn erschuf bald aus freier Kraft
Gebirge mit mondglänzenden Elfentanzwiesen, Paläste mit seidenen
Königinnen, fabelhaft tiefe und greuliche Berghöhlen, von Geistern, Eremiten,
Köhlern und Räubern abwechselnd unheimlich bevölkert. Ein schmaler Raum
im Schlafzimmer, zwischen zwei Bettstellen, war vorzüglich der ständige
Wohnort schlitzäugiger Kobolde, rußiger Bergmänner, geköpfter Umgänger,
traumwandelnder Totschläger und grünschielender Raubtiere, so daß ich eine
Zeitlang nur in Begleitung Erwachsener und noch lange später nur mit äußerster
Aufbietung alles Knabenstolzes daran vorübergehen konnte. Einmal befahl mir
mein Vater, von dort seine Pantoffeln zu holen. Ich ging in das Schlafzimmer,
wagte mich aber nicht an den Ort des Entsetzens und kehrte kleinlaut zurück,
vorgebend, ich hätte die Schuhe nicht gefunden. Mein Vater, der etwas
Phantastisches ahnte und ein strenger Feind auch der Notlüge war, schickte mich
nochmals hin. Ich betrat wieder das Schlafzimmer, aber meine Angst war nur
größer geworden, so daß ich unverrichteter Dinge wiederkehrte, mit derselben
Entschuldigung. Der Vater, der mich durch den Türspalt beobachtet hatte, sagte
sehr ernst: „Du lügst. Sie müssen dort stehen.“ Gleichzeitig ging er selber sie zu
holen. Meine Beklemmung aber war so gesteigert, daß ich selbst den
allmächtigen Vater vor meinen Unholden nicht sicher glaubte und mich heulend
an ihn hängte, wobei ich ihn unter heißen Tränen beschwor, sich dem Winkel
nicht zu nähern. Er ging aber doch, zwang mich mit, bückte sich und kehrte
wohlbehalten aus der greulichen Höhle zurück, was ich lange Zeit, unter
Dankgebeten, allein seinem unerhörten Mut und einem ganz besonderen Schutz
des lieben Gottes zuschrieb.
Ein anderes Mal wuchs mein Angstgefühl vollends ins Krankhafte. Die
Begebenheit hat sich mir scharf und genau mit allen peinlichen Zügen
eingegraben und hängt wie ein Medusenhaupt schauerlich schön, aber
vorwiegend schauerlich, über jener ganzen Zeit der Kinderromantik.
Bei Dunkelwerden kehrten wir, schon ein wenig gruselig gestimmt, einst aus
der Stadt zurück, zwei etwa vierzehnjährige Töchter eines Nachbars, ihr
Brüderlein und ich. Die hohen Häuser und Türme legten zackige Schatten auf
die Straße, Laternen wurden schon angezündet. Dazu kam im Vorübergehen ein
Blick in eine Schmiede, wo rußige, halbnackte Männer an der aus dem Dunkeln
aufsprühenden Esse mit großen Zangen wie Folterknechte standen, und das mir
vorher unbekannte trunkene Gejohle einiger Wirtshausbrüder, das mir
raubtierartig und verbrecherisch vorkam. Nun, schon fast im Finstern, erzählte
eines der Mädchen, selber gruselnd, mir die Geschichte von der Glocke Barbara.
Diese hing in der Kirche Barbara und war aus Zauberei und Verbrechen
hervorgegangen. Sie rief immerfort den Namen einer ruchlos erschlagenen Barbara mit blutiger Stimme aus und wurde deshalb von den Mördern gestohlen
und vergraben. Da, als es Zeit zum Nachtläuten wird, beginnt die Glocke aus der
Erde laut und jämmerlich zu tönen:
Barbara bin ich genannt,
In der Barbara bin ich gehangt,
Barbara ist mein Vaterland.
Diese halbgeflüsterte Geschichte regte mich schrecklich auf. Mein Grausen
wurde dadurch gesteigert, daß ich es in mir zu verbergen bemüht war, denn der
kleine Mitgänger hatte nichts verstanden und steuerte sorglos in den Abend
hinein, und vor den ältern Begleiterinnen, obwohl sie selber Angst hatten und
nur flüsternd noch redeten, schämte ich mich. So stieg mein Schaudergefühl mit
jedem Wort der Erzählung, bis mir die Zähne klapperten. Als aber nach eben
beendeter Geschichte auf Sankt Peter die Abendglocke zitternd anschlug, ließ
ich in rasender Angst die Hand des kleinen Jungen fahren und rannte, von der
ganzen Hölle gehetzt, in die Nacht hinein, stolperte, stürzte, und wurde
keuchend und zitternd heimgebracht. Die ganze Nacht zitterte ich in
schmerzhaften Angstschauern und eine Zeitlang ging mir, so oft ich das Wort
Barbara hörte, etwas Eiskaltes durch das innerste Mark. Von da an glaubte ich
noch lebhafter an Kobolde, Vampyre und böse Geister, denn sie waren mir mit
allen unerhörten Schrecken selber im Nacken gesessen.
Etwa um diese Zeit machte mein eben erwachender Verstand seine ersten
Ansprüche und quälte mich so sehr, daß ich häufig tobende Anfälle von
machtloser Wut und Ungeduld gezeigt habe. Hier ist auch ein Stück Kindheit,
das, wie mir scheint, den meisten Menschen allzu gründlich verloren geht, der
Drang nach Wahrheit, das Verlangen nach Übersicht der Dinge und ihrer
Ursachen, die Sehnsucht nach Harmonie und sicherem geistigem Besitz. Ich litt
unter zahllosen Fragen ohne Antwort, und fand allmählich heraus, daß den
befragten Erwachsenen meine Fragen oft unwichtig und meine Nöte
unverständlich waren. Eine Antwort, die ich als Ausflucht oder gar als Spott
erkannte, schüchterte gar oft meine Seele wieder in ihr allmählich wankendes
Gebäu von Mythen zurück.
Wie viel ernster, reiner und ehrfürchtiger würde das Leben vieler Menschen
werden, wenn sie etwas von diesem Suchen und Nach-Namen-Fragen auch über
die Jugend hinaus in sich bewahrten! Was ist der Regenbogen? Warum winselt
der Wind? Woher kommt das Verwelken der Wiesen, woher das Wiederblühen,
woher Regen und Schnee? Warum sind wir reich und der Nachbar Spengler
arm? Wohin geht am Abend die Sonne?
Auf diese Fragen ging mein Vater, wenn die Weisheit oder Geduld der Mutter
zu Ende war, oft mit unvergleichlicher Liebe und Feinheit ein. Als die ständige Begründung „das hat der liebe Gott eben so gemacht“ nicht mehr zureichte,
erklärte er mir in großen Künstlerzügen die sichtbare Welt, die Oberfläche der
Erde mit Kraut und Getier, die Wiederkehr der Gestirne. Zugleich ließ er neben
meinem Märchenwald die Edelgestalten der alten Geschichte aufsteigen, und
griechische Städte, und das alte Rom. Kinder sind weitherzig und vermögen
durch den Zauber der Phantasie Dinge in ihrer Seele nebeneinander zu
beherbergen, deren Widerstreit in älteren Köpfen zum heftigsten Krieg und
Entweder-Oder wird. Dennoch, da ich selber gerne erfand, und mit der
kindlichen Schöpferkraft spielte, entstanden vielerlei Zweifel. Davon war der
lebhafteste gegen die Wahrhaftigkeit eines orbis pictus gerichtet, eines
Lieblingsbilderbuches, das mich von der ersten Schaulust bis weit in das
reifende Knabenalter begleitete und so in meiner Geschichte die umgekehrte
Rolle des Robinson und Gulliver in der wirklichen spielte. Ich zweifelte eine
Zeitlang sehr stark daran, daß diese Bilder Originale in der wirklichen Welt
besäßen und nicht lediglich ergötzliche Phantasien eines Malers seien. Beim
Betrachten der Abbildungen von Rittern oder Bauten oder andern historischen
Gegenständen erinnerte ich mich mit behaglicher Schlauheit, daß ich auch
Achillesse und große Kirchen und ähnliches gezeichnet oder gebaut und meinen
Kameraden als die wahren Dinge oder als treue Abbilder ausgegeben hatte. Als
mein Vater dahinterkam, schlug er auf einer der letzten Seiten des Buches das
mir bisher entgangene Bild einer Kirche unsrer Stadt auf, welche ich sofort mit
großer Betroffenheit wiedererkannte. Von da an waren mir auf eine gute Weile
wenigstens alle Worte meines Vaters wieder unzweifelhaft und beweiskräftig.
Ein Nachbarsjunge teilte mir eines Tages geheimnisvoll und wichtig mit, der
„wilde Mann“, eine Hauptfigur in unsern Geschichten und ausgetauschten
Phantasieerlebnissen, wohne nicht weit vom Tor am Petersgraben in einem
Kornspeicher, sein Vater hätte es ihm gesagt. Der Trumpf war vergebens
ausgespielt, denn mein Vater hatte mir bereits eine bessere, wenn schon nicht so
deutliche Erklärung gegeben. Ich blieb daher nicht nur skeptisch und ungerührt,
sondern antwortete dem Freunde hohnlächelnd und mit großer Genugtuung, er
möge nur wieder zu seinem Vater gehen und ihm sagen, er wäre ein Kamel.
Diese Antwort trug mir erst von dem Beleidigten und dann von meinem Vater
Prügel ein.
Solchen Züchtigungen von der Hand des geliebten Vaters pflegte ich zwar
meistens Trotz und Schweigen entgegenzusetzen, aber mein kleines Herz
empfand sie unsäglich bitter, weh und beugend. Sie sind die frühesten Leiden,
auf die ich mich besinnen kann und in der Vorstellung, die ich von meinen
Kinderjahren habe, die einzigen Trübungen, die noch vor der Schulzeit eintraten.
Auch war es mit dem Schlagen und Trotzbieten keineswegs getan, sondern der bittere Kern der Strafe war die Nötigung, mich zu demütigen und um Verzeihung
zu bitten, ehe ich das Auge der Eltern wieder freundlich und ihr Ohr mir offen
fand. Freilich wurde dadurch und durch die jedesmalige freundlich ernste
Versöhnung der Züchtigung der Stachel abgebrochen, aber bis ich müd und
verständig genug zum „Verzeih“ sagen war, kostete es immer wieder einen
bitteren, tränenreichen Kampf. Der erste Abend, an dem ich ohne Kuß und ohne
Begleitung der Mutter stumm und scheu zu Bette ging, ist mir noch wohl
erinnerlich. Vielleicht hat, so oft auch später mir das Wasser an die Kehle ging,
doch das Gefühl namenlosen Schmerzes und Zwiespaltes niemals mehr so
unsäglich auf mir gelastet, wie an jenem traurigen Abend. Es war auch der erste
Abend, an welchem ich nicht zu beten vermochte. Der Wortlaut meines
Betverses stockte mir auf der Zunge, zeigte mir zum erstenmal seinen schweren
Ernst und würgte mich wie einen Erstickenden. So diente diese dunkelste Stunde
dazu, mir auf einmal das Beten ohne Gedanken unmöglich zu machen.
Indessen wuchs mein Verstand und begann, auf die ersten Belehrungen und
Erfahrungen bauend, sich allmählich einer stiller werdenden eigenen Tätigkeit
zu erfreuen. Meine Spiele nahmen, ohne Vorbilder zu haben, die verwickelteren,
intelligenteren Formen der eigentlichen Knabenspiele an. Das A-B-C gab mir
einen angenehm herben Vorschmack der Schule. Ich besaß schon Erinnerungen
und gewöhnte mich, nachdem ein bestimmter Tag für meinen Schulbeginn mir
angesagt war, an morgen und übermorgen zu denken.
* *
*
Dieses wenige ist der ganze Schatz von Erinnerungen an die ersten Jahre, den
ich noch besitze. Oder nicht der ganze, denn ich vermochte das Beste nicht
auszusprechen, die Empfindungen durchträumter Frühlinge und beglückender
Liebhabereien, das milde Nachgefühl kindlicher Freuden und Wehen, herzlicher
genossen und tiefer erlitten als viele größere Freuden und Wehen der späteren
Zeiten. Ich vermochte nicht die feinen Erinnerungen niederzuschreiben, deren
ich einen holden Strauß besitze, an Waldbesuche, an Nachbarfreundschaften, an
belauschte Katzenjunge und gestreichelte Lämmer.
Komisch wehmütig berührt mich die letzte Zeit vor dem Besuch der Schule,
das Erwachen des Knabenstolzes, das Unsichere des Übergangs vom Träumen
zum Denken, und das langsame Verblassen der farbigen Phantasie und des
ganzen unbeschreiblichen Goldgrundes, auf welchen alle diese frühesten Bilder
gemalt sind. Mein Gedächtnis schließt mein letztes freies Kinderjahr mit einem
merkwürdigen Abend ab. Es war kurz vor meinem Eintritt in die Schule, und der
Geburtstag einer kleinen Schwester, der 27. November. Dieser Schwester war für den Augenblick alle Sorgfalt und Liebe des Hauses zugewendet, und ich saß
beklommen und allein an einem dunkelnden Fenster. Draußen war Spätherbst
und eine frühe, sternhelle Nacht. Neben dem Gedanken an den erwarteten ersten
Eintritt ins wirkliche Leben war eine Abschiedsstimmung in mir lebendig, und
ein halbbewußtes Rückverlangen nach der Ungebundenheit und Traumtiefe der
bisherigen Tage. Da wars, daß ich eine Bewegung unter den Sternen zu sehen
glaubte. Ich blickte nun starr und unverwandt an den Himmel, und siehe, ein
Stern begann seltsam zu flirren und schoß plötzlich in die Finsternis, ohne Spur
verglimmend. Und da wieder einer, und dort zwei zugleich, und am Ende eine
ganze bewegte Menge. Der Vater kam herein, und die Dienstboten, und so
standen wir eine gute Weile still im Dunkeln, das seltene Schauspiel unzähliger
Sternschnuppen betrachtend und von der merkwürdigen Stunde berührt, jeder,
wie ich glaube, mit dem Gedanken, daß dieser Blick aus dem dunklen Zimmer
auf die gleitenden Sterne ihm unvergeßlich bleiben würde.
* *
*
Mit dem Besuch der Schule begann nun mein menschlich gesellschaftliches
Leben. Hier wird das Dasein zuerst zum Bild der Welt im kleinen, hier treten die
Gesetze und Maßstäbe des „wirklichen“ Lebens in Kraft, hier beginnt Streben
und Verzweifeln, Konflikt und Bewußtsein der Person, Ungenügen und
Zwiespalt, Kampf und Rücksichtnahme, und der ganze endlose Kreislauf der
Tage. Zuerst die Teilung der Zeit in Alltag und Feiertag! Man muß nach Stunden
leben und arbeiten, jeder Tag erhält sein Gewicht und seine feste Geltung und
löst sich aus der Zeit als ein besonderes Stück heraus. Die Unergründlichkeit der
Monate und Jahreszeiten, das Leben aus dem Vollen hat ein Ende; Feste,
Sonntage, Geburtstage treten nicht mehr als Überraschungen vor uns hin,
sondern ihre Zeit und Wiederkehr ist gleich den Stundenzahlen auf der Uhr fest
angeschrieben und wir wissen, wie lange der Zeiger braucht, bis er sie erreicht.
Der Wunsch meines Vaters, mich selber zu unterrichten, hielt dem
allgemeinen Brauch und dem Rat aller Freunde und Verwandten nicht stand. Ich
wurde einer öffentlichen Schule übergeben, hatte mehrere Lehrer, die jährlich
wechselten, und litt unter allen Übelständen dieser Anstalten. Schule und Haus
waren zwei streng getrennte Dinge, mein Gehorsam hatte zwei Oberhäupter, von
denen das eine mit meiner Liebe, das andere mit meiner Furcht rechnen mußte.
Das erste Übel lag darin, daß ich, von einem strengen Lehrer an häufige Schläge
und Arrest gewöhnt, die väterlichen Strafen bald nicht mehr in der früheren
Weise achtete, so daß häusliche Züchtigungen ihren Wert verloren und meinem
Vater dieser einfachste Austrag moralischer Unebenheiten allmählich unmöglich gemacht wurde. Daraus folgte für ihn unendlich viel Sorge und Mühe und für
mich viel Elend, da nun alle Besserungen und Verzeihungen erschwert waren
und lange Zeit erforderten. In solchen kritischen Zeiten war ich manchesmal
verzweifelt, krank vor Sorge und Wut, und plagte mich mit Elend, Scham, Ärger
und Stolz. In der Schule übel behandelt, zu Hause von irgend einer begangenen
Übeltat schweigend bedrückt, warf ich mich oft in der großen Wiese zu Boden
und rang schluchzend gegen eine unbekannte, grausame Übermacht. Diese
Stunden am Mittagstisch, wenn kein Gespräch möglich war, wenn ich mit Angst
an die nächste böse Schulstunde dachte, während eine zurückgedrängte
väterliche Strafrede den Eltern, den jüngeren Geschwistern und sogar den
Dienstboten in allen Mienen zu lesen war, diese schweigsamen, trotzigen
Spaziergänge mit meinem Vater, auf denen ich die Bitte um Verzeihung oder
sonst eine Aussprache, welche er erwartete, aus Trotz und Scham in mir
niederhielt, liegen mir noch mit aller Schwere hart und widerlich im Gedächtnis.
Da meine Unruhe und eingedämmte Leidenschaftlichkeit und Lebensfülle
Raum forderte, warf ich mich auf die mir bisher fremden Knabenspiele mit aller
Wildheit meiner jungen Sinne. Ich sprang bald allen Kameraden voran, als
Turner, als Feldherr, als Räuberhauptmann oder Indianerhäuptling, am
hitzigsten, wenn zu Hause schlechtes Wetter war. Meine Eltern und am meisten
die bekümmerte Mutter sahen mich mit Trauer in den Ruf eines Wildfangs und
Anstifters geraten, während ich unter ihren Augen meistens stumm und bedrückt
umherschlich.
In meinem dritten Schuljahre hatte ich eines Tages einem armen Handwerker
in unserer Straße mit meiner Schleuder ein Fenster eingeworfen. Der Mann lief
zu meinem Vater, erzählte ihm meine, wie er glaubte, absichtlich begangene Tat
und fügte noch hinzu, daß ich auch außerdem ein Tunichtgut und Straßentyrann
wäre. Als am Abend mein Vater mir dies alles wieder berichtete und auf ein
Geständnis drang, war ich über den Ankläger so empört, daß ich auch den
unbestreitbar geschehenen Fensterschuß hartnäckig leugnete. Ich wurde
ungewöhnlich hart gezüchtigt und glaubte nun vollends meinen Trotz nicht
brechen lassen zu dürfen. So verhielt ich mich einige Tage scheu und feindselig,
während mein Vater schwieg und ein Schatten auf dem ganzen Hause lag. In
diesen Tagen war ich unglücklicher als jemals vorher. Nun mußte mein Vater für
eine Woche verreisen. Als ich an jenem Tag aus der Schule kam, war er schon
abgereist und hatte ein Brieflein für mich dagelassen. Nach Tisch begab ich mich
in die oberste Bodenkammer und öffnete den Brief. Ein schönes Bild fiel heraus,
und ein Zettel von der Hand des Vaters:
„Ich habe dich für ein Vergehen gestraft, das du nicht gestanden hast. Hast du
die Sache dennoch begangen und mich also angelogen, wie soll ich dann noch mit dir reden? Ists anders, dann habe ich dich mit Unrecht geschlagen. In einer
Woche, wenn ich wiederkomme, sollte doch einer von uns dem andern verzeihen
können.
Dein Vater.“
Den ganzen Tag lief ich beklommen und erregt mit dem Zettel in Haus und
Garten herum. Dieses Wort von Mann zu Mann erfüllte mich mit Stolz und Reue
und traf mich im Herzen, wie kein anderes Wort es hätte können. Am nächsten
Morgen kam ich mit dem Blatt ans Bett meiner Mutter, weinte und fand keine
Worte. Darauf ging ich im Hause umher wie nach einer langen Abwesenheit,
alles war so alt und neu, war mir wiedergeschenkt und von einem Bann erlöst.
Abends saß ich seit langer Zeit zum erstenmal meiner Mutter zu Füßen und hörte
sie erzählen wie in den Kleinkinderjahren. Es kam so süß und mütterlich von
ihrem Munde, aber was sie erzählte, war kein Märchen. Sie sagte mir von
Zeiten, da ich ihr fremd geworden sei, und wie da ihre Angst und Liebe mich
begleitete; sie beschämte und beglückte mich mit jedem Wort, und dann redeten
wir beide mit Namen der Liebe und Ehrfurcht von meinem Vater und freuten uns
mit Sehnsucht auf seine Heimkehr.
Der Tag seiner Zurückkunft war zugleich der letzte Tag vor meinen
Sommerferien und vollendete so mein Glück. Nach einer kurzen Unterredung
kam der Vater mit mir aus seinem Studierzimmer hervor und führte mich der
Mutter zu, indem er sagte:
„Hier hast du unseren Buben wieder, Mama. Er gehört seit heute wieder mir.“
„Mir schon seit einer Woche!“ rief sie lächelnd dagegen, und wir saßen
fröhlich zu Tische.
Die mit diesem Tag beginnende Ferienzeit liegt in meinen Schuljahren wie ein
umzäunter, grüner Garten. Tage voll Sonne, Abende mit Spiel und Geplauder,
Nächte festen Schlafs mit gutem Gewissen! Jeden Abend wanderte mein Vater
Hand in Hand mit mir in einen Steinbruch, der eine halbe Stunde weit vor der
Stadt lag. Dort bauten wir Häuser und Höhlen, schleuderten Steine nach dem
Ziel und hämmerten nach Versteinerungen. Auf dem Rückweg tranken wir
Milch und aßen Brot in einem Meierhof und verzichteten darauf stolz auf das
mütterliche Abendessen, die Mutter mit allerlei Geheimnissen neckend und uns
jedes Meisterwurfes und jedes gefundenen Rötels oder Glitzersteines rühmend.
Mein Vater erwies sich als Pfadfinder, Jäger, Scheibenschütz und Erfinder. Halbe
Tage wanderten und ruhten wir in Wiesen und an Waldabhängen, ganz mit uns
allein, einen Brotlaib in der Tasche, Wege entdeckend und Pflanzen sammelnd,
und ich spürte etwas davon, daß mein Vater seine eigene Jugend wieder
aufsuchte und sich seiner erfrischten Brust und seiner geröteten Wangen erfreute, denn er war von zarter Gesundheit und wurde viel von Kopfschmerzen und
anderen Leiden heimgesucht. Nun wanderten wir wie zwei Knaben miteinander,
schnitten Lanzen, ließen Drachen steigen, gruben im Garten und zimmerten im
Hofraum allerlei Gerät und Kasten zusammen.
In dieser Zeit etwa begann mein Ohr zu erwachen und meine Phantasie sich
mit Melodien zu beschäftigen. Ich liebte es, in Freistunden zum Münster zu
gehen und mich durch das Tor zu schleichen, um das Spiel des Organisten zu
hören, der stundenlang dort sich seiner Kunst erfreute. Ich summte und sang auf
dem Schulweg, im Garten, sogar im Bette, und prägte mir viele Choräle und
Liedermelodien frühe ein.
Und mit neun Jahren, an meinem Geburtstage, schenkten mir die Eltern eine
Geige. Von diesem Tage an ist das hellbraune Geiglein auf allen Fahrten mit mir
gegangen, viele Jahre lang, und von diesem Tage an hatte ich ein Abseits, eine
innere Heimat, eine Zuflucht, wo seither unzählige Erregungen, Freuden und
Kümmernisse sich versammelten.
Der Lehrer war mit mir zufrieden. Mein Gehör und Gedächtnis war scharf und
peinlich treu, und allmählich zeigte sich im Lauf der Lehrjahre das, was den
Geiger macht, der feste, fähige Arm, das freie Gelenk, die ausdauernden,
kräftigen Finger.
Fürs erste erwies sich leider die Musik als ein unerwartetes Übel, denn sie
nahm mich fast völlig gefangen und verleidete mir den Schülerfleiß. Dagegen
lenkte sie meinen Ehrgeiz und meine Knabenwildheit von den gröberen Spielen
und Freveln ab, sie milderte meine Hitze und Leidenschaft, sie machte mich
schweigsam und verträglich. Ich wurde keineswegs zum Geiger erzogen, mein
Lehrer war sogar ein Dilettant, daher war der Unterricht mir ein Vergnügen und
zielte weniger auf strenge Übung und Präzision, als auf ein baldiges
Etwaskönnen. Der erste Choral, zum Geburtstag der Mutter gespielt, war ein
festliches Ereignis. Und alsdann die erste Gavotte, die erste Haydnsonate! Ich
war selber voll Freude und Eitelkeit, aber allmählich spürte meine Natur doch
einen Mangel, so daß ich vor einem gewissen flotten Strich, einer
Dilettantenverve gefährlicher Art, bewahrt blieb. Die Schule ging neben dem her
und behielt für mich alle die Jahre bis zum vierzehnten hindurch die Schwüle
einer Zwangsanstalt. Wie viel von meinen Leiden und meiner Verbitterung,
neben meinen eigenen Fehlern, der ganzen Erziehungsart zur Last fällt, kann ich
nicht urteilen; aber in den acht Jahren, welche ich in den niederen Schulen
zubrachte, fand ich nur einen einzigen Lehrer, den ich liebte und dem ich
dankbar sein kann. Wer die Kindesseele ein wenig kennt und selber einen Rest
ihrer Zartheit sich bewahrt hat, der kennt das Leiden, dessen ein Schulknabe
fähig ist, und zittert noch in Scham und Zorn, wenn er sich der Rohheiten mancher Schulmeister erinnert, der Quälereien, der berührten Wunden, der
grausamen Strafen, der unzähligen Schamlosigkeiten. Wahrlich, ich meine nicht
die fleißige Rute, deren jeder Knabe bedarf; ich meine aber die Frevel, die an
dem Glauben und dem Rechtssinn des Kindes geschehen, die rohen Antworten
auf schüchterne Kinderfragen, die Gleichgültigkeit gegen den Trieb der Kindheit
nach einer Einigung ihrer stückweise erworbenen Kenntnis der Dinge, den Spott
als Antwort auf kindergläubige Naivetäten. Ich weiß, daß ich nicht allein in
solcher Weise gelitten habe, und daß mein Unwille darüber und meine Trauer
um zerstörte und verkümmerte Teile meiner jungen Seele nicht die Verbitterung
eines nervösen Einzelnen ist; denn ich habe von vielen diese Klagen gehört. Ich
weiß wohl mit der eigentümlichen Art des Knabenalters zu rechnen, als einer
heiklen, problematischen Zeit der Scheidungen, Beschneidungen und
Häutungen, voll von schwer verständlichen Erregungen und Exzessen; aber ich
kann mich der Trauer und der Anklage nicht enthalten. Die ganze Zeit meines
späteren Lebens bin ich mit einer besonderen Vorliebe den kleinen Knaben
zugetan gewesen und fand gar oft meine ehemaligen Ängste in errötenden
Knabengesichtern wieder.
Es widerstrebt mir, einige dieser Bitternisse aufzuzeichnen, meine Erinnerung
irrt in dieser Zeit der verwelkenden Kindheit und erwachsenden Jünglingszeit
befangen und bedrückt umher.
Hell und verklärt von Verehrung und Liebe zeigen sich mir die
Unterweisungen, die ich in Garten, Feld und Studierzimmer von meinem Vater
genoß. Diese schlossen mir die verschwisterten Reiche der Geschichte und der
Dichtung auf. Mit gekrönten Königen und geschlagenen Duldern, mit Heerzügen
und prachtvollen Städten breitete sich die Geschichte der Griechen aus, und die
der Römer mit ruhmbekränzten Siegern, unterjochten Erdteilen und fabelhaften
Triumphzügen, neben welcher Pracht und Höhe lange Zeit die Jagden und
blutigen Wanderungen der ältesten deutschen Zeit mir wenig Freude machten.
Der freundschaftlich in Frage, Antwort und Erzählung erteilte väterliche
Unterricht legte einen guten Grund in mir. Was in der Schulstube und im Mund
der Lehrer mir langweilig und peinlich erschien, gewann hier anziehende
Formen und schien mir alles ernstlichen Fleißes würdig.
In meiner Klasse pflegte ich, obwohl ich nie ein Lehrerliebling war, meist
mich auf den oberen Plätzen zu halten und besonders im lateinischen Unterricht
mir gute Zeugnisse zu erwerben. Die lateinische Sprache lernte ich leicht und
mit Eifer, sie blieb durch meine Schülerzeit und durch mein Leben mir
befreundet und geläufig.
So fand man mich zur Vorbereitung auf den Eintritt in eine schwäbische
gelehrte Schule würdig. Das Examen wurde leidlich bestanden. Meine erste Schulzeit war zu Ende und ein sommerlicher Ferienmonat lag vor dem ehrgeizig
erstrebten Eingang der gelehrten Klosterpforte.
In diesen Ferien las mir mein Vater zum erstenmal Lieder Goethes vor. „Über
allen Wipfeln“ war sein Liebling.
An einem silbernen Abend, im frühen Monde, stand er mit mir auf einem
bewaldeten Berge. Wir atmeten vom Steigen aus und schwiegen nach einem
ernsten, herzlichen Gespräch vor der Schönheit der mondhellen, stillen
Landschaft.
Mein Vater setzte sich auf einen Stein, blickte rundum, zog mich zu sich
nieder, schlang den Arm um mich und sprach leise und feierlich jenes
unergründliche, wunderbare Lied:
Über allen Gipfeln
Ist Ruh.
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch,
Die Vöglein schweigen im Walde,
Warte nur, balde
Ruhest du auch.
Hundertmal habe ich seitdem diese Worte gehört und gelesen und gesprochen, in
hundert Lagen und Stimmungen — die Vöglein schweigen im Walde — und
jedesmal befiel mich eine milde, herzlösende Schwermut, und jedesmal senkte
ich dabei das Haupt und hatte ein seltsam wehes Glücksgefühl, als kämen die
Worte aus dem Munde meines an mich gelehnten Vaters, als fühlte ich seinen
Arm um mich gelegt, und sähe seine große, klare Stirn, und hörte seine leise
Stimme.