Hermann Lauscher
Die sechste Nacht.
seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem
Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in
Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch
ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus deren
Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte Göttinnen
hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel rotes Herzblut
jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf seinen Füßen stehen
und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen. Aber dann jedesmal
das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er sei, doch wieder nicht
die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten Dissonanz in sich trägt und
doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und nicht der Spiegel seines glühend
schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und doch hat er so tief an unserm Leben
sich genährt und so viel Herzblut mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter
wird und seine Grenzen ahnt — diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und
Verschwendung, diese immer enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe
der geträumte Ton erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen
Warten und Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln
diese vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten
eigenen Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des
großen, unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel
Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und
wissen sie selber und halten es ängstlich geheim — sogar vor den eigenen
Augen!
* *
*
Die sechste Nacht.
Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für das
winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen
fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken, ich
beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des Gedankens
und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst, und kein
Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand. Wenn jetzt
selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle Zärtlichkeiten der Liebe und
Erinnerung gewährte — ich würde lächeln und nicht weniger leiden.
O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos müder
Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid, hat kein
Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine meiner
liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen Leidens zu
brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde erhob, hat Blick und
Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein Leben war ein blasser
Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie fremde Schattenbilder
berühren.
Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf seinem
Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen
trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur
Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, deren
jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und leidend. Ich
grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern voneinander in vielen
einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr leidet wie ich, ihr suchet mit
großen Augen die unsichtbaren Gestalten der Finsternis und habt Schmerzen,
sobald ihr die starren Lider schließet. Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an
mich? Ach wenn wir alle aneinander dächten und alle das Gefühl dieser
unsichtbaren schweigenden Gemeinde hätten! Ich glaube, wir verständen uns,
unsre feinen, rastlosen Nerven wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir
könnten uns ohne Worte über viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben,
unsre Leiden und Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde
Schicksale weinen und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und
lieb. Wir würden Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben
emporstiegen, bei Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir
sähen die Fäden, deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über
Erdteile und Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an
einzelnen Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres
Leben weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir
allein nicht tun können.
Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht mich
euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.
Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie
ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner alleingelassenen
Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!
Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter,
und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu
lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, das
ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber und hüllte