Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 19 von 27

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Hermann Lauscher

Die sechste Nacht.

seiner Lösung. Und es verwandelte sich in meinen Lieblingstraum von jenem

Lied der Lieder, dessen ungesungene, vereinzelt aufdämmernde Takte mir in

Blut und Leben übergegangen sind und mich stündlich mit ihren feinen, noch

ungelösten Dissonanzen peinigen. Ich glaube nicht an jene Dichter, aus deren

Haupte, wie man sagt, die fertigen klingenden Verse wie gepanzerte Göttinnen

hervorspringen. Ich weiß, wieviel innerstes Leben und wieviel rotes Herzblut

jeder einzige echte Vers getrunken haben muß, ehe er auf seinen Füßen stehen

und wandeln kann. Und das wäre noch leicht zu ertragen. Aber dann jedesmal

das spottend grausame Gefühl, daß der Vers, so hübsch er sei, doch wieder nicht

die Tiefe erschöpft, doch wieder den Keim der alten Dissonanz in sich trägt und

doch wieder nur ein Spiegel des Dichters und nicht der Spiegel seines glühend

schönen, sehnsüchtigen Traumes ist! Und doch hat er so tief an unserm Leben

sich genährt und so viel Herzblut mitgenommen! Ach und dann, wenn man älter

wird und seine Grenzen ahnt — diese Hast, dieses Wechseln von Schonung und

Verschwendung, diese immer enger drückende, furchtbare Angst zu sterben, ehe

der geträumte Ton erklang, zu sterben ohne Erfüllung nach einem lebenlangen

Warten und Vorbereiten! Und dazu bei jedem neuen Unterliegen und Zweifeln

diese vorwurfsvolle Stimme der dem Unbewußten entrissenen, gemarterten

eigenen Seele, deren Entblößung nur durch das unberechenbare Glücken des

großen, unsterblichen Wortes versöhnt und geheiligt wird! Ach, man hat so viel

Schimpfliches von den Dichtern gesagt, aber das Schimpflichste wußten und

wissen sie selber und halten es ängstlich geheim — sogar vor den eigenen

Augen!

 

* *

*

 

Die sechste Nacht.

 

Finsternis, Stille, Einsamkeit. Diese furchtbaren Nächte sind endlos für das

winzige Taktmaß meiner tickenden Uhr und meines in den heißen Schläfen

fiebernden Blutes. An alles Sanfte und Tröstende versuche ich zu denken, ich

beschwöre alle milden Erinnerungen, alle freundlichen Sterne des Gedankens

und der Poesie, alle besänftigenden Gleichnisse. Es ist umsonst, und kein

Gedanke hält vor der bedrückenden Gegenwart dieser Stunde stand. Wenn jetzt

selbst meine Mutter sich zu mir setzte und mir alle Zärtlichkeiten der Liebe und

Erinnerung gewährte — ich würde lächeln und nicht weniger leiden.

O schlaflose Nacht! Alle Kräfte und Beziehungen meines Wesens und meines Lebens an die trübe Oberfläche dieser einen Nacht gedrängt zu machtlos müder

Selbstbetrachtung! Hat kein von mir verehrter Gott so viel Mitleid, hat kein

Andenken oder Gebet eines fernen Freundes so viel Leben und keine meiner

liebsten Erinnerungen so viel Wahrheit, den Bann dieses unsäglichen Leidens zu

brechen? Alles, was mich jemals freute und über die Stunde erhob, hat Blick und

Wärme verloren. Meine Götter sind steinern, und mein Leben war ein blasser

Traum, dessen Bildungen mein inneres Auge nur wie fremde Schattenbilder

berühren.

Liegt jetzt vielleicht einer meiner Freunde in einer fernen Stadt auf seinem

Bette wach und denkt an mich? Ach, er schläft! Und wohin ich meinen

trostbedürftigen Gedanken wende, finde ich nichts. Oder finde doch nur

Mitleidende, andere Dulder, eine blasse müde Gemeinde von Schlaflosen, deren

jeder so wie ich gepeinigt ohne Ruhe liegt, bleich, großäugig und leidend. Ich

grüße euch, traurige Brüder, die ihr fern von mir und fern voneinander in vielen

einsamen und dunkeln Schlafgemächern lieget. Ihr leidet wie ich, ihr suchet mit

großen Augen die unsichtbaren Gestalten der Finsternis und habt Schmerzen,

sobald ihr die starren Lider schließet. Denkt ihr an Eure Brüder? Denkt ihr an

mich? Ach wenn wir alle aneinander dächten und alle das Gefühl dieser

unsichtbaren schweigenden Gemeinde hätten! Ich glaube, wir verständen uns,

unsre feinen, rastlosen Nerven wären der Mitteilung und Erwiderung fähig. Wir

könnten uns ohne Worte über viele stille nächtliche Meilen hinweg unser Leben,

unsre Leiden und Hoffnungen erzählen. Wir könnten vielleicht über fremde

Schicksale weinen und die eigenen würden uns im Mitteilen wieder neu und

lieb. Wir würden Zusammenhänge und Ahnungen, die uns im eigenen Leben

emporstiegen, bei Fremden wiederfinden, der Kreis erweiterte sich und wir

sähen die Fäden, deren Anfang und Ende wir in Händen zu halten glaubten, über

Erdteile und Geschlechter gemeinsam gezogen. An diesen Fäden rührend wie an

einzelnen Saiten einer Riesenharfe würden wir uns ein gemeinsames klareres

Leben weiterdichten und Schritte in der Erkenntnis des Ewigen tun, die wir

allein nicht tun können.

Ich kann euch nicht zurufen, meine Brüder. Aber ich will in jeder Nacht mich

euer erinnern und euch mit dem Gruß des Mitleidenden grüßen.

Indes ich dieses denke, berührt mich eine sanfte Hand. Meine Muse! O wie

ich Heimweh nach ihr hatte! Und sie wartete nur, bis in meiner alleingelassenen

Seele ein Gedanke der Güte aufstiege!

Die Nacht wird weicher, linder und freundlicher, die Sterne glänzen zarter,

und vor meiner Seele beginnt ein bekanntes Bild sich aus der Dunkelheit zu

lösen. Ich kenne dich! Das ist der Park, das ist die halbrunde Träumerbank, das

ist der Morgenduft jener Stunde, in der ich mein erstes Lied gedichtet habe! Mein erstes Lied! Eine junge frühlinghafte Blutbuche stand darüber und hüllte