Hermann Lauscher
Tagebuch 1900.
Basel, 7. April 1900.
Abends. Ein dunkler, kühler Tag. Ich lege Tolstois „Auferstehung“ aus der Hand. Ich hatte geschworen, sie nicht zu lesen, aber alle Welt war voll davon,
ich mußte darein beißen, und nun ist es hinter mir. Zwar etwas von der trostlos
traurigen, rohen, schrecklichen Luft dieses Russen drückt mich noch — es ist
körperlich ungesund, solche Sachen zu lesen. Mit Tolstoi geht es mir genau wie
mit Zola, mit Ibsen, mit Robert, mit Uhde, mit Hebbel und zwanzig andern
Größen — sehe ich sie, so muß ich den Hut abnehmen, wohler aber ist mir, wenn
ich sie nicht sehe. Tolstoi ist von einer imponierenden seelischen Größe, er hat
einmal die Stimme der Wahrheit gehört und folgt ihr nun wie ein Hund und wie
ein Märtyrer, durch dick und dünn, durch Schmutz und Blut. Was ihn so häßlich
macht, ist eben das Russische an ihm, dessen Schwere, Düsterkeit, Mangel an
Kultur, Mangel an Freude sogar den zarten Turgenjew ungenießbar macht. Die
Heiligen Martin und Franziskus haben dieselbe Lehre wie Tolstoi gepredigt, aber
bei ihnen ist Person und Lehre ebenso hell, elastisch und erfreuend wie bei
Tolstoi dunkel, spröde und niederdrückend. Vielleicht, ich will nicht leugnen,
kommt von dorther die Erneuerung der Welt; aber ehe aus diesen herben,
frischen, rohen Keimen Kunst werden kann, müssen sie noch hundert Jahre und
länger reifen.
Mir träumte einmal, ich wäre mitten in einer großen, sonderbar schweigsamen
Gesellschaft. Ein starker Mann in einem zu weiten Frack trat mich plötzlich
ernst, streng und herrisch an und fragte mit rauher Stimme: Glaubst du an
Christus? Während ich mich besann, was ich antworten sollte, sah ich sein
glühendes Auge und seine groben, herausfordernden Züge so unangenehm nahe,
daß das Gefühl der Beleidigung sich mir aufdrängte; ich mußte ein eisiges,
verächtliches Nein sagen, lediglich um diesen aufdringlichen Blick und die
ganze unerwünschte Gegenwart des groben Fragers abzuweisen.
In dieser Weise fragt Tolstoi. Seine Stimme hat nicht nur die zitternde Glut des
Fanatikers, sondern auch den peinlich rohen Gurgelton des östlichen Barbaren.
Ich habe Sehnsucht danach, mich am nächsten warmen Tage in den hellen
Frühlingswald zu legen und dort ein paar Seiten Goethe zu lesen.
Basel, 11. April 1900.
Glaubst du an Christus?
Es war gestern, auf Riehenhof, in der kleinen Halle gegen Abend; ich war
zwei Tage bei Doktor Nagels zu Gast. Die freundliche Wirtin saß mit mir in
herzlichem Gespräch in der zarten Abendglut, es war eine ungerufene glückliche
Stunde; unsre Fragen rührten an alles Wichtige, Ernste, Beglückende, an den Tod, an die Sterne, an das Wunder. Auf die letzten Fragen gab kein Wort mehr
Antwort, ein freundschaftlich vertrauendes Schweigen, ein Kopfnicken, ein
Blick in die Röte des Himmels, ein stummes Deuten auf die sammetblauen
Vogesen und den klaren, dunkelgrünen Schwarzwald —, und vor dem
Schlafengehen lasen wir den dritten der Hymnen des Novalis.
Auf dem Kanapee im großen Gesellschaftszimmer auf Riehenhof stand ein
fast vollendetes Bild von Fritz Burger: die Bachwiese mit reichem Obstblust. Bei
solchen entstehenden oder eben entstandenen Kunstwerken empfinde ich immer
Schmerz, Erhebung und Neid zugleich, denn ich stehe ja, mitten in Tag und
Kram, ferner als je von meinem Werk, nach dem ich doch täglich lüsterner und
sehnsüchtiger werde.
Basel, 15. April 1900.
Diese warmen, grünen Abende auf Riehenhof! Seit Monaten hatte sich mir
keine Zeile gereimt, und jetzt — es quillt so weich und ohne Ende, Verse, Verse!
Es ist ganz wie es in schönen Anthologien steht: Frühling, junges Grün und
Amselgesang, und dem Dichter verhängt ein selig goldener Nebel die Welt. Ich
liege im Rasen, ich wandere durch die Wiesen, ich lehne im Halbdunkel abends
im Zimmer, ich gehe zum Wein, und meine Lippen sind heiß und rot von lauter
Reimen. Kein Inhalt, kein Gedanke, nur Musik von schlanken, lachenden
Worten, nur Takt, nur Reim. Ich weiß dabei wohl, daß diese Verse, wenn noch so
gut, noch nicht einmal Lyrik sind, und weiß, daß ich schon bald an heute und
gestern als an etwas Unbegreifliches, Schönes, Vergangenes denken werde, mit
Schmerz und Ironie. Auch ist mir, ein Dichter hätte das, was ich eben denke,
schon mit sehr schönen Versen zu Tode gesungen, und wenn ich mich besinne,
so ist es der unangenehme Freund Heine und sind es die Zeilen:
Sag nicht, daß du mich liebst,
Ich weiß, das Schönste auf Erden,
Der Frühling und die Liebe,
Es muß zu schanden werden.
Der Frühling und die Liebe. Liebe? Ich weiß nicht. Es ist nur ein Name, und bei
mir ist die Liebe eben dieser weich zerfließende Lyrismus, der mich als
besondere Form des Sentimentalen jeweils befällt und eben so süß als
schwächend ist. Oder soll ich dabei an Elisabeth denken? Ist das denn Liebe, daß
ich manchmal Lust habe ihr mehr zu sagen, als man sonst Mädchen sagt? Daß es
mich zuweilen traurig macht, wenn ich mir vorstelle, ich mache ihr Geständnisse
und führe mit Schande von dannen? Müßte ich nicht den unsichern Grund
meines ganzen jetzigen Lebens antasten, einen steinernen Grund legen und von
da aus mit der roten Fahne der Leidenschaft, mit Stürmen und Opfern nach ihr jagen? Wenn ich mich jener ernstlichen, brennenden Leidenschaft erinnere, mit
der ich noch als halber Knabe der ersten Frauenliebe verfiel, an jene
Entzückungen, an jene durchweinten Nächte, an jene im Fieber entworfenen,
von plötzlichen Selbstmordgedanken gekreuzten, dennoch selig frechen
Lebenspläne, an jene Wut, den Namen Elise viele hundert Mal im Bette zu
flüstern, im Garten zu singen, im Walde laut zu schreien — wenn ich an das alles
denke, so muß ich traurig lachen und kann dieses zarte Hinüberneigen nicht
Liebe nennen. Eine Stimmung, ein in Dämmerung angeschlagener Moll-Akkord,
ein scheuer Anfang eines unsicher elegischen Gedichtes — und schließlich eben
dennoch seit Jahren die einzige, wenn noch so leise Erregung, bei der mir der
Name Liebe einfiel. Der lodernde Rausch von damals, durch viel Philosophie,
viel Ästhetik, viel Kunst und viel Ironie jahrelang ins Blassere, Flüchtigere
nuanciert, ists doch vielleicht. Aber ich träume doch zuweilen von jener alten
Liebe so rot und feuerfarben, habe Sehnsucht nach einer Leidenschaft, die
gellend und bacchantisch sich aus Übermut und Ungenügen zum Verhängnis
wöbe. Ist dieser Traum und diese Sehnsucht alles, was ich vermag, ist es der
Nachklang der alten Liebe oder Ahnung einer kommenden, noch möglichen?
Und steigt dieser Traum rein aus dem unbewußten Leben, aus Instinkt und
verlorener Erinnerung, oder hat er seine Farben von Böcklin und seinen großen,
dämonischen Takt von Chopin und Wagner?
Ich glaube, daß kein anderer Mensch über die Gründe seines inneren Lebens
und über die wahren Ursachen seines Begehrens und Ungenügens so durchaus
im Dunkeln ist und immer tiefere Finsternis findet, wie eben der, der seine
flüchtigsten Regungen beobachtet und dem Entstehen jeder Reizung nachspürt.
Als ob dadurch sich das verscheuchte Unbewußte nur enger konzentrierte und
sich, ängstlich geworden, vollends jedem vorsichtigsten Blick entzöge.
Axenstein, 3. Mai 1900.
Hier darf man nicht schreiben. Mir ists wie eine Ahnung von Gesundwerden.
Basel, 13. Mai 1900.
Der See wirkt noch leise nach. Seine Schönheit ist unerschöpflich und ist jetzt,
da alle Berge noch tiefen Schnee haben, noch frischer und reiner. So oft ich ihn
schon besuchte, er ist immer wieder neu, voll Trost und Reichtum. Jedesmal,
wenn ich in Luzern an den Quai trete, beginnt seine Wirkung und ist jedesmal
verstärkt oder verändert. Ich meine nicht die schönen Matten, nicht den Pilatus,
die Wälder oder den Rigi, den langweiligsten aller Berge, — was mein Auge so
begeistert, ist einzig die Schönheit dieses klaren Wassers, das vom Blauschwarz
übers Grün und Grau bis zum silbernsten Silber jeder Farbe und Nuance fähig ist. Bald hat das Wasser ein metallen schweres Grau, bald bei schwachem
Wellenschlag ein kühles Hellgrün, bald ist „Öl auf dem See“, wie die Maler
verzweifelnd sagen. Dies ist das Schönste, diese Flecken von verschiedenster
Farbe, oft mit scharfem Kontur begrenzt, oft in den verfeinertsten Übergängen
aufgelöst, darauf tiefblau die Wolkenschatten und silbern oder bleiern, je nach
der Sonne, die Schneespiegel. Aus großer Höhe verliert der See fast allen Reiz,
am schönsten ist er vom Boot aus oder, wenn viel Sonne ist, von Morschach
oder Seelisberg.
Ich sah neulich dort ein kühles, helles Blaugrün, ganz wie am Himmel das
Spätblau nach dem Abendrot, aber nicht goldig, sondern silbern getönt, — diese
unbeschreibliche Farbe und ihr Übergang zum völligen Mattsilber gewährte mir
eine ganz überschwängliche Lust, ein Gefühl der Befreiung vom Gesetz der
Schwere, ein Gefühl der Auflösung, als läge meine Seele kühl und ohne von mir
zu wissen auf dem schweigenden Seebusen ausgebreitet, ganz Äther, ganz Farbe,
ganz Schönheit. Nur äußerst selten hat mich ein Eindruck künstlerischer,
poetischer oder philosophischer Art in diese Höhe und Ruhe versetzt. Das war
nicht mehr die Freude am schönen Bild, die freundliche Selbsttäuschung, welche
man sich vor guten Kunstwerken gestattet — im Anblick dieser Farbe genoß ich
für Augenblicke den Triumph der reinen Schönheit über alle Regungen des
bewußten und unbewußten Lebens. Hatte ich nicht doch zuweilen an meinem
Stern gezweifelt und war geneigt, einigen landläufigen Angriffen gegen die
„ästhetische Weltanschauung“ Recht zu geben? Ich weiß nun, daß meine
Religion kein Aberglaube ist, daß es sich lohnt, alle körperlichen und geistigen
Dinge nur in ihren Beziehungen zur Schönheit zu betrachten und daß diese
Religion Erhebungen schenken kann, die an Reinheit und Seligkeit denen der
Märtyrer und Heiligen nicht nachstehen. Daß sie zugleich nicht mindere Opfer
verlangt und nicht geringere Qualen und Zweifel und Kämpfe bringt, wußte ich
längst. Der Schönheit gegenüber ist in uns dieselbe Erbsünde, dasselbe Fallen
und Wiederaufstehen, dasselbe mit Beseligungen abwechselnde Elendgefühl,
wie im Leben des Christen. Überhaupt sind diese wahrhaftig Frommen für uns
Ästheten die einzigen würdigen Feinde, denn sie allein kennen ebenso tief wie
wir die Abgründe des täglichen Lebens, das Leiden unter der Gemeinheit, das
auf Knien Liegen vor dem Ideal, die Ehrfurcht vor der Wahrheit und die
schonungslose Konsequenz des Glaubens. Seit dem Untergang der von uns
immer nur höchstens annähernd verstandenen Antike sind immer nur diese
beiden Wege über das Gemeine hinausgegangen, denn nach meinem Gefühl
ließen sich die Wege der Ästheten und der Christen durchaus auch in der
Geschichte der Philosophie verfolgen. Jedenfalls führt auch der Weg des
Denkers, sobald er irgend eine Stellung zum Ewigen bewahrt, durch dieselben Opfer und Leiden, durch schmerzhaftes Berühren einer immer offenen Wunde,
durch Weltentsagung in irgend einem Sinn, durch niedergezwungenen Ekel und
durch die Finsternisse des Zweifels am Ideal. Ist es der Philosoph, der
Schönheitsucher oder der Christ, zu dessen Ideal die immer gleiche „Welt“ im
peinlicheren Kontraste steht? Alle drei jedenfalls leiden und alle drei
verschmähen die Kompromisse, also das „von Fall zu Fall“, und den Humor.
Oder gibt es wirklich einen Humor, vom gemeinen Witz abgesehen, dessen
letzter Grund nicht eine Schwachheit, ein Schwindeln und Zurücktreten vor der
schmerzlichen Konsequenz des Idealisten ist? Spürt man die Grenze nicht in
jedem witzigen Gespräch, wenn ein Mitredender noch so geistreich beginnt an
Dinge zu rühren, deren Wesen Würde ist und deren Mithereinziehen in den Kreis
des Witzes auch dem Gröbsten zuweilen ans Gewissen greift? Wie kann man
Mitspieler in einem Lustspiel sein wollen, da man doch weiß, daß der Witz der
Komödie auf der Erbärmlichkeit der Personen beruht? Jedoch liegt für den
toleranten Idealisten ein höchster komischer Reiz eben im Untersinken eines
Helden zum Gemeinen. Es gehört zu den Opfern, die wir dem Ideal schuldig
sind, auch diesen überaus verführerischen Reiz zu töten. Die schwärmerischen
Verliebten, die nach erfolgter Aufklärung über die geringe Mitgift so komisch
Halt machen, die Helden, die auf dem Weg zu etwas Edlem im Augenblick des
körperlichen Ermattens ihr Ideal für eine Mahlzeit verkaufen, diese und alle
ähnlichen Lustspielfiguren haben unter ihren applaudierenden Zuschauern
immer eine Menge von Brüdern, für welche der heftigste Reiz des Spiels im
halberwachenden Gewissen liegt. Manche von diesen hätten vielleicht für
Augenblicke Lust zur Entrüstung, da aber der Mut fehlt und da sie schon
hundertmal an derselben Klippe gestrandet sind, applaudieren sie dem Helden
und ahmen ihn nach, indem sie ihr Ideal für das Vergnügen zu lachen verkaufen.
Ich kenne wenige, denen es gelingt, und mir selbst gelingt es selten, auch ein
solches Spiel, falls dieses es verdient, rein als Kunstäußerung und ohne Bezug
zur stofflichen Komik zu genießen. Die wenigen Lustspiele solcher Art, welche
ich besuche, machen mich meistens nur ärgerlich oder traurig, je nach der
künstlerischen Qualität.
Basel, 19. Mai 1900.
Elisabeth. Ich traf sie im Garten. Sie trug eine neue Sommertoilette, sehr
einfach, matt hellblau. Sie saß auf der Schaukel und wiegte sich wie ein schöner
Vogel, der weiß, wie schön er ist. Und dann kam Frau Doktor, und es wurde
dunkel, man trank Tee und Eiswasser, Sterne kamen herauf. Ich begleitete sie
nach Hause und fühlte, daß ich heute abend langweilig war. Ich erzählte sogar
von einem Roman, den ich schreiben wolle und den ich ihr zu dedizieren versprach.
Jetzt scheinen mir die Sterne ins Zimmer. Etwas von der ehemaligen süßen
Trauer klingt in mir an, eine Melodie von Chopin, aus der G-Moll-Ballade, fällt
mir ein.
Basel, 23. Mai 1900.
Ironie! Wir sprachen den ganzen Abend davon. Natürlich schreib ich wieder
nachts, ein Uhr. Ironie? Wir haben wenig davon. Und doch, sonderbar, lüstet
mich oft nach ihr. Meine ganze schwerblütige Art aufzulösen und als schmucke
Seifenblase ins Blaue zu blasen. Alles zur Oberfläche machen, alles Ungesagte
mit raffinierter Bewußtheit sich selber als entdecktes Mysterium servieren! Ich
weiß wohl, das ist Romantik. Das ist Fichte in Schlegel, Schlegel in Tieck und
Tieck ins Moderne übersetzt. Warum nicht? Tieck ist unerreicht, auch von Heine
unerreicht, und müßte eigentlich mit seiner unplastischen, musikalischen Grazie
mein Liebling sein.
Basel, 30. Mai 1900.
Schopenhauer. Ich habe oft das Gefühl, er mime und habe nicht recht, ohne
daß ich doch etwas besseres wüßte. Oder doch, ich weiß etwas besseres, aber es
ist zu schwer und unversucht zum Sagen.
Basel, 6. Juni 1900.
Meine Märchennovelle ist fertig. Man lobt sie, zuweilen mit Verständnis. Mir
genügt sie wieder nicht, so sehr die Lust beim Schreiben wuchs. Den Cäsarius
hab ich zu Ende. In den Kapiteln de tentationibus (?) speziell de tentatione
dormiendi (?) einige kleine reizende Stoffe. Meine Sammlung Romantica um
zwei gute Stücke vermehrt, die „Minnelieder“ von 1803 und der erste Sternbald,
erstere überaus köstlich. Hoffmann tritt mir als romantischer Erzähler immer
mehr an die erste Stelle, Tieck versagt doch öfters, auch in den Märchen, Novalis
ist nicht fertig geworden und Brentano ist doch zu bewußt formlos. Übrigens ist
der Godwi ein geniales Buch, oberflächlicher, aber unendlich reizender als der
Lovell. Den Ofterdingen abgerechnet, der nicht mehr Literatur ist, schätze ich
doch eigentlich die „Brambilla“ am höchsten. Technisch betrachtet ist das meiste
Seitherige minderwertig, auch Keller hat nur wenige Mal einen Stoff so von
innen erleuchtet und so ganz zu Kunst gemacht. Wieviel Romantik übrigens in
Kellers Technik noch steckt, ist auffallend.
Vitznau, 4. September 1900.
In den Uffizien von Florenz könnte ich nicht so fleißig, selig und eifersüchtig
der Schönheit nachgehen wie auf diesem herrlichen Stück Wasser.
September. Vormittagsnebel; selten ein Regentag. Heiße Mittagsstunden,
kühle Nächte bei zunehmendem Mond. Noch nirgends sieht man ein welkes
Blatt, das Laub ist spätsommergrün und bekommt schon überall den Metallglanz
des Septembers; Äpfel, Pfirsiche und Feigen fallen von den überladenen
Bäumen. Die Abende sind ohne Ausnahme hell, farbig und leuchtend.
Vitznau, 5. September 1900.
O wenn ich jetzt die naive Genußsucht meiner früheren Jahre wieder hätte,
wenn noch mein Herz wie früher des berauschten schwelgerischen Schlagens
fähig wäre!
Aber trotzdem — ich feiere täglich einen Kranz von Festen. Der See
entschleiert sich allmählich meinem fleißigen Auge und hält mich nun
fortwährend in einem Kreis von Lockungen, Reizen und Überraschungen
gefangen. Zuweilen hält er an sich, läßt mich warten und wirft mich dann
unversehens händevoll mit Kostbarkeiten, daß mir die Augen flimmern. Die
wesentlichen Farbenwechsel der einzelnen Buchten, Himmelsrichtungen und
Tageszeiten habe ich wohl erfaßt, aber was ist dieses Gerippe gegen das
überströmend freudige Leben, das sich ohne Ziel und Norm von Augenblick zu
Augenblick in unglaublicher Üppigkeit verblutet und erneuert!
Ich verbringe alle Stunden des Tages damit, dem See seine Farbenspiele und
Geheimnisse abzuspähen. Nachdem ich in den ersten Tagen die Uferwege
unzähligemal hin und her gestrichen, bringe ich nun ziemlich meine ganze Zeit
auf dem Wasser selbst zu. Zuweilen versuche ich es noch mit dem Blick von
oben her, ohne große Entdeckungen. Von der Höhe der Hammetschwand ist das
Wasser für mein Auge eben noch zu genießen, darüber hinaus schwindet Glanz
und Farbe von Meter zu Meter, und von Rigikulm aus ist der See stumpf und
beinahe grau anzusehen. In geringerer Höhe gewährt er noch einige feine Reize,
namentlich durch Wald hindurch betrachtet, wobei Buchen-, Kastanien- und
Eichenlaub zuweilen köstliche Nuancen gewähren.
Doch wozu diese ärmeren und entlegeneren Blicke suchen und Zeit und
Sonne daran vergeuden? Statt dessen kreuze ich den ganzen Tag im Boot auf der
Fläche und in den Buchten umher. Ein leichtes Kielboot, für die Ruhepausen
eine Zigarre und ein Band Plato, sowie Rute und Angelzeug, das ist meine
Ausrüstung.
Ob der Tag noch kommen wird, an dem ich in Worten diese Flut von bunten
Seligkeiten und farbig erregten Momenten werde zu Ende dichten können?
Diese Lockungen, Lüsternheiten, Begierden, diese plötzlichen Befriedigungen,
Ekstasen und Blendungen? Heute kann ich nur stammeln und prosaisch notieren.
Vielleicht wird es dabei bleiben, vielleicht ist es überhaupt der Sprache nicht möglich, dem individuell forschenden und genießenden Auge auch nur bis über
die ersten gröberen Nuancen weg zu folgen. Auch die Maler müssen ja schon bei
den scheinbar simpelsten Mischungen sich dem Instinkt überlassen und
problematische eigene Wege gehen. — Kann man sich einen sprachlichen
Pointillisten denken? Und doch — was ist Blaugrün? Was ist Perlblau? Wie läßt
sich das leise Überwiegen etwa des Gelb, des Kobaltblau, des Violett
aussprechen? — und doch liegt in diesem leisen Überwiegen das ganze süße
Geheimnis einer Stimmung, einer beglückenden Kombination beschlossen.
Vitznau, 6. September 1900.
Das ist mein Fluch und Glück, daß ich keine Schönheit grob und froh
genießen kann, daß ich sie auflösen, durchdringen, in Einheiten zerlegen und
über die Möglichkeit ihres Wiederaufbauens auf künstlerischem Wege
nachdenken muß. Nur zuweilen kommt das alte schwere Wesen, das ich so
konsequent von mir abstreifte, für Augenblicke anklingend wieder über mich —
die alte unschuldig stumpfe Hingebung und rechenschaftslose Schwelgerei.
Diese Augenblicke müssen immer seltener werden, ich darf um ihre kurze trübe
Lust nicht mein Ideal verkaufen, denn ein völliges Zurückkehren in die harmlose
Dämmerung ist mir doch nie mehr erlaubt. Wenn irgendwo, so liegt für mich
Lust und Sinn des Lebens im Fortschreiten, im immer bewußteren Klarlegen und
Durchdringen der Wesenheit und Gesetze des Schönen.
Eine Stunde jenes Zurückdämmerns hatte ich heute. Nach Mittag, in der
herrlichen Sonnenglut, mitten auf dem breiten See, Weggis gegenüber. Ich lag
über die Rudersitze hingestreckt und blickte über die Seefläche. Eine Flut von
Rotblau und Gold schwoll vor meinem Blick breit und rastlos hin. Alle meine
Sinne schliefen und träumten; ein warmes schwärmerisches Wohlsein hielt mich
gebannt. Mein Auge vermochte keinen Kontur, keinen Strahl, keine Lichtgrenze
zu unterscheiden, mein Blick verlor allen Willen und taumelte wie ein
Freigelassener durch ein Meer von unverstandener Schönheit, von Rot, Blau und
Gold, ungleich und ziellos wie der Flatterflug eines Falters.
Vitznau, 7. September 1900.
Der äußerste Vorsprung der „oberen Nase“, vom Lande unzugänglich, ist mit
einer kleinen Pflanzung junger, ich schätze etwa fünfzehnjähriger Eichen
bestanden. Das helle, in der Farbe herbe Laub gibt im Wasser einen wunderbaren
Effekt. Der ganze Wasserfleck erscheint schon von ferne ausgezeichnet durch
eine aparte, gelbliche Helligkeit, und überraschend köstlich ist es, aus dem
tiefgrünen, vormittäglichen See in diese scharfbegrenzte, hellere Fläche zu
fahren. Ich sah heute dort, leider ohne Sonne, den Spiegelkontur einer weißen Wolke diese eichengrüne Grenze zweimal schneiden. Das Weiß blieb
unverändert und zeigte nur an der Seeseite schärfere Konturen. Während ich die
schönen Linien verfolgte, ging ein Dampfer vorüber, in dessen Kielwasser
plötzlich das Silber eines flüchtigen Sonnenblickes aufblitzte. Einige Sekunden
lang blieb der ebene Wasserstreif im Silber, die jenseitigen Schiffswellen
glänzten matt goldbraun, die diesseitigen blieben hellgrün mit weißen Lichtern.
Einige Sekunden — und in diesen Sekunden verstand und genoß ich mit freiem
Auge diese plötzliche, raffinierte Kombination wie das Lächeln einer Göttin, wie
den aufleuchtenden, reimgeschmückten, prägnanten Vers eines Gedichtes.
Vitznau, 8. September 1900.
Ein unsicherer, windiger Tag, mit flüchtigen Sonnenblitzen. Ich fuhr Buochs
gegenüber am Bürgenstock hin. Jenseits glomm der See gegen das Ufer hin
unzähligemal in einer seltsamen, feinen, kühlen Farbenflucht auf, ganz wie
blanker Stahl im Verkühlen: rotblau, rotbraun, gelb, weiß. Von halber Höhe des
Bürgenstocks drang Geläute von Kuhglocken herab. Die schönen, welligen
Matten standen lichtgrün in den blassen Himmel und zeigten jenen unsäglichen,
traurig-kühlen herbstlichen Ton, den man nie entstehen sieht und der jedes Jahr
wieder in irgend einer Stunde plötzlich da ist und uns erinnert, wie uns der Name
eines lieben Toten erinnert — an den großen Wechsel, an die Unsicherheit des
Grundes, auf dem wir bauen, an den Tod, an die unzähligen mühsamen Wege,
die wir unnützerweise gegangen sind.
Ich ruderte aus, um die Tönungen der Wellen im Buochser See zu betrachten,
um mein Gedächtnis mit dem Bild einiger Farbenvermischungen, einiger
Lichtbrechungen, einiger Silbertöne zu bereichern. Ich ruderte aus, kühl, fröhlich
und elastisch, einen Reim im Ohr, einen Vers auf den Lippen, um die Schönheit
auf einigen mir noch fremden Wegen, in einigen neuen Spielen zu belauschen —
und endete damit, diese Herbstmatten zu finden, die ersten dieses Jahrs, diese
unabweislichen, zarten, traurigen Boten.
Ich wendete mich um und ließ das Auge lang auf dem bewegten, frischen
Wasser ruhen, ich beobachtete in der Luft gegen Brunnen und an der Wand des
Oberbauen einen einzelnen Sonnenstrahl; aber mein Gedanke verfolgte ihn nicht
mit seinem rastlosen, elastischen Eindringen. Nur mein Auge sah die
blaßgoldenen Reflexe zittern und verleuchten, mein Gedanke nahm nicht teil, er
verweilte hinter mir, über dem steilen Walde, auf jenen bleichgrünen Matten. —
Herbst!
Und ich besann mich, ob ich auf dem rechten Wege sei, ob mein rastloser
Lauf mich meinem Sterne nähere oder entführe, ob er mich jemals in geistige
Höhen führen könne, in welchen dieser Herbst und diese Traurigkeit mich nicht mehr würden berühren können.
Hier gab es in meinem Nachsinnen einen Moment, in welchem ich, hätte ich
es in meiner Macht gehabt, den ganzen Schleier des äußeren Lebens von mir
gelegt und alle Fäden der Lust, der Liebe, der Trauer, des Heimwehs und der
Erinnerung abgeschnitten hätte. Ein Höhepunkt, ein kurzes, ruhiges Atemholen
auf hohen Gipfeln: hinter mir alle Beziehungen des Menschlichen, vor mir die
leichte, kühle Weite der Schönheit des Absoluten, des Unpersönlichen. Ein
Augenblick — ein Atemzug!
Die Glockenlaute schwankten herab, ich schloß die Augen und sank und sank
von der Höhe. Eine schwere, körperhafte Trauer bekam Gewalt über mich. Ich
wollte entrinnen, mein Gedanke bäumte sich noch einmal wie ein mißhandeltes
Roß, aber ich unterlag. Und jene schwere, müde Traurigkeit überwältigte mich,
beugte mich tiefer und tiefer, löschte alle Sterne aus, quälte mich und feierte alle
schmachvollen Triumphe eines grausamen Siegers.
Klar und nahe, wie durch eine plötzlich zerrissene Hülle, lag der helle Garten
meiner frühesten Erinnerungen vor meinem Auge. Und meine Eltern. Und meine
Knabenzeit, meine ersten Liebeszeiten, meine Jugendfreundschaften. In dieser
bedrückten Stunde redeten sie alle eine so traurig-fremde, schöne Sprache, so
heimwehmachend und so ernsthaft fragend wie die Züge von Toten, denen wir
Tränen nicht getrocknet und Wohltaten nicht erwidert haben. Ich wies sie von
mir, und sie gingen, eine tote Gegenwart hinterlassend.
Zugleich mit dem lastenden, schwächenden Herbstgefühl stieg eine
peinigende Abschiedsstimmung in mir auf. Ich sah hinter den wenigen noch
freien, einsamen Ruhetagen die Stadt und das wiederbeginnende aufreibende
Leben auf mich warten, die vielen Menschen, die vielen Bücher, die unzähligen
Nötigungen zu Lüge, Selbstbetrug und Zeitverderb. Und plötzlich brannte meine
ganze Jugend in schmerzlicher Lebenslust in mir auf, ich warf mich in die
Ruder, kreuzte auf der großen Bucht umher, kehrte um den Vorsprung des
Bürgenstocks zurück, bis an die Matt, bis nach Weggis. Die notwendige
Ermüdung sättigte mich nicht, gierig und verzweifelnd erfüllte mich ein
klaffendes Ungenügen, eine Lust, alle Freiheit und Kraft meines Lebens in eine
einzige Stunde gedrängt jäh und lachend zu vergeuden. Der See war mir zu
schaal, die Berge zu grau, der Himmel zu niedrig. In Weggis nahm ich ein Bad
und schwamm in den See hinein, drängte mich mit beiden Armen in das Wasser,
tief atmend. Müde geworden legte ich mich auf den Rücken, ganz langsam
schwimmend, und hing mit wartenden Augen am Himmel, unbefriedigt,
überdrüssig. Ich hätte mein Leben für das Gefühl der Fülle und des Genusses
gegeben, nach dem ich dürstete.
Und dann schwamm ich zurück und bestieg das Boot wieder mit der ganzen dumpfen Trauer des Herbstes, des Abschieds und der inneren Ungewißheit.
Seither bin ich ruhiger geworden. Mein Prinzip hat gesiegt, ich genieße nun
diese Trauer und Hoffnungslosigkeit, wie ich mich gewöhnt habe, auch
schlechtes Wetter zu genießen. Sie hat ihre eigene Süßigkeit. Ich unterrede mich
mit ihr und spiele auf ihr, wie ein Sänger auf einer schwarzen in Moll
gestimmten Harfe spielt. Was will ich im Grunde anders von jedem Tag als eine
Stimmung, eine ihm eigentümliche Farbe, und, wenn es glückt, ein Lied?
Vitznau, 9. September 1900.
Als ich heute mit der Angelrute am Ufer saß, der nachklingenden gestrigen
Traurigkeit ergeben, trat mir plötzlich der Name Elisabeth auf die Lippen. Es
gelang mir, ihre Gestalt scharf und rein in mir heraufzubeschwören, so daß sie
mich aus meinem Traum wie aus einem tiefen Spiegel anblickte. Zugleich
empfand ich eine mächtige Sehnsucht nach der Lektüre der vita nuova, so daß
ich beinahe diesem herrischen Gelüste zulieb schon heute nach Basel
zurückgekehrt wäre.
Bölsche könnte an mir einen eklatanten Fall von Distanzliebe konstatieren.
Prüfe ich mich genau, so muß ich sagen, daß die Anziehungskraft, die Elisabeth
auf mich übt, vom ersten Augenblicke an auf einer einzigen frappanten
Profillinie beruhte, namentlich auf dem raffiniert eleganten Kontur des Halses
und des Kinns im Profil. Aber — was ist an meinem Fall am Ende besonderes,
da erwiesenermaßen schon eine Frisur, ja schon ein Kleid, ein Gürtel, ein Band
diese Wirkung üben kann.
Ich besitze die Schönheit meiner Liebe in dieser Linie, wie man ein
Meisterbild nach reichlicher Anschauung besitzt, so daß es nur an dem
jeweiligen Versagen der Vorstellungskraft liegt, wenn ich noch nach ihrer
körperlichen Gegenwart verlange. Und doch — ich tue Unrecht, meine Liebe,
das arme Schoßkind, so formal zu deuten. Wie oft habe ich doch gewünscht, ihre
feine Hand zärtlich zu berühren, sie zum Plaudern zu bringen, lang in ihre
Augen zu sehen! In diese Gedanken und Begierden spielen schon alle
unfaßbaren Reflexe der jenseitigen Schönheit herein. Sobald meine Skepsis
einen Augenblick schläft, höre ich doch in meiner Liebe die Engel singen und
Paradieserinnerungen an die Pforte meiner Seele pochen. Und sie selbst, meine
Seele, leidet lächelnd unter allen Rohheiten und Vergewaltigungen des
herrschsüchtigen Gedankens. Sie schläft unter dunklen Schleiern, schläft und
träumt vielleicht von den innersten Geheimnissen jener Welt, an deren Toren
mein bewußtes Leben in seinen höchsten Momenten noch beklommen stehen
bleibt.
Und diese meine Seele erzählt mir in wohllaut-fremder Sprache von einer seligen Heimat, deren wir beide, Elisabeth und ich, verlaufene Kinder und
verirrte Bürger sind. Wie ein fremdartig süßer Duft, wie Takte einer niegehörten,
dennoch traumbekannten Melodie — wie Antwort auf nie gefragte, dennoch
wohlgefühlte Fragen.
O diese Seele, dieses schöne, dunkle, heimatliche, gefährliche Meer! Während
ich ihre schillernde Oberfläche unermüdlich prüfe, liebkose, befrage und
bestürme, spült sie zuweilen immer wieder wie zum Hohn ein fremdfarbiges
Rätsel aus bodenloser Tiefe vor mir aus, Muscheln, die von unermeßlichen,
fremden Räumen reden, wie ein Stück uralten Schmuckes vereinzelte, unsichere
Ahnungen einer versunkenen Vorzeit beschwört.
Dort liegt vielleicht auch meine Kunst, dort schläft vielleicht mein Lied, das
heiße, stolze Lied mit den stürmenden, bacchischen Takten, während ich auf
unfruchtbaren Feldern Kraft und Jugend vergeude. O, fände ich jene
Stimmungen wieder, die in vergangenen Jahren mir jede Frühlingsnacht so reich
und üppig gab, jenen schwärmerisch maßlosen Herzschlag, jenes satte
Verlorensein an die Phantasie und an das erregte Klingen des eigenen Blutes!
Vitznau, 10. September 1900.
Ich kannte heute kaum die Menschen mehr, die seit acht Tagen neben mir zu
Tische sitzen. Als wären seit gestern zehn Jahre vergangen. Meine Bücher, mein
Zimmer, mein Angelzeug, meine Kleider, meine eigene Hand — alles fremd,
alles mir nicht zugehörig, alles mich mit seiner unerwarteten Gegenwart
bedrückend.
O diese Nacht! Zehn Stunden ohne Schlaf, jede Minute ein Kampf meiner
unterdrückten Seele mit dem grausamen, gewaltherrischen Gedanken, ein Kampf
mit Zähneknirschen und Schluchzen, ein Ringen ohne Waffen, Brust an Brust,
mit allen Listen und Grausamkeiten der Verzweiflung. Alle Dämme und
Grenzen, die ich meinem inneren Leben gezogen hatte, alle mühsam
vorbereiteten Saaten, alle gelegten Grundsteine sind in diesen Stunden zertreten
und vernichtet worden. Mir ist es noch wie ein Traum.
Nach einem schweren, traurigmüden Abend — es war ein Sonnenuntergang,
wie ich nie einen gesehen — legte ich mich früh zu Bette. Vor meinem Fenster
dampfte der See und schlug mit feinen, regelmäßigen Wellen an die Mauern. Ich
sah vom Bett aus die Hammetschwand in den bleichen Himmel stechen. Da
begann ich zu fühlen, daß die Stunde eines lang verschobenen Kampfes
unerbittlich gekommen war, daß alles Unterdrückte, an Ketten Gelegte,
Halbgebändigte in mir erbittert und drohend an den Fesseln zerrte. Alle
wichtigen Augenblicke meines Lebens, in denen ich meiner Bestimmung einen
neuen, engeren Kreis gezogen, in denen ich dem Gefühl des Ewigen, dem naiven Instinkt, dem eingeborenen, unbewußten Leben ein Feld entzogen hatte, traten in
voller, feindseliger Schar vor mein Gedächtnis. Vor ihrem Andrängen begannen
alle Throne und Säulen zu zittern. Und nun wußte ich plötzlich, daß nichts mehr
zu retten wäre; freigelassen taumelte die ganze untere Welt in mir hervor,
zerbrach und verhöhnte die weißen Tempel und kühlen Lieblingsbilder. Und
dennoch fühlte ich diese verzweifelten Empörer und Bilderstürmer mir
verwandt, sie trugen Züge meiner liebsten Erinnerungen und Kindertage.
Zugleich mit diesem Wiedererkennen drang ein scharfer Schmerz todesbitter
durch mein innerstes Wesen, der mich in verzerrten, zwiespältigen Gefühlen
marterte und aufrieb, lang, stundenlang, bis ich wurde wie ein gequältes,
ratloses, verängstetes Kind. Ein Schluchzen überfiel mich, ein Schluchzen ohne
Tränen, unsäglich bitter, zuckend und verzweifelnd.
Genug, genug! Die Nacht ist um; ich weiß, daß eine so entsetzliche nicht
wiederkommen kann. Ich spüre keinen Schmerz mehr, nur eine träge
Erschlaffung und ein Gefühl, ein müdes, rätselhaftes, unsicher schmerzendes, als
wäre mir im Innern etwas gesprungen, ein Nerv zerrissen, ein Keim geknickt.
Und ich glaube — . . . . Nein, nein!
Und dennoch: ich glaube nicht, ich fühle, ich weiß mit unabänderlicher
Gewißheit — das ist meine Jugend, das ist meine Hoffnung, das ist mein Bestes
und Heiligstes, dessen abgeknickte Ranke ich wie etwas Fremdes, Störendes in
mir spüre. Herbst.
Es leidet mich nicht länger hier. Morgen will ich in die Stadt zurück. Dieser
melancholisch stille See mit den bleichen Herbstmatten, diese kühlen Berge und
dieser kühle Himmel ängstigen mich. Der mitgebrachte Plato liegt auf dem
Tisch. Elende Scharteke! Was ist mir Plato? Ich muß Menschen sehen, Wagen
fahren hören, neue Bücher und Zeitungen aufschneiden und den frischen,
unreifen Duft des schnellen Lebens atmen, auch sehne ich mich danach, Nächte
in kleinen Weinschenken zu verbringen, mit gemeinen Mädchen gemeine
Gespräche zu führen, Billard zu spielen und tausend Nichtigkeiten zu treiben,
die ich mir selber als tausend Gründe dieses Jammergefühls aufzählen kann, das
ich ohne Gründe und ohne Betäubung nicht länger ertrage. Es muß noch
Genüsse geben, die mir unbekannt geblieben sind, es muß noch Reize geben, auf
die meine Nerven heftig reagieren, noch rare Bücher, die mir Freude machen
können, noch irgend eine neue, raffinierte Musik.
Ich werde es nicht vergessen, mein Leben lang nicht. O diese Nacht! Ich
werde in jeder schlaflosen Nacht an der Erinnerung dieser Qualen leiden, sie
werden aus jedem Genuß, aus jeder Reizung wie verborgene böse Geister
hervorblicken, alle Grenzen von Wohl und Weh verwischend und alle
Empfindungen auflösend in jenes stachelnde, giftig süße, schmerzlich ermüdende Gefühl, das mich nie so wie in dieser Nacht gepeinigt hat. Das Presto
jener unheimlichen B-Moll-Sonate von Chopin hat etwas davon — es ist einem
dabei, als würden feine, feine bloßliegende Nerven streichelnd berührt.
Prickelndes Wehgefühl, leiser süßer Schmerz — aber ein Takt zu viel und man
fällt in alle Foltern einer verzweifelten, raffinierten Traurigkeit, die bis zum
heftigen körperlichen Schmerz zu steigen vermag.
Elisabeth — . . . . .
Ziehen wir das Fazit! Mir bleibt bei leidlich jungen Jahren der noch
respektabel konservierte Rest einer ehemals recht ansehnlichen Phantasie, eine
gewisse, wenn schon etwas abgenützte Fähigkeit zum Genießen und Arrangieren
schillernder Stimmungen, sowie ein kleiner Fonds von „Seele“, der bei
vorsichtigem Gebrauch eventuell noch eine und die andere Liebe leichteren
Genres zu inszenieren und zu überdauern vermag. Rechnen wir dazu eine durch
lange Gewohnheit erworbene Fertigkeit im Tragisch-Idealischen und in der
souverän duldenden Pose, so muß ich mir selbst zu so schönen dichterischen
Fähigkeiten gratulieren und habe keinen Grund, um meine Zukunft als Autor
besorgt zu sein. Ich werde Niels Lyhne nicht ohne persönliche Note imitieren
und die sublimsten Wiener in Ekstasen übertreffen. Das heißt auf deutsch: Pfui
Teufel! Aber wozu habe ich Neudeutsch und Wienerisch gelernt?
Basel, 16. September 1900.
Schon wieder genug und übersatt! Ich hatte mich auf meine Bücher gestürzt,
die Pausen der vita nuova-Lektüre mit E. T. A. Hoffmann und Heine gefüllt, in
müden Stunden zwischen den preziösen George und den lyrischen Hofmannsthal
ein Kapitel Jakob Böhme eingeflochten. Übrigens Respekt vor meinem
Antiquar! Er hat mir den unvergleichlichen 1730er Böhme verschafft, ed.
Ueberfeld, mit angefügten Kupfern. Wenn nur der „Gottselige Hocherleuchtete
Teutonicus Philosophus“ mit seiner ganzen Theosophia revelata etwas amüsanter
wäre! Es sind Kapitel von besonderem Reiz vorhanden, aber man muß sparsam
lesen, um der Sprache die fremde Tonart zu lassen. Den Spruch von der Galle,
den ich heute bei ihm gelesen, will ich mir doch notieren: „Siehe, ein Mensch
hat in sich eine Galle, das ist Gift, und kann ohne die Galle nicht leben, denn die
Galle macht die siderischen Geister beweglich, freudenreich, triumphierend oder
lachend, denn sie ist ein Quell der Freuden. So sie sich aber in einem Element
entzündet, so verderbt sie den ganzen Menschen, denn der Zorn in den
siderischen Geistern kommt von der Galle.“ Und dann: „Eben einen solchen
Quell hat auch die Freude, und auch aus derselben Substanz wie der Zorn. Das
ist, wenn sich die Galle in der liebhabenden oder süßen Qualität entzündet, in
dem, was dem Menschen lieb ist, so zittert der ganze Leib vor Freuden, in welchem manchmal die siderischen Geister auch angesteckt werden, wenn sich
die Galle zu sehr erhebt und in der süßen Qualität entzündet.“
Vor wenig mehr als zwanzig Jahren machte ich als kleiner, blonder Knabe den
ersten Leseversuch. Mein Vater fand mich über ein Buch gebückt und nannte mir
einige Lettern. Dann aber schloß er das Buch und erzählte mir nach seiner
klugen, liebreichen Art von der großen Welt der Buchstaben und Bücher, die
sich mir mit dem A-B-C erschließen würde und zu deren Kenntnis das längste
Leben des fleißigsten Lesers nicht zum tausendsten Teil genüge. Er selber war
damals schon über Büchern fast grau geworden und trug die Werte unzähliger
Bände hinter seiner hohen, scharfen, allzu oft schmerzenden Stirn gespeichert.
Zwanzig Jahre! Ich habe seither ein tüchtiges Stück dieser Buchstabenwelt
umgeackert und manchen fast verschollenen Schmöker hervorgekramt und
umgeblättert. Und jetzt — die wenigen überragenden Worte, die noch Gewalt
über mich haben, würden keine zehn Bände füllen. Es gibt noch eine Zahl von
seltenen alten Schriften, nach denen ich Verlangen habe und deren jede mich,
wenn sie in meine Hände fällt, neugierig zu machen und zu erregen vermag —
und dann ist es wie mit dem gefangenen Schmetterling: die Lust ist gebüßt, das
seltene Exemplar hat einen Augenblick den erfreuenden Glanz gehabt, und übrig
bleibt — ein Büchertitel und eine Lücke im Register der noch zu erhoffenden
Befriedigungen.
Basel, ohne Datum.
Ich wartete gestern abends am Kasino, um das Publikum aus dem Konzertsaal
kommen zu sehen. Es war kalt und regnete. Dann quoll die Menschenmasse
heraus. Und auf der Treppe von den Balkonsitzen tauchte plötzlich zwischen
bekannten Gesichtern das Gesicht Elisabeths hervor. Sie stieg langsam herab und
verschwand mit ihren Begleitern in der Menge. Diese Minute, in welcher die
ganze schöne Gestalt auf der beleuchteten Treppe warm und fröhlich heraustrat,
gab mir eine eigentümliche Stimmung. Ganz wie in schönen antiquierten
Romanen war ich der traurige Liebhaber, der vor erleuchtetem Festsaal in der
Regennacht steht und seine Dame geschmückt und scherzend mit begünstigten
Begleitern vorüberschreiten sieht. Sein Hut ist tief in die schmerzende Stirn
gedrückt, sein grauer Mantel flattert im Wind. Sein Auge blickt Verachtung, aber
auf den schmerzlich verzogenen Lippen liegt Liebesweh und zehrende Trauer. Er
wendet sich ab, lüftet den Hut, streicht mit der heißen Hand über die heiße Stirn
und das regennasse Haar und verschwindet in den Nebeln der unwirtlichen
Regennacht.
Und zwar zu Frau Buser in die Fischerstube. Diese brachte mir in zahlreichen
Bechern die „süße Qualität“ herbei, nachdem die Reaktion der Galle auf die „liebhabende Qualität“ den guten Böhme Lügen gestraft hatte. Ich hatte dort ein
langes Gespräch mit Hesse, der mich natürlich wieder nörgelte und zwickte, bis
ich grob wurde. Dann war er zufrieden, ich auch, und am Ende führte mich der
Gute durch alle Fährlichkeiten wankender Häuserreihen und walzertanzender
Gaslaternen meinen Penaten zu.
Basel, ohne Datum.
Wenn sich mein Jugendfreund Elenderle nicht in jener ärgerlichen Nacht im
Tübinger „Walfisch“ erschossen hätte, würde ich ihn zur Aufnahme in unsern
famosen Klub vorschlagen. Wir haben nämlich zu dreien einen „Klub der
Entgleisten“ gegründet. Drei Mitglieder ist wenig, aber die Stadt Basel vermag
in dieser Branche nicht mehr.
Basel, ohne Datum.
Hesse will mir einen Artikel über Tieck abjagen, den er doch besser kennen
müßte als ich. Dabei fiel mir plötzlich die fabelhafte Ähnlichkeit auf, die
zwischen jenem Märchendichter und mir besteht. Bei uns beiden dieselben
sensibeln Nerven, derselbe Mangel an Plastik, derselbe Zug zum Flüchtigsten,
Oberflächlichsten, zum Schillernden, Flackernden und Unfesten, dieselbe
launenhaft bewegte Phantasie, dieselbe Verwandtschaft mit der Musik, dieselbe
Tendenz zur Auflösung der Prinzipien, zur künstlerischen Ironie.
Basel, ohne Datum.
Ah! ce n’est point gai tous les jours, la bohème!
Basel, ohne Datum.
Das Weintrinken wird auch nicht lange vorhalten. Ich sitze zuweilen in der
Wolfsschlucht, trinke Hallauer und blättere in Böhmes „Weg zu Christo“, wobei
mir zuweilen die eigentliche Ruchlosigkeit dieser Lektüre für Augenblicke einen
leisen Reiz gewährt. „Ich will dich aber gewarnet haben,“ sagt der Theosophus,
„ist dirs nicht ein Ernst, so laß die teuern Namen Gottes, daß sie dir nicht den
Zorn Gottes in deiner Seele entzünden.“ Und später: „Bist du nicht in ernstem
Vorsatze, auf dem Wege zur neuen Wiedergeburt, so laß die obgeschriebenen
Worte im Gebete ungenannt, oder sie werden dir in dir zum Gerichte Gottes
werden.“
Der fromme Weise hat recht. Seine Worte machen mich unheiligen Leser
traurig und „wirken Verzweiflung“, denn jedes von ihnen besitzt jene Kraft und
ewige Jugend der Begeisterung und des Glaubens, deren Anblick mich mit Neid
und Heimweh erfüllt.
Basel, ohne Datum.
Ich will verreisen. Mir träumte diese Nacht von meiner Jugend, als wohne sie
irgendwo verzaubert in einem fernen Lande zwischen grünen Bergen. Auch war
mir, als spielte eine schöne, wohlbekannte Frau auf dem Veilchenstraußflügel die
Nocturne in Es-Dur von Chopin, jenes Lied, das nur Heimweh- und
Flügelkranke ganz verstehen, mit seinen zarten, durch ein geheimes Leiden
vergeistigten Takten. Ich holte meine vergessene und verstaubte Geige hervor
und rief die zärtlich scheue Melodie mit leisem Striche wach, und aus dem alten,
braunen Instrument sang meine verlorene Jugend in heimlichen Untertönen mit.