Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 17 von 27

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Hermann Lauscher

Die vierte Nacht.

zu reden. Dann werden wir auch an heute denken und dieses traurige Heute wird

uns wunderbar fern und lieb erscheinen wie eine ferne kleine Jugend. Und

vielleicht wird dann aus diesem ferngewordenen, von Erinnerung verklärten

Heute unser Lied aufsteigen. Unser Lied!

Das Lied wäre dann ein weiches, duftiges Bild voll Zauber und Seele, aus

dessen dunkeltönigem Grund unsere Gestalten weich wie ein Traum mit

schwebenden Konturen hervortauchten, der schlaflose Dichter mit der in die

heiße Hand gestützten regen Stirn und an seine Schulter gelehnt der schöne,

müde Blondkopf seiner knieenden Muse. Und dieses eine, zarte Bild würde

allein übrig bleiben von meinem rastlosen Leben; lang nach meinem Tode noch

würden spätgeborene Freunde es betrachten und lieben. „Der arme Dichter!“

würden sie sagen und doch den armen Dichter um sein einziges unsterbliches

Bild und um seine blonde, unbeschreibliche, knieende Muse beneiden.

Du lächelst wieder? Küsse mich, meine blonde Muse! Küsse mich und verzeih

mir und dir um unseres Liedes willen alle Qual und allen Jugendraub, den wir

aneinander begangen haben!

 

* *

*

 

Die vierte Nacht.

 

Warum willst du die alte Geschichte wieder hören? Ich hatte sie selbst fast

vergessen und das wäre für mich und für die Geschichte das beste gewesen.

— Der verstorbene Dichter Hermann Lauscher lebte noch und wanderte in

den alten Straßen der Stadt Bern umher. Es war ein Tag im November, windig

und regendrohend. Der vereinsamte Dichter genoß in vollen Zügen die ihm

liebgewordene Stimmung, sich heimatlos am fremden Orte umzutreiben. Die

alten dunkeln Straßen mit den festen, burgartigen Häusern, vorspringenden

Kellerhälsen und finster traulichen Arkaden reizten in dem kranken

Dichtergemüt jene bittere Stimmung aufs höchste, dazu kam die unwirtliche

Rauheit des Tages, so daß der arme Heimatlose härter als je den Zwiespalt seiner

krankhaft reizbaren Seele und an den Erinnerungen seines unsteten, zerrissenen

und fruchtlosen Lebens litt. Wie er mir nachher erzählte, spielte seine Phantasie

beim Anblick dieser dunkeln, engen Arkaden in melancholischer Laune mit

hundert eingebildeten Möglichkeiten. Er dachte sich einen lang entbehrten

Freund, eine verlorene Geliebte, an deren Begegnung die wichtigste und seligste

Entscheidung seines Glückes hinge, in derselben Straße wandeln, zehn Schritte von ihm, von den Schatten der nächsten Arkade verborgen. Ein Augenblick

vielleicht, in welchem die nahe Gestalt sichtbar ward, ja vielleicht herüberblickte

— aber eben in diesem einen Augenblick hat er sich abgewendet und hat mit

dieser kleinen, zufälligen Bewegung Augenblick und Zukunft verscherzt.

Er erschrak, als ich ihn plötzlich auf die Schulter klopfte, und in dieser

Sekunde sah ich in seinen Augen zum erstenmal den flackernden, traurigen

Glanz des Irrsinns zucken. Wir gingen nun zusammen durch die Straßen,

erstiegen den Münsterturm, weideten uns am Anblick der prachtvollen Gobelins

im historischen Museum, aßen in einem Wirtshause tief unter der großen

Aarebrücke gebackene Forellen und strandeten nach einer zweiten Wanderung

im Keller des Kornhauses.

Du weißt, der arme Lauscher war in jener letzten Zeit seines unglücklichen

Lebens ein starker Weinzecher, und so saßen wir bald bei der zweiten und dritten

Flasche. Es war der schäumige Neuenburger, den ich schlecht ertrage, so daß ich

bald mit schwerem Kopf ihn ganz in seinen launisch wirren Reden gewähren

ließ. Er kam auf jene Arkadenphantasie zu sprechen. Ich lachte ihn aus und

rühmte mich, jenen wichtigen Augenblick erfaßt und ihn, den ich in Bern gewiß

nicht zu treffen hoffte, gefunden zu haben. Er lächelte rauh und sagte: „Kein

Beweis, mein Guter! Das Unglück trifft man überall. Aber weißt du denn, ob

nicht eben in dem Moment, wo du mich so derb aus meinen Gedanken rissest, ob

nicht eben in diesem Moment jemand hinter uns vorüberging, den du seit Jahren

suchst und den du in Jahren nicht wieder treffen wirst?“ Mir wurde sonderbar zu

Mut. „An wen denkst du denn dabei?“ fragte ich fast schüchtern. Er lachte. „Ei,“

sagte er dann, „ich denke an niemand besonders. Es ist ja nur eine Hypothese.

Aber es hätte ja zum Beispiel eine gewisse blonde Maria sein können.“

Ich kann dir nicht sagen, wie bei diesem Namen mein Herz in Grauen und

Liebe den Takt verlor. „Woher weißt du?“ fragte ich Lauschern heftig, „ich habe

nie einem Menschen von Maria erzählt und glaubte, ich selbst hätte sie und ihren

Namen vergessen. Kennst du sie? Lebt sie noch? Ist sie hier in Bern?“

Lauscher lachte wieder und steckte sich eine neue Zigarre an. „Ob sie noch

lebt,“ sagte er, „weiß ich nicht. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht

wiedergesehen.“

„Wann war das?“ fragte ich atemlos.

„Hab ich dirs nie erzählt?“ sagte er und nahm einen starken Schluck. „Sie war

so schön! Sie saß mit mir auf einer grünen Bank im Veilchengarten, die

Nachtigall sang zum erstenmal im Jahr. Wir lasen zusammen in einem großen

Buch —“

„Halt ein,“ rief ich totblaß, „halt ein oder ich bringe dich um! Das war ja ich,

das war ich, der mit Maria auf der grünen Bank saß, und das Buch —“