Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 15 von 27

PDF-Seiten

Hermann Lauscher

Die zweite Nacht.

Hab ich dich traurig gemacht? Verzeih’ mir, Maria! Ich wollte es nicht tun, ich

wollte dir keinen Vorwurf machen. Ich wollte dich nur fragen, ob du noch an

jenen fernen warmen Frühlingsabend denkst. Ich wollte nur dich erinnern, dich

fragen und dein Kopfnicken wiedersehen, die träumerisch graziöse Bewegung,

die schon damals mein knabenhaftes Herz entzückte. Denk’ dir, der Abend wäre

heute wieder! Du brauchst nur die Augen zu schließen, zu lächeln und deine

Hand auf meine Hand zu legen. Hörst du nicht den großen Ahorn rauschen?

Siehst du nicht das Veilchenbeet und die Taxushecken? Hörst du nicht ein feines

knisterndes Wiegen? Ein großes helles Ahornblatt wankt hoch oben vom Zweig

und dreht sich leise durch die warme Luft herab, ganz wie damals, ganz wie

damals. —

 

* *

*

 

O Maria! Warum hast du die Augen aufgemacht? Und siehst mich so traurig,

bitter und erschrocken an! Der Traum ist hin.

Und das große Ahornblatt dreht sich in der Luft und sinkt und fällt, und liegt

auf dem Sims meines Fensters. Es ist welk, ich hör’s am Fallen, und wende das

Gesicht zur Seite. Draußen ist Regen, Stille und Mitternacht.

 

* *

*

 

Die zweite Nacht.

 

Du bist heute schweigsam, meine schöne Muse! Komm, spiel mit mir, die Nacht

ist so lang! Was spielen wir?

Meine Muse schweigt, nimmt meinen Arm und steigt mit mir in unser

schneeweißes Nachtschloß, die breite fürstliche Treppe empor, an den

geduldigen steinernen Löwen vorbei, durch die offenen halbbögigen Torflügel,

über die schwarzweißen Samtfelder der Flurteppiche und die geschwungene

massive Treppe hinan. Sie führt mich an den Drachenleuchtern vorbei in den

großen Flügelsaal, wo unser Brunnen zwischen den glänzenden Porphyrsäulen

so kühl und weltverloren in seine tiefe Bronzemuschel rauscht. Wir sitzen vor

der dunklen tönenden Schale nieder, durch die offenen Fensterbogen blendet das

weiße Mondlicht herein und verzittert auf dem sich kräuselnden Wasser in

bleichen, zerrinnenden Silberlinien. Gegenüber, jenseits des Brunnens, glänzt auf

der geräumigen Dreieckfläche einer schwarzen Pyramide die smaragdene Tafel des Hermes Trismegistus.

„Wir hätten sie weglassen sollen,“ sagt meine Muse.

Du hast recht. Sie ängstigt nur.

„Und doch haben wir sie in so vielen unvergeßlichen Mondnächten zusammen

gelesen.“

Freilich — damals.

„Damals! Du mußt das nicht so tragisch sagen.“

Aber doch, — damals.

„Nein! Das macht traurig.“

Möchtest du lustig sein?

„Man kann es nicht in diesem Saal.“

Nicht? Wir waren’s doch, es ist nicht lange her.

„Er wird mir langweilig. Diese Säulen sind so plump, und immer dieses

Brunnengeräusch, und dieser ewige Delphin.“

Wir müssen einen andern Saal bauen. Beim Schilfsee, oder über dem

Platanenwald. Einen roten Saal. —

„Rot?“

Meinst du nicht?

„Nun, also rot. Und dann lassen wir die Wände mit goldenen Palmenreliefs

schmücken, und dann tanzen wir dort nach einer Mozartmusik Gavotte und

sehen von den hohen Fenstern auf den schwarzen Wald. Und dann werden wir

traurig, kehren in den alten Porphyrsaal zurück und hören dem Brunnen zu.

Eigentlich haben wir das schon jetzt. Wir hätten dann zwei Säle, in denen wir

traurig sein können.“

Dann ist es besser, hier zu bleiben.

„Und traurig zu sein.“

Was fehlt dir nur?

„Ich weiß nicht. — Schenk mir was!“

Was du haben willst. Soll ich dir das Salzfaß des Cellini schenken?

„Das mit dem Neptun? Nein, nein.“

Oder einen Garten? Ich weiß einen, auf den borromäischen Inseln —

„Ich weiß schon. Was soll er mir?“

Oder ich könnte dich malen lassen. Nicht in der Weise, wie dich Rossetti

gemalt hat. In deinem Narzissenkleid, als Flora — ich weiß einen Maler, einen

Franzosen —

„Oder Spanier, oder Russen. Nein, nein.“

Dann schenk ich dir eine Harfe. Es gibt eine zedernholzene, dreifüßige, aus

den Schatzkammern des —

„Ich will keine Harfe.“