Hermann Lauscher

Hermann Hesse · Kapitel 20 von 27

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Hermann Lauscher

Die siebente Nacht.

mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung und Liebe

schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!

 

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Die siebente Nacht.

 

Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir

erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern

— lauter Liebesgeschichten?

Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere,

wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche mich

mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und

schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,

Elise, Lilia — die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt ich nicht

solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte mich. Eleonor!

Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und feindselig zugleich.

Ach, ich werde einmal von ihr singen —: Abend, Spätsommer, tiefsammetblau,

Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in der Spätrosenlaube, ich und

Eleonor, selig elend, eins des andern innersten Mangel kennend. Eleonor!

Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, tragisch hohen Stils, mit großen

Gebärden und in jedem Blick schon unverhüllt der Anfang vom Ende! Und

nahmen Abschied in einer wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten

falben Rosen und rotem Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe

der Leidenschaft aus zerspringenden Gläsern in die Nacht.

Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben

weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen einer

kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist,

gelebt zu werden. — Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! Sie liebten

mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in großen gütigen

Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und Eine davon

verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie nicht mit

Umarmungen zu stillen wäre.

Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als den

Schmerz oder die Schönheit eines Liedes — es ist ja nur ein Lied! Daß einer

liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe verzichtet

und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und Traum in den Kreis der Sterne erhebt — wie sollten sie es auch verstehen? Sie wissen ja nicht, was

Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem Fluß der Zeit, und fallen

zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit irgend einem Faden an die

Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder Dichter sein Leben lang, oft

halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen einer Beatrice dichtet.

Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom trüben Fluß der Tage,

schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod — wo sollten wir mit

unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild des Ewigen suchen,

wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es dieselben sind, an

denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, traurige Auge des

Dulders Odysseus hing.

O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen! Siehst

du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes körperloses Leben

in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du schon die Nacht, in der

ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser, ruhiger; die Nacht, in der die

letzten verzweifelten Flammen hinter dieser Stirn verglüht sein werden?

Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät

mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia und

Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte es nicht

aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen dantesken Zügen

zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz unter der Blutbuche,

und es waren deine Augen, aus denen ich in jener schwülen Spätsommernacht so

viel Liebe und Elend las.

Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir

den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge jener

Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes halbe

Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben — und dahinter die spöttisch

traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?

Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen

Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen

antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst sogar,

wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch dich in mein

Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst sogar und fragst

zuletzt: Soll ich fortgehen?

Du weißt: Er sagt nicht Ja.

 

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