Hermann Lauscher
Die siebente Nacht.
mich in ihre goldig roten Schatten. O jene süße, von Dichtung und Liebe
schüchtern berührte Stunde! Ich danke dir, meine Muse!
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Die siebente Nacht.
Frag nicht so viel! Von der Blutbuchenbank im Park von B . . . soll ich dir
erzählen? Und von der toten Elise? Und wieder von Maria, und von den andern
— lauter Liebesgeschichten?
Es sind so viele! Frauen, die mich liebten, und andere Frauen, schönere,
wunderbarere, geliebtere, die mich nicht liebten. Ich weiß nicht, welche mich
mehr gequält haben. Jene drei Sterne erster Größe, die so hell und
schwärmerisch am Himmel meiner Jugend und meiner Dichtung stehen: Maria,
Elise, Lilia — die haben mich nicht geliebt. Von allen dreien aber litt ich nicht
solche Qual wie von der Einen, wilden Eleonor, und diese liebte mich. Eleonor!
Schon der Name! Fürstlich, schön, kühl, übermütig, süß und feindselig zugleich.
Ach, ich werde einmal von ihr singen —: Abend, Spätsommer, tiefsammetblau,
Sterne fallen aus der warmen Höhe. Wir beide in der Spätrosenlaube, ich und
Eleonor, selig elend, eins des andern innersten Mangel kennend. Eleonor!
Vorwissend spielten wir unsre Liebe zu Ende, tragisch hohen Stils, mit großen
Gebärden und in jedem Blick schon unverhüllt der Anfang vom Ende! Und
nahmen Abschied in einer wetterleuchtenden Spätsommernacht zwischen letzten
falben Rosen und rotem Weinlaub, lachend-leidend, und gossen die herbe Hefe
der Leidenschaft aus zerspringenden Gläsern in die Nacht.
Ich will nicht mehr davon erzählen. Es ist seit jener Nacht, daß ich vom Leben
weiß, daß es ist wie die Bewegung eines Schläfers, wie das Aufstehen einer
kleinen Woge, wie das Lallen eines Halbwachen, und daß es kaum wert ist,
gelebt zu werden. — Laß mich lieber von jenen andern Frauen reden! Sie liebten
mich nicht, sie hatten für mich nur jenes Mitleid, das in großen gütigen
Frauenaugen so unerträglich schön und grausam aussieht. Und Eine davon
verstand auch die Schönheit meiner Liebe und begriff, daß sie nicht mit
Umarmungen zu stillen wäre.
Dichterliebe! Du weißt, die Menschen achten sie nicht hoch, so wenig als den
Schmerz oder die Schönheit eines Liedes — es ist ja nur ein Lied! Daß einer
liebt und vom ersten Tag seiner Liebe an auf den Genuß dieser Liebe verzichtet
und sie, ihm selbst unerreichbar, bekränzt zu Sehnsucht und Traum in den Kreis der Sterne erhebt — wie sollten sie es auch verstehen? Sie wissen ja nicht, was
Leben ist. Sie steigen wie kleine Wellen aus dem Fluß der Zeit, und fallen
zurück, und haben nie gewünscht, ihr Dasein mit irgend einem Faden an die
Ewigkeit zu knüpfen. Sie wissen nicht, daß jeder Dichter sein Leben lang, oft
halbbewußt, an den unsinnlich schönen Zügen einer Beatrice dichtet.
Heraufgespült und rasch stromab getrieben vom trüben Fluß der Tage,
schiffbrüchig schwimmend zwischen Geburt und Tod — wo sollten wir mit
unsern sehnsüchtigen Blicken das in uns gespiegelte Bild des Ewigen suchen,
wenn nicht in den Sternen? Von ihnen wissen wir, daß es dieselben sind, an
denen schon in heimatlos durchirrten Nächten das kluge, traurige Auge des
Dulders Odysseus hing.
O meine Muse, laß nicht die schönen Augen so mitleidig auf mir ruhen! Siehst
du, wie hinter dieser wachen, blassen Stirn ein unbegriffenes körperloses Leben
in fruchtlos aufzuckenden Flammen verlodert? Siehst du schon die Nacht, in der
ich so wie jetzt vor dir liegen werde, nur blasser, ruhiger; die Nacht, in der die
letzten verzweifelten Flammen hinter dieser Stirn verglüht sein werden?
Doch nein! Daran denkst du nicht. Ich verstehe dich nun. Dein Blick verrät
mir: du weißt, daß du meine letzte Liebe bist. Daß du Maria, Elise, Lilia und
Eleonor hießest. Daß du Beatrice bist! Ich wußte es längst und brauchte es nicht
aus der florentinischen Schlankheit deiner Glieder, aus deinen dantesken Zügen
zu lesen. Vor deiner süßen Nähe zitterte mein Knabenherz unter der Blutbuche,
und es waren deine Augen, aus denen ich in jener schwülen Spätsommernacht so
viel Liebe und Elend las.
Und dein Blick verrät mir: du weißt, daß ich dein eigen bin und daß du mir
den Fuß auf den Nacken setzen darfst. Das ist der Mitleidblick im Auge jener
Frauen, vor denen eine edelgeborene Mannheit auf Knien liegt, jenes halbe
Herneigen, jene Lust einen Sklaven zu haben — und dahinter die spöttisch
traurige Frage: Ist das Alles? Ist das die Liebe?
Wende diesen Blick von mir! Ich ertrage ihn nicht, mit seiner verborgenen
Frage, mit seiner traurigen Grausamkeit. O wie könnte ich dir mit Vorwürfen
antworten! Aber ich kenne dich. Du hörst mich an, du lächelst, nickst sogar,
wenn ich dich der Bitterkeit und des Bruches erinnere, die durch dich in mein
Leben gekommen sind. Du hörst mich an, du lächelst, du nickst sogar und fragst
zuletzt: Soll ich fortgehen?
Du weißt: Er sagt nicht Ja.
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