Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 8 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Achte Szene

Neugebauer. Ich werde nachforschen, und wenn es sein müßte, bis

Mitternacht. (Ab.)

Hans Karl (vor sich). Was ich nur an mir habe, daß alle Menschen so tentiert

sind, mir eine Lektion zu erteilen, und daß ich nie ganz bestimmt weiß, ob sie

nicht das Recht dazu haben.

 

A c h t e S z e n e

 

Stani (steht in der Mitteltür, im Frack). Pardon, nur um dir guten Abend zu sagen,

Onkel Kari, wenn man dich nicht stört.

Hans Karl (war nach rechts gegangen, bleibt jedoch stehen). Aber gar nicht. (Bietet ihm Platz

an und eine Zigarette) .

Stani (nimmt die Zigarette). Aber natürlich chipotierts dich, wenn man

unangemeldet hereinkommt. Darin bist du ganz wie ich. Ich hass' es auch, wenn

man mir die Tür einrennt. Ich will immer zuerst meine Ideen ein bißl ordnen.

Hans Karl. Ich bitte, genier' dich nicht, du bist doch zu Hause.

Stani. Oh pardon, ich bin bei dir ...

Hans Karl. Setz dich doch.

Stani. Nein wirklich, ich hätte nie gewagt, wenn ich nicht so deutlich die

krähende Stimm' vom Neugebauer ...

Hans Karl. Er ist im Moment gegangen.

Stani. Sonst wäre ich ja nie ... nämlich der neue Diener lauft mir vor fünf

Minuten im Korridor nach und meldet mir, notabene ungefragt, du hättest die

Jungfer von der Antoinette Hechingen bei dir und wärest schwerlich zu

sprechen.

Hans Karl (halblaut). Ah, das hat er dir ... ein reizender Mann!

Stani. Da wäre ich ja natürlich unter keinen Umständen ...

Hans Karl. Sie hat ein paar Bücher zurückgebracht.

Stani. Die Toinette Hechingen liest Bücher?

Hans Karl. Es scheint. Ein paar alte französische Sachen.

Stani. Aus dem XVIII. Das paßt zu ihren Möbeln.

Hans Karl (schweigt).

Stani. Das Boudoir ist scharmant. Die kleine Chaiselongue! Sie ist signiert.

Hans Karl. Ja, die kleine Chaiselongue. Riesener.

Stani. Ja, Riesener. Was du für ein Namensgedächtnis hast! Unten ist die

Signatur.

Hans Karl. Ja, unten am Fußende.

Stani. Sie verliert immer ihre kleinen Kämme aus den Haaren, und wenn man

sich dann bückt, um die zusammenzusuchen, dann sieht man die Inschrift.

Hans Karl (geht nach rechts hinüber und schließt die Tür nach der Bibliothek).

Stani. Zieht's dir, bist du empfindlich?

Hans Karl. Ja, meine Schützen und ich, wir sind da draußen rheumatisch

geworden wie die alten Jagdhunde.

Stani. Weißt du, sie spricht scharmant von dir, die Antoinette.

Hans Karl (raucht). Ah!...

Stani. Nein, ohne Vergleich. Ich verdanke den Anfang meiner Chance bei ihr

ganz gewiß dem Umstand, daß sie mich so fabelhaft ähnlich mit dir findet. Zum

Beispiel unsere Hände. Sie ist in Ekstase vor deinen Händen. (Er sieht seine eigene

Hand an.) Aber bitte, erwähn' nichts von allem gegen die Mamu. Es ist halt ein

weitgehender Flirt, aber deswegen doch keine Bandelei. Aber die Mamu

übertreibt sich alles.

Hans Karl. Aber mein guter Stani, wie käme ich denn auf das Thema?

Stani. Allmählich ist sie natürlich auch auf die Unterschiede zwischen uns

gekommen. Ça va sans dire.

Hans Karl. Die Antoinette?

Stani. Sie hat mir geschildert, wie der Anfang eurer Freundschaft war.

Hans Karl. Ich kenne sie ja ewig lang.

Stani. Nein, aber das vor zwei Jahren. Im zweiten Kriegsjahr. Wie du nach der

ersten Verwundung auf Urlaub warst, die paar Tage in der Grünleiten.

Hans Karl. Datiert sie von daher unsere Freundschaft?

Stani. Natürlich. Seit damals bist du ihr großer Freund. Als Ratgeber, als

Vertrauter, als was du willst, einfach hors ligne. Du hättest dich benommen wie

ein Engel.

Hans Karl. Sie übertreibt sehr leicht, die gute Antoinette.

Stani. Aber sie hat mir ja haarklein erzählt, wie sie aus Angst vor dem

Alleinsein in der Grünleiten mit ihrem Mann, der gerade auch auf Urlaub war,

sich den Feri Uhlfeldt, der damals wie der Teufel hinter ihr her war, auf den

nächsten Tag hinausbestellt, wie sie dann dich am Abend vorher im Theater sieht

und es wie eine Inspiration über sie kommt, sie dich bittet, du solltest noch

abends mit ihr hinausfahren und den Abend mit ihr und dem Adolf zu dritt

verbringen.

Hans Karl. Damals hab' ich ihn noch kaum gekannt.

Stani. Ja das entre parenthèse, das begreift sie gar nicht! Daß du dich später

mit ihm hast so einlassen können. Mit diesem öden Dummkopf, diesem Pedanten.

Hans Karl. Da tut sie ihrem Mann unrecht, sehr!

Stani. Na, da will ich mich nicht einmischen. Aber sie erzählt das reizend.

Hans Karl. Das ist ja ihre Stärke, diese kleinen Konfidenzen.

Stani. Ja, damit fangt sie an. Diesen ganzen Abend, ich sehe ihn vor mir, wie

sie dann nach dem Souper dir den Garten zeigt, die reizenden Terrassen am Fluß,

wie der Mond aufgeht ...

Hans Karl. Ah, so genau hat sie dir das erzählt.

Stani. Und wie du in der einen nächtlichen Konversation die Kraft gehabt

hast, ihr den Feri Uhlfeldt vollkommen auszureden.

Hans Karl (raucht und schweigt).

Stani. Das bewundere ich ja so an dir: du redest wenig, bist so zerstreut und

wirkst so stark. Deswegen find ich auch ganz natürlich, worüber sich so viele

Leut den Mund zerreißen: daß du im Herrenhaus seit anderthalb Jahren deinen

Sitz eingenommen hast, aber nie das Wort ergreifst. Vollkommen in der Ordnung

ist das für einen Herrn wie du bist! Ein solcher Herr spricht eben durch seine

Person! Oh, ich studier dich. In ein paar Jahren hab ich das. Jetzt hab ich noch

zuviel Passion in mir. Du gehst nie auf die Sache aus und hast so gar keine

Suada, das ist gerade das Elegante an dir. Jeder andere wäre in dieser Situation

ihr Liebhaber geworden.

Hans Karl (mit einem nur in den Augen merklichen Lächeln). Glaubst du?

Stani. Unbedingt. Aber ich versteh natürlich sehr gut: in deinen Jahren bist du

zu seriös dafür. Es tentiert dich nicht mehr: so leg ich mir's zurecht. Weißt du,

das liegt so in mir: ich denk über alles nach. Wenn ich Zeit gehabt hätt', auf der

Universität zu bleiben — für mich: Wissenschaft, das wäre mein Fach gewesen.

Ich wäre auf Sachen, auf Probleme gekommen, auf Fragestellungen, an die

andere Menschen gar nicht streifen. Für mich ist das Leben ohne Nachdenken

kein Leben. Zum Beispiel: Weiß man das auf einmal, so auf einen Ruck: Jetzt

bin ich kein junger Herr mehr? — Das muß ein sehr unangenehmer Moment

sein.

Hans Karl. Weißt du, ich glaub', es kommt ganz allmählich. Wenn einem auf

einmal der andere bei der Tür vorausgehen läßt und du merkst dann: ja,

natürlich, er ist viel jünger, obwohl er auch schon ein erwachsener Mensch ist.

Stani. Sehr interessant. Wie du alles gut beobachtest. Darin bist du ganz wie

ich. Und dann wird's einem so zur Gewohnheit, das Ältersein?

Hans Karl. Ja, es gibt aber immer noch gewisse Momente, die einen

frappieren. Zum Beispiel, wenn man sich plötzlich klar wird, daß man nicht mehr glaubt, daß es Leute gibt, die einem alles erklären könnten.

Stani. Eines versteh' ich aber doch nicht, Onkel Kari, daß du mit dieser Reife

und konserviert wie du bist, nicht heiratest.

Hans Karl. Jetzt.

Stani. Ja, eben jetzt. Denn der Mann, der kleine Abenteuer sucht, bist du doch

nicht mehr. Weißt du, ich würde natürlich sofort begreifen, daß sich jede Frau

heut' noch für dich interessiert. Aber die Toinette hat mir erklärt, warum ein

Interesse für dich nie seriös wird.

Hans Karl. Ah!

Stani. Ja, sie hat viel darüber nachgedacht. Sie sagt: du fixierst nicht, weil du

nicht genug Herz hast.

Hans Karl. Ah!

Stani. Ja, dir fehlt das Eigentliche. Das, sagt sie, ist der enorme Unterschied

zwischen dir und mir. Sie sagt: du hast das Handgelenk immer geschmeidig, um

loszulassen, das spürt eine Frau, und wenn sie selbst im Begriff gewesen wäre,

sich in dich zu verlieben, so verhindert das die Kristallisation.

Hans Karl. Ah, so drückt sie sich aus?

Stani. Das ist ja ihr großer Charme, daß sie eine Konversation hat. Weißt du,

das brauch' ich absolut: eine Frau, die mich fixieren soll, die muß außer ihrer

absoluten Hingebung auch eine Konversation haben.

Hans Karl. Darin ist sie delizios.

Stani. Absolut. Das hat sie: Charme, Geist und Temperament, so wie sie etwas

anderes nicht hat: nämlich Rasse.

Hans Karl. Du findest?

Stani. Weißt du, Onkel Kari, ich bin ja so gerecht; eine Frau kann hundertmal

das Äußerste an gutem Willen für mich gehabt haben — ich geb' ihr, was sie hat,

und ich sehe unerbittlich, was sie nicht hat. Du verstehst mich: Ich denk' über

alles nach, und mach' mir immer zwei Kategorien. Also die Frauen teile ich in

zwei große Kategorien: die Geliebte und die Frau, die man heiratet. Die

Antoinette gehört in die erste Kategorie, sie kann hundertmal die Frau vom

Adolf Hechingen sein, für mich ist sie keine Frau, sondern — das andere.

Hans Karl. Das ist ihr Genre, natürlich. Wenn man die Menschen so einteilen

will.

Stani. Absolut. Darum ist es, in Parenthese, die größte Dummheit, sie mit

ihrem Mann versöhnen zu wollen.

Hans Karl. Wenn er aber doch einmal ihr Mann ist? Verzeih', das ist vielleicht

ein sehr spießbürgerlicher Gedanke.

Stani. Weißt du, verzeih' mir, ich mache mir meine Kategorien, und da bin ich

dann absolut darin, ebenso über die Galanterie, ebenso über die Ehe. Die Ehe ist

kein Experiment. Sie ist das Resultat eines richtigen Entschlusses.

Hans Karl. Von dem du natürlich weit entfernt bist.

Stani. Aber gar nicht. Augenblicklich bereit, ihn zu fassen.

Hans Karl. Im jetzigen Moment?

Stani. Ich finde mich außerordentlich geeignet, eine Frau glücklich zu

machen, aber bitte, sag' das der Mamu nicht, ich will mir in allen Dingen meine

volle Freiheit bewahren. Darin bin ich ja haarklein wie du. Ich vertrage nicht,

daß man mich beengt.

Hans Karl (raucht).

Stani. Der Entschluß muß aus dem Moment hervorgehen. Gleich oder gar

nicht, das ist meine Devise!

Hans Karl. Mich interessiert nichts auf der Welt so sehr, als wie man von

einer Sache zur andern kommt. Du würdest also nie einen Entschluß vor dich

hinschieben?

Stani. Nie, das ist die absolute Schwäche.

Hans Karl. Aber es gibt doch Komplikationen?

Stani. Die negiere ich.

Hans Karl. Beispielsweise sich kreuzende widersprechende Verpflichtungen.

Stani. Von denen hat man die Wahl, welche man lösen will.

Hans Karl. Aber man ist doch in dieser Wahl bisweilen sehr behindert.

Stani. Wieso?

Hans Karl. Sagen wir durch Selbstvorwürfe.

Stani. Das sind Hypochondrien. Ich bin vollkommen gesund. Ich war im Feld

nicht einen Tag krank.

Hans Karl. Ah, du bist mit deinem Benehmen immer absolut zufrieden?

Stani. Ja, wenn ich das nicht wäre, so hätte ich mich doch anders benommen.

Hans Karl. Pardon, ich spreche nicht von Unkorrektheiten — aber du läßt mit

einem Wort den Zufall oder nennen wir's das Schicksal unbedenklich walten?

Stani. Wieso? Ich behalte immer alles in der Hand.

Hans Karl. Zeitweise ist man aber halt doch versucht, bei solchen

Entscheidungen einen bizarren Begriff einzuschieben: den der höheren

Notwendigkeit.

Stani. Was ich tue, ist eben notwendig, sonst würde ich es nicht tun.

Hans Karl (interessiert). Verzeih', wenn ich aus der aktuellen Wirklichkeit heraus

exemplifiziere — das schickt sich ja eigentlich nicht ...