Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Vierte Szene
Helene. Nein, es ist niemand krank, ich muß mit jemandem sprechen.
Kammerdiener. Befehlen Komtesse, daß wer begleitet außer der Miß?
Helene. Nein, ich werde ganz allein gehen, auch die Miß Jekyll wird mich
nicht begleiten. Ich werde hier herausgehen in einem Augenblick, wenn niemand
von den Gästen hier fort geht. Und ich werde Ihnen einen Brief für den Papa
geben.
Kammerdiener. Befehlen, daß ich den dann gleich hineintrage?
Helene. Nein, geben Sie ihn dem Papa, wenn er die letzten Gäste begleitet hat.
Kammerdiener. Wenn sich alle Herrschaften verabschiedet haben?
Helene. Ja, im Moment, wo er befiehlt, das Licht auszulöschen. Aber dann
bleiben Sie bei ihm. Ich möchte, daß Sie — (sie stockt).
Kammerdiener. Befehlen?
Helene. Wie alt war ich, Wenzel, wie Sie hier ins Haus gekommen sind?
Kammerdiener. Fünf Jahre altes Mäderl waren Komtesse.
Helene. Es ist gut, Wenzel, ich danke Ihnen. Ich werde hier herauskommen,
und Sie werden mir ein Zeichen geben, ob der Weg frei ist. (Reicht ihm ihre Hand zum
Küssen).
Kammerdiener. Befehlen. (Küßt die Hand.)
Helene (geht wieder ab durch die kleine Tür).
V i e r t e S z e n e
Antoinette und Neuhoff kommen rechts seitwärts der Treppe aus dem Wintergarten.
Antoinette. Das war die Helen. War sie allein? Hat sie mich gesehen?
Neuhoff. Ich glaube nicht. Aber was liegt daran? Jedenfalls haben Sie diesen
Blick nicht zu fürchten.
Antoinette. Ich fürcht' mich vor ihr. So oft ich an sie denk', glaub' ich, daß
mich wer angelogen hat. Gehen wir woanders hin, wir können nicht hier im
Vestibül sitzen.
Neuhoff. Beruhigen Sie sich. Kari Bühl ist fort. Ich habe soeben gesehen, wie
er fortgegangen ist.
Antoinette. Gerade jetzt im Augenblick?
Neuhoff (versteht, woran sie denkt). Er ist unbemerkt und unbegleitet fortgegangen.
Antoinette. Wie?
Neuhoff. Eine gewisse Person hat ihn nicht bis hierher begleitet und hat
überhaupt in der letzten halben Stunde seines Hierseins nicht mit ihm
gesprochen. Ich habe es festgestellt. Seien Sie ruhig.
Antoinette. Er hat mir geschworen, er wird ihr Adieu sagen für immer. Ich
möcht ihr Gesicht sehen, dann wüßt' ich —
Neuhoff. Dieses Gesicht ist hart wie Stein. Bleiben Sie bei mir hier.
Antoinette. Ich —
Neuhoff. Ihr Gesicht ist entzückend. Andere Gesichter verstecken alles. Das
Ihrige ist ein unaufhörliches Geständnis. Man könnte diesem Gesicht alles
entreißen, was je in Ihnen vorgegangen ist.
Antoinette. Man könnte? Vielleicht — wenn man einen Schatten von Recht
dazu hätte.
Neuhoff. Man nimmt das Recht dazu aus dem Moment. Sie sind eine Frau,
eine wirkliche, entzückende Frau. Sie gehören keinem und jedem! Nein: Sie
haben noch keinem gehört, Sie warten noch immer.
Antoinette (mit einem kleinen nervösen Lachen). Nicht auf Sie!
Neuhoff. Ja, genau auf mich, das heißt auf den Mann, den Sie noch nicht
kennen, auf den wirklichen Mann, auf Ritterlichkeit, auf Güte, die in der Kraft
wurzelt. Denn die Karis haben Sie nur malträtiert, betrogen vom ersten bis zum
letzten Augenblick, diese Sorte von Menschen ohne Güte, ohne Kern, ohne
Nerv, ohne Loyalität! Diese Schmarotzer, denen ein Wesen wie Sie immer
wieder und wieder in die Schlinge fällt, ungelohnt, unbedankt, unbeglückt,
erniedrigt in ihrer zartesten Weiblichkeit! (Will ihre Hand ergreifen.)
Antoinette. Wie Sie sich echauffieren! Aber vor Ihnen bin ich sicher, Ihr
kalter, wollender Verstand hebt ja den Kopf aus jedem Wort, das Sie reden. Ich
hab' nicht einmal Angst vor Ihnen. Ich will Sie nicht!
Neuhoff. Mein Verstand, ich hass' ihn ja! Ich will ja erlöst sein von ihm, mich
verlangt ja nichts anderes, als ihn bei Ihnen zu verlieren, süße kleine Antoinette!
(Er will ihre Hand nehmen.)
Hechingen (wird oben sichtbar, tritt aber gleich wieder zurück).
Neuhoff (hat ihn gesehen, nimmt ihre Hand nicht, ändert die Stellung und den Gesichtsausdruck).
Antoinette. Ah, jetzt hab' ich Sie durch und durch gesehen, wie sich das jäh
verändern kann in Ihrem Gesicht! Ich will Ihnen sagen, was jetzt passiert ist:
jetzt ist oben die Helen vorbeigegangen, und in diesem Augenblick hab' ich in
Ihnen lesen können wie in einem offenen Buch. Dépit und Ohnmacht, Zorn,
Scham und die Lust, mich zu kriegen — faute de mieux — das alles war
zugleich darin. Die Edine schimpft mit mir, daß ich komplizierte Bücher nicht
lesen kann. Aber das war recht kompliziert, und ich hab's doch lesen können in
einem Nu. Geben Sie sich keine Müh' mit mir. Ich mag nicht!
Neuhoff (beugt sich zu ihr). Du sollst wollen!