Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 11 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Zwölfte Szene

Z w ö l f t e S z e n e

 

 

Neuhoff (tritt ein). Guten Abend, Graf Bühl. Ich war so unbescheiden,

nachzusehen, ob Sie zu Hause wären.

Hans Karl. Sie kennen meinen Neffen Freudenberg?

Stani. Wir haben uns getroffen. (Sie setzen sich.)

Neuhoff. Ich sollte die Freude haben, Ihnen diesen Abend im Altenwylschen

Hause zu begegnen. Gräfin Helene hatte sich ein wenig darauf gefreut, uns

zusammenzuführen. Um so schmerzlicher war mein Bedauern, als ich durch

Gräfin Helene diesen Nachmittag erfahren mußte, Sie hätten abgesagt.

Hans Karl. Sie kennen meine Cousine seit dem letzten Winter?

Neuhoff. Kennen — wenn man das Wort von einem solchen Wesen brauchen

darf. In gewissen Augenblicken gewahrt man erst, wie doppelsinnig das Wort ist:

es bezeichnet das Oberflächlichste von der Welt und zugleich das tiefste

Geheimnis des Daseins zwischen Mensch und Mensch.

Hans Karl (und Stani wechseln einen Blick).

Neuhoff. Ich habe das Glück, Gräfin Helene nicht selten zu sehen und ihr in

Verehrung anzugehören.

(Eine kleine, etwas genierte Pause).

Neuhoff. Heute nachmittag — wir waren zusammen im Atelier von

Bohuslawsky — Bohuslawsky macht mein Porträt, das heißt, er quält sich

unverhältnismäßig, den Ausdruck meiner Augen festzuhalten: er spricht von

einem gewissen Etwas darin, das nur in seltenen Momenten sichtbar wird — und

es war seine Bitte, daß die Gräfin Helene einmal dieses Bild ansehen und ihm

über diese Augen ihre Kritik geben möchte — da sagt sie mir: Graf Bühl kommt

nicht, gehen Sie zu ihm. Besuchen Sie ihn, ganz einfach. Es ist ein Mann, bei

dem die Natur, die Wahrheit alles erreicht und die Absicht nichts. Ein

wunderbarer Mann in unserer absichtsvollen Welt, war meine Antwort — aber

so hab' ich mir ihn gedacht, so hab' ich ihn erraten, bei der ersten Begegnung.

Stani. Sie sind meinem Onkel im Felde begegnet?

Neuhoff. Bei einem Stab.

Hans Karl. Nicht in der sympathischesten Gesellschaft.

Neuhoff. Das merkte man Ihnen an, Sie sprachen unendlich wenig.

Hans Karl (lächelnd). Ich bin kein großer Causeur, nicht wahr, Stani?

Stani. In der Intimität schon!

Neuhoff. Sie sprechen es aus, Graf Freudenberg, Ihr Onkel liebt es, in Gold zu zahlen; er hat sich an das Papiergeld des täglichen Verkehrs nicht gewöhnen

wollen. Er kann mit seiner Rede nur seine Intimität vergeben, und die ist

unschätzbar.

Hans Karl. Sie sind äußerst freundlich, Baron Neuhoff.

Neuhoff. Sie müßten sich von Bohuslawsky malen lassen, Graf Bühl. Sie

würde er in drei Sitzungen treffen. Sie wissen, daß seine Stärke das

Kinderporträt ist. Ihr Lächeln ist genau die Andeutung eines Kinderlachens.

Mißverstehen Sie mich nicht. Warum ist denn Würde so ganz unnachahmlich?

Weil ein Etwas von Kindlichkeit in ihr steckt. Auf dem Umweg über die

Kindlichkeit würde Bohuslawsky vermögen, einem Bilde von Ihnen das zu

geben, was in unserer Welt das Seltenste ist, und was ihre Erscheinung in hohem

Maße auszeichnet: Würde. Denn wir leben in einer würdelosen Welt.

Hans Karl. Ich weiß nicht, von welcher Welt Sie sprechen: uns allen ist

draußen soviel Würde entgegengetreten ...

Neuhoff. Deswegen war ein Mann wie Sie draußen so in seinem Element. Was

haben Sie geleistet, Graf Bühl! Ich erinnere mich des Unteroffiziers im Spital,

der mit Ihnen und den dreißig Schützen verschüttet war.

Hans Karl. Mein braver Zugführer, der Hütter Franz! Meine Cousine hat

Ihnen davon erzählt?

Neuhoff. Sie hat mir erlaubt, sie bei diesem Besuch ins Spital zu begleiten. Ich

werde nie das Gesicht und die Rede dieses Sterbenden vergessen.

Hans Karl (sagt nichts).

Neuhoff. Er sprach ausschließlich von Ihnen. Und in welchem Ton! Er wußte,

daß sie eine Verwandte seines Hauptmanns war, mit der er sprach.

Hans Karl. Der arme Hütter Franz!

Neuhoff. Vielleicht wollte mir die Gräfin Helene eine Idee von Ihrem Wesen

geben, wie tausend Begegnungen im Salon sie nicht vermitteln können.

Stani (etwas scharf). Vielleicht hat sie vor allem den Mann selbst sehen und vom

Onkel Kari hören wollen.

Neuhoff. In einer solchen Situation wird ein Wesen wie Helene Altenwyl erst

ganz sie selbst. Unter dieser vollkommenen Einfachheit, diesem Stolz der guten

Rasse verbirgt sich ein Strömen der Liebe, eine alle Poren durchdringende

Sympathie: es gibt von ihr zu einem Wesen, das sie sehr liebt und achtet,

namenlose Verbindungen, die nichts lösen könnte, und an die nichts rühren darf.

Wehe dem Gatten, der nicht verstünde, diese namenlose Verbundenheit bei ihr zu

achten, der engherzig genug wäre, alle diese verteilten Sympathien auf sich

vereinigen zu wollen.

(Eine kleine Pause).

Hans Karl (raucht).

Neuhoff. Sie ist wie Sie: eines der Wesen, um die man nicht werben kann: die

sich einem schenken müssen.

(Abermals eine kleine Pause).

Neuhoff (mit einer großen, vielleicht nicht ganz echten Sicherheit). Ich bin ein Wanderer,

meine Neugierde hat mich um die halbe Welt getrieben. Das, was schwierig zu

kennen ist, fasziniert mich; was sich verbirgt, zieht mich an. Ich möchte ein

stolzes, kostbares Wesen, wie Gräfin Helene, in Ihrer Gesellschaft sehen, Graf

Bühl. Sie würde eine andere werden, sie würde aufblühen: denn ich kenne

niemanden, der so sensibel ist für menschliche Qualität.

Hans Karl. Das sind wir hier ja alle ein bißchen. Vielleicht ist das gar nichts

so Besonderes an meiner Cousine.

Neuhoff. Ich denke mir die Gesellschaft, die ein Wesen wie Helene Altenwyl

umgeben müßte, aus Männern Ihrer Art bestehend. Jede Kultur hat ihre Blüten:

Gehalt ohne Prätention, Vornehmheit gemildert durch eine unendliche Grazie, so

ist die Blüte dieser alten Gesellschaft beschaffen, der es gelungen ist, was die

Ruinen von Luxor und die Wälder des Kaukasus nicht vermochten, einen

Unstäten, wie mich, in ihrem Bannkreis festzuhalten. Aber, erklären Sie mir eins,

Graf Bühl. Gerade die Männer Ihres Schlages, von denen die Gesellschaft ihr

eigentliches Gepräge empfängt, begegnet man allzu selten in ihr. Sie scheinen

ihr auszuweichen.

Stani. Aber gar nicht, Sie werden den Onkel Kari gleich heute abend bei

Altenwyls sehen, und ich fürchte sogar, so gemütlich dieser kleine Plausch hier

ist, so müssen wir ihm bald Gelegenheit geben, sich umzuziehen. (Er ist

aufgestanden.)

Neuhoff. Müssen wir das, so sage ich Ihnen für jetzt adieu, Graf Bühl. Wenn

Sie jemals, sei es in welcher Lage immer, eines fahrenden Ritters bedürfen

sollten (schon im Gehen), der dort, wo er das Edle, das Hohe ahnt, ihm unbedingt

und ehrfürchtig zu dienen gewillt ist, so rufen Sie mich.

Hans Karl (dahinter Stani, begleiten ihn. Wie sie an der Tür sind, klingelt das Telephon.)

Neuhoff. Bitte, bleiben Sie, der Apparat begehrt nach Ihnen.

Stani. Darf ich Sie bis an die Stiege begleiten?

Hans Karl (an der Tür). Ich danke Ihnen sehr für Ihren guten Besuch, Baron

Neuhoff.

Neuhoff (und Stani ab).

Hans Karl (allein mit dem heftig klingelnden Apparat, geht an die Wand und drückt an den

Zimmertelegraph, rufend): Lukas, abstellen! Ich mag diese indiskrete Maschine nicht! Lukas! (Das Klingeln hört auf.)