Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 7 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Siebente Szene

Agathe. Oh, so etwas tun Männer, aber Sie tun's nicht, nicht wahr, Erlaucht?

Hans Karl. Es liegt mir nichts in der Welt ferner, meine liebe Agathe.

Agathe. Oh, küss' die Hände, Erlaucht! (Küßt ihm schnell die Hand.)

Hans Karl (entzieht ihr die Hand). Ich höre meinen Sekretär kommen.

Agathe. Denn wir wissen ja, wir Frauen, daß so etwas Schönes nicht für die

Ewigkeit ist. Aber, daß es deswegen auf einmal plötzlich aufhören soll, in das

können wir uns nicht hineinfinden!

Hans Karl. Sie sehen mich dann. Ich gebe Ihnen selbst die Briefe und —

Herein! Kommen Sie nur, Neugebauer.

Agathe (rechts ab).

 

S i e b e n t e S z e n e

 

Neugebauer (tritt ein) . Euer Erlaucht haben befohlen.

Hans Karl. Wenn Sie die Freundlichkeit hätten, meinem Gedächtnis etwas zu

Hilfe zu kommen. Ich suche ein Paket Briefe — es sind private Briefe, versiegelt

— ungefähr zwei Finger dick.

Neugebauer. Mit einem von Euer Erlaucht darauf geschriebenen Datum? Juni

15 bis 22. Oktober 16?

Hans Karl. Ganz richtig. Sie wissen —

Neugebauer. Ich habe dieses Konvolut unter den Händen gehabt, aber ich

kann mich im Moment nicht besinnen. Im Drang der Geschäfte unter so

verschiedenartigen Agenden, die täglich zunehmen —

Hans Karl (ganz ohne Vorwurf). Es ist mir unbegreiflich, wie diese ganz privaten

Briefe unter die Akten geraten sein können —

Neugebauer. Wenn ich befürchten müßte, daß Euer Erlaucht den leisesten

Zweifel in meine Diskretion setzen —

Hans Karl. Aber das ist mir ja gar nicht eingefallen.

Neugebauer. Ich bitte, mich sofort nachsuchen zu lassen; ich werde alle meine

Kräfte daransetzen, dieses höchst bedauerliche Vorkommnis aufzuklären.

Hans Karl. Mein lieber Neugebauer, Sie legen dem ganzen Vorfall viel zu viel

Gewicht bei.

Neugebauer. Ich habe schon seit einiger Zeit die Bemerkung gemacht, daß

etwas an mir neuerdings Euer Erlaucht zur Ungeduld reizt. Allerdings war mein

Bildungsgang ganz auf das Innere gerichtet, und wenn ich dabei vielleicht keine

tadellosen Salonmanieren erworben habe, so wird dieser Mangel vielleicht in

den Augen eines wohlwollenden Beurteilers aufgewogen werden können durch Qualitäten, die persönlich hervorheben zu müssen meinem Charakter allerdings

nicht leicht fallen würde.

Hans Karl. Ich zweifle keinen Augenblick, lieber Neugebauer. Sie machen

mir den Eindruck, überanstrengt zu sein. Ich möchte Sie bitten, sich abends

etwas früher freizumachen. Machen Sie doch jeden Abend einen Spaziergang

mit ihrer Braut.

Neugebauer (schweigt).

Hans Karl. Falls es private Sorgen sind, die Sie irritieren, vielleicht könnte ich

in irgendeiner Beziehung erleichternd eingreifen.

Neugebauer. Euer Erlaucht nehmen an, daß es sich bei unsereinem

ausschließlich um das Materielle handeln könnte.

Hans Karl. Ich habe gar nichts solches sagen wollen. Ich weiß, Sie sind

Bräutigam, also gewiß glücklich ...

Neugebauer. Ich weiß nicht, ob Euer Erlaucht auf die Beschließerin von

Schloß Hohenbühl anspielen?

Hans Karl. Ja, mit der Sie doch seit fünf Jahren verlobt sind.

Neugebauer. Meine gegenwärtige Verlobte ist die Tochter eines höheren

Beamten. Sie war die Braut meines besten Freundes, der vor einem halben Jahr

gefallen ist. Schon bei Lebzeiten ihres Verlobten bin ich ihrem Herzen nahe

gestanden — und ich habe es als ein heiliges Vermächtnis des Gefallenen

betrachtet, diesem jungen Mädchen eine Stütze fürs Leben zu bieten.

Hans Karl (zögernd). Und die frühere langjährige Beziehung?

Neugebauer. Die habe ich natürlich gelöst. Selbstverständlich in der

vornehmsten und gewissenhaftesten Weise.

Hans Karl. Ah!

Neugebauer. Ich werde natürlich allen nach dieser Seite hin eingegangenen

Verpflichtungen nachkommen und diese Last schon in die junge Ehe mitbringen.

Allerdings keine Kleinigkeit.

Hans Karl (schweigt).

Neugebauer. Vielleicht ermessen Euer Erlaucht doch nicht zur Genüge, mit

welchem bitteren, sittlichen Ernst das Leben in unsern glanzlosen Sphären

behaftet ist, und wie es sich hier nur darum handeln kann, für schwere Aufgaben

noch schwerere einzutauschen.

Hans Karl. Ich habe gemeint, wenn man heiratet, so freut man sich darauf.

Neugebauer. Der persönliche Standpunkt kann in unserer bescheidenen Welt

nicht maßgebend sein.

Hans Karl. Gewiß, gewiß. Also Sie werden mir die Briefe möglichst finden.