Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 22 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Neunte Szene

Helene. Stör' ich euch? So geh' ich halt wieder. (Geht.)

 

N e u n t e S z e n e

 

Antoinette (streicht sich über die Wange, als wollte sie den Kuß abstreifen.) Was mach' ich

denn? Was lass' ich mich denn von ihr küssen? Von dieser Viper, dieser falschen!

Huberta. So nimm dich ein bißl zusammen.

 

Z e h n t e S z e n e

 

Hans Karl (ist von rechts eingetreten).

Antoinette (nach einem kurzen Stummsein, Sichducken, rasch auf ihn zu, ganz dicht an ihn). Ich

hab' die Briefe genommen und verbrannt. Ich bin keine sentimentale Gans, als

die mich meine Agathe hinstellt, daß ich mich über alte Briefe totweinen könnt'.

Ich hab' einmal nur das, was ich im Moment hab', und was ich nicht hab', will

ich vergessen. Ich leb' nicht in der Vergangenheit, dazu bin ich nicht alt genug.

Hans Karl. Wollen wir uns nicht setzen? (Führt sie zu den Fauteuils.)

Antoinette. Ich bin halt nicht schlau. Wenn man nicht raffiniert ist, dann hat

man nicht die Kraft, einen Menschen zu halten, wie Sie einer sind. Denn Sie sind

ein Genre mit Ihrem Vetter Stani. Das möchte ich Ihnen sagen, damit Sie es

wissen. Ich kenn' euch. Monströs selbstsüchtig und grenzenlos unzart. (Nach einer

kleinen Pause.) So sagen Sie doch was!

Hans Karl. Wenn Sie erlauben würden, so möchte ich versuchen, Sie an

damals zu erinnern —

Antoinette. Ah, ich lass' mich nicht malträtieren. — Auch nicht von

jemandem, der mir früher einmal nicht gleichgültig war.

Hans Karl. Sie waren damals, ich meine vor zwei Jahren, Ihrem Mann

momentan entfremdet. Sie waren in der großen Gefahr, in die Hände von einem

Unwürdigen zu fallen. Da ist jemand gekommen — der war — zufällig ich. Ich

wollte Sie — beruhigen — das war mein einziger Gedanke — Sie der Gefahr

entziehen — von der ich Sie bedroht gewußt — oder gespürt hab'. Das war eine

Verkettung von Zufällen — eine Ungeschicklichkeit — ich weiß nicht, wie ich

es nennen soll —

Antoinette. Diese paar Tage damals in der Grünleiten sind das einzige wirklich

Schöne in meinem ganzen Leben. Die lass' ich nicht — die Erinnerung, daran

lass' ich mir nicht heruntersetzen. (Steht auf.)

Hans Karl (leise). Aber ich hab' ja alles so lieb. Es war ja so schön.

Antoinette (setzt sich mit einem ängstlichen Blick auf ihn.)

Hans Karl. Es war ja so schön!

Antoinette. »Das war zufällig ich.« Damit wollen Sie mich insultieren. Sie

sind draußen zynisch geworden. Ein zynischer Mensch, das ist das richtige Wort.

Sie haben die Nuance verloren für das Mögliche und das Unmögliche. Wie

haben Sie gesagt? Es war eine »Ungeschicklichkeit« von Ihnen? Sie insultieren

mich ja in einem fort.

Hans Karl. Es ist draußen viel für mich anders geworden. Aber zynisch bin

ich nicht geworden. Das Gegenteil, Antoinette. Wenn ich an unsern Anfang

denke, so ist mir das etwas so Zartes, so Mysteriöses, ich getraue mich kaum, es

vor mir selbst zu denken. Ich möchte mich fragen: Wie komm' ich denn dazu?

Hab' ich denn dürfen? Aber (sehr leise) ich bereu' nichts.

Antoinette (senkt die Augen). Aller Anfang ist schön.

Hans Karl. In jedem Anfang liegt die Ewigkeit.

Antoinette (ohne ihn anzusehen). Sie halten au fond alles für möglich und alles für

erlaubt. Sie wollen nicht sehen, wie hilflos ein Wesen ist, über das Sie

hinweggehen — wie preisgegeben, denn das würde vielleicht Ihr Gewissen

aufwecken.

Hans Karl. Ich habe keins.

Antoinette (sieht ihn an).

Hans Karl. Nicht in bezug auf uns.

Antoinette. Jetzt war ich das und das von Ihnen — und weiß in diesem

Augenblick so wenig, woran ich mit Ihnen bin, als wenn nie was zwischen uns

gewesen wär'. Sie sind ja fürchterlich.

Hans Karl. Nichts ist bös. Der Augenblick ist nicht bös, nur das Festhalten-

wollen ist unerlaubt. Nur das Sich-festkrampeln an das, was sich nicht halten

laßt —

Antoinette. Ja, wir leben halt nicht nur wie die gewissen Fliegen vom Morgen

bis zur Nacht. Wir sind halt am nächsten Tag auch noch da. Das paßt euch halt

schlecht, solchen wie du einer bist.

Hans Karl. Alles was geschieht, das macht der Zufall. Es ist nicht zum

Ausdenken, wie zufällig wir alle sind, und wie uns der Zufall zueinander jagt

und auseinander jagt, und wie jeder mit jedem hausen könnte, wenn der Zufall es

wollte.

Antoinette. Ich will nicht —

Hans Karl (spricht weiter, ohne ihren Widerstand zu respektieren). Darin ist aber so ein

Grausen, daß der Mensch etwas hat finden müssen, um sich aus diesem Sumpf herauszuziehen, bei seinem eigenen Schopf. Und so hat er das Institut gefunden,

das aus dem Zufälligen und Unreinen, das Notwendige, das Bleibende und das

Gültige macht: die Ehe.

Antoinette. Ich spür', du willst mich verkuppeln mit meinem Mann. Es war

nicht ein Augenblick, seitdem du hiersitz'st, wo ich mich hätte foppen lassen und

es nicht gespürt hätte. Du nimmst dir wirklich alles heraus, du meinst schon, daß

du alles darfst, zuerst verführen, dann noch beleidigen.

Hans Karl. Ich bin kein Verführer, Toinette, ich bin kein Frauenjäger.

Antoinette. Ja, das ist dein Kunststückl, damit hast du mich herumgekriegt,

daß du kein Verführer bist, kein Mann für Frauen, daß du nur ein Freund bist,

aber ein wirklicher Freund. Damit kokettierst du, sowie du mit allem kokettierst,

was du hast, und mit allem, was dir fehlt. Man müßte, wenn's nach dir ging',

nicht nur verliebt in dich sein, sondern dich noch liebhaben über die Vernunft

hinaus, und um deiner selbst willen, und nicht einmal nur als Mann — sondern

— ich weiß ja gar nicht, wie ich sagen soll, oh mein Gott, warum muß ein und

derselbe Mensch so scharmant sein und zugleich so monströs eitel und

selbstsüchtig und herzlos!

Hans Karl. Weiß sie, Toinette, was Herz ist, weiß sie das? Daß ein Mann Herz

für eine Frau hat, das kann er nur durch Eins zeigen, nur durch ein Einziges auf

der Welt: durch die Dauer, durch die Beständigkeit. Nur dadurch: das ist die

Probe, die einzige.

Antoinette. Lass' mich mit dem Ado — ich kann mit dem Ado nicht leben —

Hans Karl. Der hat dich lieb. Einmal und für alle Male. Der hat dich gewählt

unter allen Frauen auf der Welt, und er hat dich liebbehalten und wird dich

liebhaben für immer, weißt du, was das heißt? Für immer, gescheh' dir, was da

will. Einen Freund haben, der dein ganzes Wesen lieb hat, für den du immer

ganz schön bist, nicht nur heut und morgen, auch später, viel später, für den seine

Augen der Schleier, den die Jahre oder was kommen kann, über dein Gesicht

werfen — für seine Augen ist das nicht da, du bist immer, die du bist, die

Schönste, die Liebste, die Eine, die Einzige.

Antoinette. So hat er mich nicht gewählt. Geheiratet hat er mich halt. Von dem

andern weiß ich nichts.

Hans Karl. Aber er weiß davon.

Antoinette. Das, was Sie da reden, das gibt's alles nicht. Das redet er sich ein

— das redet er Ihnen ein — Ihr seid's einer wie der andere, Ihr Männer, Sie und

der Ado und der Stani, ihr seid's alle aus einem Holz geschnitzt und darum

versteht's ihr euch so gut und könnt's euch so gut in die Hände spielen.

Hans Karl. Das red't er mir nicht ein, das weiß ich, Toinette. Das ist eine

heilige Wahrheit, die weiß ich — ich muß sie immer schon gewußt haben, aber

draußen ist sie erst ganz deutlich für mich geworden: es gibt einen Zufall, der

macht scheinbar alles mit uns, wie er will — aber mitten in dem Hierhin- und

Dorthingeworfenwerden und der Stumpfheit und Todesangst, da spüren wir und

wissen es auch, es gibt halt auch eine Notwendigkeit, die wählt uns von

Augenblick zu Augenblick, die geht ganz leise, ganz dicht am Herzen vorbei und

doch so schneidend scharf wie ein Schwert. Ohne die wäre da draußen kein

Leben mehr gewesen, sondern nur ein tierisches Dahintaumeln. Und die gleiche

Notwendigkeit gibt's halt auch zwischen Männern und Frauen — wo die ist, da

ist ein Zueinandermüssen und Verzeihung und Versöhnung und

Beieinanderbleiben. Und da dürfen Kinder sein, und da ist eine Ehe und ein

Heiligtum, trotz allem und allem —

Antoinette (steht auf). Alles, was du red'st, das heißt ja gar nichts anderes, als

daß du heiraten willst, daß du demnächst die Helen heiraten wirst.

Hans Karl (bleibt sitzen, hält sie). Aber ich denk' doch nicht an die Helen! Ich red'

doch von dir. Ich schwör' dir, daß ich von dir red'.

Antoinette. Aber dein ganzes Denken dreht sich um die Helen.

Hans Karl. Ich schwöre dir: ich hab' einen Auftrag an die Helen. Ganz einen

andern, als du dir denkst. Ich sag' ihr noch heute —

Antoinette. Was sagst du ihr noch heute — ein Geheimnis?

Hans Karl. Keines, das mich betrifft.

Antoinette. Aber etwas, das dich mit ihr verbindet?

Hans Karl. Aber das Gegenteil!

Antoinette. Das Gegenteil? Ein Adieu — du sagst ihr, was ein Adieu ist

zwischen dir und ihr?

Hans Karl. Zu einem Adieu ist kein Anlaß, denn es war ja nie etwas zwischen

mir und ihr. Aber wenn's ihr Freud' macht, Toinette, so kommt's beinah' auf ein

Adieu hinaus.

Antoinette. Ein Adieu fürs Leben?

Hans Karl. Ja, fürs Leben, Toinette.

Antoinette (sieht ihn ganz an). Fürs Leben? (Nachdenklich.) Ja, sie ist so eine

Heimliche und tut nichts zweimal und red't nichts zweimal. Sie nimmt nichts

zurück — sie hat sich in der Hand: ein Wort muß für sie entscheidend sein.

Wenn du ihr sagst: adieu — dann wird's für sie sein adieu und auf immer. Für sie

wohl. (Nach einer kleinen Pause.) Ich lass' mir von dir den Ado nicht einreden. Ich mag

seine Händ' nicht. Sein Gesicht nicht. Seine Ohren nicht. (Sehr leise.) Deine Hände hab' ich lieb. — Was bist denn du? Ja, wer bist denn du? Du bist ein Zyniker, ein