Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 4 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Dritte Szene

Hans Karl. Machen Sie nur weiter mit ihm. Der Herr Neugebauer soll

herüberkommen mit den Akten, betreffend Hohenbühl. Im übrigen bin ich für

niemand zu Hause. (Man hört eine Glocke.)

Lukas. Das ist die Glocke vom kleinen Vorzimmer. (Geht.)

Vinzenz (bleibt).

Hans Karl (ist an den Schreibtisch getreten).

 

D r i t t e S z e n e

 

Lukas (tritt ein und meldet): Frau Gräfin Freudenberg.

Crescence (ist gleich nach ihm eingetreten).

Lukas (tritt ab, Vinzenz ebenfalls).

Crescence. Stört man dich, Kari? Pardon —

Hans Karl. Aber meine gute Crescence.

Crescence. Ich geh' hinauf, mich anziehen — für die Soiree.

Hans Karl. Bei Altenwyls?

Crescence. Du erscheinst doch auch? Oder nicht? Ich möchte nur wissen,

mein Lieber.

Hans Karl. Wenn's dir ganz gleich gewesen wäre, hätte ich mich eventuell

später entschlossen und vom Kasino aus eventuell abtelephoniert. Du weißt, ich

binde mich so ungern.

Crescence. Ah ja.

Hans Karl. Aber wenn du auf mich gezählt hättest —

Crescence. Mein lieber Kari, ich bin alt genug, um allein nach Hause zu

fahren — überdies kommt der Stani hin und holt mich ab. Also du kommst

nicht?

Hans Karl. Ich hätt' mir's gern noch überlegt.

Crescence. Eine Soiree wird nicht attraktiver, wenn man über sie nachdenkt,

mein Lieber. Und dann hab' ich geglaubt, du hast dir draußen das viele

Nachdenken ein bißl abgewöhnt. (Setzt sich zu ihm, der beim Schreibtisch steht.) Sei er gut,

Kari, hab' er das nicht mehr, dieses Unleidliche, Sprunghafte, Entschlußlose, daß

man sich hat aufs Messer streiten müssen mit seinen Freunden, weil der eine ihn

einen Hypochonder nennt, der andere einen Spielverderber, der dritte einen

Menschen, auf den man sich nicht verlassen kann. — Du bist in einer so

ausgezeichneten Verfassung zurückgekommen, jetzt bist du wieder so, wie du

mit zweiundzwanzig Jahren warst, wo ich beinah' verliebt war in meinen Bruder.

Hans Karl. Meine gute Crescence, machst du mir Komplimente?

Crescence. Aber nein, ich sag's, wie's ist: da ist der Stani ein unbestechlicher

Richter; er findet dich einfach den ersten Herrn in der großen Welt, bei ihm

heißt's jetzt, Onkel Kari hin, Onkel Kari her, man kann ihm kein größeres

Kompliment machen, als daß er dir ähnlich sieht, und das tut er ja auch — in den

Bewegungen ist er ja dein zweites Selbst — er kennt nichts Eleganteres als die

Art, wie du die Menschen behandelst, das große air, die distance, die du allen

Leuten gibst — dabei die komplette Gleichmäßigkeit und Bonhomie auch gegen

den Niedrigsten — aber er hat natürlich, wie ich auch, deine Schwächen heraus;

er adoriert den Entschluß, die Kraft, das Definitive, er haßt den Wiegel-Wagel,

darin ist er wie ich!

Hans Karl. Ich gratulier dir zu deinem Sohn, Crescence. Ich bin sicher, daß du

immer viel Freud' an ihm erleben wirst.

Crescence. Aber — pour revenir à nos moutons, Herr Gott, wenn man

durchgemacht hat, was du durchgemacht hast, und sich dabei benommen hat, als

wenn es nichts wäre ...

Hans Karl (geniert). Das hat doch jeder getan!

Crescence. Ah, pardon, jeder nicht. Aber da hätte ich doch geglaubt, daß man

seine Hypochondrien überwunden haben könnte!

Hans Karl. Die vor den Leuten in einem Salon hab ich halt noch immer. Eine

Soiree ist mir ein Graus, ich kann mir halt nicht helfen. Ich begreife noch

allenfalls, daß sich Leute finden, die ein Haus machen, aber nicht, daß es welche

gibt, die hingehen.

Crescence. Also wovor fürchtest du dich? Das muß sich doch diskutieren

lassen. Langweilen dich die alten Leut'?

Hans Karl. Ah, die sind ja scharmant, die sind so artig.

Crescence. Oder gehen dir die Jungen auf die Nerven?

Hans Karl. Gegen die hab' ich gar nichts. Aber die Sache selber ist mir halt so

eine Horreur, weißt du, das Ganze — das Ganze ist so ein unentwirrbarer Knäuel

von Mißverständnissen. Ah, diese chronischen Mißverständnisse!

Crescence. Nach allem, was du draußen durchgemacht hast, ist mir das eben

unbegreiflich, daß man da nicht abgehärtet ist.

Hans Karl. Crescence, das macht einen ja nicht weniger empfindlich, sondern

mehr. Wieso verstehst du das nicht? Mir können über eine Dummheit die Tränen

in die Augen kommen — oder es wird mir heiß vor Gêne über eine ganze

Kleinigkeit, über eine Nuance, die kein Mensch merkt, oder es passiert mir, daß

ich ganz laut sag', was ich mir denk' — das sind doch unmögliche Zuständ', um

unter Leut' zu gehen. Ich kann dir gar nicht definieren, aber es ist stärker als ich. Aufrichtig gestanden: ich habe vor zwei Stunden Auftrag gegeben, bei

Altenwyls abzusagen. Vielleicht eine andere Soiree, nächstens, aber die nicht.

Crescence. Die nicht. Also warum grad die nicht?

Hans Karl. Es ist stärker als ich, so ganz im allgemeinen.

Crescence. Wenn du sagst, im allgemeinen, so meinst du was Spezielles.

Hans Karl. Nicht die Spur, Crescence.

Crescence. Natürlich. Aha. Also, in diesem Punkt kann ich dich beruhigen.

Hans Karl. In welchem Punkt?

Crescence. Was die Helen betrifft.

Hans Karl. Wie kommst du auf die Helen?

Crescence. Mein Lieber, ich bin weder taub, noch blind, und daß die Helen

von ihrem fünfzehnten Lebensjahr an, bis vor kurzem, na, sagen wir, bis ins

zweite Kriegsjahr, in dich verliebt war bis über die Ohren, dafür hab' ich meine

Indizien, erstens, zweitens und drittens.

Hans Karl. Aber Crescence, da redest du dir etwas ein ...

Crescence. Weißt du, daß ich mir früher, so vor drei, vier Jahren, wie sie eine

ganz junge Debütantin war, eingebildet hab', das wär' die eine Person auf der

Welt, die dich fixieren könnt', die deine Frau werden könnt'. Aber ich bin zu Tod

froh, daß es nicht so gekommen ist. Zwei so komplizierte Menschen, das tut kein

gut.

Hans Karl. Du tust mir zuviel Ehre an. Ich bin der unkomplizierteste Mensch

von der Welt. (Er hat eine Lade am Schreibtisch herausgezogen.) Aber ich weiß gar nicht,

wie du auf die Idee — ich bin der Helen attachiert, sie ist doch eine Art von

Cousine, ich hab' sie so klein gekannt — sie könnte meine Tochter sein. (Sucht in

der Lade nach etwas.)

Crescence. Meine schon eher. Aber ich möcht sie nicht als Tochter. Und ich

möcht erst recht nicht diesen Baron Neuhoff als Schwiegersohn.

Hans Karl. Den Neuhoff? Ist das eine so ernste Geschichte?

Crescence. Sie wird ihn heiraten.

Hans Karl (stößt die Lade zu).

Crescence. Ich betrachte es als vollzogene Tatsache, dem zu Trotz, daß er ein

wildfremder Mensch ist, dahergeschneit aus irgendeiner Ostseeprovinz, wo sich

die Wölf' gute Nacht sagen ...

Hans Karl. Geographie war nie deine Stärke. Crescence, die Neuhoffs sind

eine holsteinische Familie.

Crescence. Aber das ist doch ganz gleich. Kurz, wildfremde Leut'.

Hans Karl. Übrigens eine ganz erste Familie. So gut alliiert, als man überhaupt sein kann.

Crescence. Aber, ich bitt' dich, das steht im Gotha. Wer kann denn das von

hier aus kontrollieren?

Hans Karl. Du bist aber sehr acharniert gegen den Menschen.

Crescence. Es ist aber auch danach! Wenn eins der ersten Mädeln, wie die

Helen, sich auf einem wildfremden Menschen entêtiert, dem zu Trotz, daß er

hier in seinem Leben keine Position haben wird ...

Hans Karl. Glaubst du?

Crescence. In seinem Leben! dem zu Trotz, daß sie sich aus seiner Suada

nichts macht, kurz, sich und der Welt zu Trotz ...

(Eine kleine Pause.)

Hans Karl (zieht mit einiger Heftigkeit eine andere Lade heraus).

Crescence. Kann ich dir suchen helfen? Du enervierst dich.

Hans Karl. Ich dank' dir tausendmal, ich such' eigentlich gar nichts, ich hab'

den falschen Schlüssel hineingesteckt.

Sekretär (erscheint an der kleinen Tür). Oh, ich bitte untertänigst um Verzeihung.

Hans Karl. Ein bissel später bin ich frei, lieber Neugebauer.

Sekretär (zieht sich zurück).

Crescence (tritt an den Tisch). Kari, wenn dir nur ein ganz kleiner Gefallen damit

geschieht, so hintertreib' ich diese Geschichte.

Hans Karl. Was für eine Geschichte?

Crescence. Die, von der wir sprechen: Helen-Neuhoff. Ich hintertreib' sie von

heut' auf morgen.

Hans Karl. Was?

Crescence. Ich nehm' Gift darauf, daß sie heute noch genau so verliebt in dich

ist wie vor sechs Jahren, und daß es nur ein Wort, nur den Schatten einer

Andeutung braucht —

Hans Karl. Die ich dich doch um Gottes willen nicht zu machen bitte —

Crescence. Ah so, bitte sehr. Auch gut.

Hans Karl. Meine Liebe, allen Respekt vor deiner energischen Art, aber so

einfach sind doch gottlob die Menschen nicht.

Crescence. Mein Lieber, die Menschen sind gottlob sehr einfach, wenn man

sie einfach nimmt. Ich seh' also, daß diese Nachricht kein großer Schlag für dich

ist. Um so besser — du hast dich von der Helen desinteressiert, ich nehm' das

zur Kenntnis.

Hans Karl (aufstehend). Aber ich weiß nicht, wie du nur auf den Gedanken

kommst, daß ich es nötig gehabt hätt', mich zu desinteressieren. Haben denn andere Personen auch diese bizarren Gedanken?

Crescence. Sehr wahrscheinlich.

Hans Karl. Weißt du, daß mir das direkt Lust macht, hinzugehen?

Crescence. Und dem Theophil deinen Segen zu geben? Er wird entzückt sein.

Er wird die größten Bassessen machen, um deine Intimität zu erwerben.

Hans Karl. Findest du nicht, daß es sehr richtig gewesen wäre, wenn ich mich

unter diesen Umständen schon längst bei Altenwyls gezeigt hätte? Es tut mir

außerordentlich leid, daß ich abgesagt habe.

Crescence. Also laß wieder anrufen: es war ein Mißverständnis durch einen

neuen Diener und du wirst kommen.

Lukas (tritt ein).

Hans Karl (zu Crescence). Weißt du, ich möchte es doch noch überlegen.

Lukas. Ich hätte für später untertänigst jemanden anzumelden.

Crescence (zu Lukas). Ich geh. Telephonieren Sie schnell zum Grafen Altenwyl,

Seine Erlaucht würden heut' abend dort erscheinen. Es war ein Mißverständnis.

Lukas (sieht Hans Karl an).

Hans Karl (ohne Lukas anzusehen). Da müßt er allerdings auch noch vorher ins

Kasino telephonieren, ich laß den Grafen Hechingen bitten, zum Diner und auch

nachher nicht auf mich zu warten.

Crescence. Natürlich, das macht er gleich. Aber zuerst zum Grafen Altenwyl,

damit die Leut' wissen, woran sie sind.

Lukas (ab).

Crescence (steht auf). So, und jetzt laß ich dich deinen Geschäften. (Im Gehen.) Mit

welchem Hechingen warst du besprochen? Mit dem Nandi?

Hans Karl. Nein, mit dem Adolf.

Crescence (kommt zurück). Der Antoinette ihrem Mann? Ist er nicht ein

kompletter Dummkopf?

Hans Karl. Weißt du, Crescence, darüber hab' ich gar kein Urteil. Mir kommt

bei Konversationen auf die Länge alles sogenannte Gescheite dumm und noch

eher das Dumme gescheit vor ...

Crescence. Und ich bin von vornherein überzeugt, daß an ihm mehr ist als an

ihr.

Hans Karl. Weißt du, ich hab' ihn ja früher gar nicht gekannt, oder (er hat sich

gegen die Wand gewendet und richtet an einem Bild, das nicht gerade hängt) — nur als Mann seiner

Frau — und dann draußen, da haben wir uns miteinander angefreundet. Weißt

du, er ist ein so völlig anständiger Mensch. Wir waren miteinander, im Winter

Fünfzehn, zwanzig Wochen in der Stellung in den Waldkarpathen, ich mit meinen Schützen und er mit seinen Pionieren, und wir haben das letzte Stückl

Brot miteinander geteilt. Ich hab' sehr viel Respekt vor ihm bekommen. Brave

Menschen hat's draußen viele gegeben, aber ich habe nie einen gesehen, der vis-

à-vis dem Tod sich eine solche Ruhe bewahrt hätte, beinahe eine Art

Behaglichkeit.

Crescence. Wenn dich seine Verwandten reden hören könnten, die würden

dich umarmen. So geh hin zu dieser Närrin und versöhn sie mit dem Menschen,

du machst zwei Familien glücklich. Diese ewig in der Luft hängende Idee einer

Scheidung oder Trennung, g'hupft wie g'sprungen, geht ja allen auf die Nerven.

Und außerdem wär es für dich selbst gut, wenn die Geschichte in eine Form

käme.

Hans Karl. Inwiefern das?

Crescence. Also, damit ich dir's sage: es gibt Leut', die den ungereimten

Gedanken aussprechen, wenn die Ehe annulliert werden könnt', du würdest sie

heiraten.

Hans Karl (schweigt).

Crescence. Ich sag' ja nicht, daß es seriöse Leut' sind, die diesen bei den

Haaren herbeigezogenen Unsinn zusammenreden.

Hans Karl (schweigt).

Crescence. Hast du sie schon besucht, seit du aus dem Feld zurück bist?

Hans Karl. Nein, ich sollte natürlich.

Crescence (nach der Seite sehend). So besuch' sie doch morgen und red' ihr ins

Gewissen.

Hans Karl (bückt sich, wie um etwas aufzuheben). Ich weiß wirklich nicht, ob ich

gerade der richtige Mensch dafür wäre.

Crescence. Du tust sogar direkt ein gutes Werk. Dadurch gibst du ihr deutlich

zu verstehen, daß sie auf dem Holzweg war, wie sie mit aller Gewalt sich hat vor

zwei Jahren mit dir affichieren wollen.

Hans Karl (ohne sie anzusehen). Das ist eine Idee von dir.

Crescence. Ganz genau so, wie sie es heut' auf den Stani abgesehen hat.

Hans Karl (erstaunt). Deinen Stani?

Crescence. Seit dem Frühjahr. (Sie war bis zur Tür gegangen, kehrt wieder um, kommt bis

zum Schreibtisch.) Er könnte mir da einen großen Gefallen tun, Kari ...

Hans Karl. Aber ich bitte doch um Gottes willen. So sag sie doch! (Er bietet ihr

Platz an, sie bleibt stehen.)

Crescence. Ich schick' ihm den Stani auf einen Moment herunter. Mach' er

ihm den Standpunkt klar. Sag' er ihm, daß die Antoinette — eine Frau ist, die einen unnötig kompromittiert. Kurz und gut, verleid' er sie ihm.