Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Hugo von Hofmannsthal · Kapitel 35 von 36

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Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten

Dreizehnte Szene

Hans Karl. Was sagt er? Ich habe nicht befohlen —

Crescence. Kari, mit dir kommt man nicht heraus aus dem Wiegel-Wagel.

Jetzt hab' ich mich doch in diese Verlobungsstimmung hineingedacht!

Hans Karl. Darf ich bitten —

Crescence. Mein Gott, es ist mir ja nur so herausgerutscht!

Hans Karl (zu Vinzenz). Wer hat Sie hergeschickt? Was soll es?

Vinzenz. Euer Erlaucht haben doch selbst Befehl gegeben, vor einer halben

Stunde im Telephon.

Hans Karl. Ihnen? Ihnen hab' ich gar nichts befohlen.

Vinzenz. Der Portierin haben Erlaucht befohlen, wegen Abreise morgen früh

sieben Uhr aufs Jagdhaus nach Gebhardtskirchen — oder richtig gesagt, heut

früh, denn jetzt haben wir viertel eins.

Crescence. Aber Kari, was heißt denn das alles?

Hans Karl. Wenn man mir erlassen möchte, über jeden Atemzug, den ich tu,

Auskunft zu geben.

Vinzenz (zu Crescence). Das ist doch sehr einfach zu verstehen. Die Portierin ist

nach oben gelaufen mit der Meldung, der Lukas war im Moment nicht

auffindbar, also hab' ich die Sache in die Hand genommen. Chauffeur habe ich

avisiert, Koffer hab' ich vom Boden holen lassen, Sekretär Neugebauer hab' ich

auf alle Fälle aufwecken lassen, falls er gebraucht wird — was braucht er zu

schlafen, wenn das ganze Haus auf ist? — und jetzt bin ich hier erschienen und

stelle mich zur Verfügung, weitere Befehle entgegenzunehmen.

Hans Karl. Gehen Sie sofort nach Haus, bestellen Sie das Auto ab, lassen Sie

die Koffer wieder auspacken, bitten Sie den Herrn Neugebauer, sich wieder

schlafen zu legen und machen Sie, daß ich Ihr Gesicht nicht wieder sehe! Sie

sind nicht in meinen Diensten, der Lukas ist vom übrigen unterrichtet. Treten Sie

ab!

Vinzenz. Das ist mir eine sehr große Überraschung. (Geht ab.)

 

D r e i z e h n t e S z e n e

 

Crescence. Aber so sag mir doch nur ein Wort! So erklär' mir nur —

Hans Karl. Da ist nichts zu erklären. Wie ich aus dem Kasino gegangen bin,

war ich aus bestimmten Gründen vollkommen entschlossen, morgen früh

abzureisen. Das war an der Ecke von der Freyung und der Herrengasse. Dort ist

ein Café, in das bin ich hineingegangen und hab' von dort aus nach Haus telephoniert; dann wie ich aus dem Kaffeehaus herausgetreten bin, da bin ich,

anstatt wie meine Absicht war, über die Freyung abzubiegen — bin ich die

Herrengasse heruntergegangen und wieder hier hereingetreten — und da hat sich

die Helen — (er streicht sich über die Stirn.)

Crescence. Aber ich lass' ihn ja schon. (Sie geht zu Stani hinüber, der sich etwas im

Hintergrund gesetzt hat.)

Hans Karl (gibt sich einen Ruck und geht auf Hechingen zu, sehr herzlich). Ich bitt' mir alles

Vergangene zu verzeihen, ich hab' in allem und jedem unrecht und irrig

gehandelt und bitt', mir meine Irrtümer alle zu verzeihen. Über den heutigen

Abend kann ich im Detail keine Auskunft geben. Ich bitt', mir trotzdem ein gutes

Andenken zu bewahren. (Reicht ihm die Hand.)

Hechingen (bestürzt). Du sagst mir ja Adieu, mein Guter! Du hast Tränen in den

Augen. Aber ich versteh' dich ja, Kari. Du bist der wahre, gute Freund, unsereins

ist halt nicht imstand', sich herauszuwursteln aus dem Schicksal, das die Gunst

oder Nichtgunst der Frauen uns bereitet, du aber hast dich über diese ganze

Atmosphäre ein für allemal hinausgeschoben —

Hans Karl (winkt ihn ab).

Hechingen. Das kannst du nicht negieren, das ist dieses gewisse Etwas von

Superiorität, das dich umgibt, und wie im Leben schließlich alles nur Vor- oder

Rückschritte macht, nichts stehen bleibt, so ist halt um dich von Tag zu Tag

immer mehr die Einsamkeit des superioren Menschen.

Hans Karl. Das ist ja schon wieder ein kolossales Mißverständnis! (Er sieht

ängstlich nach rechts, wo in der Tür zum Wintergarten Altenwyl mit einem seiner Gäste sichtbar geworden

ist.)

Hechingen. Wie denn? Wie soll ich mir diese Worte erklären?

Hans Karl. Mein guter Ado, bitt' mir im Moment diese Erklärung und jede

Erklärung zu erlassen. Ich bitt' dich, gehen wir da hinüber, es kommt da etwas

auf mich zu, dem ich mich heute nicht mehr gewachsen fühle.

Hechingen. Was denn, was denn?

Hans Karl. Dort in der Tür, dort hinter mir!

Hechingen (sieht hin). Es ist doch nur unser Hausherr, der Poldo Altenwyl —

Hans Karl. — der diesen letzten Moment seiner Soiree für den gegebenen

Augenblick hält, um sich an mich in einer gräßlichen Absicht heranzupirschen;

denn für was geht man denn auf eine Soiree, als daß einen jeder Mensch mit

dem, was ihm gerade wichtig erscheint, in der erbarmungslosesten Weise über

den Hals kommt!

Hechingen. Ich begreif' nicht —

Hans Karl. Daß ich in der übermorgigen Herrenhaussitzung mein Debüt als Redner feiern soll. Diese scharmante Mission hat er von unserm Klub

übernommen, und weil ich ihnen im Kasino und überall aus dem Weg geh', so

lauert er hier in seinem Haus auf die Sekunde, wo ich unbeschützt dasteh'! Ich

bitt' dich, sprich recht lebhaft mit mir, so ein bissel agitiert, wie wenn wir etwas

Wichtiges zu erledigen hätten.

Hechingen. Und du willst wieder refüsieren?

Hans Karl. Ich soll aufstehen und eine Rede halten, über Völkerversöhnung

und über das Zusammenleben der Nationen — ich, ein Mensch, der

durchdrungen ist von einer Sache auf der Welt: daß es unmöglich ist, den Mund

aufzumachen, ohne die heillosesten Konfusionen anzurichten! Aber lieber leg'

ich doch die erbliche Mitgliedschaft nieder und verkriech' mich zeitlebens in

eine Uhuhütten. Ich sollte einen Schwall von Worten in den Mund nehmen, von

denen mir jedes einzelne geradezu indezent erscheint!

Hechingen. Das ist ein bisserl ein starker Ausdruck.

Hans Karl (sehr heftig, ohne sehr laut zu sein). Aber alles, was man ausspricht, ist

indezent. Das simple Faktum, daß man etwas ausspricht, ist indezent. Und wenn

man es genau nimmt, mein guter Ado, aber die Menschen nehmen eben nichts

auf der Welt genau, liegt doch geradezu etwas Unverschämtes darin, daß man

sich heranwagt, gewisse Dinge überhaupt zu erleben! Um gewisse Dinge zu

erleben und sich dabei nicht indezent zu finden, dazu gehört ja eine so rasende

Verliebtheit in sich selbst und ein Grad von Verblendung, den man vielleicht als

erwachsener Mensch im innersten Winkel in sich tragen, aber niemals sich

eingestehen kann! (Sieht nach rechts.) Er ist weg. (Will fort.)

Altenwyl (ist nicht mehr sichtbar).

Crescence (tritt auf Kari zu.) So echappier er doch nicht! Jetzt muß er sich doch

mit dem Stani über das Ganze aussprechen.

Hans Karl (sieht sie an).

Crescence. Aber er wird doch den Buben nicht so stehen lassen! Der Bub'

beweist ja in der ganzen Sache eine Abnegation, eine Selbstüberwindung, über

die ich geradezu starr bin. Er wird ihm doch ein Wort sagen. (Sie winkt Stani,

näherzutreten.)

Stani (tritt einen Schritt näher).

Hans Karl. Gut, auch das noch. Aber es ist die letzte Soiree, auf der sie mich

erscheinen sieht. (Zu Stani, indem er auf ihn zutritt). Es war verfehlt, mein lieber Stani,

meiner Suada etwas anzuvertrauen (reicht ihm die Hand).

Crescence. So umarm' er doch den Buben! Der Bub' hat ja doch in dieser

Geschichte eine Tenue bewiesen, die ohnegleichen ist.