Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Dritter Akt
Vorsaal im Altenwylschen Haus. Rechts der Ausgang in die Einfahrt. Treppe in der Mitte. Hinaufführend zu
einer Galerie, von der links und rechts je eine Flügeltür in die eigentlichen Gemächer führt. Unten neben
der Treppe niedrige Diwans oder Bänke.
E r s t e S z e n e
Kammerdiener (steht beim Ausgang rechts. Andere Diener stehen außerhalb, sind durch die
Glasscheiben des Windfangs sichtbar. Kammerdiener ruft den andern Dienern zu). Herr Hofrat
Professor Brücke!
Der berühmte Mann (kommt die Treppe herunter).
Diener (kommt von rechts mit dem Pelz, in dem innen zwei Cache-nez hängen, mit Überschuhen.)
Kammerdiener (während dem berühmten Mann in die Überkleider geholfen wird.) Befehlen
Herr Hofrat ein Auto?
Der berühmte Mann. Ich danke. Ist seine Erlaucht, der Graf Bühl nicht soeben
vor mir gewesen?
Kammerdiener. Soeben im Augenblick.
Der berühmte Mann. Ist er fortgefahren?
Kammerdiener. Nein, Erlaucht hat sein Auto weggeschickt, er hat zwei Herren
vorfahren sehen und ist hinter die Portiersloge getreten und hat sie
vorbeigelassen. Jetzt muß er gerade aus dem Haus sein.
Der berühmte Mann (beeilt sich). Ich werde ihn einholen. (Er geht, man sieht zugleich
draußen Stani und Hechingen eintreten.)
Z w e i t e S z e n e
Stani und Hechingen treten herein, hinter jedem ein Diener, der ihm Überrock und Hut abnimmt.
Stani (grüßt im Vorbeigehen den berühmten Mann). Guten Abend Wenzel, meine Mutter
ist da?
Kammerdiener. Sehr wohl, Frau Gräfin sind beim Spiel. (Tritt ab, ebenso die andern
Diener.)
Stani (will hinaufgehen).
Hechingen (steht seitlich an einem Spiegel, sichtlich nervös).
(Ein anderer Altenwylscher Diener kommt die Treppe herab.)
Stani (hält den Diener auf). Sie kennen mich?
Diener. Sehr wohl, Herr Graf.
Stani. Gehen Sie durch die Salons und suchen Sie den Grafen Bühl, bis Sie ihn finden. Dann nähern Sie sich ihm unauffällig und melden ihm, ich lasse ihn
bitten auf ein Wort, entweder im Eckzimmer der Bildergalerie oder im
chinesischen Rauchzimmer. Verstanden? Also was werden Sie sagen?
Diener. Ich werde melden, Herr Graf Freudenberg wünschen mit seiner
Erlaucht privat ein Wort zu sprechen, entweder im Eckzimmer —
Stani. Gut.
Diener (geht).
Hechingen. Pst, Diener!
Diener (hört ihn nicht, geht oben hinein).
Stani (hat sich gesetzt).
Hechingen (sieht ihn an).
Stani. Wenn du vielleicht ohne mich eintreten würdest? Ich habe eine Post
hinaufgeschickt, ich warte hier einen Moment, bis er mir die Antwort bringt.
Hechingen. Ich leiste dir Gesellschaft.
Stani. Nein, ich bitte sehr, daß du dich durch mich nicht aufhalten laßt. Du
warst ja sehr pressiert herzukommen —
Hechingen. Mein lieber Stani, du siehst mich in einer ganz besonderen
Situation vor dir. Wenn ich jetzt die Schwelle dieses Salons überschreite, so
entscheidet sich mein Schicksal.
Stani (enerviert über Hechingens nervöses Auf-und-ab-Gehen). Möchtest du nicht vielleicht
Platz nehmen? Ich wart' nur auf den Diener, wie gesagt.
Hechingen. Ich kann mich nicht setzen, ich bin zu agitiert.
Stani. Du hast vielleicht ein bissel schnell den Schampus hinuntergetrunken.
Hechingen. Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, mein lieber Stani, muß
ich dir gestehen, daß für mich in dieser Stunde außerordentlich Großes auf dem
Spiel steht.
Stani (während Hechingen sich wieder nervös zerstreut von ihm entfernt). Aber es steht ja öfter
irgend etwas Seriöses auf dem Spiel. Es kommt nur darauf an, sich nichts
merken zu lassen.
Hechingen (wieder näher). Dein Onkel Kari hat es in seiner freundschaftlichen
Güte auf sich genommen, mit der Antoinette, mit meiner Frau, ein Gespräch zu
führen, dessen Ausgang wie gesagt —
Stani. Der Onkel Kari?
Hechingen. Ich mußte mir sagen, daß ich mein Schicksal in die Hand keines
nobleren, keines selbstloseren Freundes —
Stani. Aber natürlich — Wenn er nur die Zeit gefunden hat?
Hechingen. Wie?
Stani. Er übernimmt manchmal ein bissel viel, der Onkel Kari. Wenn irgend
jemand etwas von ihm will — er kann nicht nein sagen.
Hechingen. Es war abgemacht, daß ich im Klub ein telephonisches Signal
erwarte, ob ich hier herkommen soll, oder ob mein Erscheinen noch nicht
opportun ist.
Stani. Ah. Da hätte ich aber an deiner Stelle auch wirklich gewartet.
Hechingen. Ich war nicht mehr imstande, länger zu warten. Bedenke, was für
mich auf dem Spiel steht!
Stani. Über solche Entscheidungen muß man halt ein bissel erhaben sein.
Aha! (Sieht den Diener, der oben heraustritt.)
Diener (kommt die Treppe herunter).
Stani (ihm entgegen, läßt Hechingen stehen).
Diener. Nein, ich glaube, seine Erlaucht müssen fort sein.
Stani. Sie glauben? Ich habe Ihnen gesagt, sie sollen herumgehen, bis Sie ihn
finden.
Diener. Verschiedene Herrschaften haben auch schon gefragt, seine Erlaucht
müssen rein unauffällig verschwunden sein.
Stani. Sapristi! Dann gehen Sie zu meiner Mutter und melden Sie ihr, ich lasse
vielmals bitten, sie möchte auf einen Moment zu mir in den vordersten Salon
herauskommen. Ich muß meinen Onkel oder sie sprechen, bevor ich eintrete.
Diener. Sehr wohl. (Geht wieder hinauf.)
Hechingen. Mein Instinkt sagt mir, daß der Kari in der Minute heraustreten
wird, um mir das Resultat zu verkündigen, und daß es ein glückliches sein wird.
Stani. So einen sicheren Instinkt hast du? Ich gratuliere.
Hechingen. Etwas hat ihn abgehalten zu telephonieren, aber er hat mich
herbeigewünscht. Ich fühle mich ununterbrochen im Kontakt mit ihm.
Stani. Fabelhaft!
Hechingen. Das ist bei uns gegenseitig. Sehr oft spricht er etwas aus, was ich
im gleichen Augenblick mir gedacht habe.
Stani. Du bist offenbar ein großartiges Medium.
Hechingen. Mein lieber Freund, wie ich ein junger Hund war wie du, hätte ich
auch viel nicht für möglich gehalten, aber wenn man seine fünfunddreißig auf
dem Buckel hat, da gehen einem die Augen für so manches auf. Es ist ja, wie
wenn man früher taub und blind gewesen wäre.
Stani. Was du nicht sagst!
Hechingen. Ich verdank' ja dem Kari geradezu meine zweite Erziehung. Ich
lege Gewicht darauf, klarzustellen, daß ich ohne ihn einfach aus meiner verworrenen Lebenssituation nicht herausgefunden hätte.
Stani. Das ist enorm.
Hechingen. Ein Wesen wie die Antoinette, mag man auch ihr Mann gewesen
sein, das sagt noch gar nichts, man hat eben keine Ahnung von dieser inneren
Feinheit. Ich bitte nicht zu übersehen, daß ein solches Wesen ein Schmetterling
ist, dessen Blütenstaub man schonen muß. Wenn du sie kennen würdest, ich
meine näher kennen —
Stani (verbindliche Gebärde).
Hechingen. Ich fass' mein Verhältnis zu ihr jetzt so auf, daß es einfach meine
Schuldigkeit ist, ihr die Freiheit zu gewähren, deren ihre bizarre, phantasievolle
Natur bedarf. Sie hat die Natur der grande dame des XVIII. Jahrhunderts. Nur
dadurch, daß man ihr die volle Freiheit gewährt, kann man sie an sich fesseln.
Stani. Ah.
Hechingen. Man muß large sein, das ist es, was ich dem Kari verdanke. Ich
würde keineswegs etwas Irreparables darin erblicken, einen Menschen, der sie
verehrt, in larger Weise heranzuziehen.
Stani. Ich begreife.
Hechingen. Ich würde mich bemühen, meinen Freund aus ihm zu machen,
nicht aus Politik, sondern ganz unbefangen. Ich würde ihm herzlich
entgegenkommen: das ist die Art, wie der Kari mir gezeigt hat, daß man die
Menschen nehmen muß: mit einem leichten Handgelenk.
Stani. Aber es ist nicht alles au pied de la lettre zu nehmen, was der Onkel
Kari sagt.
Hechingen. Au pied de la lettre natürlich nicht. Ich würde dich bitten, nicht zu
übersehen, daß ich genau fühle, worauf es ankommt. Es kommt alles auf ein
gewisses Etwas an, auf eine Grazie — ich möchte sagen, es muß alles ein
beständiges Impromptu sein. (Er geht nervös auf und ab.)
Stani. Man muß vor allem seine tenue zu wahren wissen. Beispielsweise,
wenn der Onkel Kari eine Entscheidung über was immer zu erwarten hätte, so
würde kein Mensch ihm etwas anmerken.
Hechingen. Aber natürlich. Dort hinter dieser Statue oder hinter der großen
Azalee würde er, mit der größten Nonchalance stehen und plauschen — ich mal
mir das aus! Auf die Gefahr hin, dich zu langweilen, ich schwör' dir, daß ich jede
kleine Nuance, die in ihm vorgehen würde, nachempfinden kann.
Stani. Da wir uns aber nicht beide hinter die Azalee stellen können und dieser
Idiot von Diener absolut nicht wiederkommt, so werden wir vielleicht
hinaufgehen.