Der Schwierige, Lustspiel in drei Akten
Dritte Szene
Neuhoff. Er selbst, der berühmte Kari.
Der berühmte Mann. Ich habe bis jetzt keine Gelegenheit gehabt, ihn kennen
zu lernen. Sind Sie befreundet mit ihm?
Neuhoff. Nicht allzusehr, aber hinlänglich, um ihn Ihnen in zwei Worten
erschöpfend zu charakterisieren: absolutes, anmaßendes Nichts.
Der berühmte Mann. Er hat einen außerordentlichen Rang innerhalb der
ersten Gesellschaft. Er gilt für eine Persönlichkeit.
Neuhoff. Es ist nichts an ihm, das der Prüfung standhielte. Rein
gesellschaftlich goutiere ich ihn halb aus Gewohnheit; aber Sie haben weniger
als nichts verloren, wenn Sie ihn nicht kennen lernen.
Der berühmte Mann (sieht unverwandt hin). Ich würde mich sehr interessieren,
seine Bekanntschaft zu machen. Glauben Sie, daß ich mir etwas vergebe, wenn
ich mich ihm nähere?
Neuhoff. Sie werden Ihre Zeit mit ihm verlieren, wie mit allen diesen
Menschen hier.
Der berühmte Mann. Ich würde großes Gewicht darauf legen, mit Graf Bühl
in einer wirkungsvollen Weise bekannt gemacht zu werden, etwa durch einen
seiner vertrauten Freunde.
Neuhoff. Zu diesen wünsche ich nicht gezählt zu werden, aber ich werde Ihnen
das besorgen.
Der berühmte Mann. Sie sind sehr liebenswürdig. Oder meinen Sie, daß ich
mir nichts vergeben würde, wenn ich mich ihm spontan nähern würde?
Neuhoff. Sie erweisen dem guten Kari in jedem Fall zuviel Ehre, wenn Sie ihn
so ernst nehmen.
Der berühmte Mann. Ich verhehle nicht, daß ich großes Gewicht darauf lege,
das feine und unbestechliche Votum der großen Welt den Huldigungen
beizufügen, die meinem Wissen im breiten internationalen Laienpublikum zuteil
geworden sind, und in denen ich die Abendröte einer nicht alltäglichen
Gelehrtenlaufbahn erblicken darf. (Sie gehen ab.)
D r i t t e S z e n e
Antoinette (mit Edine, Nanni und Huberta sind indessen in der Mitteltür erschienen und kommen
nach vorne.)
Antoinette. So sagt's mir doch was, so gebt's mir doch einen Rat, wenn ihr
seht's, daß ich so aufgeregt bin. Da mach' ich doch die irreparablen Dummheiten,
wenn man mir nicht beisteht.
Edine. Ich bin dafür, daß wir sie lassen. Sie muß wie zufällig ihm begegnen.
Wenn wir sie alle konvoiieren, so verscheuchen wir ihn ja geradezu.
Huberta. Er geniert sich nicht. Wenn er mit ihr allein reden wollt', da wären
wir Luft für ihn.
Antoinette. So setzen wir uns daher. Bleibt's alle bei mir, aber nicht auffällig.
(Sie haben sich gesetzt.)
Nanni. Wir plauschen hier ganz unbefangen: vor allem darf's nicht
ausschauen, als ob du ihm nachlaufen tätest.
Antoinette. Wenn man nur das Raffinement von der Helen hätt', die lauft ihm
nach auf Schritt und Tritt, und dabei schaut's aus, als ob sie ihm aus dem Weg
ging.
Edine. Ich wär' dafür, daß wir sie lassen, und daß sie ganz, wie wenn nichts
wär', auf ihn zuging.
Huberta. In dem Zustand, wie sie ist, kann sie doch nicht auf ihn zugehen, wie
wenn nichts wär'.
Antoinette (dem Weinen nah). Sagt's mir doch nicht, daß ich in einem Zustand bin!
Lenkt's mich doch ab von mir! Sonst verlier ich ja meine ganze Contenance.
Wenn ich nur wen zum Flirten da hätt'!
Nanni (will aufstehen). Ich hol' ihr den Stani her.
Antoinette. Der Stani tät mir nicht so viel nützen. Sobald ich weiß, daß der
Kari wo in einer Wohnung ist, existieren die andern nicht mehr für mich.
Huberta. Der Feri Uhlfeldt tät vielleicht doch noch existieren.
Antoinette. Wenn die Helen in meiner Situation wär', die wüßt' sich zu helfen.
Sie macht sich mit der größten Unverfrorenheit einen Paravant aus dem
Theophil, und dahinter operiert sie.
Huberta. Aber sie schaut ja den Theophil gar nicht an, sie is' ja die ganze Zeit
hinterm Kari her.
Antoinette. Sag' mir das noch, damit mir die Farb' ganz aus'm G'sicht geht.
(Steht auf.) Red't er denn mit ihr?
Huberta. Natürlich red't er mit ihr.
Antoinette. Immerfort?
Huberta. Sooft ich hing'schaut hab'.
Antoinette. Oh mein Gott, wenn du mir lauter unangenehme Sachen sagst, so
werd' ich ja so häßlich werden! (Sie setzt sich wieder.)
Nanni (will aufstehen). Wenn dir deine drei Freundinnen zuviel sind, so lass' uns
fort, ich spiel' ja auch sehr gern.
Antoinette. So bleibt's doch hier, so gebt's mir doch einen Rat, so sagt's mir doch, was ich tun soll.
Huberta. Wenn sie ihm vor einer Stunde die Jungfer ins Haus geschickt hat, so
kann sie jetzt nicht die Hochmütige spielen.
Nanni. Umgekehrt sag' ich. Sie muß tun, als ob er ihr egal wär'. Das weiß ich
vom Kartenspielen: wenn man die Karten leichtsinnig in die Hand nimmt, dann
kommt's Glück. Man muß sich immer die innere Überlegenheit menagieren.
Antoinette. Mir is' grad zumut, wie wenn ich die Überlegene wär'!
Huberta. Du behandelst ihn aber ganz falsch, wenn du dich so aus der Hand
gibst.
Edine. Wenn sie sich nur eine Direktive geben ließ! Ich kenn' doch den
Männern ihren Charakter.
Huberta. Weißt, Edine, die Männer haben recht verschiedene Charaktere.
Antoinette. Das Gescheitste wär', ich fahr' nach Haus.
Nanni. Wer wird denn die Karten wegschmeißen, solang' er noch eine Chance
in der Hand hat.
Edine. Wenn sie sich nur ein vernünftiges Wort sagen ließe. Ich hab' ja einen
solchen Instinkt für solche psychologische Sachen. Es wär' ja absolut zu machen,
daß die Ehe annulliert wird, sie ist eben unter einem moralischen Zwang
gestanden die ganzen Jahre und dann, wenn sie annulliert ist, so heirat' sie ja der
Kari, wenn die Sache halbwegs richtig eingefädelt wird.
Huberta (die nach rechts gesehen hat). Pst!
Antoinette (fährt auf). Kommt er? Mein Gott, wie mir die Knie zittern.
Huberta. Die Crescence kommt. Nimm dich zusammen.
Antoinette (vor sich). Lieber Gott, ich kann sie nicht ausstehen, sie mich auch
nicht, aber ich will jede Bassesse machen, weil sie ja seine Schwester is'.